Dr. Evgenia Iliadou studierte Soziologie an der Universität Kreta und Sozialanthropologie an der Universität der Ägäis; 2019 schloss sie ihre Doktorarbeit mit einem Stipendium zum Thema „Border Harms and Everyday Violence: The Lived Experiences of Border Crossers in Lesvos Island, Greece“ [„Grenzschikanen und alltägliche Gewalt: Die Lebenserfahrungen von Grenzgänger:innen auf der Insel Lesbos, Griechenland“] in Sozialpolitik und Kriminologie an der Open Universität in Großbritannien ab. Seit 2020 ist sie Postdoktorandin an der University of Surrey im Vereinigten Königreich und unterrichtet ihre Student:innen über Grenzpolitik und alltägliche Gewalt. Dieses Interview wurde nach dem neuen Zustrom an Geflüchteten aus Zentralasien geführt (nach der Rückkehr der Taliban nach Afghanistan im August 2021).

Das Interview wurde von Georgia Tsatsani für Aftoleksi geführt.

Die Insel Lesbos liegt, insbesondere nach dem Vertrag von Lausanne und der EU-Türkei-Erklärung von 2016, an der zentralen Kreuzung von Ost/West und Griechenland/Türkei. Wie erleben Sie die gewaltsame Vertreibung und die Politik gegenüber den Geflüchteten?

Lesbos hat in der Tat eine lange Geschichte von Grenzübergängen. Vertreibung ist für die Menschen in Griechenland und auf Lesbos seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine gelebte Erfahrung. Infolge des griechisch-türkischen Krieges und des Bevölkerungsaustauschs wurden etwa 1,2 Millionen kleinasiatische Geflüchtete aus der Türkei nach Griechenland und in andere Nachbarländer vertrieben. Auf Lesbos sind insgesamt 60 Prozent der heute dort lebenden Menschen Nachkommen der kleinasiatischen Geflüchteten von 1922. Seit den 1990er Jahren sind Griechenland und Lesbos wichtige Grenzübergänge für Tausende von Vertriebenen, die aus Albanien und kriegsgebeutelten Ländern wie dem Irak, Afghanistan, Iran, Syrien, Palästina und Somalia stammen. Ich arbeite seit 2005 für NGOs in Internierungs- und Geflüchtetenlagern auf Lesbos und dem griechischen Festland und unterstütze Menschen, die gewaltsam vertrieben wurden. Ich bin selbst Nachfahrin pontischer Geflüchteter. Meine Familie war während des Völkermordes gezwungen, aus ihrer Heimat zu fliehen und in Russland Zuflucht zu suchen.

Es ist unvermeidlich, dass die Genealogie der Vertreibung auf Lesbos und meine eigenen Erfahrungen aus erster Hand als Forscherin, NGO-Mitarbeiterin und Aktivistin in meiner Ethnografie aufgegriffen und untersucht werden. Sie werden im Zusammenhang mit der Flüchtlings“krise“ von 2015 und den aktuellen und laufenden Entwicklungen in der Flüchtlingsfrage untersucht. In meiner ethnografischen Arbeit werden Grenzgewalt, Grenzkontrollen und Vertreibung eher als ein Kontinuum denn als eine „Krise“ wahrgenommen.

Der große Migrationszustrom nach Europa, die so genannte „Krise“ von 2015, steht nach den jüngsten Entwicklungen (nach denen die Taliban in Afghanistan wieder das Kommando übernahmen) an vorderster Linie. Was kommt Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren auf uns zu?

Zunächst einmal ist der Begriff „Krise“, der systematisch in den offiziellen Diskursen verwendet wird, um die massenhafte Zwangsvertreibung im Jahr 2015 zu beschreiben, für mich oberflächlich und ahistorisch. In diesen Diskursen werden menschliches Leid, Vertreibung, Gewalt und Tod – an, innerhalb und jenseits von Grenzen – routinemäßig als „neue“, „zufällige“, „unvorhersehbare“, unvermeidbare „Ereignisse“ und tragische „Unfälle“ dargestellt. Wie ich bereits erwähnt habe, haben Griechenland und Lesbos jedoch eine lange Geschichte von Zwangsvertreibung, (Grenz-)Gewalt und grenzbedingten Todesfällen. Diese sind das Ergebnis tödlicher politischer Entscheidungen, die seit dem Schengener Abkommen von 1985 durchgesetzt wurden und sich nach der Flüchtlings“krise“ von 2015 stark ausgeweitet haben. Was ich damit sagen will, ist, dass das Elend, das sich an den südlichen EU-Grenzen abspielt, als ein Kontinuum – ein Gewaltkontinuum – über Zeit und Raum hinweg und nicht als „Krise“ betrachtet werden sollte. Darüber hinaus ist der Begriff „Krise“ problematisch, da er die Tatsache verschleiert, dass die eigentliche Krise in erster Linie eine Krise in den Herkunftsländern ist – den Ländern, aus denen die Geflüchteten in erster Linie fliehen.

Eine Krise ist also in erster Linie eine Krise für die Geflüchteten selbst, da sie gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben werden und vor Kriegen, Konflikten, Gewalt und Verfolgung fliehen. Afghanistan ist ein anschauliches Beispiel. Afghanistan mag nach der Machtübernahme durch die Taliban in den Schlagzeilen sein, aber in den letzten vier Jahrzehnten haben afghanische Flüchtlinge Gewalt, Unsicherheit und Zwangsvertreibung erlebt.

In Anbetracht der oben beschriebenen Situation haben die andauernden Konflikte in Verbindung mit einer tödlichen Grenzpolitik ein erdrückendes Umfeld für die Menschen geschaffen, die gezwungen sind, die Grenzen zu überschreiten. Es sieht so aus, als würde die Situation noch lange so weitergehen. Sie könnte sich in den kommenden Jahren sogar noch verschärfen, wenn wir den Klimawandel berücksichtigen, der die Menschen zunehmend zur Migration zwingen wird.

Ist das Leiden in den Lagern das Ende oder nur der unendliche Anfang menschlicher Odysseen in Europa?

Das Leid und die Gewalt, die Geflüchtete erfahren, beginnen und enden nicht in den Geflüchteten- und Internierungslagern in Griechenland und auf Lesbos. Leid und Gewalt sind vielmehr Teil eines Kontinuums. Ich habe bereits über das Gewaltkontinuum gesprochen – ein Konzept, das in der Sozialanthropologie der Gewalt verwurzelt ist. Dies ist ein sehr interessantes Konzept, das nicht nur die tiefen historischen Wurzeln der (Grenz-)Gewalt in den Vordergrund stellt, sondern auch hervorhebt, dass die Gewalt und das Leid, das Geflüchtete erfahren, in den Herkunftsländern aufgrund von Krieg, Konflikt, Gewalt, Elend und schweren Menschenrechtsverletzungen beginnt. Gewalt und Leid setzen sich fort, während die Flüchtlinge en route sind und die zahlreichen Land- und Seegrenzen überqueren, die nach Europa führen. Darüber hinaus gehen Gewalt und Leid auch nach dem Grenzübertritt weiter, und selbst wenn es den Geflüchteten gelingt, Europa lebend zu erreichen, sind sie gezwungen, unter unmenschlichen, entsetzlichen, erniedrigenden und entmenschlichenden Bedingungen in Geflüchteten- und Internierungslagern zu leben. Parallel dazu erleben die Geflüchteten bürokratische Gewalt, da die zahlreichen Verfahren, die sie durchlaufen müssen (z. B. Registrierung, Identifizierung, Asyl usw.), uneinheitlich, kafkaesk und langwierig sind und zu ständigem Warten und Leiden führen. Gewalt und Leid enden jedoch nicht dort, sondern gehen in den nördlichen EU-Staaten weiter. Da die immer wohlhabenderen EU-Staaten eine feindselige, gewalttätige und migrationsfeindliche Abschreckungspolitik betreiben, sind die Geflüchteten weiterer Gewalt, Inhaftierung und schließlich Abschiebung ausgesetzt.

Wurde die Vertreibung für die Geflüchteten, mit denen Sie gearbeitet haben, zu einer Nebensache, wo doch die alltäglichen Probleme die Fantasie überschreiten?

Wie ich bereits erwähnt habe, erleben Geflüchtete in ihren Herkunftsländern und auf ihrem Weg über die Grenzen vielfältige Formen von Gewalt und Leid, nur um in Europa erneut mit Gewalt und Elend konfrontiert zu werden. Ich bin mir nicht sicher, ob die Vertreibung im Vergleich zu den alltäglichen Problemen, mit denen sie in den Geflüchtetenlagern in den Aufnahmeländern konfrontiert sind, eine untergeordnete Rolle spielt. Der Alltag der Flüchtlinge auf Lesbos ist angesichts der Eskalation von Rassismus und Gewalt seitens eines Teils der lokalen Öffentlichkeit nicht immer einfach. Die Situation der Flüchtlinge auf Lesbos ist bekannt und wurde in den letzten Jahren in den Medien ausführlich dokumentiert und dargestellt. Gewaltsame Entwurzelung ist eine schmerzhafte Erfahrung, aber dieser Schmerz wird durch die entsetzlichen, unmenschlichen, entwürdigenden und schädlichen Lebensbedingungen in den Geflüchtetenlagern noch verschlimmert. Was besonders markant ist, ist die überwältigende Bürokratisierung, das Verfahrenschaos, die Ungereimtheiten und Unsicherheiten, das ständige Warten und Schlangestehen, die labyrinthartigen und psychisch anstrengenden Verfahren, die die Geflüchteten während ihres Aufenthalts in den oben genannten schädlichen Einrichtungen durchlaufen müssen. Diese Widersprüchlichkeit, das Chaos und die Erniedrigung sind meines Erachtens beabsichtigt, eine gut durchdachte Abschreckungspolitik, die darauf abzielt, den Geflüchteten das Leben unerträglich zu machen, indem ihnen ständig Schmerzen zugefügt werden. Auf diese Weise werden die Geflüchteten gezwungen, ihre Asylanträge zurückzuziehen und entweder alternative gefährliche Migrationspfade in andere europäische Länder zu beschreiten oder „freiwillig“ in ihre Herkunftsländer zurückzukehren.

Geschlechtsspezifische Gewalt wird häufig von Schleppernetzwerken ausgeübt. Griechenland ist sicherlich ein gutes Beispiel dafür. Bitte erzählen Sie uns mehr über den Menschenhandel in Griechenland.

Geschlechtsspezifische Gewalt ist eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung, von der LGBTQ+, Frauen und Mädchen besonders stark betroffen sind. In Situationen der Zwangsvertreibung ist das Risiko, geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt zu sein, deutlich höher. Wie ich bereits erwähnt habe, erleben geflüchtete LGBTQ+ Frauen und Mädchen mehrere Formen von Gewalt in ihren Herkunftsländern, während ihrer Reise nach Europa und in den Geflüchtetenlagern. Besonders auffällig ist die Eskalation der sexuellen Gewalt, die an, innerhalb und über Grenzen hinweg ausgeübt wird. Lassen Sie mich das erklären. Ich habe im Laufe der Jahre eine erhebliche Eskalation der Vergewaltigungen an den Grenzen dokumentiert. In dem Maße, wie die Grenzkontrollen, die Sicherung und die Militarisierung der Grenzen zunehmen und sich sogar über das EU-Gebiet hinaus ausdehnen, werden die gefährlichen Reisen riskanter und teurer, während die Geflüchteten noch abhängiger von Schmugglern und Menschenhändlern werden, die ihre Reise nach Europa ermöglichen. Aufgrund dieser überteuerten Reisen verschulden sich die Geflüchteten bei Schleusern und Menschenhändlern, um ihre Reise zu finanzieren und sich einen Platz in einem Auto, Lastwagen oder Boot zu sichern, das sie nach Europa bringt. Diese Situation erzeugt ein asymmetrisches Machtverhältnis und eine Abhängigkeit der Geflüchteten von ihren Schleusern in Form einer Schuld, die eine Verpflichtung nach sich zieht: Sie muss beglichen werden. Ich habe verschiedene Formen dieser Art von Schulden dokumentiert. Eine davon ist die sexuelle Schuld oder Vergewaltigung.

LGBTQ+-Geflüchtete, Frauen und Mädchen, die den Schleuser nicht bezahlen können, werden routinemäßig erpresst, mit Sex zu „handeln“, oder sie werden von Grenzstation zu Grenzstation, vor und nach der Reise, unterwegs und sogar im Boot von ihren Schleusern, Grenzschutzbeamten und anderen Mittelsmännern vergewaltigt, um die Grenze passieren zu dürfen.

Diese Form der Gewalt endet jedoch nicht dort, wo die Grenze überschritten wird. Sexuelle Gewalt ist in Geflüchtetenlagern und Haftanstalten in Griechenland an der Tagesordnung, da die Geflüchteten systematisch einem strukturell schädlichen Umfeld ausgesetzt sind, das solche grausamen Gewalttaten nicht nur zulässt, sondern auch die Voraussetzungen dafür schafft. Es gibt zahlreiche Berichte, die Vergewaltigungen in Geflüchtetenlagern dokumentieren.

Grenzgänger*innen haben einen Konflikt zwischen europäischen Ländern ausgelöst, was beweist, wie unvorbereitet die Europäische Union auf die Unterstützung von Menschen aus Asien und anderen muslimischen Ländern war. Wie hat sich die Religion auf ihren Alltag im so genannten christlich-orthodoxen Griechenland und im katholischen Europa ausgewirkt?

Obwohl es sehr schwierig ist, diese Frage in wenigen Worten zu beantworten, muss ich sagen, dass in all den Jahren, in denen ich Geflüchtete unterstütze und mit ihnen spreche, die Religion nie ein Problem für sie war. Es ist eher das Gegenteil der Fall. Ich meine, dass es die Aufnahmeländer und ein Teil der lokalen Gemeinschaften sind, die Geflüchtete und ihre Religion häufig als Bedrohung und/oder Problem wahrnehmen und sie systematisch unterdrücken. So sind die Geflüchteten beispielsweise gezwungen, ihre religiösen und kulturellen Rituale, Riten und Bräuche an sehr schmutzigen, entwürdigenden und überfüllten Orten zu praktizieren, da es in den Geflüchtetenlagern und Auffanglagern auf dem griechischen Festland und den Inseln keine Gotteshäuser gibt. Ein weiteres Beispiel für die religiöse Unterdrückung, die Geflüchtete erfahren, sind Todesfälle, da die Durchführung einiger kulturell angemessener Bestattungs- und Ritualverfahren nicht gewährleistet werden kann und die Würde und das Andenken der Toten nicht respektiert werden. Die Anthropologin Mary Douglas hat in ihrer Arbeit gezeigt, dass das Fehlen von Todesritualen eine Störung der sozialen Ordnung bedeutet – eine Gefahr, Verschmutzung und Unreinheit, die sich auf die Lebenden und ganze Gemeinschaften überträgt und sie kontaminiert. Daher sind es die Aufnahmegemeinschaften und -länder und der Mangel an Fürsorge, die häufig kulturelle Gewalt ausüben und die Flüchtlingsbevölkerung unterdrücken.

Darüber hinaus nehmen einige EU-Länder im Zuge der Eskalation von Konflikten, Gewalt und Vertreibung eine unverhältnismäßig hohe Zahl von Flüchtlingen auf. In den letzten Jahren erleben wir die Zunahme von Islamophobie, Feindseligkeit, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Lesbos ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass ein Teil der örtlichen Bevölkerung häufig Geflüchtete sowie humanitäre Helfer*innen, Freiwillige und Aktivist*innen angreift und misshandelt. In dieser Hinsicht sind die Geflüchteten staatlicher Gewalt, unmenschlichen Aufnahmebedingungen sowie der Feindseligkeit und alltäglichen Gewalt der normalen Bürger*innen in den Aufnahmegemeinschaften ausgesetzt. Dies liegt daran, dass Geflüchtete oft zu Sündenböcken gemacht werden, die für verschiedene Probleme der Aufnahmegesellschaft verantwortlich gemacht werden (z. B. Arbeitslosigkeit, Kriminalität). Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass wir das Bewusstsein schärfen, damit die lokalen Gemeinschaften verstehen, dass die Probleme, die durch die Migration entstehen, das Ergebnis einer außergewöhnlichen Grenzpolitik sind. Diese Politik führt zu Armut und Elend in der Geflüchtetenbevölkerung, die manchmal zu Kleinkriminalität greift.

Auf jeden Fall ist die Gewalt immer noch da. Es gibt Verbrechen, die von den Geflüchteten selbst ausgehen, aber auch große Verbrechen aus Solidarität. Wie geht ein*e Ethnograf*in damit um, oder ist ein*e Forscher*in wirklich jemals in der Lage, diese Hindernisse zu überwinden?

Wie ich bereits erwähnt habe, hat die extreme Grenzpolitik, die nach der Flüchtlingskrise 2015 in Griechenland und auf Lesbos umgesetzt wurde, einen schädlichen Kontext für Geflüchtete geschaffen. Einerseits sitzen die Geflüchteten fest und warten in Geflüchtetenlagern oder in verschiedenen Unterkünften auf der Insel in der Schwebe, ohne sich vollständig in die Aufnahmegesellschaft integrieren zu können. Sie können nicht offiziell arbeiten, zur Schule oder zur Universität gehen und sind von Bargeldhilfeprogrammen und den verschiedenen auf der Insel tätigen NGOs abhängig. Andererseits sind die Bedingungen in den Geflüchtetenlagern schädlich, erniedrigend, entwürdigend und entsetzlich. Diese Situation zwingt die Geflüchteten in Not und Unsicherheit, indem sie sie, zum Überleben, zu unsäglichen Dingen zwingt, die sie sonst nicht tun würden. So habe ich während meiner Recherchen Fälle von vergewaltigten Frauen dokumentiert, die ungewollt schwanger waren, aber nicht abtreiben konnten, weil sie als schutzbedürftig eingestuft werden mussten, um das Lager verlassen und auf das griechische Festland reisen zu dürfen. Ich dokumentierte auch Fälle von Geflüchteten, die innerhalb und außerhalb des Lagers Überlebenssex praktizierten, Alkohol und Drogen konsumierten oder Kleinkriminalität begingen. Trotz der vorherrschenden Darstellung von Geflüchteten als Kriminelle sollte man bedenken, wie die Steuerung der Migration, die Grenzpolitik selbst, Elend und Armut produziert, indem sie die Geflüchteten in Not und Verzweiflung treibt. Unter diesem Blickwinkel sollten die jüngsten Brandstiftungen, die den Hotspot Moria (bekannt als Moria-Lager) zerstörten, auch als Verzweiflungstaten und Reaktion auf das extreme Leid, das Geflüchteten vom Staat zugefügt wird, betrachtet werden. Sie sollten nicht als kriminelle Handlungen angesehen oder behandelt werden. Was wir jedoch erleben, ist genau das Gegenteil – nämlich die systematische Kriminalisierung von Migration durch die Staaten.

Ähnlich wie bei der Kriminalisierung von Migrant*innen werden auch Menschen, die Geflüchteten helfen und sie unterstützen (z. B. Freiwillige, NGO-Mitarbeiter*innen, Aktivist*innen), vom Staat ins Visier genommen und ebenfalls kriminalisiert. Dieser Prozess wird oft als Kriminalisierung der Solidarität bezeichnet. Im Rahmen dieses Prozesses werden NGO-Mitarbeiter*innen, die an Seenotrettungsaktionen beteiligt sind, vom Staat häufig der Beihilfe beschuldigt und wegen Schleusung angeklagt.

Ich habe selbst Erfahrungen mit dieser Kriminalisierung gemacht, denn als ich als NGO-Mitarbeiterin tätig war, wurde ich auch vom Staat eingeschüchtert und ins Visier genommen. Ich habe öffentlich über diese Erfahrungen gesprochen und sie in meine Analyse einfließen lassen. Meiner Meinung nach sollte eine Ethnografin diese systematischen staatlichen Praktiken erforschen, analysieren und aktiv in Frage stellen, wenn sie sie während des Forschungsprozesses dokumentiert, wenn sie Zeugin davon wird, wie sie sich im Feld entfalten. Ich glaube auch, dass wir als Ethnograph*innen und Sozialwissenschaftler*innen die moralische Verpflichtung und Verantwortung haben, diese Praktiken in Frage zu stellen, da sie Schaden anrichten, vor allem bei den Vertriebenen.

Die Militarisierung der Lager auf Lesbos, nicht nur in Moria, sondern auch in Pagani und Kara Tepe, hat die Utopie Europa bereits in eine Dystopie verwandelt, die einem kafkaesken Labyrinth ähnelt, wie Sie sagen. Gibt es einen Ausweg?

In der Tat ist die Situation, die Geflüchteten derzeit in Europa erleben, dystopisch. Geflüchtete fliehen vor Gewalt und Leid in ihren Heimatländern, um dann in den Geflüchteten- und Auffanglagern in Griechenland und sogar in einigen der wohlhabenderen westlichen Ländern Gewalt und Leid zu erfahren. Meines Erachtens gibt es zwei Möglichkeiten, aus der derzeitigen Situation herauszukommen: den Ansatz der sicheren Durchreise/offenen Grenzen und den Ansatz „No Borders“.

Einerseits wird der Begriff der sicheren Passage häufig von Menschen verwendet, die Geflüchtete unterstützen, sowie von humanitären Organisationen, die sich für die Öffnung legaler Wege durch die EU-Politiker einsetzen, die Flüchtlinge sicher nach Europa führen können. Eine sichere Passage umfasst die Erleichterung des Weges von Geflüchteten in die EU und innerhalb der EU. Darüber hinaus umfasst sie die Bereitstellung von humanitärer Hilfe und einen einfachen Zugang zu Asylverfahren an den Einreisepunkten und entlang der Grenzwege sowie menschenwürdige Aufnahmebedingungen. Sichere Passagen bedeuten vor allem einen alternativen, humaneren Ansatz zur derzeitigen Grenzpolitik.

Der „No Borders“-Ansatz hingegen plädiert für die Abschaffung der Grenzen und Orten der Gefangenschaft. Das Hauptargument ist, dass all die repressiven-, extremen-, militärischen- und Sicherheitsinterventionen an, innerhalb und jenseits der Grenzen, die im Namen von „Krise“, Sicherheit und öffentlicher Ordnung über Zeit und Raum hinweg durchgesetzt wurden, Menschenrechtsverletzungen, Leiden und sogar Tötungen gerechtfertigt, legitimiert und normalisiert haben, indem sie die Dystopie der Grenzen möglich gemacht haben. Insgesamt haben diese außergewöhnlichen Grenzpolitiken und -praktiken – das Grenzregime – eine „dystopische Grenzlandschaft“ hervorgebracht, die dazu dient, den Geflüchteten absichtlich Leid zuzufügen, indem sie ihr Leben unerträglich macht.

Die Kontinuität dieser Interventionen hat das Leid, das Grenzgänger*innen in Grenzzonen, Geflüchtetenlagern und Haftanstalten erfahren, noch verschlimmert, indem sie ihr Leben gefährdet haben, anstatt es zu schützen. Das eigentliche Problem ist also die Grenze. Ein No Borders-Ansatz wendet sich daher gegen diese dystopische Grenzlandschaft. Er plädiert für die Bewegungsfreiheit und die Abschaffung von Grenzen, Kontrollen, Inhaftierungen und Lagern.

Ein Faktor in der Massenpsychologie ist die Isolation der Insel, die zu dem Muster der „Gefängnisinsel“ führt. Ist Lesbos tatsächlich ein postmodernes Gefängnis?

Ich verwende die Theorie der Massenpsychologie in meiner Arbeit nicht, und ich sehe gewaltsam vertriebene Menschen, die in Geflüchtetenlagern und Internierungslagern unter entwürdigenden Bedingungen gehalten werden, nicht als „Masse“ oder „Mob“.

Geflüchtete werden in den offiziellen Diskursen systematisch als „Mob“ oder „Horden“, „Zahlen“ und „Ströme“ (falsch) dargestellt, aber dies sind viktimisierende und entmenschlichende Begriffe.

Auch innerhalb des Geflüchtetenlagers werden die Geflüchteten entpersonalisiert und zu einer gesichtslosen Masse dehumanisiert. Im Gegensatz zu dieser entmenschlichenden Darstellung stelle ich in meiner Arbeit die Vertretung der Geflüchteten, die gelebten Erfahrungen, die Autonomie und vor allem die vielfältigen Formen des Widerstands der Geflüchteten in den Vordergrund.

Darüber hinaus hat die Verwendung von Inseln als Gefängnisse, als Orte des Einsperrens und als Filtermechanismen oder Kontrolle der Bewegung von Geflüchteten im Namen der öffentlichen Ordnung und der sozialen Kontrolle eine sehr lange Geschichte. Die feministische Geografin Alison Mountz hat ausführlich aufgezeigt, wie Inseln buchstäblich, metaphorisch und routinemäßig zu einer „Architektur oder einem Archipel der Ausgrenzung“ instrumentalisiert wurden, in dem Menschen systematisch „der Zugang zu Rechten, Betreuung und internationalem Schutz verweigert, ausgeschlossen oder auf ein Minimum reduziert wird“.

In Griechenland haben Inseln eine lange Geschichte in ihrer Funktion als räumliche und zeitliche Beschränkung, da einige von ihnen in der Vergangenheit als Gefängnisinseln genutzt wurden – d. h. als Zonen der Quarantäne und Isolation, der Vertreibung und des Einsperrens von unerwünschten Personen; Leprakranke (Insel Spinalonga auf Kreta), psychisch Erkrankte (Insel Leros) und Linke im Exil der Diktatur von Oberst Ioannis Metaxas von 1936 bis 1941 (Inseln Gavdos, Anafi, Karpathos, Leros und Lesvos). Einige dieser Inseln wurden auch während der Diktatur, zwischen 1967 und 1974, als Gefängnisse genutzt. In der Vergangenheit wurden die Inseln zur Isolierung und Eingrenzung von Personen genutzt, die als gefährlich galten, weil sie die Bevölkerung mit ihren Krankheiten oder politischen Überzeugungen „verunreinigten“ oder „vergifteten“. Seit dem Schengener Abkommen von 1985 – als das Projekt der Festung Europa schrittweise verwirklicht, gestärkt und ausgeweitet wurde – werden die griechischen Inseln jedoch systematisch als Offshore-Räume der Grenzkontrolle, der Verwaltung, der Isolation, der Zerstreuung, der Eindämmung und der Abschiebung von „Unerwünschten“ eingesetzt. Daher ist Lesbos meiner Meinung nach kein postmodernes Gefängnis. Als ich also die Metapher von Lesbos als Gefängnisinsel verwendete, hatte ich in gewisser Weise die bereits erwähnte Verwendung von Inseln im Laufe der Geschichte im Sinn.

Ihre Doktorarbeit ist theoretisch und praktisch eine großartige Feldarbeit. Sie haben einen soliden Hintergrund in Soziologie und eine Ausbildung als Anthropologin in wichtigen griechischen Institutionen absolviert, bevor Sie für Ihre Doktorarbeit nach Großbritannien kamen. Was sind Ihre zukünftigen Pläne für die Forschung im Bereich der Sozialpolitik?

Ich führe derzeit eine ethnografische Postdoc-Forschung über Gewalt, Verletzlichkeit und die Lebenserfahrungen von Geflüchteten in griechischen Geflüchtetenlagern durch. Außerdem bin ich ein Mitglied der „Border Criminologies“ an der Universität Oxford, einem internationalen Netzwerk von Forscher*innen, Ärzt*innen und Personen, die Grenzkontrollen erlebt haben. Zurzeit entwickle ich mit Border Criminologies ein kurzes Video, in dem ich von den Erfahrungen in den Internierungsanstalten erzähle und Fotos und Zeichnungen von Geflüchteten einbeziehe. In den kommenden Jahren möchte ich mehr Feldforschung zu den Erfahrungen von Geflüchteten, Migration und Grenzgewalt betreiben. Darüber hinaus möchte ich meine Forschungsergebnisse einem akademischen und nicht-akademischen Publikum zugänglich machen und natürlich mehr Studierenden über Zwangsmigration und Grenzgewalt unterrichten.

Weitere Informationen zu Border Criminologies an der Universität Oxford finden Sie HIER.

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Tillmann Iwersen vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!

Der Originalartikel kann hier besucht werden