Einige Jahrzehnte war der Name Libyen unausweichlich mit dem seines Anführer Muammar Gaddafi verbunden. Gestützt auf die immensen Ölvorkommen des Landes entwickelte das libysche Staatsoberhaupt eine vielgestaltige Einflussnahme auf die internationale Szene: Versuch des Zusammenschlusses mit einigen seiner arabischen Nachbarn, Unterstützung diverser terroristischer Gruppen auf allen Kontinenten, Finanzierung zahlreicher Projekte in Afrika usw. Seine Beziehungen zum Westen waren wechselhaft aber oft auch angespannt, denn über das Land war über Jahrzehnte ein Embargo verhängt, bevor es schließlich aufgehoben wurde.

Das libysche Regime stürzte jedoch 2011, nachdem Gaddafi das Land 42 Jahre regiert hatte.

Um diese bewegte Geschichte besser verstehen zu können, spricht Pressenza mit dem freien Journalisten Vincent Hugeux, einem bekannten Reporter, der von 1990 bis 2020 im internationalen Einsatz für die Zeitung L’Express war, einem Afrikakenner und Autor einer Biographie des libyschen Machthabers, deren Taschenbuchausgabe im vergangenen März bei Tempus/Perrin erschienen ist.

Interview mit Vincent Hugeux von Olivier Flumian

Sie haben mehrere Reportagen über Libyen und ein Buch über den Anführer des Landes geschrieben. In welchen Verhältnissen fanden Sie das Land bei Ihrer ersten Begegnung vor und wie haben sie es dann kennen und verstehen gelernt?

Aus meinem Willen heraus, „über den Tellerrand zu schauen“ sowie durch meine bevorzugten Betätigungsfelder Afrika und Naher Osten, zog es mich schon immer stark zu Ländern hin, in denen ausländische Journalisten nicht willkommen sind. Und auch zu Gesellschaften, in denen sich das Leben oder Überleben im Schatten eines autoritären oder sogar tyrannischen Regimes abspielt. Umso mehr, als die Macht in diesem Fall von einer außergewöhnlichen Persönlichkeit mit romanesken bis hin zu exzessiven Zügen ausgeübt wurde. Damit enthielt das Libyen unter Gaddafi alle Elemente dieser Maßgabe. Für den L’Express habe ich etliche Reportagen über dieses einmalige Land geliefert, und zwar vor, während und nach dem Fall des verstorbenen „Anführers“.

Für einen Journalisten, der nicht als „Freund des Hauses“ galt, führte die Erteilung eines Visums zu einem Marathon mit unsicherem Ausgang. Zuständig für die Visa war das das Volksamt – so der Name der libyschen Botschaft in Paris, die von der Großen Sozialistischen Libysch-Arabische Volks-Dschamahirija – der offizielle Name Libyens unter Gaddafi – umbenannt worden war. Andererseits war es jedoch relativ einfach, die harte Nuss der Visaerteilung dann zu knacken, wenn internationale Konferenzen oder Gipfeltreffen der Afrikanischen Union stattfanden – entweder in der Hauptstadt Tripoli oder in Sirte, der Hochburg des „hitzköpfigen Generals“ – ein unverwüstliches journalistisches Klischee. Vor Ort dann beantragte ich dann mit unterschiedlichem Erfolg die Verlängerung meines ursprünglichen Visums. In den Wirren der Niederschlagung des Aufstands von Bengasi, dem Schauplatz der libyschen Version des berühmten „Arabischen Frühlings“, der sich eine Intervention durch das Staatentrio USA, Frankreich und Großbritannien anschloss, konnte man auf das libysche Staatsgebiet entweder über Ägypten oder Tunesien gelangen. Nebenbei gesagt konnte ich über den Fall von Tripolis dank eines Passierscheins berichten, der mir von Seif al-Islam Gaddafi, dem jüngsten Sohn und mutmaßlichen Thronfolger des Machthabers ausgestellt wurde, und der mir 2004 in seiner luxuriösen maurischen Bonbonniere von Haus am Rande der Hauptstadt eine lange Audienz gab. Und als es darum ging, die aufständische Hafenstadt Misrata durch die Belagerung durch die „regulären“ Truppen wieder auf Linie zu bringen, ging ich in Bengasi an Bord eines langsamen Frachters: 42 Stunden auf See – eine für jedes Jahr der Herrschaft Gaddafis – um sicher ans Ziel zu kommen. Um die regionalen Verhältnisse besser erfassen und tiefer ins Innere der „libyschen Seele“ gelangen zu können, achtete ich darauf, meinem üblichen Vorgehen zu folgen: die Hauptstadt verlassen, den offiziellen „Übersetzern“ entwischen, Wohnviertel aufzusuchen, die gewöhnlich übersehen werden und das alles in Begleitung von Libyern, die ich während meiner Aufenthalte kennengelernt hatte und denen ich voll vertrauen konnte.

Muammar Gaddafi hat immer behauptet, in einem Beduinenzelt geboren worden zu sein. Wo lagen seine familiären und sozialen Wurzeln?

Nach seiner offiziellen Darstellung sei er wohl sogar unter in einem Zelt aus Ziegenhaut zur Welt gekommen. Seine „Beduinität“ ist unbestritten, ebenso wie die bescheidenen Verhältnisse, aus denen er stammt. Durch die Recherche und den Abgleich verschiedener Quellen – Archive, Zeugen, Familie – konnte ich feststellen, dass der kleine Muammar allem Anschein nach im Frühjahr 1942 in einem Nomadenlager in der Nähe der Oase von Wadi Jarif, etwa dreißig Kilometer südlich von Sirte geboren wurde. Selbst wenn über seine Abstammung noch Zweifel bestehen, war sein Vater Mohammed Ahmed Abou Minyiar ein Hirte aus einem untergeordneten arabisch-berberischen Stamm, den Guedadfa. Seine Mutter hieß Aicha Ben Niran. Die Eltern hatten drei Töchter. Muammar, der Spätgeborene, wird der einzige überlebende männliche Erbe sein. Drei ältere Brüder verstarben nach Krankheit. Das Familienoberhaupt war auf der ständigen Suche nach Weideflächen monatelang abwesend und der überlebende Junge wuchs in einem Frauenhaushalt auf – mit seiner Mutter, seinen drei älteren Schwestern und einer Tante. Seine Kindheit war karg – er wachte über eine kleine Ziegenherde und half bei Feldarbeiten. Sehr bald jedoch hob sich der junge Hirte von den anderen ab. Sein wacher Geist und seine Wissbegierde veranlassten seinen Vater, ihn einem Faqi, einem reisenden Religionslehrer anzuvertrauen und ihn dann auf eine Koranschule in Sirte zu schicken. Dort ernährte sich Muammar von getrockneten Datteln und schlief in einer Moschee. Er, der arme Beduine mit dem derben Dialekt litt nun unter der Überheblichkeit seiner Mitschüler, die den Eliten aus der Küstenregion entstammten. Als Jugendlicher lebt er dann bei einem Onkel im weiter südlich gelegenen Sebha.

– geopolitische Situation des Landes dar?

Meditativ und träge, mehr an seiner Lektüre und an seiner jährlichen Thermalkur interessiert als an den Staatsangelegenheiten, erfuhr König Idriss eine zunehmende Ablehnung durch sein Volk. Umso mehr, als er in den Augen der libyschen Patrioten als eine Marionette der Amerikaner und Briten galt. Diese verfügten übrigens im Königreich über beeindruckende Militärstützpunkte. Libyen war erst unter dem ottomanischen Joch und dann unter Mussolini geknechtet. Muammar Gaddafi ist erst einige Monate alt, als die zweite Schlacht von El-Alamein beginnt, in der sich zwei legendäre Strategen gegenüberstehen: der Brite Montgomery und der Deutsche Rommel. Seit einem Jahr teilen sich Paris und London das frühere koloniale Juwel des italienischen Königs Victor-Emmanuel III. Er ist sieben Jahre alt, als die Generalversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution verabschiedet, nach der der „vereinte, unabhängige und souveräne“ Staat Libyen bis zum 1. Januar 1952 die Taufe seiner Unabhängigkeit erhalten muss. Die Lehrjahre des jungen Beduinen fanden also in einem versklavten Land statt, das in Einflussgebiete unterteilt war: die Briten um die Gegend um Tripolis und die Region Kyrenaika und die Franzosen das karge Fezzan – drei Mal so groß wie Frankreich und von kaum mehr als zwei Millionen Menschen bewohnt, gegenüber sechs Millionen heute. Mit seiner Entdeckung 1955 und seiner Förderung ab 1959, katapultiert das Erscheinen von „König Erdöl“, auf diesem Schauplatz Libyen in eine nie dagewesene Modernität. Jedoch profitiert dabei lediglich vor allem eine Klasse von Neureichen, während der ärmeren Bevölkerung nichts davon zugutekommt. Und so kann Gaddafi, der seit 1963 die Militärakademie in Bengasi besucht und den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser verehrt, sechs Jahre später an der Spitze einer Gruppe von aufständischen Unteroffizieren die Macht wie eine reife Frucht ernten. Niemand ist gewillt für einen Monarchen zu sterben, der im Moment der Machtergreifung auf einer Thermalkur zwischen Griechenland und der Türkei weilt.

Muammar Gaddafi und eine Gruppe von Offizieren haben 1969 durch einen Staatsstreich die Macht übernommen. In welchem Kontext fand dieser Staatsstreich statt?

Ein Souverän, der kaum herrscht und regiert. Ein Hof voller Intriganten. Eine unrechtsmäßige Monarchie am Ende ihrer Macht. Westliche „Paten“, denen vor allem die Verheißungen des schwarzen Goldes und der Erhalt ihres militärischen Einflusses am Herzen lagen. All das lief darauf hinaus, den Weg frei zu machen für eine Gruppe graduierter Nasseristen, deren Anführer eine begeisterte und charismatische Persönlichkeit war. Gaddafi hat systematisch sein Netz gespannt, das Land mit seinem VW Käfer bereist, hier die erloschene Glut neu entfacht, da Waffen- und Munitionslager angelegt. Natürlich blieben die Aktivitäten dieser idealistischen Revolutionäre den Geheimdiensten des Königreichs nicht verborgen. Doch nahm man sie nicht ernst genug, unterschätzte sowohl ihre Entschlossenheit wie auch den Reifegrad ihres Projekts. Als sich die Vorkommnisse überall im Land zu einem beunruhigenden Ganzen verbinden, ist es bereits zu spät. In zwei Anläufen fegt der Putsch die alte Ordnung in der Nacht vom 31. August zum 1. September 1969 ohne Blutvergießen hinweg.

Gaddafi war für sein „Grünes Buch“ berühmt, das die „Dritte Universaltheorie“ darstellte. Diese sollte den Gegensatz zwischen Kapitalismus und Kommunismus überwinden. Wie war Gaddafis Blick auf die Welt?

Der Unteroffizier Muammar Gaddafi schien vor allem ein revolutionärer Nationalist zu sein, der von sozialistischen und panarabischen Idealen verführt worden war. Er eiferte ausdrücklich und mit großer Leidenschaft seinem Idol Nasser nach. Und dennoch – auch wenn sein dogmatischer Eifer die traditionellen Ulemas (islamische Rechtsgelehrte, a.d.Ü.) verletzte, verleugnete er doch niemals seine muslimische Identität. Sehr bald fühlte sich Gaddafi in seinem libyschen „Sandsack“ eingeengt. Sein Traum ist es, die Nationen der Umma zu gründen – eine arabische Gemeinschaft in einem Schmelztiegel und ihn verärgert die schwache Haltung seiner Amtskollegen, die sein bewusst aggressiver Aktivismus und sein Sarkasmus beunruhigt oder abstößt. In der Theorie zeigen seine politischen und gesellschaftlichen Überzeugungen ein machbares Modell auf allen Ebenen auf. Dort zeigt sich auch der „universelle“ Anspruch dieser „dritten Theorie“, die tatsächlich zum Ziel hat, den vergeblichen Kampf zwischen dem Kapitalismus, dessen Fehler, imperialistische Auswüchse und Ungerechtigkeiten er ablehnt und dem Marxismus, den er angesichts seiner materialistischen Ausrichtung und seiner Ablehnung von Religion missbilligt, zu überwinden. Unter dieser Maßgabe werden in seinen Augen die USA zum Hauptfeind. Und zwar so sehr, dass diese im Frühjahr 1986 unter Ronald Reagan vergeblich versuchen, ihn zu liquidieren. Im Nachhinein erweist sich das Grüne Buch, das auf drei schmale Bände zusammengeschrumpft und auf der ganzen Welt auf Kolloquien und Konferenzen verbreitet wurde, als ein schlichtes, konfuses und hochtrabendes Brevier, das Binsenweisheiten, plakative Vorstellungen und verwirrende Verkürzungen miteinander vermengt.

1977 führt Gaddafi ein neues Regime ein: „Das Sozialistische Libysch-Arabische Volks-Dschamahirija“. Welche Realität wurde mit diesem Begriff verdeckt?

Der Begriff Dschamahirija ist eine Wortschöpfung, die die Definitionen von Republik (Jumhouria auf Arabisch) und Menschenmenge miteinander verknüpft. Man kann es also als eine Republik der Massen oder einem Staat der Massen übersetzen. Er stützt sich auf einen dreifachen Verdruss: das schmähliche Scheitern der Durchsetzung des Panarabismus durch den General; die Unfähigkeit der Arabischen Sozialistischen Union – der von ihm verehrten Partei, die in dem Bestreben, ihre Basis zu vergrößern, von bürokratischen Auswüchsen gelähmt ist und schließlich der Zwist, der den Conseil de Commandement de la Révolution (CCR), dem exekutiven Kernstück seines Regimes zu zerreißen droht. Die Gründungsschrift der Dschamahirija beschreibt in wenigen Worten, dass auf allen Ebenen die Macht vom Volk ausgeht und zu ihm zurückkehrt. Nebenbei stellt man fest, dass Gaddafi immer die Bezeichnung „Präsident“ oder „Staatschef“ abgelehnt hat und stattdessen die Bezeichnung „Anführer“ bevorzugt und dass er mehrfach seinen Rückzug in Szene gesetzt hat – so theatralisch wie auch fiktiv. Es entstanden also in einer Atmosphäre ähnlich der während der chinesischen Kulturrevolution, tausende „Volkskomitees“, die sich mit Eifer an Säuberungen und Vernichtung machten. Hinweg mit den „Abweichlern“ und den „Korrumpierten“, den Bürgerlichen, pro-westlichen Agenten, Islamisten der Glaubensgemeinschaft der Moslembrüder, Marxisten… Die Regierung? Aufgelöst. Die Minister? Ersetzt durch „Kommissare“. Die Botschaften? Bekanntermaßen in „Volksämter“ umgewandelt.

Im Laufe der Jahre zerbröckelt das System und es ist zu erkennen, was es wirklich ist: Zahllose leere Hülsen. Ich erinnere mich an die Verwirrung, die ich Ende der 90er Jahre hervorrief, als ich während einer Reportage gefragt habe, ob ich an einer Arbeitssitzung einer „Volksversammlung“ teilnehmen dürfte, die offenbar eines der Viertel von Tripoli regierte. Und das zu Recht, denn die besagte Versammlung war schon seit ewigen Zeiten nicht mehr zusammengekommen. Faktisch hat Gaddafi die Führung niemals aus der Hand gegeben. Er gab vor, nichts mit den täglichen Aufgaben zu tun haben zu wollen, die er an seine Untergebenen delegiert hatte, behielt jedoch über alles die Entscheidungsgewalt.

Das Libyen Gaddafis vom Aufstieg 1969 bis zum Fall 2011 – Teil 2

Die Übersetzung aus dem Französischen wurde von Silvia Sander vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!