Der berühmte südafrikanische Weise Credo Mutwa, Autor von Büchern über die afrikanische Mythologie und die traditionelle Folklore der Zulu, hat in einem Interview die Gabe der Sprache erwähnt, die dem Menschen nach seiner Erschaffung übertragen wurde. Demnach hat nach den Mythen über die Erschaffung des Kontinents die erste Kommunikation mittels Telepathie und dann mittels künstlerischer Symbole stattgefunden.

In Südafrika und in Sambia haben Archäologen Spuren einer alten Schrift von Piktogrammen gefunden, die 70.000 Jahre zurückreicht. Die Fundstätte Diepkloof, eine Grotte in der Provinz Westkap, etwa 17 km vom Atlantischen Ozean entfernt, offenbart die Erfindung eines graphischen Systems und verschiedener Symbole, die der Kommunikation unter den Völkern dieser Region dienten. Es handelt sich dabei um Gravuren auf den Schalen von Straußeneiern, die als Wasserbehälter dienten. Sie waren mit Symbolen aus gekreuzten Linien versehen, die rechtwinklig oder schräg zueinander standen.

Die Grotte von Diepkloof (Fotonachweis: Vincent Mourre/Inrap)

Professor Théophile Obenga, Ägyptologe, Linguist und Historiker, hat seine Studien auf das Nubische Gebiet und auf die Wechselwirkung unter den Sprachen in der Region des Nilbeckens sowie auf verschiedene Schriftformen mit Zeichen, Symbolen oder Darstellungen konzentriert. Die Forschungsergebnisse zeigen zunehmend einen Kontinent, auf dem die Mathematik und die Schrift von Anbeginn an verwendet wurde – ein Wissen, das leider verlorengegangen ist. Zahlreiche Schriften blieben in ihrer ursprünglichen Herkunftsregion und haben sich nicht in anderen Regionen verbreitet. Man darf außerdem nicht die Kunst in all ihren Formen vergessen, die bei der Kommunikation eine bedeutende Rolle gespielt hat.

Schriften und Symbole

Die Kunst des afrikanischen Kontinents enthält Symbole, die häufig den Initiierten vorbehalten waren und mit denen Begriffe veranschaulicht wurden, die sich nicht mündlich übertragen lassen. Selbst die Hieroglyphen waren anfänglich Symbole, die Gedanken und Begriffe veranschaulichten. Die heiligen Schriften existierten unter verschiedenen Völkern – Kongo, Kuba, Yoruba, Ashanti, KiKuyu, Ndebele. Ohne fachliche Expertise jedoch wären es scheinbar nur Symbole. Dank junger ArchäologInnen, die häufig in den Regionen beheimatet sind, beginnt sich der Schleier zu lüften, der über den Geheimnissen dieser über lange Zeit verbotenen Sprachen lag.

Die afrikanischen Schriften haben verschiedene Formen angenommen – zu ihnen zählen Schmuckstücke, Tatoos und Frisuren. Die Dogon haben Pforten mit Schriftsymbolen geschaffen, die ihre Migration zum Felsen von Bandiagara in Mali erzählen. Und wie auch im Falle einer anderen ethnischen Gruppe, den Babongo (Pygmäen), helfen uns diese Symbole zu verstehen, wie das Leben von den verschiedenen Völkern wahrgenommen worden ist.

Lösen wir uns also von dem kolonialistischen Gedanken, dass es in Afrika keine Schriften gegeben hätte, denken wir aber dabei nicht an ein Alphabet, sondern ändern wir unseren Blickwinkel. Ein Beispiel dafür ist Amharisch, die offizielle Sprache Äthiopiens, mittels derer die Menschen dieser Region faszinierende politische, religiöse und wissenschaftliche Erzählungen bewahrt und verbreitet haben.

Jüngere Schriften

Mit den Einwanderungen von der Arabischen Halbinsel und dem Westen begriffen einige Herrscher und Könige, dass es nun weiterentwickelter Schriften mit mehr Symbolen und Darstellungen bedurfte. Ein anderer Teil des Kontinents, der uns noch einiges an Überraschungen bereithält, ist der Westen in einem Gebiet von Liberia bis Sierra Leone, über Kamerun und der Elfenbeinküste. Diese Region ist reich an Schriften: Bagam, Bassa, Bamouni, Vai, Ioma, Kpelle und Ibibo in Nigeria und Bette in der Elfenbeinküste.

All diese Schriften sind jüngeren Datums, die Älteste unter ihnen ist die Schrift Vai, die 1833 an der Grenze zwischen Liberia und Sierra Leone entdeckt wurde. Ihre 212 Buchstaben haben sich ihrem Erfinder Momolu Bukele im Traum offenbart. Auch die Schrift Mende entstand in Liberia – 1921 durch Dr. Flo Lewis.

Die Schrift Mandombe wurde 1978 von David Wabeladio Payi in Folge einer Reihe von mystischen Erscheinungen während einer Pilgerreise der Kimbanguistenkirche in der Republik Kongo geschaffen. Sie wird zur Übertragung von Kituba (einer kreolischen Sprache auf der Grundlage von Kikongo), Lingala, Tshiluba und Swahili – den vier Nationalsprachen der Demokratischen Republik Kongo – sowie von Kikongo verwendet. Sie ist außerdem in Angola und Kongo-Brazaville verbreitet und laut ihren Förderern kann man mit ihrer Hilfe alle afrikanischen Regionalsprachen lesen.

 

Bild von Wikimedia Commons

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Die Übersetzung aus dem Französischen wurde von Silvia Sander vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!