Von der einzigen Wirklichkeit zur eigentlichen Wirklichkeit

25.11.2019 - Jordi Jiménez

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Französisch, Italienisch, Katalanisch verfügbar.

Von der einzigen Wirklichkeit  zur eigentlichen Wirklichkeit
(Bild von Nathan-Dumlao)

Aktuell ist die gesellschaftliche Lage überall sehr komplex und unterliegt ständigen Veränderungen. Wir erleben dazu einen raschen sozialen Zerfall und bisher ist nicht bekannt, wie es weitergeht und wie es in Zukunft aussehen soll. Aufgrund dieser Unsicherheiten gibt es mehr Konflikte zwischen sozialen Gruppen, zwischen der Bevölkerung und den Regierenden und auch unter den Mächtigen. Dabei setzen Regierende die Bevölkerung für ihre Interessen ein und treiben den sozialen Zerfall nur weiter voran.

Bei jeder sozialen Auseinandersetzung tendieren wir dazu, uns einer Seite anzuschließen oder mit einer Seite stärker zu sympathisieren. Dabei erklären wir uns die Situation aus diesem Blickwinkel und verstehen vor allem die Motive und Begründungen dieser Position, da sie unserem Denken und Fühlen entspricht. Treffen wir kurz darauf allerdings auf einen Menschen, der zum anderen Lager gehört und der eine vollkommen andere Sichtweise hat, erscheinen uns dessen Erklärungen komplett gegensätzlich zu den unseren und dessen Begründungen vollkommen abstrus. Wie kann jemand etwas derart „Offensichtliches“ so entgegengesetzt und „unlogisch“ sehen?

Das Problem entspringt aus einer bei uns allen fest verwurzelten Überzeugung: Wir glauben, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, dass diese einzigartig ist. Wir sind überzeugt, dass Dinge eindeutig sind – „das ist so“ –, auch wenn uns die Wirklichkeit immer wieder zeigt, dass Dinge unterschiedlich sind und dass die Wirklichkeit dadurch selbst vielfältig und mehrdeutig ist.

Jedes Phänomen, ob persönlich oder sozial, wird immer und unausweichlich aus einem Blickwinkel oder einer Perspektive gesehen. Es ist nicht möglich, etwas objektiv zu betrachten, also ohne es aus einer bestimmten Position zu sehen, wie einer ideologischen, emotionalen oder durch eigene Erlebnisse geprägten. Zu glauben, die Wirklichkeit sei eindeutig, hieße, dass wir auch objektiv betrachten könnten, wie etwas „ist“, als könne es nur auf eine einzige Weise sein, die wir natürlich erkennen. Daher sind wir so überrascht, wenn wir zum ersten Mal mit einer anderen, gegenläufigen Sicht auf die Wirklichkeit konfrontiert werden.

Der Glaube an eine einzige Wirklichkeit ist eine Illusion, eine Fantasie unseres Bewusstseins. Verschiedene Ereignisse zeigen uns diese trügerische Annahme jeden Tag.

Gehen wir metaphorisch davon aus, dass die Sichtweise räumlich ist, ein Winkel, aus dem ich Dinge betrachte. Aus diesem Blickwinkel gibt es eine gut strukturierte, rationale, nachgewiesene, klar empfundene und stimmige Wirklichkeit. Aus dieser Perspektive ergibt alles einen Sinn und es gibt für alles eine Erklärung. Demnach ist vollkommen klar, was gerade geschieht, denn meine Erinnerungen und meine aktuellen Wahrnehmungen fügen sich in eine gut organisierte Geschichte ein, die allem, was ich sehe, Sinn verleiht. Irgendwann sehe ich jedoch Dinge, die nicht in meine Geschichte von Ereignissen passen. Ich betrachte dieses Phänomen, das nicht in meine Sichtweise passt, und ich lasse mich, ohne es zu merken, dazu verleiten, eine neue Sichtweise einzunehmen. Aus dieser ergibt das, was ich sehe, ebenfalls Sinn und aus ihr entsteht eine andere Geschichte, die das Phänomen nun wieder erklären kann. Ich bin zusehends verunsichert und fühle mich instabil. Ich bin aus meinem mentalen Rahmen (meiner Sichtweise) getreten und habe für einen Moment die Dinge aus einer anderen Perspektive gesehen. Ich habe eine andere Geschichte „gesehen“, vielleicht genau von denen, die ich vor Kurzem noch verunglimpft habe. Nun habe ich erkannt, dass ein anderer Blickwinkel ebenfalls seinen Sinn ergibt und seine eigene Wirklichkeit mit sich bringt. Was ist mir los? Ich verstehe es nicht. Wie ist es möglich, dass ich diesen anderen Blickwinkel nun irgendwie auch nachvollziehen kann? Ich hatte doch gedacht, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, aber…

Diese wunderbare Begegnung mit der wirklichen Wirklichkeit, die vielfältig und mehrdeutig ist, ruft seltsame Gefühle hervor. Denn es gibt eine tief verwurzelte, illusionäre Überzeugung von der einzigen Wirklichkeit, die gebrochen wird, wenn wir Dinge aus einer anderen Perspektive sehen, wenn wir diese neue Sichtweise einnehmen und feststellen, dass sie auch so real ist wie die unsere. Und das ist die eigentliche Wirklichkeit: Die Welt ist vielfältig.

Gehen wir jetzt etwas weiter. Der Standpunkt, von dem aus ich die Dinge betrachte, wird immer von dem bestimmt, was wir als „eigenes Interesse“ bezeichnen können. Hinter jeder Perspektive stehen eigene Interessen, das sind Absichten, die ihr zugrunde liegen. Eigene Interessen sind wie der Motor oder die Energie, die uns antreibt, Dinge von diesem Standpunkt und nicht von einem anderen zu sehen, da dieser Standpunkt mit unseren Interessen übereinstimmt. Das eigene Interesse ist die Kraft, die uns an unsere Perspektive gebunden hält. Wir alle haben eigene Interessen, die sich aus einer Mischung von Bedürfnissen, Wünschen, Kompensierungen, Bestrebungen usw. zusammensetzen. Wir alle suchen nach etwas, wir sehnen uns nach etwas, wir bewegen uns in eine bestimmte Richtung, wir haben Absichten für die Zukunft… Das heißt, wir interessieren uns für bestimmte Dinge und bestimmte Wege, und nicht für andere.

Das eigene Interesse „filtert“ bestimmte Standpunkte und bringt uns zu einer eigenen und einseitigen Sichtweise der Wirklichkeit. Es selektiert gewisse Erinnerungen, die sich gut in unsere Geschichte einfügen, es selektiert bestimmte Wahrnehmungen und sortiert andere aus, es selektiert geeignete Argumente, die zu unserer Schlussfolgerung passen (nicht andersrum, wie die alten Griechen glaubten). Denn was wir am Ende schlussfolgern, muss mit dem eigenen Interesse übereinstimmen. Das Argument hingegen lässt sich entsprechend anpassen. Eigene Interessen zu erkennen ist sehr viel schwieriger als den eigenen Standpunkt. Allerdings können wir direkt die Interessen und Standpunkte „anderer“ erfassen, wenn wir sie beobachten. Gleichzeitig können wir ihre Sichtweisen ebenso schnell ablehnen, wenn sie sich den unseren entgegensetzen. Aber selbst können wir nur sehr schwer unsere eigene Perspektive und noch schwerer unsere eigenen Interessen erkennen, die unsere Perspektive „filtern“.

Natürlich sind meine eigenen Interessen nicht besser oder schlechter als die Interessen der meisten Menschen, sie machen mich weder zu einem Held noch zu einem Feigling.

Wenn wir jedoch aus der Welt der Träume erwachen und eine „neue Wirklichkeit“ sehen möchten, müssen wir eine breitere Perspektive einnehmen. Dadurch können wir verschiedene Standpunkte zu jedem beliebigen Phänomen betrachten. Wir können uns in verschiedene Sichtweisen hineinversetzen, sehen, wie vielfältig sie sind, und versuchen, die Interessen und legitimen Absichten hinter jeder Position zu verstehen, ohne sie vorschnell zu verurteilen. Das bedeutet nicht, dass ein Mensch nicht auch seinen eigenen Standpunkt zu den Dingen haben kann, der sich weder der einen noch der anderen Seite anschließt.

Es bedeutet vielmehr: Wir versuchen nur zu verstehen, dass jede Seite eine flüchtige Illusion ist und dass es uns allen gleich geht. Wir sind alle vereint in unseren Illusionen, in unseren Leidenschaften, in unserem mechanistischen Weltbild, aber auch in unserer Sehnsucht nach einem besseren Leben und in unserer Hoffnung, Schmerz und Leiden zu überwinden. Alles, was uns Menschen widerfährt, verbindet uns.

Übersetzung aus dem Spanischen von Laura Schlaphorst vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige! 

Kategorien: Gewaltfreiheit, Humanismus und Spiritualität, Meinungen
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