Die seit den 1990er-Jahren laufenden Forschungen am Göbeklitepe, seit 2018 UNESCO-Weltkulturerbe, im Südosten der heutigen Türkiye haben unser Verständnis der Sesshaftwerdung grundlegend verändert: Aktuelle Ausgrabungen im Rahmen des Şanlıurfa Neolithic Research Project zeigen, dass Göbeklitepe nicht länger als isolierte Ausnahme zu betrachten ist, sondern Teil einer weitläufigen neolithischen Kulturlandschaft war – der sog. Taş Tepeler („Steinhügel“).
Die Ausstellung „Gebaute Gemeinschaft“ der Staatlichen Museen zu Berlin gibt nun Einblicke in die sozialen und architektonischen Entwicklungen dieser frühen Gemeinschaften. Exponate, Rekonstruktionen und Fotografien veranschaulichen die Welt der Jäger und Sammler vor 12.000 Jahren am Übergang zur Sesshaftigkeit und unterstreichen zugleich die enge Zusammenarbeit und gemeinsame Forschung mit Kolleg:innen aus Türkiye heute: „Ich freue mich sehr, dass wir diese Geschichte erstmals in ihrer ganzen Komplexität zeigen können – die Forschung hat sich rasant weiterentwickelt. Dass dies in enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit mit unseren türkischen Partnerinnen und Partnern geschieht, ist für uns von besonderer Bedeutung,“ betont Barbara Helwing, Direktorin des Vorderasiatischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin.
Von Ausnahmen zu Leitfunden
Die charakteristischen T-Pfeiler, die in Göbeklitepe entdeckt wurden, finden sich an zahlreichen weiteren Fundplätzen der Region, darunter Karahantepe, Sayburç, Sefertepe, Harbetsuvan Tepesi und Yenimahalle. Die Datierung dieser Orte auf die Zeit zwischen 10.000 und 7.000 v. Chr. belegt eine gemeinsame kulturelle Identität sowie einen weitreichenden Interaktionsraum im südöstlichen Anatolien bis nach Nordwestsyrien. Neue Befunde verdeutlichen, dass die Region ein Netzwerk komplexer neolithischer Gemeinschaften bildete, deren Monumente sowohl rituelle als auch soziale Funktionen erfüllten. Gemeinschaftlicher Zusammenhalt war dabei ein entscheidender Faktor für das Überleben und die Anpassungsfähigkeit unter sich wandelnden sozialen und klimatischen Parametern.

Göbekli Tepe, DAI Istanbul. Laufende Ausgrabungen in einem Wohnbereich. (© Lee Clare // DAI Istanbul)
Şanlıurfa Neolithic Research Project
Seit 2021 untersucht das von Prof. Necmi Karul (Universität Istanbul) geleitete internationale Forschungsprojekt die Fundplätze der Taş Tepeler. Ziel ist es, die sozialen Strukturen und Interaktionen frühneolithischer Gemeinschaften zu erforschen, die bereits lange vor der Einführung von Ackerbau und Viehzucht komplexe Versammlungs- und Gemeinschaftsräume errichteten: „In den letzten Jahren konnten wir zeigen, dass Göbeklitepe nicht nur ein Heiligtum lokaler Jäger-und-Sammler-Gesellschaften war, sondern auch ein Ort, an dem Menschen gelebt haben. Diese Erkenntnisse werden durch die Grabungen an weiteren Fundplätzen des Taş-Tepeler-Projekts bestätigt. Ein Schwerpunkt unserer aktuellen Forschung liegt auf den Wohnbereichen und ihrer Beziehung zu den monumentalen Sonderbauten mit den charakteristischen T-Pfeilern“, so Lee Clare, Referent für Prähistorische Archäologie am DAI Istanbul.
Von Leben und Tod
Die steinernen Monumente gehören mit einem Alter von gut 12.000 Jahren zu den ältesten ihrer Art. Archäologischen Befunde dokumentieren nicht nur rituelle Nutzung, sondern auch Alltag und soziale Interaktion: Menschliche Figuren treten zunehmend in den Vordergrund, oft in narrativen Szenen mit Tieren, die Macht, Gefahr und soziale Rollen verdeutlichen. Dies verweist auf die Entwicklung einer neuen kulturellen Selbstwahrnehmung, in der Menschen ihre Umwelt aktiv gestalten. Neben zahlreichen Reliefs von Füchsen, Keilern, Kranichen, Geiern und Schlangen belegen Funde menschlicher Schädel und Langknochen sowie skelettierter Figuren eine zunehmende auch ikonographische Auseinandersetzung mit Tod und Sterben. Monumentale Architektur und Totenrituale weisen darauf hin, dass Verstorbene weiterhin eine wichtige soziale Rolle für die Lebenden einnahmen.
Identität und Gesellschaft im Neolithikum
Die Taş Tepeler veranschaulichen den Übergang von mobil lebenden Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften zu sesshaften, ressourcenproduzierenden Gesellschaften. Monumentalisierung, kommunale Bauten sowie die bewusste Inszenierung menschlicher und mythologischer Figuren von bis zu sechs Metern Höhe markieren einen Wendepunkt in der sozialen Organisation. Diese Entwicklungen prägten sowohl die kulturelle Identität als auch die gesellschaftlichen Strukturen nachhaltig und legten die Grundlagen späterer Gesellschaften.
„Gebaute Gemeinschaft. Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren“
Die Ausstellung in der James-Simon-Galerie zeigt Bildwerke, Alltagsgegenstände und Schmuck, die vom Zusammenleben der Menschen während dieses menschheitsgeschichtlichen Umbruchs erzählen. Archäologische Funde und Architekturrekonstruktionen werden von zeitgenössischen fotografischen Interpretationen der spanischen Fotokünstlerin Isabel Muñoz komplementiert und laden ein, in das Leben am Übergang von den Jäger-Sammler-Kulturen zur Sesshaftigkeit einzutauchen. Gemeinsam mit aktuellen Forschungsergebnisse liefert sie wesentliche Einblicke in die Entstehung komplexer Gemeinschaften im frühen Neolithikum und erweitern unser Verständnis der kulturellen Entwicklung am Übergang von Mobilität zu Sesshaftigkeit. Die Ausstellung ist in der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel Berlin noch bis zum 19. Juli 2026 zu sehen.
Die Ausstellung „Gebaute Gemeinschaft. Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren“ wurde durch ein Team unter der Leitung von Barbara Helwing, Vorderasiatisches Museum, und Necmi Karul, Universität Istanbul, erarbeitet und ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Vorderasiatischen Museum, dem Archäologischen Museum Şanlıurfa und dem Forschungsprojekt “Taş Tepeler“ der Universität Istanbul, unter Mitwirkung des Deutschen Archäologischen Instituts. Die meisten archäologischen Objekte aus dem Museum Şanlıurfa sind erstmals im Ausland zu sehen. Die Ausstellung wird ermöglicht mit Mitteln der Deutschen Stiftung Klassenlotterie, des Kuratoriums der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Freunde der Antike auf der Museumsinsel e.V. und Turkish Airlines.

Ansicht der Ausstellung „Gebaute Gemeinschaft. Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren“ in der James-Simon-Galerie, Museumsinsel Berlin. (© Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum // David von Becker)
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Mit insgesamt elf großen Zweiganstalten – der Zentrale in Berlin, drei Kommissionen in Bonn, Frankfurt am Main und München, sowie sieben Abteilungen in Athen, Berlin, Istanbul, Kairo, Madrid und Rom – ist das DAI im In- und Ausland präsent. Den Abteilungen und Kommissionen sind weitere Außenstellen in Teheran, Sana’a, Baghdad, Damaskus und Peking sowie Forschungsstellen in Lissabon, Ulaanbaatar und Budapest zugeordnet, die die enge Zusammenarbeit mit Kolleg:innen und Institutionen vor Ort stärken und damit weltweit zum Schutz und Erhalt kulturellen Erbes beitragen.









