Im Name der Mutter: Auseinandersetzung um die Namensgebung in Zentralasien

02.05.2021 - openDemocracy

Dieser Artikel ist auch auf Englisch verfügbar.

Im Name der Mutter: Auseinandersetzung um die Namensgebung in Zentralasien
Irra Belfer, Altyn Kapalova (Bild von Personal archive)

Aktivist*innen in Kasachstan und Kirgistan streiten darum, welchen Geburtsnamen ihre Kinder bekommen: den Namen des Vaters oder der Mutter.

Die Namensgebung in Frage zu stellen, ist keine leichte Aufgabe, aber Aktivist*innen in Zentralasien, insbesondere Frauen und LGBTQI+ trotzen der Identitätszuschreibung, die mit der herkömmlichen Namensgebung verbunden sind.

Eine dieser Traditionen ist, dass ein Neugeborenes automatisch den Vatersnamen bekommt – was man herkömmlich als Patronym bezeichnet. Vatersnamen zu geben ist in vielen Kulturen üblich, in Zentralasien ist es jedoch per Gesetz untersagt, Kindern den Namen der Mutter zu geben.

Einige kritische Fälle im Bereich der Namensgebung, insbesondere in Verbindung mit der Genderdiskussion lösen eine neue Welle feministischer Debatten in Zentralasien aus. Ein aktuelles Beispiel, das in den sozialen Medien für reichlich Wirbel sorgte, war der Rechtsstreit zwischen Kirgistans Justizminister und Altyn Kapalova, einer Kunstkuratorin und Aktivistin aus der Hauptstadt Bishkek.

Im Jahr 2019 kuratierte Kapalova die Kunstausstellung ‘Feminnale’ in Bishkek, ein mutiges Zeugnis für Frauenrechte in Zentralasien. Sie wurde von der kirgisischen Regierung zensiert. Jetzt befindet sich Kapalova im Zentrum einer juristischen Schlacht. Ende 2020 beantragte Kapalova beim lokalen Standesamt den Namen ihrer Söhne und der Tochter statt des Vatersnamens entsprechend ‘Altynovich’ and ‘Altynovna’ umzubenennen.

Der Antrag auf Umbenennung mit dem Muttersnamen löste eine heftige öffentliche Reaktion seitens der Regierung aus: die kirgisische Verfassung erlaube ausschließlich den Vatersnamen. Obwohl Kazanovas Antrag von ihrem örtlichen Standesamt bewilligt wurde, wurde sie zur Zielscheibe von Schikanen und Untersuchungen durch den Staat, nachdem die Geschichte in den sozialen Medien kursierte.

In Kirgistan verfolgen die Polizei und nationalistische Gruppen in zunehmenden Maß organisierten Feminismus und verjagen die Frauen von der Straße.

Nachdem führende Regierungsvertreter aus dem Umfeld des Justizministeriums massiv Druck auf das Standesamt ausgeübt hatten, kontaktierte diese Kapalova und forderte sie auf, ihren Entschluss zu ändern. Kapalova weigerte sich und entschloss sich, ihren Fall vor das Verfassungsgericht, das höchste Gericht in Kirgistan zu bringen. “Es gab eine Zeit, wo ich aufgeben wollte. Ich wollte, dass sie aufhörten unablässig Druck auf mich auszuüben“ sagte sie. „Aber jetzt geht es um Frauenrechte in Kirgistan”.

Kapalova sagte, dass die harsche Reaktion der Regierung ihr klar gemacht habe, dass das Problem weit über ihren persönlichen Fall hinaus reichte – deshalb will sie das Gesetz ändern lassen, indem sie das Verfassungsgericht anruft.

Kapalova sagte, sie sei nicht die erste in der Region, die das Patronym ändern wollt und sie kenne auch andere in Osh im Süden Kirgistans, die ihren Kinder den Mutternamen geben wollten, aber das sei nicht möglich. Sie hat Recht, ähnliche Fälle gibt es in ganz Zentralasien.

Muttersnamen sind auch in Kazakhstan illegal

In Kazakhstan, hat Irra Belfer – eine Aktivistin für reproduktive Rechte von Frauen und Rechte von Behinderten – im Vorstand mehrerer NGOs im Land – kürzlich eine Petition an die Regierung gerichtet, ihren eigenen Namen statt des Patronyms in den Muttersnamen zu verändern.

“Ich kann nicht nachvollziehen, warum ich den Namen von Jemandem tragen sollte, der in meinem Leben und meiner Entwicklung keine nennenswerte Rolle gespielt hat” sagte Belfer.

“Als ich auf das Standesamt ging, um meinen Namen zu ändern, sagte mir die Frau am Schalter, dass es unmöglich sei, den Muttersnamen zu bekommen”, sagte sie. „Deshalb schrieb ich an den Justizminister.”

Belfer erhielt einen zweideutigen Brief von Kasachstans Justizminister (analog des Briefes, den Kapalova erhalten hatte). In dem Schreiben hieß es, dass zwar beide Eltern oder Erziehungsberechtigten eines Kindes das Recht haben, zu entscheiden, ob sie ihrem Kind einen Vatersnamen geben wollen oder nicht, dass es aber kein Gesetz gibt, dass Kinder einen Vatersnamen erhalten.

Kapalova und Belfer sind nur zwei Frauen unter vielen, die an die patriarchalischen Grenzen der Kultur- und Sprachpolitik gebunden sind, die vom Staat errichtet und aufrechterhalten wurden.

Während die Namensänderung in beiden Ländern ein langwieriger bürokratischer Prozess ist (der oft durch informelle Wege der Bestechung und Gefälligkeiten beschleunigt werden kann), scheint gegenderte Namengebung in Stein gemeißelt zu sein.

Geschlechtsspezifische Namenskonventionen

Eine Untersuchung über gesetzliche Bestimmungen zur Namensgebung in verschiedenen Ländern, die in direktem oder indirektem Bezug zu Transpersonen standen, fand heraus, dass eine Transperson in Kirgistan ihren Namen ändern kann, vorausgesetzt die Änderung passt zu ihrem ursprünglichen Geschlechtsmerkmal.

Das Familiengesetz, das Heirat und Besitz zwischen den Partner*innen regelt, hielt früher fest, dass „Änderungen und Ergänzungen in den Personenstandsregistern vorgenommen werden, wenn eine Änderung des Vornamens, des Vatersnamens und des Familiennamens aufgrund einer Änderung des Geschlechts (bei Zwittern) erforderlich ist, und zwar auf Grund einer Erklärung der medizinischen Einrichtung, die die Geschlechtsänderung vorgenommen hat.“ Diese Bestimmung wurde im August letzten Jahres geändert, was einen Einblick gibt, wie problematisch das Rechtssystem in Kirgistan geworden ist.

Namensveränderungen sind anscheinend nur mehr möglich, wenn sie einer heteronormativen patriarchalen Norm entsprechen.

2018 hat Victoria Rai, eine Transgenderfrau aus Almaty/Kasachstan eine Klage gegen die größte Bank des Landes eingereicht, weil der Kassierer ihr aufgrund ihres „weiblichen Aussehens“ nicht erlaubte, Geld abzuheben. Rai war immer noch „männlich“ in ihren Papieren, weil sie ihre Identität in ihren Papieren nicht ändern konnte ohne medizinische Bescheinigung als Beleg für eine Geschlechtsumwandlung.

Namensveränderung ist nur möglich, wenn sie heteronormativen patriarchalen Normen entsprechen. Dieselbe patriarchale Logik findet sich in der Antwort, die Belfer vom Kasachischen Justizminister bekommen hat. Das kasachische Familiengesetz enthält ein „Recht“ auf einen Namen (Vornamen, Vatersname, Nachname) und eine „Recht“ zur Namensänderung, aber der Familienname kann nur der des Vaters, nicht der der Mutter sein.

In Kazakhstan, haben Transgender Personen das Recht zur Geschlechtsumwandlung – aber keine weiteren Rechte.

Für Kazanovas Fall in Kirgistan gab es großen öffentlichen Zuspruch. Jedoch drückten auch Einige ihre Bedenken aus, wie wohl Kinder mit Muttersnamen zurechtkämen und bezeichneten die Änderung als einen selbstsüchtigen Akt, der den Kindern später Probleme bereiten würde. „Sie (Kapalova) hat nicht bedacht, wie dies ihre Kinder später zu Außenseitern abstempeln wird“, meinte ein Social-Media User.

Aber Kapalova erklärte, dass sie den Entschluss zur Petition nach einem Gespräch mit ihrem Sohn getroffen habe. In der Tat war ihr Sohn so frustriert von seinem Vatersnamen, dass er den Nachnamen seiner Mutter auf sein Sport T-Shirt gedruckt hatte. „Mein Sohn war unglücklich darüber, dass er den Namen eines Mannes trug, den er gar nicht kannte. Für meine Kinder gehört mein Namen zu ihrem Selbstverständnis“, erzählte sie OpenDemocracy

Kapalova’s Kinder hatten ihre Mutter wiederholt gefragt, warum sie nicht ihren Nachnamen haben könnten und warum sie mit Vätern, die sie nicht kannten assoziiert werden mussten. Der Fall ist immer noch nicht gelöst und die Entscheidung wurde am 20.April zum vierten Mal verschoben.

All diese Fälle stehen für die Erfahrungen zahlreicher Frauen in Zentralasien und belegen einen eindeutigen Trend. Warum werden diese Frauen durch ihre eigene Regierung verfolgt dafür, dass sie lediglich Anerkennung wollen, wo sie nötig ist? Kapalova zieht ihre Kinder allein auf; der Vater von Belfer war bei ihrer Erziehung nicht anwesend.

Für diese Frauen bedeutet das Tragen des Namens des Vaters eine Löschung sowohl ihres Erbes als auch das ihrer Mütter.

Der Beitrag von Alexa Kurmanova erschien unter dem Titel „In the name of the mother: the fight over naming politics in Central Asia“ auf openDemocracy.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Heidi Meinzolt vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!

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Kategorien: Asien, Gender und Feminismen, Menschenrechte
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