Natürlich kann man einen Botschafter nicht einfach abschieben, nur weil er sich immer wieder daneben benimmt. Und die Frage ist auch, ob sie ihn zurücknehmen würden, denn er schadet dem Ansehen seines Landes hier ebenso wie zu Hause. Die Lösung: Melnyk geht von selbst. Aber wann? Na schön, vielleicht bietet sich ja eine Kandidatur an.

Es ist ganz aktuell mal wieder an der Zeit, Schicksal und Geschichte der Ukraine etwas näher unter die Lupe zu nehmen – und dabei einmal mehr auf die Verbrechen nach dem Überfall 1941 zu blicken – und an die ermordeten Juden, Russen, Polen zu erinnern. Denn Melnyks Augen sind getrübt.

Einsatzgruppen und deutsche, wie ukrainische Polizeieinheiten ermordeten v.a. die lokale jüdische Bevölkerung in Massenerschießungen. Das wurde nicht einmal vertuscht, die Anwohner wurden sogar zur Teilnahme eingeladen und waren oft gern dabei. Allein in Babij Jar erschoss an zwei (!) Septembertagen ein deutsches Sonderkommando 34.000 Juden.

Bis zu 40.000 Ukrainer profitierten am Holocaust – vor allem aus Profitgier und politischen Opportunismus. Solange die Ukraine der UdSSR gehörte, bestimmtem Symbole vom Großen Vaterländischen Krieg die Erinnerung. Die Verbrechen Stalins & Konsorten gingen in der Sowjetunion im Ruhm und Jubel unter, der Holocaust selbst war kein großes Thema. Heute ist in der Ukraine der Zweite Weltkrieg zwar noch Thema, aber der Untergrundkampf der ukrainischen Nationalisten (OUN) und der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) bestimmen Szene, Bild und Erzählung. Die Kollaboration mit der deutschen Besatzungsmacht und die Beteiligung um Holocaust sind in der Öffentlichkeit weitgehend tabu, die Historiker im Lande und die Botschafter außerhalb sind meist um Schönschreibung bemüht. Als großer Held für die Unabhängigkeit und die Freiheit wird wieder und wieder Stepan Bandera gefeiert, auch von Melnyk. Er weiss nicht, dass Bandera waren alle Mittel recht waren.

So mag es die EU als lädierte Wertegemeinschaft also eher schwer haben, ihren DemokratInnen in den alten und neuen Mitgliedsländern die Menschenrechte nahe zu bringen (nein, auch in der Praxis) und für Freiheit und Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als Voraussetzung für die Mitgliedschaft in diesem seriösen Club zu kämpfen.

Kurzum: Es wird dauern, aber einmal werden Träume wahr. Denn was wären wir schon, wenn wir nicht träumten, von Menschlichkeit, Glück und Frieden, möglicherweise sogar durch Verhandeln? Doch ich hörte: Die Zeiten der Träume vorbei sind. Da bleibt nur die Hoffnung, dass der Krieg krank wird und stirbt.

Wir sollten nachhelfen.

Peter Grohmann’s „Wettern der Woche“