Hinweis für die Leser:innen. Der Artikel behandelt ein heikles Thema, an dem die heutige westliche Sensibilität Anstoß nehmen könnte. Lesende, die überzeugt sind, dass die Werte der Kritik und Auseinandersetzung unverzichtbare Errungenschaften und Emanzipationen sind, werden wenig an der Geschichte finden, die ich erzähle, und könnten irritiert sein; daher empfehle ich ihnen, davon abzusehen. Um diese Welt zu verstehen, muss man einige gewohnte Gedankenkategorien aussetzen; erst dann kann man ihre Schönheit erkennen, so wie sie ist, wie eine uralte Rose.

Der Rabbiner erwartet uns lächelnd im Stehen; auf dem großen Tisch steht eine kleine Erfrischung mit Schokoladenkeksen, Mandarinen und Pfirsichsaft bereit. Er dankt für den Besuch; es ist eine Ehre für ihn, die Wahrheit gemäß der Tōrāh zu erzählen. Dass ich mich an ihn gewandt habe und zu ihm gefahren bin (in ein Wohngebiet im Staat New York) ist für ihn der Wille Gottes. Im Stillen denke ich das Gleiche.

Ich möchte den Leser:innen von Pressenza ein korrektes Bild von euch geben, denn es herrscht viel Verwirrung in Bezug auf die orthodoxe jüdische Welt. Können Sie mir das kurz erklären?

Wir sind Juden, die den von Gott auferlegten Verhaltenscode nie verändert haben. Wir gehören zu den Haredim. Heute sind wir eine Minderheit, aber bis vor etwa dreihundert Jahren waren alle Juden wie wir. Damals begann in Europa ein Reformismusprozess, der viele verlockte. Ein ganzes Leben lang Einschränkungen bei Ernährung, Kleidung, Frisuren, Beziehungen einzuhalten … das ist nicht einfach, vor allem für Frauen. Unser ganzes Leben ist Gott geweiht, ohne wenn und aber.

Wir haben uns bei der letzten Pro-Palästina-Demonstration in New York City kennen gelernt, denn auch ihr verteidigt die Palästinenser:innen, träumt von einem freien Land ohne Besatzung und bezeichnet euch als Antizionisten. Das ist die Position der orthodoxen Juden von Neturei Karta, nicht wahr?

Ja. Neturei Karta ist keine Organisation, sondern eher eine Bewegung. Sie entstand 1938, um religiösen Juden eine Stimme zu geben, die in den Schriften der Propheten erkannten, welche Gefahr die Einrichtung eines jüdischen Staates darstellte, und die sich daher den zionistischen Manövern widersetzten, die seit langem in diese Richtung zielten. Nach der Zerstörung des Tempels wurde uns klar, dass Gott uns nicht erlaubt, selbst einen Staat zu gründen, und dass dieses Land anderen gehört. Vor dem Land haben wir, wo auch immer wir uns befinden, einen tiefen, geradezu sakralen Respekt – es ist uns sogar verboten, Bäume zu entwurzeln. Der Zionismus ist das genaue Gegenteil der jüdischen Religion, er ist das Ergebnis eines progressiven Abrutschens in die Säkularisierung und den Materialismus. Er ist die Degeneration des Reformismus, den ich vorher erwähnte.

Während er spricht, blättert Rabbi Weiss durch Bücher, liest Abschnitte vor und zeigt Fotos von Juden, die wie er in der Altstadt von Jerusalem geschlagen, verhaftet und erniedrigt wurden.

Schauen Sie hier, David Ben-Gurion, Vladimir Ze’ev Jabotinsky und andere feiern die Gründung Israels und haben nicht einmal den Kopf bedeckt. Die Religion war ihnen völlig gleichgültig, erst später haben sie erkannt, dass unsere Symbole ihnen nützlich sein könnten, um Gefühle zu wecken und die normalen Menschen zu manipulieren. Sie haben sie sich angeeignet, und von da an waren sie nicht mehr aufzuhalten, heute ordinieren sie Rabbiner nach eigenem Gutdünken und Gefallen.

Können Sie Zahlen nennen, wie viele Juden der Bewegung Neturei Karta folgen?

Nach dem, was unsere Verleumder schreiben, scheinen es nur ganz wenige zu sein, aber Sie leben doch in Brooklyn: Haben Sie je eine israelische Flagge gesehen? Sie werden gesehen haben, dass wir ziemlich viele sind.

Ja, sicher, ich treffe euch regelmäßig auf der Straße, ich würde sagen überall.

Dies ist eine große jüdische Gemeinschaft, machen Sie einen Rundgang und Sie werden nicht eine israelische Fahne finden. In Jerusalem haben Zionisten korrupte Elemente unter den Orthodoxen ausgemacht, und es gibt Haredim im Parlament; am Anfang wollten sie sich auf diese Weise schützen, aber heute erhalten sie sogar Geld. Ich heiße das nicht gut, aber in jedem Fall ist der Großteil von uns Religiösen antizionistisch, hier wie in Jerusalem, Istanbul, London und überall. Häufig lassen sie es nicht erkennen, sie verbergen es, denn wenn du entdeckt wirst, bist du Repressionen ausgesetzt, du kannst die Arbeit verlieren, die Karriere wird blockiert, alles Mögliche.

Sie meinen also praktisch, dass ihr Juden seid, die von anderen, dem Zionismus nahestehenden Juden verfolgt werden? Glauben Sie, dass sie euch überwachen?

Ganz sicher. Wenn ich nach Jerusalem fahren würde, würden sie mich verhaften. Um die vorige Frage abzuschließen: Wir sind nicht so wenig, wie sie immer bemüht sind zu schreiben, und das Bewusstsein nimmt zu.

(Zum Antizionismus gibt die Website eine bemerkenswerte Zahl an: 35 % der Weltbevölkerung sollen sich als antizionistisch bezeichnen.)

Die Stadt New York hat einen Bürgermeister gewählt, der für die Eliten unbequem ist, den muslimischen Sozialisten Zohran Mamdani. Was erwarten Sie von ihm?

Ich weiß nicht. Wir haben ihn mit Enthusiasmus unterstützt, aber Politiker leben unter einen unvorstellbaren psychologisch-politischen Druck und irgendwann verändern sich viele. Einmal traf ich Alexandria Ocasio-Cortez; nach kurzer Zeit wurde mir klar, je mehr ich Gottes Position darlegte, also dass die Juden im Exil sein müssen, umso verlegener wurde sie; das tat mir leid, ich wollte sie nicht in Verlegenheit bringen.

Arbeiten Sie mit jüdischen pazifistischen Gruppen zusammen wie Jewish Voice for Peace?

Ich kann nicht sagen, dass wir zusammenarbeiten, wir treffen uns bei den Demonstrationen und marschieren zusammen, aber unsere Grundsatzpositionen sind weit entfernt. Es tut mir leid, Sie zu enttäuschen; von außen kann das frustrierend scheinen und vielleicht habe ich mich auch manchmal so gefühlt, aber ich habe die Entscheidung getroffen, Gott an erste Stelle zu setzen, vor meine Person, und meine erste Aufgabe ist, ihm zu gehorchen. Ich habe nichts gegen sie als Menschen, aber als Juden sind sie für mich auf dem falschen Weg und ich fände es schön, wenn sie das einsehen würden. Immerhin sind sie keine Zionisten.

Aber auch ihr strebt nach Frieden. Seid ihr Pazifisten?

Ja, sicher, seit Jahrhunderten. Wir haben keine Probleme mit den Arabern, die uns auch in ihren Ländern aufgenommen haben, als wir in Europa verfolgt wurden. Auch hier im Viertel gibt es eine palästinensische Familie, mit der wir uns sehr gut verstehen. Wir stellen uns nicht die Frage, ob wir Pazifisten sind. Seit wir im Exil sind, haben wir akzeptiert, dass wir keine Art von Waffen verwenden dürfen, wir dürfen nicht einmal ein Taschenmesser in der Tasche haben. Sicher, wenn mich jemand angreifen würde, würde ich mich instinktiv verteidigen. Wir suchen den Frieden und den Dialog, weil Gott es so will, mit diesem Geist sind wir in den Iran, in den Libanon, nach Gaza und in andere Orte gegangen, und wir hatten nie Probleme. 2010 war ich bereit, an Bord der Marmara-Flottille zu gehen, die von der Türkei aus startete. Dann erhielt ich den Beschluss von unserem Hohen Rat: Er hielt es nicht für zweckmäßig, die Aktion sei zu weit entfernt von unserer Policy und ich wäre ein perfektes Ziel gewesen. Ich habe gehorcht.

Eben hat er mir erzählt, wie ihm klar wurde, dass er Alexandria Ocasio-Cortez in Verlegenheit gebracht hätte, aber was tue ich denn gerade? Ich dränge ihn mit Themen, die mir selbst am Herzen liegen. Ich beschließe, die Frage zum zivilen Ungehorsam und den Techniken des gewaltlosen Widerstands zu überspringen. Ich erinnere mich an die Gespräche im staubigen Zimmer des Dharmananda Jain (ich habe einige Monate in der jainistischen Community in Delhi gelebt), ich kenne die Welt mit ihren geschlossenen Kreisläufen, Gruppen, deren einziges Interesse ist, ihren eigenen Kanon zu bewahren und unaufhörlich zu wiederholen. Auch die Yoga-Welt, der ich angehöre, macht da keine Ausnahme. Nachdenklich macht, dass diese Realitäten sehr gut miteinander kommunizieren, Absprachen treffen und sich gegenseitig respektieren können. Reibungen entstehen uns gegenüber.

Über drei Stunden sind vergangen und Rabbi Weiss ist wie ein Fluss, er erzählt von seiner Familie, die zum großen Teil im Holocaust umkam, von der Bewegung Neturei Karta, den zahllosen Widersprüchen der Zionisten, dem großen Leid der Palästinenser:innen, dem Reich Gottes, das nicht nur ihnen vorbehalten ist – im Gegenteil, betont er, obwohl er mir nicht erklären kann, wie das geschieht, wird der Wandel metaphysisch sein und wir alle werden in der göttlichen Freude zusammenfinden.

Er scheint mich nicht wegschicken zu wollen: „Ich freue mich, wenn Sie bis heute abend bleiben; Sie können so lange bleiben, wie Sie wollen“, sagt er mir.

Wie lange ist es her, dass ich eine solche Gastlichkeit, eine solche Aufmerksamkeit genoss? Zeit, die mir und meinen Fragen gewidmet wird, ohne dass dieser würdige Herr einmal auf die Uhr geschaut, Müdigkeit oder Ungehaltenheit gezeigt hätte über die Dummheiten, die ich vielleicht gefragt habe? Welche Institution, ob religiös oder laizistisch, hätte mich heute empfangen und mir ihre ganze Zeit gewidmet? Wir, die wir alles mit einem Preis taxieren. Und wir als offene, progressive, hochentwickelte Gesellschaft – wie sehr sind wir in der Lage, neben uns ein geschlossenes System zu tolerieren?  

Heute sind wir damit beschäftigt, uns dem muslimischen Hijab zu widersetzen, und sind überzeugt, dass jemand, der seine Notdurft lieber im Wald als auf der Toilette verrichtet, ein Fall für den Psychiater sei, aber was tun wir, wenn wir feststellen, dass auch verheiratete orthodoxe Jüdinnen den Kopf bedecken müssen? Dass orthodoxe Juden ihre Kinder nicht auf öffentliche Schulen schicken und sie geschützt in der Gemeinschaft behalten? Welche bürgerrechtliche Kampagne erfinden wir dann? Rabbi Weiss ist sich bewusst, dass er nicht sicher lebt, aber mehr als alles andere weiß er, dass er reformierten Juden, Zionisten und anderen ein Dorn im Auge ist, und darunter leidet er. Einen Rabbi Weiss wird es immer geben, eingeschlossen in seiner strengen Trauerkleidung, die uns daran erinnert, wie man im Exil leben sollte. Man kann ihm zuhören oder ihn ignorieren, aber sicher kann man ihn nicht ändern. Er kann uns nie wirklich etwas antun. Gott hat ihm politische und militärische Macht verboten – er kann nur sprechen. Das ist die Funktion von Neturei Karta: die Stimme zu erheben. Wir verabschieden uns herzlich voneinander und er schenkt mir die Kekse.

Übersetzung aus dem Italienischen von Annette Seimer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige!