Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs – Drama, Drama, Drama!

12.04.2020 - Ulrich Behrens - Untergrund-Blättle

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs – Drama, Drama, Drama!
Rossy De Palma an den Filmfestspielen von Cannes, 2013. (Bild von Georges Biard | CC BY-SA 3.0 - cropped)

Eine der wohl bekanntesten Komödien Almodóvars, in der er alle Register seines Könnens zieht und es ihm gelingt, die ganze Schauspielergarde so richtig auf Trab zu bringen. Wer diese Komödie bei nächster Gelegenheit verpasst, müsste sich eigentlich ärgern.

Wenn es nur die Liebeserklärungen gewesen wären, die Iván (Fernando Guillén) als Synchronsprecher den schönsten Schauspielerinnen der Welt am Mikrofon gemacht hätte – nein, nach einer langjährigen Ehe mit Lucia (Julieta Serrano) will er nun auch Pepa (Carmen Maura), ebenfalls Synchronsprecherin, nach etlichen Jahren verlassen und hinterlässt ihr auf dem Anrufbeantworter die Nachricht, sie solle seine Sachen in einen Koffer packen und bei der Hausmeisterin (Chus Lampreave) abstellen.

Pepa ist verzweifelt, will in der gemeinsamen Wohnung nicht mehr leben, schreibt sie zur Vermietung aus und erleidet während ihrer Arbeit einen Ohnmachtsanfall. Pepa wartet auf einen Anruf von Iván, doch der meldet sich nicht; sie sucht halb Madrid nach ihm ab, meldet sich bei Lucia, von der sie nur eine Abfuhr erteilt bekommt, wird aggressiv, schmeisst nacheinander Telefon und Anrufbeantworter durch die Fensterscheibe usw.

Doch das Drama wird noch viel komplizierter. Nicht nur, dass sich Lucias Sohn Carlos (Antonio Banderas) und dessen Freundin Marisa (Rossy de Palma) bei ihr als Wohnungsinteressierte melden. Zu allem Unglück ist ihre nervige, hypochondrische Freundin Candela (María Barranco) auch noch in irgendeine verrückte Geschichte mit Terroristen verstrickt. Die feministische Anwältin Paulina Morales (Kiti Manver) tut ein übriges, um die Situation zu verkomplizieren – bis zwei Polizisten bei Pepa erscheinen …

Inszenierung

Ich will über den Film nichts weiter verraten. Denn die – zweifellos bis ins letzte Detail durchkonstruierte – Geschichte ist von schrägen Charakteren, steigender Dramatik und Humor nur so durchtränkt. Nicht nur Slapstick-Elemente durchziehen den Streifen; auch eine geradezu pralle Optik, in die auch die Werbung, die Pepa auch macht, mit einbezogen wird, sorgt dafür, dass man sich kaum noch auf dem Kinosessel halten kann und sich am liebsten vor Ort in das Getümmel werfen will. Jede einzelne Figur des Films ist gut durchdacht und in ihrer Charakteristik perfekt konstruiert.

Es scheint nur um eines zu gehen: Iván, Iván und nochmals Iván, der das nur scheinbar geordnete Leben von Pepa und Ex-Frau Lucia völlig durcheinandergebracht hat und alle an den Rand eines Nervenzusammenbruchs treibt, aber eben nur an den Rand. Denn das Entscheidende ist es nicht, in der Nervenklinik landen zu wollen, sondern das Drama um Iván zu durchleben, ja weiterzutreiben, nur am Rand des psychischen Kollapses zu stehen, aber nicht in den Abgrund zu springen, sondern dem Leben durch die Inszenierung des eigenen Dramas einen scheinbaren oder tatsächlichen Sinn zu geben. Alles dreht sich um einen Mann? Noch dazu keinen besonders attraktiven? Nein, alles dreht sich um das Drama, das Theatralische, bis zum Endspurt am Flughafen, über den ich hier selbstverständlich nichts verraten werde, obwohl es mich geradezu danach drängt, ein Endspurt, der alles in sich zusammenfallen lässt, vorübergehend oder endgültig, das bleibt offen – bis zur nächsten Inszenierung des nächsten Dramas?

Mit Wortwitz und Situationskomik hat Almodóvar eine von Anfang bis Ende spannende und humorvolle Komödie inszeniert, die bis in feine Details durchdacht ist (etwa die Ohrgehänge von Candela: Espressomaschinen!) und in der sich verschiedene Handlungsebenen miteinander zu einem Ganzen verschränken.

Schauspieler

Carmen Maura, die Pepa, was soll man zu dieser Schauspielerin noch sagen? Sie wirft sich hinein ins Getümmel, das sie zum grössten Teil selbst gestaltet, was ihr aber in keiner Weise oder nur selten bewusst zu sein scheint, behält aber in kritischen Situationen, in denen sich das ganze Theaterstück in einem riesigen Knall in Luft aufzulösen scheint, die Oberhand – und treibt das Drama weiter: nächster Akt. Die Maura hat schlagfertigen, trockenen Humor, kann furchtbar überzeugend leiden und in nächster Sekunde kräftig austeilen.

Antonio Banderas als oberflächlich schüchtern-verhaltener Jüngling entpuppt sich als punktuell lustbesessener Mann. Banderas, äusserlich kaum wiedererkennbar, meistert den Spagat zwischen dieser Schüchternheit und seiner Begierde meisterhaft.

Julieta Serrano als Ex-Ehefrau von Iván, rachelüstern, aggressiv und eben auch immer am Rande des Abgrunds, kann als verletzte Kleinbürgerliche, die es bis zu Mordplänen treibt, voll überzeugen.

María Barranco als immer leidender Hypochonder, als schwache Frau, die mal wieder enttäuscht wurde, als sie von der grossen Liebe ihres Lebens träumte, aber dennoch bereit ist, alles zu tun, um ja nicht in Polizeigewahrsam zu kommen, spielt das kleine nervende Luder sehr sympathisch und mit viel Humor.

Zu erwähnen wäre noch Chus Lampreave als Hausmeisterin und Zeugin Jehovas, der punk-blonde Taxifahrer Guillermo Montesinos, der offenbar um alles in der Welt Kohle machen will und sein Taxi zum Kiosk ausgebaut hat, sowie Loles León als Sekretärin, die mit allerlei zynischem Spott ihre schwierige Aufgabe meistert – wieder einmal hervorragend besetzte »Neben«rollen.

Fazit

»Mujeres al borde de un ataque de nervios« ist eine Komödie voll des gutmütigen, aber auch beissenden Humors, eine Liebeserklärung – wie oft bei Almodóvar – an die Frauen, aber auch Sozialsatire. Auf unglaublich wortwitzige und situationskomische Art vermittelt der Regisseur (wieder einmal), wie wir alle das Drama in unserem Leben selbst schreiben. Er lässt offen, ob wir das wirklich brauchen. Auch dieser Film ist in gewisser Weise – obwohl bis ins Detail durchdacht – halb-dokumentarisch. Almodóvar hält mit der Kamera, ohne Scheuklappen, feste drauf. Einer der wenigen Filme, die ich bestimmt noch einmal anschauen würde und werde.

von Ulrich Behrens

Kategorien: Europa, Kultur und Medien
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