Die Frage, weshalb wir gegen das sechste große Massensterben einschreiten sollten, wird auch von den Gutmeinenden in der Regel aus einer anthropozentrischen Sicht beantwortet. Das könnte der entscheidende Fehler sein.

Von Bobby Langer

Stellen wir uns vor, wir seien auf einer großen Familienfeier, zusammen mit Verwandten und Freunden, 50 fröhlich lärmende große und kleine Menschen. Und dann käme ein Verrückter, der uns alle mit seiner Waffe bedroht. Würdest du dann nur die zu retten versuchen, die dir am nützlichsten sind? Vielleicht einen Freund, dessen Vitamin B dir hilfreich sein könnte? Oder würdest du nicht mit allen Mitteln versuchen, denen in deiner Nähe zu helfen, denen du helfen kannst, solange du die Möglichkeit hast?

Artenvernichtung – warum eigentlich nicht?

Für die meisten Menschen dürfte die Antwort eindeutig ausfallen. Ich stelle diese Frage aber nicht, um Beifall zu heischen, sondern in Bezug auf das sechste große Massensterben. Das wird uns in der Regel deswegen als so dramatisch dargestellt, weil jede ausgerottete Art ein ausbeutbares Potenzial darstellt, jede sterbende Art uns eines Tages Nutzen bringen könnte. Immer steht bei der Antwort der Mensch im Vordergrund. Aber vielleicht ist diese anthropozentrische Darstellung genau die falsche, eine, die uns am A… vorbeigeht.

Gefühlt haben wir doch genug, mehr als genug. Was brauchen wir also noch mehr? Wir leben im zivilisatorischen Gnadenstand einer historisch einmaligen Sicherheit und in einem noch vor zweihundert Jahren unvorstellbaren Luxus. Ob da nun ein paar Vögel, Insekten oder seltsame Viecher draufgehen, kann uns herzlich egal sein, solange wir bei der nächsten Urlaubsbuchung ein Schnäppchen bei den Flugpreisen machen.

Wessen Leben ist unwert?

Vielleicht sollten wir uns vorstellen, dass da – mehr oder weniger – neben uns, bedroht durch unsere verrückte Zivilisation, Verwandte in Lebensgefahr sind, verwandte Lebewesen, mit denen wir und die mit uns einen großen gemeinsamen Nenner haben: Sie wollen leben, sie wollen so gut leben wie möglich, sie wollen heil sein und sich ohne Gefahr fortpflanzen können. Wie wir eben.

Wollen wir wirklich zu der Gruppe der Gesellschaft gehören, der dieses existenzielle Grundbedürfnis egal ist? Wer sind wir und welche Rolle maßen wir uns an, um zu entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss, wessen Leben wert, und wessen Leben unwert ist?

Ich habe diese Sätze im vollen Bewusstsein ihrer semantischen Geschichte formuliert, und meine, als Deutsche seien wir zu einer besonderen Sensibilität bei diesem Thema verpflichtet.

Die mehr als menschlichen Schwestern und Brüder

Die australische Biologin Monica Gagliano bewies anhand umfangreicher Experimente mit Mimosen, dass – zumindest einige – Pflanzen lernfähig sind, sich erinnern können und ihr Verhalten in Reaktion auf die Welt ändern können. Längst wissen wir, dass es keinen linearen Stammbaum der Arten mit dem Menschen als Krone der Schöpfung gibt, sondern ein komplexes, auch genetisch miteinander – und ineinander – verschlungenes Entwicklungsgeflecht. Aufgrund neuer gentechnischer Verfahren und eines weniger vorurteilsbehafteten Experimentdesigns haben wir in den letzten Jahrzehnten erstaunliche Parallelen zwischen der menschlichen und mehr als menschlichen Welt herausgefunden. Die indigene Botanikerin Robin Wall-Kimmerer fasst es in ihrem internationalen Bestseller „Geflochtenes Süßgras“ so zusammen: „Sage und schreibe 50 Prozent des menschlichen Genoms bestehen aus DNA-Sequenzen, die von anderen Organismen zu verschiedenen Zeitpunkten unserer Evolution ‚eingeschrieben‘ wurden. Die eigentliche Wiege des Säugetierlebens, die Gebärmutter, entstand unabhängig in mehreren Säugetierlinien als Ergebnis einer Virusinfektion … Wir leben, weil wir mit der DNA anderer infiziert wurden, oder sollte man vielleicht sagen: weil wir an der DNA von anderen teilhaben.“ Als indigene Gemeinschaften Pflanzen und Tiere als „unsere Schwestern und Brüder“ bezeichneten, haben wir sie noch für fünfzig Jahren als „Primitive“ belächelt. Heute rufen Wissenschaftler auf, von dieser mentalen Haltung zu lernen und traditionelles und wissenschaftliches Wissen respektvoll zu verknüpfen.

Heilige Verbundenheit statt westlicher Überheblichkeit

Mir erscheint es beschämend, feststellen zu müssen, dass unsere menschlichen und mehr als menschlichen Schwestern und Brüder bis heute um ihr Überleben kämpfen müssen und nur ein ganz kleiner Teil von uns für sie in die Bresche springt – jener Teil eben, der sie retten will, weil sie ein Recht auf Leben haben, wenn es denn überhaupt ein solches Recht gibt. Wo bleibt der Aufschrei, wo die große Rettungsaktion angesichts der mörderischen Bedrohung der „großen Familienfeier“ unseres gemeinsamen Lebens?

Womit die eigentliche, brennende Frage auftaucht: Wen dürften wir töten und in welchem Umfang? Oder vielleicht richtiger: Mit welcher Einstellung und inneren Haltung dürfen wir töten, in welchem Umfang und zu welchem Zweck? Denn auch indigene Kulturen töten und haben getötet, auch ihre Schwestern und Brüder. Und eine weitere Frage drängt sich auf: Wie sollten wir unsere Kinder (und uns selbst) erziehen, damit wir überhaupt in der Lage sind, solche Themen ernst zu nehmen? Robin Wall-Kimmerer schlägt Folgendes vor: „Zu wissen, dass man die Erde liebt, verändert einen, motiviert, sie zu verteidigen, zu schützen und zu feiern. Doch wenn man spürt, dass die Erde einen wiederliebt, verwandelt dieses Gefühl die Beziehung von einer Einbahnstraße in eine heilige Verbundenheit.“