Die East Side Gallery, CNN und die Märchengeschichte

19.12.2019 - Reto Thumiger

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch verfügbar.

Die East Side Gallery, CNN und die Märchengeschichte

Ähnlich wie die Narrative des „Siegers“, wo behauptet wird, die Wiedervereinigung Deutschlands sei den USA und nicht Gorbatschow zu verdanken, versucht CNN die Entstehung der East Side Gallery in Berlin den Wunschvorstellungen anzupassen. Der willige Geschichtenerzähler dazu muss nicht weit gesucht werden.

In der Rubrik Kunst veröffentlichte CNN am 9. November 2019 einen Artikel über die East Side Gallery unter dem Titel „As the Berlin Wall was falling, one artist concocted a plan to turn it into the world’s longest outdoor gallery”, auf Deutsch: Als die Berliner Mauer fiel, entwickelte ein Künstler einen Plan, um sie zur längsten Outdoor-Galerie der Welt zu machen.

Gemeint ist der Künstler Kani Alavi, der sich kurz vor dem 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls auf Promo-Tour in den USA befand und CNN ein Interview gab und dabei mehrere Bären aufband, die scheinbar ohne Überprüfung direkten Eingang in den Artikel fanden.

Kani Alavi habe die Idee für die East Side Gallery gehabt und sei der Initiator.

Er habe Künstler aus der ganzen Welt organisiert, die das 1.3 km lange Stück Mauer in der Mühlenstrasse in Berlin bemalt haben.

Er habe die Idee für das berühmte Trabi-Bild von Birgit Kinder geliefert, da sie selbst kein Thema finden konnte. Die junge Künstlerin, die sich unsicher gewesen sei und nicht gewusst habe, was sie mit der Freiheit, zu malen was sie will, anfangen sollte, bis der „erfahrene“ Künstler Alavi ihr den Schubs in die richtige Richtung gab.

Die East-Side Gallery, CNN und die Märchengeschichte

Bild: © Birgit Kinder

Wir sind ja einiges von narzisstischen Männern gewohnt mit ihrer Fähigkeit, sich in Szene zu setzten und mit einem guten Selbstmarketing anderen – sehr oft Frauen – die Anerkennung zu stehlen und sich mit fremden Lorbeeren zu schmücken. Nichts außergewöhnliches oder, who cares?

CNN kümmert es ganz offensichtlich nicht, da sich mehrere der Behauptungen durch eine kurze Internetrecherche als unrichtig herausstellen.

Dass Kani Alavi aus dem Iran stammt, ist nebensächlich und wäre für diesen Artikel unwichtig. Für CNN passt es natürlich perfekt ins Bild. Alavi, der 1980 der unmenschlichen Diktatur entflohen ist und mit ansehen musste, wie Tausende Ostdeutsche der sozialistischen Diktatur zu entliehen versuchten. Das habe ihn auf die Idee gebracht, die East Side Gallery entstehen zu lassen, so der O-Ton im Artikel.

Tatsächlich war es nicht seine Idee, er ist weder der Initiator, noch war er zu Beginn des Projektes dabei. Kani Alavi ist einer der 118 Künstlerinnen und Künstler, die an der East Side Gallery gemalt haben, nicht mehr und nicht weniger, und außerdem einer der Letzten, die sich ans Malen gemacht haben.

Initiierung der East Side Gallery

Unmittelbar nach dem Fall der Berliner Mauer haben der Künstler David Monty aus West-Berlin und Heike Stephan, Mitglied des Ostdeutschen Künstlerverbandes, die Idee einer Open-Air-Galerie auf der 1,3 km langen Strecke in der Mühlenstraße in Berlin initiiert und sie erhielt den Namen East Side Gallery GDR. Später wurde GDR aus dem Namen weggelassen.

Die East Side Gallery, CNN und die Märchengeschichte

David Monty im November 2018 an der East Side Gallery.

Heike Stephan zog sich danach aus dem Projekt zurück und David Monty machte die Schottin Christine MacLean, die zuvor an der britischen Botschaft in Ost-Berlin gearbeitet hatte, zur Assistentin. David Montys Interesse schwand und er zog sich auch bald aus dem Projekt zurück.

Im April 1990 wurde Christine MacLean von einem neu gegründeten ostdeutschen Veranstaltungs- und Werbeunternehmen wuva mitgeteilt, dass sie das Recht haben, auf diesem Teil der Mauer Werbung zu schalten.

Christine überzeugte das Unternehmen, das Projekt als längste Open-Air-Galerie der Welt fortzusetzen. Sie arbeitete mit wuva zusammen, organisierte die aus aller Welt angereisten Künstler, beschäftigte sich individuell mit ihnen, teilte Segmente der Mauer zu und kümmerte sich um alle praktischen Details.

Birgit Kinder’s Trabi-Malerei

Die Künstlerin Margaret Hunter schildert die Entstehung des Trabi-Bildes in einer E-Mail an die Redaktion folgendermaßen: „Im Juli 1990 begann ich mit dem Malen, als Birgit mit ihrem kleinen Trabant auf den Bürgersteig neben mir fuhr. Sie war entschlossen, ein Bild zu malen. Ich nahm sie mit, um mit Christine MacLean zu sprechen. Allerdings waren bereits alle Segmente der Mauer verteilt worden. Da ich einen sehr langen Teil hatte, gab ich Birgit ein Stück davon ab. Sie wusste sehr genau, was sie malen wollte. Sie nahm ihr Trabi-Handbuch aus ihrem Auto und kopierte es, als es von West nach Ost durch die Mauer brach. Darüber malte sie die Worte „TEST THE BEST“. Heute ist es eines der ikonischsten Gemälde der Gallery, eine gute Idee und ein passendes Bild der Zeit.“

CNN-Beitrag kein Einzelfall

Mehrere Personen haben sich an die verantwortliche Redaktion bei CNN gewandt, auf die unwahre Tatsachenbehauptungen hingewiesen und eine Gegendarstellung verlangt. CNN hat auf keine der Beschwerden reagiert.

Der Artikel von CNN ist leider kein Einzelfall. Auch in früheren Interviews hat der Deutsch-iranische Künstler zu verstehen gegeben, dass er maßgeblich an der Entstehung der ESG mitgewirkt haben soll, was meist bereitwillig von den jeweiligen Medien so abgedruckt wurde. Scheinbar symptomatisch, dass Medien sich zum Sprachrohr von unwahren Tatsachenbehauptungen machen, insbesondere bei Projekten und Initiativen von Unten.

Wie ist es zu erklären, dass Alavi es immer wieder schafft, David Monty und Christine MacLean in den Schatten zu stellen und sich über die Medien als Mr. East-Side-Gallery darzustellen? Warum akzeptieren die Behörden ihn und die von ihm gegründete Künstlerinitiative als Sprachrohr und Ansprechpartner, obwohl sie genau wissen, dass der Verein keine offizielle Künstlervertretung ist? Und auch die neue Besitzerin der East Side Gallery, die Stiftung Berliner Mauer, hält sich gerne an Kani Alavi, obwohl sie die Sachverhalte genau kennt und weiß, dass er vor allem Eigeninteressen vertritt?

Die East Side Gallery, CNN und die Märchengeschichte

Peter Nagelschmidt, Christine MacLean und Rainer Uhlmann (v.l.n.r) an der East Side Gallery 1990. (Bild: © Mary Mackey)

Liegt es an der Zeit, wo es reicht, eine Lüge mehrfach zu wiederholen, um sie zur neuen Wahrheit zu machen, wo alternative Fakten und Framing wichtiger sind als die Tatsachen?

Ist es dem medialen Personenkult zu verdanken und der Bequemlichkeit, jede Bewegung, jedes soziale Phänomen und jedes Projekt auf eine Person, auf ein Gesicht zu reduzieren, am liebsten eines, dass polarisiert, sich medienwirksam verkauft und einer Person gehört, mit der man leicht einen Deal machen kann?

Oder sind wir es in unserer männerdominierten Welt so gewohnt, dass ein Mann mit etwas Charisma die Frauen an ihre Rolle in der Gesellschaft erinnert und sie an ihre Plätze in den hinteren Reihen verweist?

Die Welt scheint sich in vielen Aspekten geändert zu haben und dennoch lassen wir uns nur allzu schnell wieder in alte Denkschemata zurückfallen. Solchen Geschichten nicht auf den Leim zu gehen, ist anstrengend aber wichtig und notwendig. Wie sonst soll eine grundlegende Veränderung von Unten zu Stande kommen?

Mehr zum Thema: Quo Vadis East Side Gallery

Kategorien: Europa, Kultur und Medien
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