Realitäten, die uns die Industrie nicht zeigen will Bittere Orangen

30.06.2020 - Untergrund-Blättle

Realitäten, die uns die Industrie nicht zeigen will Bittere Orangen
(Bild von Orangenplantage in der Nähe von São Paulo, Brasilien. / MARCO AURÉLIO ESPARZA (CC BY-SA 3.0 unported - cropped))

Brasilien produziert den Grossteil des weltweit konsumierten Orangensafts. Während die Coronakrise die halbe Welt paralysiert, geraten die Pflückerinnen und Pflücker zwischen den endlosen Orangenbaumreihen des Bundesstaats São Paulo immer weiter in die Prekarität.

Unsere Recherche, die wir kurz vor Ausbruch der Pandemie durchgeführt hatten, beleuchtet die miserablen Arbeitsbedingungen der Menschen, die für den aus der Schweiz operierenden Multi Louis Dreyfus Orangen ernten.Auf dem kleinen Blechtisch liegen drei frisch geschälte Orangen. Aarão* wird sie nicht mehr essen. An die Wand der Baracke gelehnt, in der er mit anderen Pflückern untergebracht ist, lässt er seinen Blick einen Moment lang durch den leeren Raum schweifen. Dann reisst er sich wieder zusammen, richtet sich vor seinen abendlichen Besuchern auf. Er wird bald nicht mehr hierhin zurückkommen.Wie bereits ein Dutzend seiner Kollegen vor ihm hat Aarão beschlossen, aufzuhören. Weil er seine Gesundheit «nicht auf der Strecke lassen» will. Und weil «sich das alles nicht lohnt». «Das alles», das sind 11 Monate Arbeit in einem gnadenlosen Rhythmus. Das sind 100 bis 120 Kisten à 27 Kilo pro Tag – also etwa drei Tonnen Orangen, die es in der hier in der Region São Paulo oft sengenden Sonne oder bei strömendem Regen von bis zu 5 Meter langen Leitern herunterzutragen gilt. Dafür gibts Ende Monat 230 bis 360 Schweizer Franken – für die produktivsten Pflückerinnen und Pflücker. Für Aarão steht fest: Dies ist seine erste und letzte Safra, wie die Ernte auf Brasilianisch genannt wird.

Noch vor Monatsende wird der Saisonarbeiter sein vorübergehendes Dasein als Orangenpflücker beenden. Er wird versuchen, bei seinem Arbeitgeber, dem Schweizer Händler Louis Dreyfus Company (LDC), sein Rückreiseticket einzulösen und die 2200 km in seine Heimat im brasilianischen Nordosten zurückzulegen. Vielleicht wird er dort wieder als Maurer arbeiten, das sei «weniger riskant», sagt er.

Die Datenbank der brasilianischen Arbeitsinspektion verzeichnet für die letzten 10 Jahre fast 200 durch LDC im Zitrussektor begangene Arbeitsrechtsverletzungen, die Hälfte davon betrifft die Gesundheit und Sicherheit der Arbeitnehmenden. 2018 etwa wurde LDC zur Bezahlung einer Busse in der Höhe von umgerechnet 122’400 Schweizer Franken verurteilt, weil bei einer Inspektion fünf Jahre zuvor entdeckt worden war, dass 34 Angestellte in einem ehemaligen Hühnerstall leben mussten.

Zurück in die Gegenwart: Zwischen den durchgelegenen Matratzen, die die Pflücker in den drückenden Sommernächten zum Schlafen nach draussen legen, zeugt ihre abgenutzte Ausrüstung von den harten Arbeitsbedingungen. Ein paar löchrige Stiefel, eine Gamasche gegen Kobrabisse und schweissdurchtränkte Kleider, auf denen das LDC-Logo prangt. Carlos* beachtet all diese Dinge längst nicht mehr. Der mit rund 50 Jahren älteste der Arbeiter, die hier hausen, wird – nachdem er zwischendurch in der Zitronenernte gearbeitet hat – bald seine sechste Safra antreten.

Sowohl Zitronen wie Orangen zu ernten sei hart, sagt er, «aber die Orangenbäume sind beim Klettern instabiler. Gott sei Dank ist mir nie etwas passiert», seufzt er und schält mit seinen arthritischen Fingern eine vierte Orange für seine Gesprächspartner. Doch auch sie werden die bitteren Früchte nicht anrühren.

Spurensuche auf den Plantagen

Die Arbeitsbedingungen in der Orangenindustrie sind bitter, so viel ist sicher, und in Krisenzeiten gilt das ganz besonders. Doch selbst als die Corona-Pandemie Brasilien erreichte, hat der Exportverband Citrus BR trotz der Risiken nie die Absicht erkennen lassen, den Fuss vom Gaspedal zu nehmen. In einem Interview vom April 2020 bestätigte der Direktor des Verbands, Ibiapaba Neto, dass die Produktionskette «normal» funktioniere und dass LDC sowie die beiden anderen im Verband zusammengeschlossenen Orangensaftgiganten Cutrale und Citrosuco beabsichtigten, «zu 100% aktiv zu bleiben» – egal, wie sehr das Coronavirus das brasilianische Gesundheitssystem auf die Probe stelle.

Man könnte meinen, die brasilianischen Orangen seien unwiderstehlich. Man findet sie in mehr als der Hälfte des weltweit konsumierten Orangensafts. Und die Region São Paulo stellt allein fast vier Fünftel der inländischen Produktion her, die praktisch zur Gänze für den Export bestimmt ist.

Der Konzern LDC, der seinen operativen Hauptsitz in Genf hat, von wo aus er auch sein Fruchtsaftgeschäft steuert, war ursprünglich nur im Handel tätig und begann dann in den 1990er-Jahren mit dem Aufbau einer eigenen Orangenproduktion in Brasilien. Dort verwaltet er heute 38 Zitrusplantagen mit einer Gesamtfläche von über 25’000 Hektaren. Die eigene Produktion macht nach Angaben, die wir von LDC vor Ort erhielten, ungefähr die Hälfte der vom Konzern verarbeiteten Orangen aus, die andere Hälfte wird externen Produzenten abgekauft.

All diese Orangen – die genaue Menge gilt als Geschäftsgeheimnis – werden in den drei LDC-Saftfabriken der Region verarbeitet und anschliessend als gefrorenes Konzentrat oder pasteurisierter Saft in die wichtigsten Märkte der Welt verschifft. Sind sie einmal in der im Hinterland von São Paulo gelegenen Saftfabrik von Bebedouro abgeladen worden, lässt sich nicht mehr erkennen, ob die Orangen von einer LDC-Plantage stammen oder von einem der Zulieferer. Der Konzern spricht gerne über sein Blockchain-basiertes Projekt zur Rückverfolgbarkeit von Orangensaft. Doch die Liste seiner Zulieferer wollte LDC uns auf Anfrage nicht zeigen.

Die beiden brasilianischen Konzerne Cutrale und Citrosuco sowie die Schweizer LDC haben beim Orangensaft zusammen einen Weltmarktanteil von etwa 75%.

Im Gegensatz zur in der Region São Paulo ebenfalls sehr präsenten Zuckerrohrindustrie ist die Orangenernte wenig mechanisiert und benötigt dementsprechend viele Arbeitskräfte – der Zitrussektor beschäftigt gemäss offiziellen Statistiken alleine im Bundesstaat São Paulo gegen 50’000 Menschen, effektiv dürften es aber angesichts des hohen Anteils informeller Arbeit wesentlich mehr sein. Wie Aarão und Carlos werden die meisten Pflückerinnen und Pflücker jeweils für eine Erntesaison von acht bis elf Monaten eingestellt – unter prekären Konditionen und mit Verträgen, die an tägliche Produktivitätsziele gebunden sind.

Zusammen mit der investigativen NGO Repórter Brasil hat sich Public Eye auf den Plantagen im Bundesstaat São Paulo umgesehen, um einen Eindruck von den Arbeitsbedingungen zu erhalten. Die meisten Produzenten, auf deren umgitterten Anlagen in der Regel zwischen 10’000 und 20’000 Orangenbäume stehen, verweigerten uns den Zutritt. Andere, wie LDC, folgten uns sogar bis in die Unterkünfte ihrer Arbeiter, um diese davon abzuhalten, mit uns zu sprechen – was ihnen in einem Fall auch gelungen ist.

Um dies herauszufinden, haben wir gemeinsam mit einer Kollegin von Repórter Brasil mit etwa 15 Pflückerinnen und Pflückern gesprochen – direkt in ihren Unterkünften, die von LDC oder anderen Produzenten vermietet werden. Um sie vor möglichen Repressalien zu schützen, nennen wir weder ihre richtigen Namen noch jene der betroffenen Städte oder Plantagen.

Unsere Recherche zeigt, in welch prekären Verhältnissen die Pflückerinnen und Pflücker arbeiten. Und sie zeigt die Intransparenz im Sektor, die von Konzernen wie LDC gezielt ausgenutzt wird – wobei sie vom Abbau der Arbeitsrechte unter den Regierungen Temer und Bolsonaro profitieren. Zahlreiche Aussagen weisen zudem darauf hin, dass auf LDC-Zulieferbetrieben systematisch internationale Arbeitsrechte wie beispielsweise das Recht auf angemessene und befriedigende Entlohnung oder auf sichere und gesunde Arbeitsbedingungen verletzt werden.

Ein Lohn, der kaum zum Leben reicht

Beginnen wir beim Lohn. In ihren Hochglanzberichten brüstet sich LDC damit, die «Verantwortung für das Wohlbefinden aller Arbeitskräfte (…) sehr ernst» zu nehmen. Uns gegenüber erklärt LDC, «dass kein Angestellter einen Lohn erhält, der unter dem gesetzlichen Mindestlohn liegt». Dieser beträgt 2020 1045 Reais monatlich, also knapp 190 Franken. Für den operativen Leiter von LDC Juice Brazil offenbar genug, um zu beteuern: «Pflücken ist heute eine überaus würdige Tätigkeit». Genauere Auskunft über die Lohnniveaus wollte uns der Konzern nicht geben, sie gelten als «private» Angelegenheit.

Wir haben versucht, das Niveau dieser Würde zu quantifizieren, indem wir die Pflückerinnen und Pflücker systematisch nach ihren Lohnabrechnungen gefragt und uns nach Gesamtarbeitsverträgen erkundigt haben. Aus zwei solchen Dokumenten, gültig für die Gemeinden Olímpia und Dourado, geht hervor, dass der monatliche Lohn eines LDC-Pflückers bei 1163,55 Reais liegt – er beinhaltet also ein «Geschenk» von knapp 120 Reais (21 Franken) im Vergleich zum gesetzlichen Mindestlohn.

In der Antwort an Public Eye behauptet LDC, seine Pflückerinnen und Pflücker könnten dank Produktivitätsprämien das bis zu 2,7-Fache des Mindestlohns verdienen. Die Lohnabrechnungen, die wir gesehen haben, zeigen eine andere Realität: Die Angestellten können ihren Lohn um 300 oder 600 Reais, also 54 beziehungsweise 108 Franken, aufstocken, wenn sie die vom Unternehmen definierten Ziele jeden Tag übertreffen. Kein Wunder also, möchte LDC lieber nicht über konkrete Lohnhöhen reden.

Wie für weltweit Millionen Menschen in der Landwirtschaft gilt für die Arbeiterinnen und Arbeiter auf den brasilianischen Orangenplantagen: Obwohl das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard ein international anerkanntes Menschenrecht ist, werden sie für ihre Arbeit nicht angemessen entlohnt. Der Lohn, der für den Erwerb von Konsumgütern des täglichen Bedarfs für eine Familie in Brasilien nötig ist, sollte nach den neusten Angaben des Intergewerkschaftlichen Instituts für Statistik und sozioökonomische Studien (DIEESE) mindestens 4673,06 Reais (814 Franken) betragen. Ganz zu schweigen davon, dass die Lebenshaltungskosten im Bundesstaat São Paulo zu den höchsten des Landes gehören und dass die Inflation im Jahr 2019 ein nationales Niveau von fast 4,5% erreichte.

Ein undurchsichtiges und «verwirrendes» Lohnsystem

Das blassgrüne, zerknitterte Papier sieht aus wie Pergament. Die Lohnabrechnung, die wir einsehen konnten, ist mit dem Stempel LDC Sucos S.A. versehen, die Tabelle enthält bis zu 14 Rubriken. Pro Kiste gepflückter Orangen werden hier 0,62 Reais bezahlt (14 Rappen), aber der Grundpreis variiert. Der Pflücker hat in zwei Wochen knapp 1400 Kisten Orangen gesammelt. Zusätzlich erhält er zwei kleine Zuschüsse wegen des erhöhten Schwierigkeitsgrads verrichteter Arbeiten und einen für seine Produktivität, 60 Reais kommen so zum Lohn dazu. Abgezogen werden Sozialbeiträge und Unterkunft. Der Gesamtverdienst dieses «produktiven» Arbeiters für zwei Wochen beläuft sich auf rund 165 Franken.

Die Gewerkschaften kritisieren seit Langem das «verwirrende System» und die Strategie von LDC, in den verschiedenen Bezirken, in denen der Konzern seine 38 Plantagen betreibt, «fragmentierte Verhandlungen» zu führen. «Man nimmt das gleiche Unternehmen, die gleichen Arbeiter, aber die Bedingungen sind von Plantage zu Plantage verschieden», kritisiert Jotalune Dias dos Santos vom Dachverband der Agrargewerkschaften Feraesp. Ausserdem werden die Löhne mancherorts wöchentlich, anderenorts zweiwöchentlich oder monatlich bezahlt, je nach den sehr unverbindlich gehaltenen Gesamtarbeitsverträgen, die wir konsultiert haben.

Die Angestellten hängen oft vom «guten Willen des Unternehmens» ab. Rafael de Araújo Gomes, Staatsanwalt des Arbeitsministeriums

Wir haben auch den Staatsanwalt des Arbeitsministeriums Rafael de Araújo Gomes zur Komplexität dieser Lohnabrechnungen befragt, die uns keiner der Pflücker überzeugend erklären konnte. «Im Allgemeinen gibt es kein Buchführungssystem für die täglich gesammelten Kisten. Das Dokument ist auch nicht unterzeichnet», stellte er fest. Die Angestellten hingen deshalb oft vom «guten Willen des Unternehmens» ab, kritisiert der Vertreter des Arbeitsministeriums von Araraquara.

Die Vielzahl der Lohnsysteme erschwert auch die Untersuchung von Streitfällen. «Ich habe Fälle gesehen, wo die Angestellten zwar 0,90 Reais pro Kiste erhielten, dafür aber nicht ordnungsgemäss gemeldet waren», sagt Rafael de Araujo Gomes. «Für die Pflücker ist es eine einfache Rechnung: Sie wissen, dass sie ohnehin nie in den Ruhestand werden treten können. Weshalb also Beiträge zahlen?»

Ein weiterer Grund für die kommunikative Zurückhaltung von LDC ist wohl der, dass der Konzern durch die jüngste Arbeitsrechtsreform laut einer Recherche von Repórter Brasil bei den Löhnen zwischen 15 und 30% einsparen konnte. Seit Ende 2017 müssen Unternehmen ihre Mitarbeitenden für die Zeit der Anfahrt zu den Plantagen nämlich nicht mehr bezahlen. Diese horas in itinere können täglich bis zu vier Stunden ausmachen, bei Regen mehr. Unseren Informationen zufolge weigerte sich LDC – im Gegensatz zu seinen beiden Hauptkonkurrenten – stets, diesen Lohnverlust auszugleichen. In der schriftlichen Antwort auf unsere dahingehende Frage heisst es vonseiten des Firmensitzes, man habe «eine Zahlung an die betroffenen Mitarbeitenden geleistet» und «den pro geerntete Kiste bezahlten Betrag erhöht». Massnahmen, die laut LDC «den vorherigen Betrag kompensieren und einen Anreiz schaffen». Einen Anreiz wofür? Noch produktiver zu arbeiten? Das wird nicht klar.

«Was bleibt zum Leben übrig?» Jotalune Dias dos Santos, Dachverband der Agrargewerkschaften

«Ein Arbeiter gibt durchschnittlich 60% seines Einkommens für Nahrungsmittel aus. Die Miete liegt in der Region bei 600 Reais. Gehen wir davon aus, dass er auch noch für den Unterhalt von zwei Kindern aufkommen muss. Was bleibt zum Leben übrig?», fragt Jotalune Dias dos Santos. Für den Präsidenten der ­Feraesp, dem Dachverband der Agrargewerkschaften im Bundesstaat São Paulo, ist eine «ernsthafte Debatte über dieses System nötig, das die Pflücker zum Überleben an den Rand der Erschöpfung treibt». Im Visier hat er insbesondere den an Produktivitätsziele gebundenen Lohn, der im Extremfall das gesamte Einkommen ausmacht.

Während LDC seinen eigenen Angestellten immerhin den gesetzlichen Mindestlohn garantiert – auch dann, wenn die Produktionsziele nicht erreicht werden – so gilt dies nicht unbedingt für seine Zulieferer. Lohnausweise von Pflückern des Drittproduzenten, welche wir in deren Unterkünften einsehen konnten, weisen Beträge weit unter 1000 Reais (180 Franken) aus. Sozialversicherungsbeiträge finden sich darauf nicht immer, und die Pflücker bestätigen denn auch, mehrere Wochen lang schwarz gearbeitet zu haben. Aus Angst, ihre Arbeit zu verlieren, machen diese oft weder ihre Rechte geltend noch kritisieren sie die ausbeuterischen Bedingungen, unter denen sie tätig sind.

Einer der LDC-Zulieferer, dessen Plantage wir besichtigen wollten, gab dies sogar ganz offen zu. Als Grund, weshalb er uns keinen Zutritt zu seiner Plantage gewähren könne, sagte er in einem Telefongespräch, das wir aufzeichneten, unumwunden: «Ich habe ein Team ohne Arbeitsbewilligung (de bocada). Es wird ein Team ohne Uniform und (Schutz-) Ausrüstung sein.»

Während wir darauf warteten, dass uns LDC den Zugang zu einer ihrer Plantagen gewährt, waren wir bei mehreren Zulieferern des Konzerns. Von ihnen hätten wir auch gerne mehr über die Konditionen erfahren, die ihnen LDC auferlegt. Obwohl die Pflücker auf verschiedenen Plantagen offensichtlich anwesend waren, schoben die meisten Lieferanten das Ende der Safra vor, um uns die Tore nicht zu öffnen. Auf dem Gelände eines unabhängigen Produzenten, dessen Eingang offen und unbewacht war, wurden wir vom Sicherheitsdienst abgefangen und mussten uns schliesslich vor sieben Polizeibeamten rechtfertigen. Die meisten der von uns befragten Gewerkschaften erklärten, dass es auch für sie immer schwieriger werde, mit den Arbeiterinnen und Arbeitern in Kontakt zu treten. Die Anwesenheit von Gewerkschaftern oder Gewerkschafterinnen half uns denn auch nicht, Zugang zu den Plantagen zu erhalten.

Gegenüber Repórter Brasil bestätigte das Wirtschaftsministerium, dass derzeit keine Arbeitsinspektionen auf den Orangen-Fazendas vorgesehen seien. Alles, was die Produzenten bei allfälligen Verstössen also zu befürchten haben, ist, dass das öffentliche Arbeitsministerium im Verdachtsfall aktiv wird.

Dicker Rauch

Allerdings braucht es dafür erst einmal einen Verdacht. «Wir wissen nicht, was derzeit auf den Landwirtschaftsbetrieben geschieht», gibt Rafael de Araújo Gomes zu. Der Staatsanwalt des Arbeitsministeriums von Araraquara hat den Ruf, unerbittlich gegen Unternehmen vorzugehen, die ihre Angestellten schlecht behandeln. Doch er sagt, die Ermittlungen seien zunehmend schwierig angesichts der Tendenz Brasiliens, seiner Arbeiterklasse den Rücken zuzukehren. Auf rechtlicher Ebene geschieht dies durch die Reform des Arbeitsrechts, die die Beschäftigung dereguliert und die Gewerkschaften schwächt. Auf gerichtlicher Ebene durch den jüngsten Beschluss des Obersten Gerichtshofs, der den Einsatz von Arbeitsvermittlern durch die Unternehmen für rechtens erklärt. Und schliesslich auf politischer Ebene durch die Unterordnung des Arbeitsministeriums unter das Wirtschaftsministerium. Statt auf der Inspektion liege der Fokus heute immer mehr auf dem Eintreiben von Steuern, sagt der Staatsanwalt.

Einige Gewerkschafter, die Public Eye und Repórter Brasil getroffen haben, sagten sogar, dass manche Arbeitsinspektoren und -inspektorinnen schlicht keine Autos oder nicht genügend Benzin hätten, um vor Ort zu gelangen. Rafael de Araújo Gomes erinnert an den in der jüngsten Zeit erfolgten Abbau des Umweltschutzes:

«Alle haben den durch die Abholzung im Amazonasgebiet verursachten Rauch gesehen. Leider sind die Verletzungen der Arbeitnehmerrechte weniger sichtbar als ein Waldbrand.» Rafael de Araujo Gomes, Staatsanwalt des Arbeitsministeriums

Auf unserer Suche nach den Opfern dieser unsichtbaren Rechtsverletzungen trafen wir in einer kleinen Unterkunft von Pflückern eines Drittproduzenten Arthur* und Daniel*. Beide versicherten uns, dass ihr Arbeitgeber an LDC verkaufe und sie seit einer Woche schwarz arbeiteten – zu einem voll von der Produktivität abhängigen Lohn. Daniel* sagte, er habe keinen einzigen Arbeitstag versäumt und trage täglich 120 Kisten. Manche Pflücker verdienten weniger als 1000 Reais (180 Franken). «Wer nichts einsammelt, verdient auch nichts», meinte er, die Zigarette zwischen den Lippen.

«Die Arbeit ist sehr hart, aber man muss halt trainieren wie ein Boxer», meinte Arthur*, der mit seinen 19 Jahren noch das Lächeln eines Kindes hat – und, wie um an die Härte des Lebens zu erinnern, Spuren eines Blutergusses im Augenwinkel. Er sagte, er wolle arbeiten, um sich Medikamente leisten zu können «für den Fall, dass ich krank werde» und «um dort ein bisschen mehr zu haben».

«Dort» liegt im Nordosten Brasiliens. Arthur und seine acht Mitbewohner, die zusammen drei Zimmer mit abgenutzten Matratzen und zwei Ventilatoren bewohnen, stammen alle aus Salvador oder Aracaju. Von den Einheimischen São Paulos werden sie als «Migranten» bezeichnet. Sie wurden von sogenannten Gatos angeworben, Vermittlern der Agrarindustrie, und Tausende Kilometer von ihrem Heimatort entfernt abgeliefert, um «in den besten Monaten» 1200 Reais zu verdienen. Oft weniger. Ihre wöchentlichen Lohnabrechnungen schwanken zwischen 260 und 360 Reais – also maximal 65 Franken.

Doch die tiefen Löhne brauchen die multinationalen Konzerne nicht gross zu kümmern. Mit 53 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist der gebeutelte Nordosten des Landes eine unversiegbare Quelle von Arbeitskräften. «Es wird immer Leute geben, die bereit sind, zu kommen. Die Gatos machen ihnen Versprechungen, die sie nie einhalten», sagt Aparecido Donizeti, Vorsitzender der Gewerkschaft von Agudos (im Bundesstaat São Paulo).

Staatsanwalt Rafael de Araújo Gomes sieht darin auch ein organisiertes System – mit dem Ziel, sich die Justiz vom Leib zu halten.

«Die Multis haben ein grosses Interesse daran, Gatos zu engagieren oder Drittunternehmen zu gründen. Je mehr Zwischenstufen es zwischen ihnen und den Pflückerinnen und Pflückern gibt, desto schwieriger wird es für die Justiz, eine Verantwortung der Konzerne nachzuweisen.» Rafael de Araújo Gomes, Staatsanwalt

LDC versichert, keine Gatos mehr einzusetzen. «Die Pflücker aus dem Nordosten werden von LDC-Mitarbeitenden vor Ort angeheuert und registriert», so ein Vertreter des Unternehmens. LDC gibt ebenfalls an, den Lohn der Arbeiter mit Lebensmitteln und Essensgutscheinen aufzustocken. Eine «Wohltätigkeit», die gewisse Zweifel an der effektiven Kaufkraft der Pflückerinnen und Pflücker des Multis aufkommen lässt.

Die kaum gewerkschaftlich organisierten Arbeiter aus dem Nordosten, die zudem, wie wir festgestellt haben, häufig kaum oder gar nicht lesen und schreiben können, befinden sich fern ihrer Heimat in einer absoluten Abhängigkeit von ihrem Arbeitgeber – er ist es auch, der den Transport organisiert, damit sie nach der Safra wieder nach Hause kommen.

Ein letztes Powerpoint für unterwegs

LDC empfängt uns schliesslich doch noch auf einer Plantage, um uns ein Powerpoint und sechs Pflücker in leuchtend blauer Ausrüstung zu präsentieren. Das Unternehmen räumt dabei auch ein, wie machtlos es in Bezug auf die Arbeitsbedingungen bei seinen Zulieferern ist. «Wir verlangen von Dritten, dass sie unserer guten Praxis folgen», meint ein Vertreter. «Aber die Firma kontrolliert nicht vor Ort, denn wir sind nicht die Polizei.» In der schriftlichen Antwort vom LDC-Hauptsitz tönt es anders: «Unsere Teams vor Ort überwachen die Tätigkeiten der Lieferanten durch regelmässige Besuche.»

Zur «guten Praxis» gehört offenbar auch, dass die Pflückerinnen und Pflücker für ihre Unterbringung bezahlen müssen. LDC hatte erst von einem «symbolischen» Betrag gesprochen, der von den Angestellten dafür entrichtet würde, und später behauptet, es handle sich um eine Reinigungsgebühr. Auf den eingesehenen Lohnabrechnungen erscheint jedoch die Kategorie «Unterkunft» mit monatlich 75 Reais bei LDC und 100 Reais bei einem der Zulieferer. Multipliziert man diesen Betrag mit der Anzahl Bewohner, scheint die Gesamtmiete für die Verhältnisse im Bundesstaat São Paulo nicht besonders günstig.

In der Baracke der LDC-Pflücker schält Carlos derweil weiterhin unbeirrt Orangen. Er habe noch keinen einzigen Arbeitstag versäumt, trotz Arthritis und einer kaputten Zahnprothese, erzählt er. «Ich arbeite mit Gottes Hilfe», sagt er und beisst dabei seinen Kiefer zusammen. Im Gegensatz zu den übrigen LDC-Mitarbeitenden haben die Orangenpflückerinnen und -pflücker keinen Zugang zu den Gesundheitsleistungen des Konzerns. Und bei LDC scheint sich niemand um die langfristigen Folgen der Safra auf die Gesundheit der Saisonniers zu scheren.

Seinen letzten Arztbesuch hat Carlos auch deshalb verpasst, weil die Entschädigung von 38 Reais, die er gegen Vorweisen eines Arztzeugnisses erhalten hätte, unter dem Betrag liegt, den er an einem Tag verdienen kann. Würde er sich heute entscheiden, in das Spital von Bebedouro zu gehen, käme er eventuell in den Genuss eines Glases Orangensaft. Ende April spendete LDC dem Spital 4000 Liter davon. Der Zeitpunkt der Pandemie kam gelegen. Mitte März schickte LDC die Arbeitenden aus dem Nordosten zurück in ihre Heimat. Nun rekrutiert der Multi für die nächste Safra mit Unterstützung eines medizinischen Teams. In der Orangenindustrie bleibt die Ernte bitter.

Public Eye

Kategorien: Gesundheit, Menschenrechte, Politik, Südamerika, Wirtschaft
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