Wie die „Gelbwesten“-Bewegung das Leben französischer Bürger und Bürgerinnen in einem Jahr verändert hat

24.11.2019 - Pressenza London

Dieser Artikel ist auch auf Englisch verfügbar.

Wie die „Gelbwesten“-Bewegung das Leben französischer Bürger und Bürgerinnen in einem Jahr verändert hat
Die „Gelbwesten“ wählen bei einer Versammlung in Saint Nazaire, April 2019. (Bild von Elise Lobbedez, Author provided. Via The Conversation)

Frankreichs oft als unorganisiert, verstreut und sogar gewalttätig angesehene Gelbwesten-Bewegung hat mit ihrem Durchhaltevermögenviele überrascht. Ein Jahr nachdem die Bewegung am 17. November 2018 entstanden ist, treffen sich viele der Aktivisten und Aktivistinnen immer noch regelmäßig, organisieren und protestieren, trotz der Herausforderungen, denen sie sich in den letzten zwölf Monaten stellen mussten. Tatsächlich sind die Gelbwesten für viele französische Staatsbürger und -bürgerinnen ein Symbol bürgerschaftlichen Engagements geworden.

„Wenn du die Verkehrskreisel nicht besuchst, nicht zu den Protesten gehst, wenn du keine Leute triffst, dann weißt du einen Scheiß, und du denkst, dass die Gelbwesten am Ende sind, dass sie keine Forderungen haben, dass sie ihren Sinn verloren haben. Aber wir demonstrieren immer noch. Unsere Forderungen haben sich nicht geändert.“ (Stéphanie)

Obwohl heutzutage weniger Menschen an Gelbwesten-Demonstrationen teilnehmen, ist die Bewegung immer noch stark. In meiner ethnographischen Studie über die Bewegung in der Lyon-Region, konnte ich beobachten, dass das Engagement der Bewegung oft über Proteste hinausgeht. Sie besetzen Verkehrskreisel und durchbrechen Mautstationen. Tatsächlich berichten Teilnehmer und Teilnehmerinnen, dass sie dieses Jahr für nichts Anderes Zeit hatten.

Mit der Zeit ist eine gewisse Routine in die Versammlungen eingekehrt. Die Gelbweste Margot, beschreibt diese Routine in unserem Interview diesen Sommer als ein „Aktivisten-Regime“.

An Aktionen teilnehmen, Flugblätter verteilen, Obdachlosen helfen – dies sind die Aktivitäten, die die tägliche Routine des „gelben Aktivismus“ ausmachen. Während eines Treffens zu Beginn des Schuljahres sprach Etienne darüber, wie die Tage des Handelns samstags letztendlich weniger intensiv wurden.

„Ich möchte, dass wir zu einer 9- bis-21-Uhr-Routine zurückkehren. Ein 12-Stunden-Tag, richtig? Wir müssen zeigen, dass wir noch da sind.“

Ein Flugblatt für einen der „Bürgerdialoge“, die von den Lyoner Gelbwesten zwischen Januar und Juni organisiert wurden. Das Ziel dieser Debatten ist es, offen und gemeinsam über ihre Forderungen nachzudenken. Dialoge wurden zu spezifischen Themen organisiert, so wie die Umwelt, die Wirtschaft, Steuern, soziale Gerechtigkeit, Demokratie und staatsbürgerliches Leben. (Bild: E. Lobbedez)

Außerhalb der Operationen am Boden sind die täglichen Leben der Gelbwesten um Diskussionen, Experimente mit direkter Demokratie, wöchentlichen Treffen, Konferenzen und Debatten organisiert. Zwischen Ratschlägen, was man lesen sollte, Entdeckung der Welt des Aktivismus und Tutorials über die Erstellung von Plakaten betonen viele, dass sie nie so viel gelernt haben, wie in der Zeit, seit sie sich der Bewegung angeschlossen haben.

Ein Jahr des Kampfes

„Manche Menschen sind jetzt gegen das Tragen der gelben Westen… Ich sage nicht, dass sie Unrecht haben. Weil, letztendlich werden wir zu sehr stigmatisiert…“ (Julien)

Während dieses Jahres der Anstrengung war das Tragen der gelben Weste nicht immer einfach. Der Rückgang der Beteiligungen beeinträchtigte manchmal den Zusammenhalt und führte zu internen Spannungen. Mehrere Streitgespräche belasteten die Versammlungen, vor allem über das weitere Vorgehen. Sollten Demonstranten und Demonstrantinnen, um eine Demonstrationsgenehmigung  bitten? Würde der Zusammenschluss mit anderen Bewegungen helfen, die Aktionen zu stärken? Was würde das in der Praxis mit sich bringen?

Durch die Berichte vieler Medien, die die Gewalttätigkeit der Demonstranten und Demonstrantinnen betonen, haben die Gelbwesten eine andere Art des Symbolismus für Menschen außerhalb der Bewegung angenommen. Dies behindert manchmal die Bemühungen der Bewegung.

In einigen Fällen bedeutet diese Berichterstattung sogar eine Abschreckung für Kollaborationen mit anderen Bewegungen, wie zum Beispiel während der Klimamärsche, besonders Anfang Januar. Einige Gelbwesten-Demonstranten und -Demonstrantinnen fühlten sich nicht willkommen und hatten den Eindruck, dass sie nur dort waren, um die Teilnehmerzahlen zu erhöhen, nicht aus Solidarität ihren Forderungen gegenüber.

Ein Plakat bei einem Protest im Mai, das den Wunsch der Bewegung nach Zugehörigkeit betont. (Bild: E. Lobbedez)

Symbolisch fühlten sich viele stigmatisiert und mussten sich durch die Vorurteile ihrer Verwandten und der Zuschauer und Zuschauerinnen navigieren. Innerhalb des Kollektivs ermutigt die Opferkultur Teilnehmer und Teilnehmerinnen, alles für die Sache zu geben, indem Ziele gesetzt wurden, die schwer zu erreichen sind, und denen ihre Gesundheit, ihr Familienleben, ihre Freundschaften und ihre Arbeitsstelle zum Opfer fallen. Erschöpfung durch Überengagement ist normal und es ist nicht unüblich, dass einige Teilnehmer und Teilnehmerinnen, wenigstens für kurze Zeit, einen Schritt zurücktreten.

Leben durch eine gelbe Brille

„Wenn ich unerhörte Neuigkeiten sehe, habe ich keine Wahl, außer sie weiterzuschicken, zu teilen. Ich bin eine Gelbweste, weil ich empört bin.“ (Thierry)

Plakate für einen Protest im Februar. (Bild: E. Lobbedez)

Jedoch bedeutet die Distanzierung von der Bewegung nicht, dass man aufgibt. Die politischen Praktiken, die in diesem vergangenen Jahr des Aktivismus entwickelt wurden, bleiben auch im Alltag derer einflussreich, die ihre gelben Westen schon weggepackt haben.

Allem übergeordnet ist die Weste ein Geisteszustand. Sehr oft nehmen anscheinend alltägliche Tätigkeiten eine politische Wendung: Für Anais ist das, zum Markt anstatt zum Supermarkt zu gehen; für Michel, ein Elternnetzwerk für Hilfe beim Babysitten aufzubauen; für Frédéric, aufzuhören bei Amazon zu kaufen.

Die individualisierte gelbe Weste, das kollektive Symbol mit einem persönlichen Touch. (Bild: E. Lobbedez)

Allem übergeordnet ist die Weste ein Geisteszustand. Sehr oft nehmen anscheinend alltägliche Tätigkeiten eine politische Wendung: Für Anais ist das, zum Markt anstatt zum Supermarkt zu gehen; für Michel, ein Elternnetzwerk für Hilfe beim Babysitten aufzubauen; für Frédéric, aufzuhören bei Amazon zu kaufen.

Bezüglich Nachrichten spitzt jeder bei der Erwähnung von Streiks und kontroversen Neuigkeiten die Ohren, weil jeder versucht, seine Informationen von alternativen Quellen zu bekommen.

Francine zum Beispiel hat sich von der Bewegung distanziert, bleibt aber durch unabhängige Nachrichtenseiten informiert. Sie erzählte mir von neuen Plattformen, die sie durch die Gelbwesten-Bewegung entdeckt hat. „Ich hörte mir alle Inhalte auf „ThinkerView“ an… diese Seite fördert den Ideenaustausch und öffnet den Geist.“

Für sie ist es nicht nur, auf dem Laufenden zu bleiben, sondern sich mit anderen Standpunkten vertraut zu machen. Sie glaubt, das ist in ihren täglichen Begegnungen und Interaktionen wichtig.

Die Weste: Ein Zeichen der Veränderung

„Ich werde jetzt nie aufhören, ein Aktivist zu sein. Es kann Formen annehmen… durch Politik, vielleicht, oder örtliche Organisationen. Aber jetzt bin ich “süchtig“ danach. Nach einem Jahr auf diese Art versuchen, Dinge zu ändern, kann man nicht einfach zurückgehen und nur geistlos den Nachrichten auf TF1 [größter französischer Fernsehsender] zuhören und denken „Die Zeit wird’s zeigen“. (Florence)

Viele in der Bewegung empfinden, dass die gelbe Welle ihre Leben geändert hat. Einige, wie Maxime Nicolle, entschieden sich, sich einen neuen Job zu suchen, der mehr ihren Werten entspricht. Marie, die im Geschäftstourismus gearbeitet hat, hat gekündigt, um nach Arbeit zu suchen, die besser zu ihren Idealen passt.

Für Florence war die Bewegung ein Weckruf. Ihre wachsende Beteiligung führte dazu, dass sie sich entschloss, ihren Partner zu verlassen. Sie ist immer noch sehr aktiv in der Bewegung, aber fragt sich jetzt, wie ihr Engagement in Zukunft aussehen wird. Ein Leben ohne jedwede Form von Aktivismus ist für sie undenkbar geworden. Sie ist nicht allein: Einige „Gelbwesten“ haben beschlossen, sich innerhalb einer Partei oder parteilos für ein Amt zur Wahl zu stellen.

Die gelbe Weste eines Gleisarbeiters in der Zugführerkabine, der interviewt wurde. (Bild: E. Lobbedez)

Natürlich sind diese Veränderungen in Leben und Gewohnheiten für jeden persönlich und können nicht die ganze Bewegung beschreiben, besonders in Hinsicht auf ihre Vielschichtigkeit. Jedoch belegen diese Beispiele die Auswirkungen, die die Gelbwesten-Bewegung auf viele Einzelne hat.

Obwohl es schwierig ist, die Zukunft der Bewegung vorauszusehen, ist klar, dass die Gelbwesten Leben verändert haben und weiterhin den zukünftigen Kampfgeist vieler Teilnehmer und Teilnehmerinnen beeinflussen werden. Es wird immer da sein, bereit, wiederbelebt zu werden, wenn die Zeit reif dafür ist.

Elise Lobbedez, Doktorantin am Centre de recherche OCE, EM Lyon. Ihre Doktorarbeit wird von Professor David Courpasson betreut.

Dieser Artikel wurde auf Englisch auf The Conversation unter Creative Commons Lizenz veröffentlicht und von Kristina Klüpfel vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam übersetzt. Wir suchen Freiwillige! 

Kategorien: Europa, Menschenrechte
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