Silvia Federici: Wir brauchen einen gesellschaftlichen Wandel

31.07.2020 - Lateinamerika Nachrichten

Silvia Federici: Wir brauchen einen gesellschaftlichen Wandel
(Bild von npla.de)

Die COVID-19-Pandemie hat viele Diskussionen über mögliche Wege aus der Krise angestoßen. Viele wünschen sich eine „Rückkehr zur Normalität“, eine Rückkehr zum wachstumsorientierten Wirtschaftsmodell, ohne dabei die Schwächen dieses Systems zu hinterfragen. Andere, radikalere Ansichten fordern dagegen das Ende des „patriarchalen Kapitalismus“.

Im Rahmen eines Forschungsprojekts über Postwachstums-Gesellschaften erklärt die marxistische Theoretikerin und Feministin Silvia Federici in einem Webinar ihre Ansichten und Ideen zur aktuellen Situation. Das Projekt wurde vom Forschungszentrum für Entwicklung und soziale Transformation der Elisabeth-Bruyere-Schule für soziale Innovation an der Universität Saint Paul in Ottawa (Kanada) organisiert. Die Nachrichtenplattform Colombia Informa veröffentlichte eine spanische Übersetzung des Seminars, das sich mit neuen Formen einer Gesellschaft jenseits von Wachstum, Kapitalismus, Kolonialismus und dem Patriarchat beschäftigt. Soziale Reproduktion, das Gemeinwohl und die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt waren Themen im Gespräch mit einer der wichtigsten kritischen Philosophinnen unserer Zeit.

Silvia Federici, emeritierte Professorin der Hofstra University im Bundesstaat New York, war in den 1970er Jahren Mitbegründerin des International Feminist Collective und Aktivistin der „Lohn für Hausarbeit“-Kampagne, ein Thema, das bis heute nicht an Aktualität verloren hat und sich in dem aktuellen Kampf gegen die Ignoranz gegenüber der von Frauen geleisteten Arbeit widerspiegelt. Federici schrieb zahlreiche Bücher wie Aufstand aus der Küche: Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution (2012), Caliban und die Hexe (2014), Die Welt wieder verzaubern. Feminismus, Marxismus und Commons (2018) und Jenseits unserer Haut. Körper als umkämpfter Ort im Kapitalismus (2020).

Schule für soziale Innovation: In Ihren letzten Büchern Die Welt wieder verzaubern und Jenseits unserer Haut sprachen Sie über das Thema „Postkapitalismus“ im Hinblick auf die gesellschaftliche Reproduktion. Können Sie uns erläutern, was Postkapitalismus bedeutet?

Silvia Federici: Ich denke es ist wichtig, die Frage in den richtigen Kontext zu stellen und zu definieren, welche Art von Veränderung wir brauchen. Ich hoffe, dass die aktuelle Krise, die Pandemie, eine historische Chance bietet, einen Moment der Erkenntnis. Durch die heutigen sozialen Strukturen wird das menschliche Leben systematisch entwertet, entwürdigt. Das führt zu einem endlosen Teufelskreis. Doch die momentane Krise ist global und wirkt sich daher auf alle Bereiche des Lebens aus. Hoffentlich haben wir nun einen Wendepunkt erreicht, denn wir sind an einem Moment angekommen, der es uns nicht mehr erlaubt, zur früheren Normalität zurückzukehren. Dies ist ein kritischer Augenblick für alle Menschen weltweit. Covid-19 hat die Krisen, die bereits seit langem existieren, nun ans Tageslicht gebracht, und das ist wichtig. Die zahlreichen Probleme, die sich immer weiter zuspitzen, sind nun sichtbar geworden, beispielsweise die Krise unseres Gesellschaftssystems.

Die verschiedenen Krisenfaktoren greifen ineinander

In den letzten 30 Jahren haben Gesundheitsversorgung und Hygiene die Bevölkerung systematisch in verschiedene Klassen unterteilt. Zwar hat diese Politik überall auf der Welt unterschiedliche Formen angenommen, jedoch überall zu einer Aushöhlung des Sozialsystems geführt. In den USA zum Beispiel ist es besonders die rassifizierte und schwarze Bevölkerung, die überproportional vom Abbau und von der Privatisierung des Gesundheitswesens betroffen ist.

Gleichzeitig haben wir mit der Intensivierung der Agrarindustrie und der Ausbreitung von Monokulturen in den vergangenen 30 Jahren eine systematische Schädigung der Landwirtschaft erlebt, die sich unmittelbar auf die Nahrungsmittelproduktion, den wichtigsten Reproduktionsbereich für das Leben überhaupt, ausgewirkt hat. Durch den Einsatz von Chemie und genveränderten Samen wurde die Nahrungsmittelproduktion an die Ansprüche der Industrie angepasst – mit direkten Folgen für unsere Körper, unser Immunsystem, unser soziales Miteinander und unsere Fortpflanzungsfähigkeit.

Wir müssen verstehen, dass die verschiedenen Krisenfaktoren zusammenhängen. Nur so können wir verstehen, warum so viele Menschen durch Maschinen ersetzt werden und arbeitslos sind, während andere mehr arbeiten müssen als je zuvor. Wir haben also einerseits Arbeitslosigkeit und andererseits die Not, immer mehr zu arbeiten. Insbesondere Frauen sind von dieser Entwicklung stark betroffen. Heutzutage möchten sich die Frauen durch Arbeit emanzipieren und unabhängig sein. Faktisch müssen sie jedoch oft zwei oder drei Jobs gleichzeitig haben, um zumindest einen gewissen Grad an wirtschaftlicher Selbstbestimmung zu erlangen. Ein Job allein ist da nicht ausreichend. Hier zeigt sich ein grundlegender Widerspruch zwischen Reproduktionsarbeit im familiären Bereich und Lohnarbeit. Und das wirkt sich besonders auf die Kinder sowie die ältere Bevölkerung aus.

Wir brauchen einen strukturellen Wandel

Wahrscheinlich haben viele bereits auf die eine oder andere Weise die Folgen dieses sozialen Widerspruchs zu spüren bekommen und beginnen nun zu verstehen, dass wir einen strukturellen Wandel brauchen. Dabei müssen wir unsere gesellschaftlichen Strukturen und die soziale Reproduktion grundlegend verändern. Denn der Kapitalismus basiert auf einer Logik, die das menschliche Leben ausnutzt und als oberste Ziel verfolgt, das Kapital zu vergrößern. Ich möchte hier nicht weiter in die Tiefe gehen, denn ich denke, diesen Aspekt der Krise kennen Sie alle zu Genüge, und die Auswirkungen haben wir alle in gewissem Umfang zu spüren bekommen. Was genau ist also das Neue an der heutigen Situation?

Uns ist bewusst, dass unser Leben in Gefahr ist. Wir brauchen einen strukturellen Wandel. Einen gesellschaftlichen Wandel, der mit einer Neustrukturierung der sozialen Reproduktion beginnen muss, denn die grundsätzliche Logik des Kapitalismus basiert auf der Entwertung des menschlichen Lebens und seiner Subsumierung unter die Akkumulation des Kapitals.

Das heutige Wirtschaftssystem hat unendliches Wachstum zum Ziel und beutet dafür das menschliche Leben aus. Um einen Wandel zu ermöglichen, muss der Mensch im Mittelpunkt stehen. In den feministischen Bewegungen ist das bereits ein zentraler Aspekt. Lebensqualität ist das Stichwort. Wir sprechen hier von einer Gesellschaft, die es ihren Mitgliedern und ihren Gemeinschaften erlaubt aufzublühen und zu gedeihen und sich nicht ein Leben lang versklaven zu müssen. In dieser Gesellschaft würden alle vom gemeinsamen Wohlstand profitieren.

Der Einkauf im Supermarkt gleicht einem Glücksspiel

Dafür müssten alle Bereiche der sozialen Reproduktion transformiert werden, angefangen natürlich mit den zentralen Aspekten unseres Lebens: der häuslichen Arbeit, der Kindererziehung und der Pflege von bedürftigen Personen. Aber das reicht nicht aus. Wir müssen die Landwirtschaft neugestalten und uns vom Modell der heutigen der Agrarindustrie verabschieden, denn es basiert auf den Prinzipien der Marktwirtschaft und des Profits und produziert vor allem Not und Leid. Es profitieren nur diejenigen, die sich industriell produzierte Lebensmittel leisten können. Gleichzeitig wird durch die Agrarindustrie das Grundwasser verschmutzt, und natürliche Nutzpflanzen gehen durch Genmanipulation verloren. Der Einsatz von Agrargiften belastet den Boden, die Luft und auch unsere Körper. Folglich können wir uns inzwischen nicht mehr sicher sein, ob die Lebensmittel, die wir kaufen, uns guttun oder uns schaden. Heutzutage gleicht der Einkauf im Supermarkt einer Art Glücksspiel, und das ist beängstigend. Wir müssen über einen grundsätzlichen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel nachdenken. Kultur meint in diesem Kontext, dass wir eine Gesellschaft ohne dieses Misstrauen schaffen müssen, das uns immer wieder durch die Medien eingebläut wird. Wir haben eine negative Beziehung zueinander verinnerlicht und stattdessen den Reichtum priorisiert. Das Gleiche trifft auch auf unser Verhältnis zu Tieren und der Natur zu. Wir müssen unser Verhalten ändern und dem grausamen Umgang mit Tieren ein Ende setzen. In den Massenbetrieben im Westen der USA zum Beispiel werden Hunderttausende von Tieren misshandelt und getötet. Da es oft nicht genug Personal gibt, um alle Tiere zu schlachten und das Fleisch zu verkaufen, werden Tiere immer wieder grundlos getötet. Das ist grausam und leider keine Seltenheit in der Lebensmittelindustrie, deren Grundpfeiler das Leiden der Tiere ist. In den Betrieben werden bis zu 5.000 Schweine oder Hühner auf engstem Raum eingesperrt und von Medikamenten ernährt. Das ist ein riesiges Problem.

Es besteht ein grundlegender Zusammenhang zwischen dem, was auf ökologischer Ebene passiert (beispielsweise die Verschmutzung der Meere) und der industriellen Landwirtschaft. Auch muss man berücksichtigen, dass die Agrarindustrie die Zwangsumsiedlung von Millionen von Bauern zur Folge hat und ganze Migrationswellen auslöst. Diese Menschen haben ihre Heimat nicht ohne Grund verlassen. Sie sind fortgegangen, weil ihr Land privatisiert wurde. Das ist eine der Hauptursachen der globalen Migration. Wir brauchen also tiefgreifende strukturelle Veränderungen.

Denken auf zwei Ebenen

Dazu müssen wir anfangen, auf zwei Ebenen zu denken. Eine Ebene ist die Sofortmaßnahme. Es braucht unmittelbare Veränderungen, und wir alle müssen daran mitwirken. Menschen, die durch die Krise an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, sind in unmittelbarer Gefahr und brauchen den Schutz jetzt. Die zweite Ebene umfasst das langfristige Denken. Jenseits des Wirtschaftswachstums und des Kapitalismus kann eine Gesellschaft entstehen, in der wir Produktions- und Reproduktionsprozesse in einem neuen, weiteren Sinne denken. Auch das Verhältnis zur Natur und zu den Tieren muss neu überdacht werden. Doch das erfordert eine große kollektive Anstrengung.

Meine Arbeit hat sich in den letzten Jahren stark auf die Kommunalpolitik konzentriert. In meinen Augen sind die Kommunen wie eine kulturelle Einheit, deren Gesellschaft sich kollektiv weiterentwickelt. In den Kommunen werden Entscheidungen gemeinsam getroffen, sodass auf die soziale Reproduktion und die zentralen Bereiche des Lebens Einfluss genommen werden kann. Die Kommunen sind keine passiven Empfänger der Entscheidungen der Landesregierung. Seit mehr als 500 Jahren diktiert der Kapitalismus, wie wir uns dem System zu fügen haben, nicht nur als Individuen, sondern auch als Gemeinschaft, die sich nun der Neustrukturierung der gesellschaftlichen Reproduktion stellen muss.

Wir müssen unser Verhältnis zu Ressourcen und zum Reichtum verändern, den wir für den Erhalt unserer Lebensqualität produzieren, und die gesellschaftliche Reproduktion in den Mittelpunkt der Gemeinschaft stellen. Der Bereich der Reproduktion muss kollektiver gestaltet werden, damit niemand durch Verrichtung der täglichen Arbeiten zu Hause isoliert wird.

Zwischen Konsum und Machtlosigkeit besteht ein Zusammenhang

Wichtig ist auch das Thema Wachstum, das eng verbunden ist mit dem Thema Konsum. Dabei wird viel Kritik geübt an dem Konsumverhalten mancher Menschen, besonders der ärmeren Bevölkerung, die das Wenige, was sie besitzt, für Konsumgüter ausgibt. Das ist eine Folge der wachsenden sozialen Verarmung, die wir erleben, und der Konsum ist die logische Antwort darauf. Unsere zwischenmenschlichen Beziehungen sind unbefriedigend und der gesellschaftliche Zusammenhalt schwach, sodass wir uns jeden Tag wie Verlierer fühlen. Die unerfüllten Bedürfnisse drücken sich in unserem Konsumverhalten aus, denn der Konsum gibt uns ein Art Machtgefühl. Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, in der uns das soziale Zusammenleben erfüllt. Dann bräuchten wir keine fünf Hosen kaufen, um das zu ersetzen, was uns im gesellschaftlichen Zusammenleben fehlt. Die Ware wird ein Ersatz, um diese Leere in uns zu füllen. Das hat mit dem Wachstum zu tun, deshalb ist es so wichtig, es zu erwähnen.

Wir müssen unsere sozialen Strukturen neugestalten und lernen zusammenzuarbeiten. Dabei würden wir nicht bei null anfangen, denn viele Leute beschäftigen sich schon damit; es gibt soziale Bewegungen, die genau das fordern. Was wir machen müssen, ist, diese Kämpfe bündeln und gemeinsam für unsere Ziele kämpfen, denn dadurch entstehen neue Möglichkeiten, mit Hilfe derer wir unsere Ziele erreichen können.

Dabei gibt es nicht nur ein mögliches Zukunftsmodell. Um die Zapatistas zu zitieren: „Es gibt ein Nein und viele Ja“. Wir brauchen Klarheit darüber, was wir für unsere Gesellschaft nicht wollen: dass sie von Ungerechtigkeit geprägt ist und den Planeten zerstört. Wir können auch frühere soziale Bewegungen und Kämpfe zur Inspiration hinzuziehen. Das gute Leben, „El Buen Vivir“, wie man in Lateinamerika sagt, kann überall unterschiedliche Formen annehmen. Hier ist Kreativität gefordert, um die Vielfalt der Gesellschaft in den sozialen Kampf und die Gestaltung einer neuen Gemeinschaft einfließen zu lassen.

Wenn wir unseren Kindern keine tragischen Zukunft überlassen wollen, müssen wir uns bewusst werden, was sich gerade vor unseren Augen abspielt. Die Pandemie ist ein Alarmsignal, und wir müssen es hören. Doch die wichtigste Voraussetzung für Veränderung ist, dass wir uns nicht wieder auf die alten Eliten verlassen, die seit Jahrzehnten unseren Planeten zerstören. Diejenigen, die für diese Krisen mitverantwortlich sind, können uns nicht aus der Pandemie führen. Diese Aufgabe können wir ihnen nicht anvertrauen. Stattdessen müssen wir uns alle einbringen und gemeinsam an einer Lösung aus der globalen Krise beteiligen.

Die Krise war vorhersehbar

E.I.S.: Wie können wir die aktuelle Situation nutzen, um den Weg für eine Postwachstums-Gesellschaft zu ebnen, ohne uns bei der Pandemiebewältigung wieder auf die alten politischen und wirtschaftlichen Eliten einzulassen?

S.F.: Wie ich bereits sagte, die Pandemie bringt eine Krise zum Vorschein, die sich bereits seit langem angekündigt hat. Wir sahen die Krise kommen und wussten, dass vor allem diejenigen betroffen sind, die sich um die ältere Bevölkerung kümmern. Seit vielen Jahren konzentriert sich meine Arbeit auf diesen Teil der Bevölkerung. In weiten Teilen der Welt ist die Versorgung älterer Menschen schon seit langem katastrophal. Durch den Kapitalismus wird das Leben systematisch entwertet, allerdings sind einige Menschen davon stärker betroffen als andere. Die ältere Bevölkerung der Arbeiterklasse trägt inzwischen nicht mehr zum Wirtschaftswachstum bei. Der Neoliberalismus hat vor allem die Ressourcen von Familien und Arbeitern verknappt, auch sind sie besonders von den Kürzungen der Unterstützungsleistungen betroffen. Die Folgen dieser Politik spüren nun besonders die alten Menschen. Es ist also kein Zufall, dass sich im Rahmen der Covid-19-Pandemie gerade in der älteren Bevölkerung eine Katastrophe abspielt.

Unregelmäßigkeiten hinsichtlich des Zugangs zu medizinischer Behandlung und Medikamenten gab es schon immer. Auch Missbrauchsfälle seitens des Pflegepersonals gegenüber älteren Menschen sind nichts Neues. Doch es waren die politischen Entscheidungsträger, die die Ressourcen des Gesundheitswesens gekürzt haben, sodass die Krankenhäuser nicht ausreichend auf die Pandemie vorbereitet waren und es an wichtiger Ausstattung fehlte. Es ist wichtig, dass die Menschen das verstehen. Dass die Gesellschaft auf eine Katastrophe wie diese Pandemie nicht vorbereitet war, hat eine Vorgeschichte. Das ist das Ergebnis früherer Entscheidungen, wie die Vernachlässigung des Rechtes auf Gesundheit. Das müssen wir verstehen, um unsere Fragen zu klären.

Die Qualität der Versorgung massiv zu verbessern hat nun Priorität. Betrachtet man was in den letzten 30 Jahren in Afrika passiert ist, in Südasien oder in Lateinamerika, erkennt man, dass es bereits viele epidemische Wellen gab. Eine nach der anderen entstanden sie als Folge der Armut, des Systems an sich und der strukturellen Anpassungen. Überall in den ehemaligen Kolonialstaaten wurde die Lebensqualität heruntergefahren. Die Menschen litten unter zahlreichen Epidemien wie Meningitis, Cholera, dem Zika-Virus oder Ebola. Aber diese Pandemie ist global und trifft uns alle. Wenn wir das nicht begreifen, werden wir auch nicht auf den tiefgreifenden Wandel hinarbeiten, der bis in unser alltägliches Leben reicht.

Die verschiedenen Kämpfe bündeln

Wie können wir ein System reformieren, das im Laufe von Jahrhunderten entstanden ist und sich nicht über Nacht verändern wird? Der derzeitige Aktivismus gibt Antworten auf die dringenden Fragen und Bedürfnisse, aber wir brauchen auch eine langfristige Perspektive, eine Strategie zur Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums, der Wiederaneignung des Landes und der Kontrolle über die Lebensmittelproduktion. Eine Strategie zur Bündelung der Kämpfe, der Student*innenbewegungen mit den Aktivist*innen des Gesundheitswesens und der Landwirtschaft.

Die Zerstörung des Ökosystems ist ein zentraler Aspekt. Keine soziale Bewegung kann heutzutage die Zerstörung der Ökosysteme ignorieren. Jede Form von Aktivismus braucht diese ökologische Komponente, denn sie ist die Grundlage unseres Fortbestehens. Das wäre der erste Punkt.

Der zweite Punkt ist, dass wir unsere Lebensweise und unser Verhalten grundlegend verändern müssen. Mich persönlich hat beeindruckt – und das habe ich in meinem letzten Buch Re-enchanting the World und auch an anderer Stelle schon geschrieben – wie viel ich von den Frauen Lateinamerikas gelernt habe, besonders von den Frauen in den Randbereichen der lateinamerikanischen Städte, in den Favelas und armen Teilen der Großstädte. Die Menschen leben dort schon seit Jahren und sind seit langer Zeit mit dem konfrontiert, womit nun auch wir zu spüren bekommen. Diese Menschen wurden vertrieben, als man ihnen ihr Land wegnahm und sie haben früh verstanden, dass ihnen das System nichts zurückgibt.

Da wäre es naheliegend, in Verzweiflung zu verfallen. Aber das tun sie nicht. Stattdessen organisieren sie sich und suchen gemeinsam nach einem Weg, um gegen das Verlieren anzukämpfen. Sie legen Beete an, kochen in Gemeinschaftsküchen und anschließend verteilen sie das Essen untereinander. Dadurch ist die Gemeinschaft enger zusammengewachsen. Die gesellschaftliche Verbundenheit und Solidarität ist eine Revolution; solch eine neue Form des sozialen Zusammenhalts erlaubt es den Menschen, sich gegenüber dem Staat neu und stärker zu positionieren. So brechen alte Gesellschaftsstrukturen auf, und der Staat ist gezwungen, etwas von seiner Macht abzutreten. Wir sprechen von den Sektoren Nahrungsmittel, Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft. In all diesen Bereichen müssen wir mitreden – darüber, was in den Krankenhäusern passiert und was für ein Gesundheitssystem wir wollen. Das sind wichtige Schritte, die wir gehen müssen und das ist keine Unmöglichkeit, keine Utopie sondern etwas, das wir schaffen können. Dadurch gewinnen wir mehr Kontrolle über unser alltägliches Leben.

Übersetzung: Claudia Bothe

Kategorien: Gesundheit, Politik, Wirtschaft
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