Über eine interessante These, einen illustren Politiker und Spekulationen für den heraufziehenden Wahlkampf
Schlägt das wirtschaftliche Herz Brasilien künftig nicht mehr in der Megametropole São Paulo, sondern im Agrar-Staat Mato Grosso? Diese Vision, wie die Wirtschaft Brasiliens in 20 Jahren aussehen könnte, entwirft der Politiker und Journalist Aldo Rebelo.
Auf dem Kurznachrichtendienst X war jüngst (Veröffentlichungsdatum: 10. Februar) ein kurzes Video zu sehen, offenbar ein Ausschnitt aus einem Interview oder einer Diskussion. Dort sagt Rebelo: „Ich sage das schon seit einiger Zeit, auch hier habe ich es bereits erwähnt. Mato Grosso wird der reichste Bundesstaat Brasiliens sein, dicht gefolgt vom Westen Bahias. Viele Menschen haben das nicht bemerkt. In den Köpfen der Linken bringt die Landwirtschaft keine Entwicklung. Was sie nicht bemerkt haben, ist, dass sie jeden Tag in Brasilien produziertes und industriell verarbeitetes ETANOL konsumieren, dass wir verschiedene Maschinen haben, die in Brasilien hergestellt werden. Und dass die Landwirtschaft der brasilianische Sektor ist, der die meiste Technologie produziert. Die Zeit des Landesinneren kommt.“ https://x.com/aldorebelo/status/2021238790858109204?s=20

Als Begründung nennt er beeindruckende Zahlen des Exportwachstums verschiedener Bundesstaaten. Während São Paulo zuletzt nur um 5 Prozent zulegen konnte, hätten diese in den Bundesstaaten Mato Grosso, Rondônia oder Acre bei 100 Prozent oder sogar weit darüber gelegen.
Tatsächlich hat sich die Wirtschaft in einigen Bundesstaaten, insbesondere in Mato Grosso in den vergangenen Jahren stark entwickelt. Verantwortlich hierfür ist vor allem die Agroindustrie und die Lebensmittelproduktion, die wesentliche Teile der Wertschöpfung ausmacht. 2025 gingen 40 Prozent der Agrarexporte Mato Grossos nach China, vor allem Soja (76,6 Prozent) und Fleisch (18,4 Prozent) – Tendenz weiter steigend. Überhaupt spielt China eine gewaltige Rolle als Handelspartner. Nicht nur als Einkäufer, sondern auch als Lieferant. Mato Grossos Bauern importierten im selben Zeitraum (2025) für knapp 800 Millionen Dünger, Spritzmittel und landwirtschaftliche Ausrüstung aus China.
China positioniert sich auf dem Markt und investiert gezielt
Da ist es auch kein Zufall, dass der Gouverneur Mauro Mendes Anfang Februar eine große chinesische Delegation in seinem Amtssitz empfangen hatte. Bei den Gesprächen ging es jedoch um weit mehr als den Fluss von Waren. Auf der Agenda standen auch Infrastrukturprojekte und Logistikthemen, die Themen Tourismus, Innovation und universitäre Kooperationen.
China ist schon seit längerem in Südamerika und in Brasilien aktiv. In Peru wurde vor kurzem ein chinesischer Hafen eingeweiht. Das Projekt, an dem China zu 60 Prozent beteiligt ist und einen ersten direkten Zugang zum südamerikanischen Markt gewährt, hat eine solche Strahlkraft, dass sogar Chinas Präsident Xi persönlich zur Eröffnung anreiste.
China investiert massiv, jedoch nicht uneigennützig. Die Investitionen sind strategischer Natur und nur darauf ausgerichtet, das gewünschte Soja, Mineralien oder Fleisch schneller ins eigene Land schaffen zu können. Zugleich vergibt China großzügig Kredite, die insbesondere kleinere Länder in die finanzielle Abhängigkeit führen. Den USA ist das chinesische Engagement ein Dorn im Auge. Für sie stellt Südamerika schon seit der Monroe-Doktrin aus den 1820er-Jahren einen „natürlichen“ Hinterhof dar, in dem andere Mächte nichts zu suchen haben.
Agroindustrie ist für Brasilien von zentraler Bedeutung
Aber auch ohne chinesische Investments gehört die Agroindustrie seit einigen Jahren zu den Stützpfeilern der brasilianischen Wirtschaft, war zuletzt häufig die Branche mit den größten Wachstumsraten. Selbst während der Pandemie sicherte die Landwirtschaft Brasilien noch ein leichtes Wirtschaftswachstum, während andere Zweige – logischerweise – einbrachen.
Für den Chefökonom der Banco do Brasil, Marcelo Rebelo Lopes, ist die Beteiligung von Mato Grosso am Weltwirtschaftsszenario von großer Bedeutung, insbesondere im Bereich Lebensmittel. „Ich habe Schwierigkeiten, die Weltwirtschaft ohne Mato Grosso zu sehen. Das Thema Ernährungssicherheit ist aus globaler Perspektive ein zunehmend relevantes Thema. Bis 2050 wird die Nachfrage nach Lebensmitteln steigen, wie in Afrika und Asien, die Schwierigkeiten haben, dieses Produkt herzustellen, und diejenigen, die sich damit beschäftigen werden, sind die großen Lebensmittelproduzenten, darunter Brasilien, zu dem auch Mato Grosso mit großer Bedeutung gehört. Deshalb habe ich keinen Zweifel daran, dass wenn wir an das Bevölkerungswachstum denken, die Schichten, die viel Nahrung benötigen, das Gewicht der Mato Grosso-Wirtschaft sehr relevant ist“, wird er von O Globo zitiert (Como economia de Mato Grosso mantém crescimento em 2026 | G1).
Der Wirtschaftsprofessor der Bundesuniversität Mato Grosso (UFMT), Fernando Henrique Dias, sieht es ähnlich. „Mato Grosso ist der am schnellsten wachsende Bundesstaat des Landes in den letzten zehn Jahren. Die durchschnittliche Wachstumsrate des Bundesstaates betrug 3,7 %, die Brasiliens 0,6 %. Wenn man sich die fiskalische Struktur ansieht, gehört sie auch zu den besten im Land sowie zu den strukturellen Transformationen im Energiebereich, der ebenfalls gut positioniert ist“, sagte er.
In den kommenden Jahren erwartet Lopes, dass die Wirtschaft von Mato Grosso eine Integration durchlaufen wird, um noch weiter zu expandieren. „Je mehr die Wirtschaft von Mato Grosso sich mit anderen regionalen Volkswirtschaften integriert und diese logistischen Engpässe löst, desto mehr wird der Staat seinen Wachstumsprozess fortsetzen und Menschen von außerhalb anziehen, um Räume in der lokalen Wirtschaft zu besetzen.“
Der Landwirtschaftsboom in Mato Grosso kommt der brasilianischen Regierung sicherlich nicht ungelegen. Es sind auch nicht nur exportorientierte Commodities, die dort angebaut werden. Neben Soja und Rindern ist dort auch der Maisanbau traditionell stark. Aus ihm wird zu einem Großteil Ethanol gewonnen. Der Biokraftstoff wird fossilen Kraftstoffen beigemischt und befeuert in so genannten Flexmotoren große Teile der brasilianischen Mobilität, insbesondere des Transportwesens, ein weiterer wichtiger Wirtschaftszweig. Denn nach wie vor ist die Straße der bei weitem meistgenutzte Transportweg. 80 Prozent des nationalen Verbrauchs von Ethanol stammen aus Mato Grosso.
Der Landwirtschaftsboom schafft aber auch Probleme. Mato Grosso ist naturräumlich so gelegen, dass er drei wichtige Ökosysteme berührt – die Regenwälder des Amazons im Norden, im Westen das Feuchtgebiet Pantanal und im Nordosten die Savannenlandschaft Cerrado. Man kann sich gut vorstellen, dass eine wachsende Agrarindustrie auch Druck auf diese empfindlichen Ökosysteme erzeugen wird und dies aktuell schon tut. Auch Kleinbauern und indigene Gruppen werden häufig von Großgrundbesitzern gewaltsam vertrieben. Regionen, wie Mato Grosso, aber auch der Nordosten Brasiliens galten lange als unterentwickelt und arm – und sind es zum Teil noch heute. Das wirtschaftliche Nord-Süd-Gefälle ist nach wie vor enorm.
Läuft Mato Grosso dem Hotspot São Paulo den Rang ab?
Bis der Bundesstaat jedoch São Paulo den Rang ablaufen könnte, wird es wohl noch dauern. Nach wie vor ist der Bundesstaat mit seinen 30 Millionen Einwohnern die mit großem Abstand stärkste Wirtschaftsregion Brasiliens. 2024 verzeichnete er ein BIP von 3,5 Billionen Reais – das ist mehr als die gesamte Wirtschaftskraft Argentiniens und das dreifache des Bundesstaats Rio de Janeiro, der auf Platz 2 rangiert. São Paulo ist als Industriestandort wesentlich breiter aufgestellt als Mato Grosso, das jedoch den Bundesstaat der einstigen Kaffee-Oligarchen im Agrarsektor überholt hat.
Interessant ist, wer die Diskussion angestoßen hat. Aldo Rebelo, der sich in seinem X-Profil als „gewöhnlicher Mann im Einsatz für das wahre Brasilien und Gründer der Quinto Movimento – einer authentischen Bewegung zum Schutz des Landes“ beschreibt, ist in der brasilianischen Politik kein Unbekannter.
Der 69-Jährige hat in den vergangenen Jahrzehnten einen durchaus beeindruckenden politischen Links-Rechts-Schwenk vollzogen. Vom linken Kämpfer gegen die Militärdiktatur in den 1970er-Jahren bis zum erklärten Gegner von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und seiner Politik.
Rebelo war von 1991 bis 2015 Bundesabgeordneter und machte Karriere im PC do B. Er leitete von 2005 bis 2007 die Abgeordnetenkammer, war Minister in der ersten Amtszeit von Lula (PT) und war zudem Teil der Regierung Dilma Rousseff (PT) in den Ressorts Sport, Wissenschaft und Verteidigung (José Aldo Rebelo Figueiredo | CPDOC – Zentrum für Forschung und Dokumentation der zeitgenössischen Geschichte Brasiliens).
Er war Gemeindesekretär für institutionelle Beziehungen in der Regierung von Ricardo Nunes (MDB) in São Paulo. 2017 verließ er die Partei PC do B (Partido Comunista do Brasil) und durchlief die PSB, Solidarność, PDT und Zentrumspartei MDB, bis er 2025 zur DC (Christdemokraten) wechselte – einer bislang bedeutungslosen Gruppierung, ohne Abgeordnete oder Senatoren im Kongress, die sich als christdemokratisch definiert und sich sogar auf Konrad Adenauer zu berufen scheint und das sich inhaltlich in Teilen auf das 2025 von Rebelo geschaffene „Quinto Movimento“ beruft. „O Quinto Movimento“ (Die fünfte Bewegung) ist ein Buch und Konzept des ehemaligen brasilianischen Ministers, das ein neues nationales Entwicklungsprojekt für Brasilien nach der Pandemie definiert. Er schlägt darin die Wiederaufnahme des Wirtschaftswachstums, die Bekämpfung von Ungleichheiten, die Aufwertung der Wissenschaft, nationale Souveränität und Demokratie vor. Dass da der Blick auf einen der am stärksten wachsenden Wirtschaftszweige der Region fällt, der zugleich ein urbrasilianisches Selbstverständnis definiert, das als Agrarnation und Ernährer der Welt, ist sicher kein Zufall.
Präsidentschafts-Wahlkampf wirft seinen Schatten voraus
Denn Rebelo hat sich in den Kopf gesetzt, im Oktober für das Amt des Präsidenten in Brasilien zu kandidieren. Der Wahlkampf hat zwar noch nicht begonnen, traditionell beginnt er offiziell erst im August des Wahljahres, also wenige Wochen vor dem ersten Wahlgang Anfang Oktober. Aber so langsam beginnen die ersten Kandidaten sich doch schon in Position zu bringen. Es gilt als sicher, dass Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva eine erneute Kandidatur anstreben dürfte. Er könnte damit als erster Politiker vier Amtszeiten lang regieren. Aus der rechten Ecke gilt es als wahrscheinlich, dass Flávio Bolsonaro, erstgeborener Sohn von Ex-Präsident Jair Bolsonaro, seinen Hut in den Ring werfen wird. Der langjährige Stadtrat in Rio und später Senator im Kongress ist jedoch alles andere als skandalfrei.
Eine Kandidatur, die das rechte Lager zumindest diskutieren lässt, denn für viele hätte der amtierende Gouverneur von Sao Paulo, Tarcísio de Freitas die besseren Chancen. Er wäre zudem ein gemäßigterer Kandidat des rechten Lagers. Viele Brasilianer sind der fortdauernden Polarisierung zwischen Links und Rechts überdrüssig und wünschen sich schon seit den letzten Wahlen gemäßigtere Kandidaten, die eher der Mitte zuzuordnen sind.
Oder kandidiert Michele Bolsonaro, Stiefmutter von Flávio und ehemalige First Lady des Landes? Sie soll einen guten Draht zu den evangelikalen Pfingstkirchen haben – eine wichtige Wählergruppe in Brasilien. Allerdings hat sie bislang keinerlei Erfahrung in einem exponierten politischen Amt sammeln können. Weiterhin als Kandidaten gehandelt werden Ratinho Júnior (PSD), Romeu Zema (Novo), Ronaldo Caiado (PSD), Ciro Gomes (PSDB), Pablo Marçal (PRTB), Eduardo Leite (PSD), Rui Costa Pimenta (PCO), Cabo Daciolo (Sem partido) und Renan Santos (Missão).
Von diesen sind zumindest drei für eine nähere Betrachtung interessant. Ciro Gomes ist ein Dauerbrenner unter den Kandidaten, er unternahm schon mehrere Anläufe, blieb aber bisher chancenlos. Romeu Zema wurde vor vier Jahren zum Gouverneur des Bundesstaats Minas Gerais gewählt, ebenfalls ein wirtschaftlich wichtiger Bundesstaat. Er genießt bei vielen Brasilianern durchaus Ansehen, wenngleich ihn die landesweite Strahlkraft fehlen dürfte. Selbiges wurde auch vor vier Jahren von Eduardo Leite, aus dem Bundesstaat Rio Grando do Sul behauptet. Inzwischen konnte der 40-Jährige sich als Krisenmanager beweisen, als im Frühjahr 2024 sein Bundesstaat von einem verheerenden Hochwasser heimgesucht wurde. Das dürfte ihn zumindest in anderen Teilen Brasiliens bekannt gemacht haben. Alle weiteren Kandidaten, inklusive Aldo Rebelo, dürften hingegen chancenlos bleiben.









