Israel darf und muss kritisiert werden – sagt Moshe Zuckermann

22.10.2018 - Christian Müller / Infosperber - Untergrund-Blättle

Israel darf und muss kritisiert werden – sagt Moshe Zuckermann
Moshe Zuckermann (Bild von Arne List | CC BY-SA 3.0 creative commons from Wikimedia Commons)

Ein neues Buch zum Thema Antisemitismus klärt die Frage, ob Kritik an Israel, wie behauptet, die neue Form von Antisemitismus ist.

Das fach- und sachkundige Buch zur Frage, ob Kritik an Israel in jedem Fall eine neue – zu verurteilende – Form von Antisemitismus ist, oder eben nicht, und warum, war überfällig. Jetzt ist es erschienen. Der Autor, Moshe Zuckermann, ist für das Thema prädestiniert wie kaum ein anderer: Er ist der Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender, ist in Israel geboren, hat in Deutschland studiert (schreibt also selber in deutscher Sprache), war jahrelang Professor für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv und kennt so Israel und Deutschland nicht nur als promovierter Wissenschaftler, sondern ebenso aus eigener langjähriger Lebenserfahrung.Moshe Zuckermann spricht Klartext. Er kritisiert nicht nur, er verurteilt in harten Worten, was zumal in Deutschland zwischenzeitlich die Norm ist: dass «Israel» und «Zionismus» in höchst fahrlässiger Weise mit «den Juden» vermischt und – im Interesse Israels – de facto gleichgesetzt werden. Er kritisiert und verurteilt in harten Worten die neue Taktik der (vor allem deutschen) Antisemitismus-Jäger, Veranstaltungen, an denen es zu Kritik an Israel kommen kann, durch Kündigung der Veranstaltungsräume oder gar Auftrittsverbote zu verhindern – und er zählt konkret mehrere solche Machenschaften etwa im Jahr 2017 auf. Er kritisiert und verurteilt aufs schärfste die neue Methode, Israel-kritische Juden als Selbsthasser und sogar selber als Antisemiten hinzustellen. Viele Deutsche, sagt Zuckermann, glauben sich von der Schuld am Holocaust befreien zu können, indem sie sich jetzt mit Israel solidarisieren. Aber, so fragt Zuckermann:«Meint er (der sich mit Israel Solidarisierende, Red.) das säkulare (liberale oder sozialistische) Israel oder das religiöse (halachisch-orthodoxe beziehungsweise nationalreligiöse)? Das Israel einer aschkenasischen Hegemonie oder das eines in den letzten Jahrzehnten von orientalischen Juden in ganz andere Bahnen des Selbstverständnisses getriebene?

Das ‹jüdische› Israel einer seit über siebzig Jahren systematisch betriebenen Diskriminierung und perpetuierten Unterprivilegierung eines Fünftels seiner Bevölkerung, der in Israel noch vor der Staatsgründung lebenden arabisch-palästinensischen Minderheit? Das Israel einer von Privatisierung und beschleunigt forciertem Sozialabbau gebeutelten Gesellschaft, die sich inzwischen durch eine sich immer bedrohlicher vertiefende sozial-ökonomische Kluft kennzeichnet?

Das Israel der ultrarechten Siedlerbewegung, in der eine expansive Grossisrael-Ideologie, ein religiös-fundamentalistischer Messianismus und eine politisch wie militärisch durchwachsene Gewaltbereitschaft zur nahezu autonomen Wirklichkeit eines Staates im Staat geronnen ist? Das Israel der in den letzten Phasen ihres Untergangs begriffenen Kibbutz-Bewegung? Der gerade von der Arbeiterpartei zerschmetterten Gewerkschaften? Des durch die deteriorierte (geschwächte, Red.) ökonomische Lage ins Wanken geratenen Gesundheits- und Erziehungswesens?

Das durch die in den Neunzigerjahren vom Staat organisierte Masseneinwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion demografisch und kulturell solchermassen transformierte Israel, dass es mit dem idealisierten ‹alten Israel› so gut wie keine Gemeinsamkeit mehr aufweist? – Vom Umgang mit den Hunderttausenden von Gastarbeitern aus verschiedenen Ländern der Zweiten und Dritten Welt, die ein oft entrechtetes Sklavendasein im ehemals sich sozialistisch gerierenden Israel fristen, soll hier geschwiegen werden. Immer länger liesse sich die Ausstaffierung der Liste eklatanter Widersprüche und innerer Ungereimtheiten der israelischen Gesellschaft fortsetzen, die aber letztlich allesamt auf eines hinauslaufen: Wer sich abstrakt mit ‹Israel› solidarisiert, segnet mutatis mutandis alle diese Widersprüche ab.»

Wer sein eigenes Land so darstellt, wie Moshe Zuckermann es tut, darf auch nach aussen kritisch sein. Zuckermann geht mit jenen, die zum Beispiel jüdische Intellektuelle, die Israel kritisieren, schon seit geraumer Zeit als Selbsthasser und Antisemiten bezeichnen, hart ins Gericht.

«Die Frage spitzt sich zu, wenn Juden israelkritische Juden als Antisemiten beziehungsweise ‹sich selbsthassende Juden› diffamieren. Was meinen sie, dass diese kritischen Juden im Schilde führen? Und wie kommen sie dazu, von Selbsthass zu reden? Den Höhepunkt unüberbietbarer perfider Unverfrorenheit bilden in diesem Zusammenhang junge nichtjüdische Deutsche (Enkel der Tätergeneration), die israelkritischen Kritikern ihres Staates (womöglich Kinder von Holocaust-Überlebenden) Antisemitismus und Selbsthass vorwerfen. Schier unbegreiflich, welchen Abgründen ihre Anmassung entstammen muss. [ ] Nie kommt es den Urhebern des Vorwurfs in den Sinn, dass es den Kritikern Israels um die Bekämpfung der von Israel ausgeübten institutionalisierten Unterdrückung der Palästinenser gehen könnte, mithin um Emanzipation und Gerechtigkeit. Nie komt es ihnen in den Sinn, dass die ‹sich selbst hassenden Juden› eine genuine Sorge um ihr Land umtreibt. [ ] An der Realität der von Israel an den Palästinensern verbrochenen Besatzung lässt sich nichts deuteln.»

Und an anderer Stelle: «Denn wenn Israelkritiker als Antisemiten apostrophiert werden, wird ein Israel in Schutz genommen, welches die systematische Unterdrückung eines anderen Volkes betreibt, eine Unterdrückung, die Israel zum Täter werden lässt – mag es sich noch so sehr ideologisch selbstviktimisierend als Opfer darstellen.»

«Israel» ist nicht das gleiche wie «die Juden»

Unter dem Titel «Einsichten» hält Moshe Zuckermann fest:

  • «Judentum, Zionismus und Israel sind voneinander zu unterscheidende Kategorien.»
  • «Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik sind voneinander zu unterscheidende Kategorien.»
  • «Wer Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet, ist ideologisch missgeleitet.»
  • «Wer als jüdischer Israeli Israelkritik zwangsläufig für antisemitsch erachtet, ist von der staatsoffiziellen israelischen Propaganda geprägt.»
  • «Wer als Deutscher Israelkkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet, ist von der staatsoffiziellen israelischen Propaganda geprägt.»
  • «Wer als Deutscher Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet, mithin sein Deutsch-Sein als eine Last empfindet, eine Schuld, die er ‹wiedergutmachen› zu sollen meint, ist deutsch-befindlich pathologisch.»

Konkrete Beispiele

Moshe Zuckermann bleibt nicht bei der Rechtfertigung der Israelkritik. Er geht auch auf einige konkrete Fälle von ideologisch bedingter und realitätsfremder Israel-Solidarisierung ein, ausführlich etwa auf die Politik der Springer-Presse (Die Welt; Bild-Zeitung). Und er zeigt nachvollziehbar auf, wie Israel selber dafür sorgt, dass Kritik an seiner Politik als antisemitisch verurteilt wird.

Ausführlich geht Moshe Zuckermann auf den «Fall» des Cartoonisten Dieter Hanitzsch ein, der im Mai 2018 nach jahrzehntelanger Zusammenarbeit einer vermeintlich antisemitischen Karikatur zum Eurovision Song Contest wegen, der nächstes Jahr in Israel stattfinden wird, von der Süddeutschen Zeitung in die Wüste geschickt wurde – völlig zu Unrecht, wie Moshe Zuckermann erklärt, denn die Karikatur hatte, absichtlich oder unabsichtlich, sehr viel mit der damaligen Situation in Israel zu tun (Man erinnert sich an die gezielte Erschiessung von Demonstranten an der Grenze von Gaza).

Ein Beispiel dafür, wie Israel selber Kritik an Israel als Ausdruck von Antisemitismus zu deklarieren und zu diffamieren pflegt, ist die Verleihung des Genesis-Preises, den, wie das Time Magazine ihn einmal nannte, «jüdischen Nobelpreis». Der Preisträger erhält eine Million Dollar. Für das Jahr 2018 wurde als Preisträgerin die angesehene Hollywood-Schauspielerin und Regisseurin Natalie Portman nominiert. Das Preisgeld – in diesem Jahr vom israelischen Mäzen Morris Kahn um eine weitere Million Dollar auf zwei Millionen erhöht – sollte von Portman unter Programmen zur Förderung von Frauen in verschiedenen Bereichen – Gleichberechtigung, Erziehung, Wirtschaft, Gesundheit und Politik – aufgeteilt werden.

In der Jury-Begründung für die Preisverleihung hiess es, so Zuckermann: «Die Oscar-Preisträgerin und Mutter zweier Kinder sei sozial engagiert und verkörpere die wichtigsten Werte des jüdischen Volkes: Beharrlichkeit und harte Arbeit, das Streben nach Spitzenleistungen, intellektuelle Neugier und der Herzenswunsch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.»

Für die Preisverleihung war Israels Premierminister Benjamin Netanjahu als Redner eingeplant. Doch dann geschah das Unerwartete: Natalie Portman liess ausrichten, dass sie Israel nicht boykottieren wolle, aber nicht daran interessiert sei, als Unterstützerin von Benjamin Netanjahu und seiner Politik aufzutreten. Darauf wurde ihr der Preis aberkannt, und die in Israel geborene Schauspielerin, auf die man bisher als beliebte Galionsfigur national «stolz» sein durfte, wurde von Karriere-Politiker und Minister Yuval Steinitz des Antisemitismus‘ bezichtigt. Der Likud-Parlamentarier Oren Hazan wollte ihr gar die israelische Staatsbürgerschaft absprechen.

Dazu Moshe Zuckermann: «Wie konnte Natalie Portman da plötzlich zur Antisemitin werden? Die ‹wichtigsten Werte des jüdischen Volkes› und ‹Antisemitin›? Wie sehr kann sie sich in der Zeit zwischen ihrer Nominierung und der politischen Gesinnungsbekundung gewandelt haben, dass man Stolz und Bewunderung zu aggressivem Hass verkommen liess?

Sehr kritisch – aber in jeder Hinsicht nachvollziehbar – berichtet Moshe Zuckermann auch über die Kippa-Trag-Aktion im April 2018, nachdem ein Kippa-Träger handgreiflich belästigt worden war und anlässlich dieser Aktion auch Nicht-Juden zum Zeichen der Israel-Solidarität eine Kippa trugen. Dazu Moshe Zuckermann:

«Und es ist nun ausgerechnet die Kippa, ein religiöses Utensil, die zum Mittel der Solidaritätsbekundung erkoren wurde. So erhebt sich die Frage, wie nichtjüdische Deutsche eigentlich dazu kommen, ‹Juden› derart aufs Religiöse zu reduzieren. Die Juden sind keine Rasse mehr; das hat sich historisch erledigt. Sind sie aber nunmehr zur Religion mutiert? Wussten denn die deutschen Teilnehmer an der Demonstration nicht, dass die meisten Juden auf der Welt (auch die in Israel lebenden) nicht religiös sind oder ihren eventuell bestehenden Glauben nicht äusserlich demonstrieren wollen? Für einen säkularen Juden, einen atheistischen zumal, mag sich dies nachgerade als Affront ausnehmen. Wie kämen sich säkulare Deutsche vor, wenn man zum Zeichen der Solidarität mit ihnen (aus welchem Anlass auch immer) ein Kreuz, gar ein Kruzifix tragen würde?»

In seiner «Schlussbemerkung» zitiert Moshe Zuckermann den deutschen, auf Antisemitismus spezialisierten Historiker Wolfgang Benz. «Gefragt, ob ein Anstieg an Antisemitismus in Deutschland zu verzeichnen sei, antwortete er: ‹Die Wissenschaft sagt, dass es keinen Anstieg gibt. Das widerspricht aber sicher emotionalen Empfindlichkeiten.› [] Benz wurde auch gefragt, ob man von einem neuen Antisemitismus auszugehen habe. Seine Antwort: ‹Nein, es gibt hier keinen neuen Antisemitismus. Es ist der alte, der Bodensatz in der Gesellschaft. Der wird nicht schlimmer, aber es ist schlimm genug, dass es ihn überhaupt gibt.› Auch hier darf man für die Klarstellung dankbar sein: Das Bedüfnis, die Realität nach befindlichkeitsgeschwängerter Wahrnehmung zu ordnen und zu definieren, wird in die Schranken gewiesen, ohne dabei die Realität per se beschönigen zu wollen.»

Das Buch «Der allgegenwärtige Antisemit, oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit» von Moshe Zuckermann ist, inbesondere am Anfang, nicht immer einfach zu lesen. Zuckermanns Sprache ist oft reichlich akademisch. Aber es lohnt sich, sich durchzubeissen. Die zweihundert Seiten sind eine echte Hilfe, die von der Israel-Lobby propagierte Gleichsetzung «Israel» = «die Juden» durchschauen zu lernen.

Moshe Zuckermann: Der allgegenwärtige Antisemit. Westend Verlag, Frankfurt am Main 2018. 224 Seiten, ca. 24.00 SFr, ISBN 978-3864892271

Der Beitrag stammt von Christian Müller  und wurde auf  Infosperber erstveröffentlicht.

Kategorien: Menschenrechte, Nichtdiskriminierung
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