Christa Wolf: Der geteilte Himmel – Zwei Hälften der Welt

17.10.2019 - Johanna Bröse, kritisch-lesen.de - Untergrund-Blättle

Christa Wolf: Der geteilte Himmel – Zwei Hälften der Welt
Karl Neumann, Christa Wolf und Günter de Bruyn (v.l.n.r.), nahmen im Januar 1967 an dem «Rahnsdorfer Gespräch» im Klub der Kulturschaffenden Berlin teil. (Bild von Bundesarchiv, Bild 183-F0125-0009-001 - Demme, Dieter | CC BY-SA 3.0)

Eine Liebesgeschichte im Vorfeld des Mauerbaus: Literatur kann nicht darauf verzichten, Alltagsleben darzustellen – bei gleichzeitiger Widerspiegelung gesellschaftlich-politischer Verhältnisse.

„Wohl jeder Leser, jede Leserin von Christa Wolf wird Sätze von ihr aufsagen können, die er eine Zeit seines Lebens mit sich getragen hat“, heißt es in einer Biographie über die Schriftstellerin, die im Jahr 2011 82-jährig verstarb. Auch in meinem Kopf gibt es ihn, den Christa-Wolf-Satz: „Beide Hälften der Erde passten ganz genau ineinander, und auf der Nahtstelle spazierten wir, als wäre es nichts“ – ein Satz, der mich immer wieder verwundert und beruhigt. Ich hatte vor Jahren die kommentierte Suhrkamp-Ausgabe von „Der geteilte Himmel“ – Wolf hatte das Werk „an G.“, ihren Mann, gewidmet – von einem anderen G. erhalten.Er hatte mit einem groben Kugelschreiber das „an“ der Widmung durch ein „von“ ersetzt und gab mir auf einem beigefügten Zettel den Hinweis, man müsse dieses Buch lesen, „um die DDR danach auch nicht besser zu verstehen. Vielleicht aber die Menschen.“ Ich glaube heute, dieser Hinweis ist so nicht ganz richtig. Ich habe durch die Sprachgewalt der Autorin auch sehr eindrückliche Einblicke in den sozialistischen Staat gewinnen können.

Über die Dialektik der Liebe

Christa Wolf trat 1949 in die SED ein – und 1989 wieder aus. Ihr Leben ist aufs Engste mit der Geschichte der DDR verbunden. Und auch ihre Werke sind es; egal, ob man sie als eine kontroverse Dissidentin oder eine der bedeutendsten Staatsschriftstellerinnen der DDR einordnen mag. Ihr Romandebüt „Der geteilte Himmel“, 1963 erschienen, ist eng mit eigenen Erfahrungen verknüpft: Ein großer Teil des Buches spielt in Halle, dort lebte Wolf selbst einige Jahre und leitete – gemeinsam mit ihrem Mann – einen Zirkel schreibender Arbeiter_innen.

Gleichzeitig war Christa Wolf im Waggonbauwerk Ammendorf tätig: Der Entfremdung zwischen Kunstschaffenden und Werktätigen sollte, gemäß der als „Bitterfelder Weg“ bekannten Programmatik durch eine Mitarbeit von Künstler_innen und Schriftsteller_innen in den Betrieben entgegengesteuert werden. Gleichzeitig wurden den Arbeiter_innen Kunst und Kulturangebote gemacht, etwa der erwähnte Schreibzirkel. Durch die sozialistische Gesellschaftsentwicklung erwartete man schließlich auch „wachsende künstlerisch-ästhetische Bedürfnisse der Werktätigen“ (aus der Programmatik). Heutige neoliberale betriebliche Angebote für Angestellte – von Landschaftsmalerei-Workshops bis zu Expressionstanz-Seminaren – nehmen sich gegenüber den Überlegungen aus Bitterfeld doch recht fad aus.

Die Erfahrungen aus dem Waggonwerk bringt Wolf direkt in ihr Werk ein: Erzählt wird eine Liebesgeschichte im Vorfeld des Mauerbaus. Die Beziehung der Studentin Rita Seidel und dem zehn Jahre älteren Chemiker Manfred Herrfurth beginnt als eine romantische Darstellung einer großen Liebe: „Das Leben hatte vor ihnen gelegen, und sie hatten darüber zu befinden. Alles war möglich, nur daß sie sich wieder verloren, war unmöglich.“ (S. 25) Die Liebesgeschichte wird aber immer wieder von der Realität – der Dialektik zwischen biographischen Sozialisierungen (vor allem dem Trauma des Aufwachsens zur Zeit des deutschen Faschismus von Manfred) und dem Ringen um einen sozialistischen Gesellschaftsentwurf – durcheinandergewirbelt. Und sie scheitert letztlich auch daran.

„Wieso erzähl‘ ich dir das alles? dachte er. Versteht sie überhaupt, was damals los war? Sie war ja noch nicht einmal geboren… Komisch: Irgendwo zwischen ihr und mir fängt die neue Generation an. Wie soll sie begreifen, daß man uns alle frühzeitig mit dieser tödlichen Gleichgültigkeit infiziert hat, die man so schwer wieder los wird?“ (S. 56f.)

Was Christa Wolf mit besonderem Augenmerk darstellt, ist das Subjekt, den Menschen, in all seinen Facetten. Gleichzeitig gelingt es ihr, Umfeld und politisches Tagesgeschehen unmittelbar dazuzustellen. Sie verbindet damit Zeit- und Lebensgeschichte(n). Rita wird im Verlauf des Buchs erwachsen: Sie zieht aus dem kleinen Dorf, in das sie gemeinsam mit der Mutter als Flüchtende kam, in die Stadt Halle – „Ihr fiel auf: Das sind ja mehrere Städte. Die sind in Ringen umeinandergewachsen wie ein alter Baum. Sie schritt die Straßenringe ab und überwand in Stunden mühelos Jahrhunderte.“ (S. 34) Von einer Bürotätigkeit wechselt sie an das Institut für Lehrerbildung, um dort zu studieren. Gleichzeitig beginnt sie eine Arbeit in einer Waggonbau-Brigade: „Ein Lehrer muss heutzutage einen Großbetrieb kennenlernen!“ (S. 38)

Im Werk werden zwei Erzählstränge vermischt: Zum einen die Gegenwart, das Jahr 1961, in der die Protagonistin Rita Seidel in einem Krankenhaus erwacht. Was zunächst wie eine Art Arbeitsunfall erscheint – sie sei auf den Gleisen des Waggonbau-Kombinats ohnmächtig geworden, heißt es – wird später als Verzweiflungsakt der jungen Frau offenbar. Und zum anderen die Erinnerung, die Stück für Stück das Geschehen aufrollt, von der ersten Begegnung der beiden Hauptprotagonist_innen bis zum letzten Gespräch. Die Erinnerung wird rückblendenartig in die langsame Genesungsgeschichte von Rita eingewebt. Die Liebesgeschichte zerbricht letztlich an den unterschiedlichen Lebensentwürfen und politischen Überzeugungen. Zugespitzt wird dies, weil die politische Entwicklung ihnen die Entscheidung abverlangt: Ihre Trennung wird durch den Entschluss des Mauerbaus im Jahre 1961 in Stein gemeißelt; ein Zurück zum Alten gibt es nicht mehr, selbst der Himmel scheint geteilt.

Der Erfolg des Buches überrascht die Autorin. Sie schreibt in einem Brief an den Maler Willi Sitte (der ihr für eine Publikation Graphiken beisteuert): „merkwürdigerweise kommt sie (die Erzählung, Anm. J.B.) jetzt gerade richtig in eine bestimmte Diskussion rein, die unter der Jugend ist – was ich beim Schreiben ja nicht voraussah“ (S. 288, im kommentierenden Teil des Anhangs, Anm. J.B.).

„…die freie Entwicklung eines jeden…“

Welche Werte und politischen Überzeugungen sind es, die vor allem junge Menschen dazu veranlassen, auch Entscheidungen mit gravierenden Konsequenzen für ihre sozialen Beziehungen zu treffen? Auf Seiten der Protagonistin Rita ist es wohl die Überzeugung, einen sozialistischen Staat auf dem blutigen Boden Deutschlands mit aufzubauen, auch unter Verlusten. Dass sich die DDR zu diesem Zeitpunkt in widersprüchlichen politischen und wirtschaftlichen Aushandlungsprozessen befand – zum einen der Kampf gegen „Reformsozialismus“ in den eigenen Reihen, zum anderen etwa die zunehmend konsumfreundliche Wirtschaftspolitik, die an die steigende Industrieproduktion anknüpfte – mag auch im Schreibprozess von Christa Wolf eine Rolle gespielt haben. Dies wird deutlich in der stark ernüchterten und kritischen Figur des Manfred Herrfurth, der sich letztlich durch Erfahrungen von Dogmatismus und Intoleranz von einem Leben in der DDR distanziert.

Der Roman ist kein beschönigender, aber ein grundsätzlich solidarischer Blick auf die DDR. Rita lässt sich, wie auch die Autorin selbst, nicht von ihrer Überzeugung einer sozialistisch geprägten, gerechten Gesellschaft abbringen. Das macht das Bewusstsein einzelner deutlich, dass es einer Gesellschaft bedarf, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die Entwicklung aller ist“ (Karl Marx). Heute sind es (wenn auch unter anderen Vorzeichen) etwa diejenigen, die den Kampf in Rojava um das Weiterbestehen einer freien und solidarischen Föderation führen, die dieses Erbe antreten.

Kategorien: Europa, Kultur und Medien
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