Wiedervereinigung: Koreanische Wege und deutsche Gedanken

02.05.2018 - Gerhard Mersmann - Neue Debatte

Wiedervereinigung: Koreanische Wege und deutsche Gedanken
"Gemeinsam für ein Leben in Freiheit",Gedenktafel am "Bahnsteig der Wiedervereinigung" in Dorasan

Nord- und Südkorea nähern sich an. Die Wiedervereinigung des geteilten Landes könnte zum großen Thema werden. Unbehagen herrscht offenbar bei diesem Gedanken. Denn die Geschehnisse in Korea könnten viele Deutsche veranlassen, noch einmal über ihr eigenes Schicksal nachzudenken.

Jetzt heißt es hinschauen. Genau hinschauen! Es geht um die Einheit Koreas. Da wird es spannend. Und da ist es schon seit längerer Zeit spannend, was im einst geteilten Deutschland nicht so richtig begriffen wird. Vielleicht soll es ja auch nicht begriffen werden.

Seit langer Zeit gab es Avancen seitens des Nordens, die Frage der Wiedervereinigung zu einer hochaktuellen zu machen. Der Norden war sich immer der Gefahren bewusst, die die Teilung des Landes mit sich bringt. Da stehen sich zwei Imperien stellvertretend gegenüber. In diesem Fall die Volksrepublik China und die Vereinigten Staaten von Amerika. Beide bis an die Zähne bewaffnet – seit dem Koreakrieg von 1950-1953, in dem insgesamt vier Millionen Koreaner ihr Leben verloren [1] – bis heute. Sie stehen sich am 38. Breitengrad gegenüber. Verlierer ist das koreanische Volk. Fällt irgendetwas auf?

Deutschland war wegen des gleichen Schicksals der Teilung und vor allem wegen deren Überwindung für Korea immer ein wichtiges Land und Studienobjekt. Deutschland seinerseits hatte, nach der Vereinigung kein Interesse, seine Erfahrungen mit Korea auszutauschen. [2]

Noch bei der in diesem Winter in Korea veranstalteten Olympiade sprang ein deutscher Bundespräsident zu nächtlicher Stunde im Deutschen Haus herum und feierte die Medaillen, gab dabei aber Interviews, in denen er die nordkoreanischen Initiativen zur Wiedervereinigung als taktische Manöver charakterisierte. So reden Vasallen ohne Fantasie.

Beim Treffen mit Bundeskanzlerin Merkel sprach D.T., der gegenwärtige amerikanische Präsident, davon, dass sich in Korea die amerikanische Politik durchgesetzt habe. Die Kanzlerin pflichtete ihm eifrig bei, was heißt, dass wir in Sachen Korea und bei dem, was sich dort in nächster Zeit tut, heftig zu recherchieren haben, um herauszufinden, was dort tatsächlich passiert.

Im Westen laufen jetzt, nachdem überraschenderweise ein erstes Treffen zwischen dem offiziellen Norden und Süden auf koreanischem Boden stattgefunden hat, die Arbeiten an einem weiteren Fake-News-Narrativ. Bleibt abzuwarten, was sich die Feinde von Selbstbestimmung und Autonomie nun einfallen lassen.

Die Initiative in Korea ging jedenfalls eindeutig vom Norden aus. Über die Motive kann spekuliert werden, aber Spekulationen sind das Handwerk anderer. Was besonders interessieren sollte, ist einerseits die Frage, wie sich die beiden lauernden Mächte, China und die USA, dazu verhalten werden und ob sie es noch vermasseln. Und andererseits wird es sehr spannend werden, wie sich zwei Staaten sehr unterschiedlicher Systeme gedenken, anzunähern. Wie viel Zeit werden sie sich geben? Werden sie etwas Neues schaffen?

Jedenfalls ist es mehr als unwahrscheinlich, dass sich ein zumindest noch machtpolitisch voll im Saft stehendes Nordkorea einfach vom Süden eingemeinden lässt. Sicher ist, dass es dort keinen Schäuble geben wird, der mit einem Übernahmevertrag die Sache in wenigen Wochen abwickelt. Im weisen Asien hat man nämlich nach Deutschland geschaut und auch gesehen, was man möglichst vermeiden sollte.

Da wir hierzulande unsere jeweiligen Erfahrungen mit dem Einigungsprozess haben, wird es sehr lehrreich sein, diesen nun beginnenden Prozess in Korea genau zu studieren. Auch dort, wie historisch damals in Deutschland, steht zur Debatte, ob eine friedliche Fusion auf einem neuen gesellschaftlichen Konsens möglich sein wird. Das ist spannend. Hochspannend!

Dass bis jetzt die mediale Öffentlichkeit darüber berichtet, als ginge es um eine stinkende Müllkippe auf den Philippinen, lässt vermuten, dass großes Unbehagen herrscht bei dem Ausblick, dass die Geschehnisse in Korea hier noch einmal viele Deutsche veranlassen, über ihr Schicksal nachzudenken.

[1] Der Koreakrieg von 1950 bis 1953 war ein militärischer Konflikt zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) sowie der mit ihr im Verlauf verbündeten Volksrepublik China auf der einen Seite und der Republik Korea (Südkorea) sowie Truppen der Vereinten Nationen, unter Führung der USA, auf der anderen Seite. Die beiden koreanischen Staaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der sowjetischen und der amerikanischen Besatzungszonen in Korea hervorgegangen waren, verstanden sich als einzig rechtmäßiger Nachfolger des 1910 von Japan annektierten Kaiserreichs Korea. Der Krieg begann – nach abwechselnden Grenzverletzungen beider Konfliktparteien − am 25. Juni 1950 mit dem Angriff Nordkoreas, das die Wiedervereinigung militärisch erzwingen wollte. Gegen diesen Angriff leisteten amerikanische Streitkräfte unter General Douglas MacArthur den südkoreanischen Truppen Hilfe. Nachdem UN-Truppen ebenfalls seinem Befehl unterstellt wurden, entwickelte sich der nationale zu einem internationalen Krieg. Mit dem Eingreifen der USA und später Chinas wurde er ein Stellvertreterkrieg. Es wurde befürchtet, dieser könne sich zu einem Dritten Weltkrieg ausweiten. Dies scheint begründet. Im Verlauf des Krieges, in dem es zum Einsatz chinesischer Freiwilliger und Soldaten kam, setzte sich Douglas MacArthur vehement für den Einsatz von Atomwaffen und die Ausweitung des Konfliktes auf die Volksrepublik China ein. US-Präsident Harry S. Truman lehnte diese Forderungen ab. MacArthur wurde schließlich wegen dessen fortgesetzten und teilweise öffentlichen Drängens am 11. April 1951 von seinem Posten von Truman abgerufen. [Quelle und weitere Informationen zum Koreakrieg: Wikipedia].

[2] Die deutsche Wiedervereinigung bezeichnet den durch die friedliche Revolution der Jahre 1989 und 1990 in der DDR angestoßenen Prozess, der am 3. Oktober 1990 zum Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland führte. Der Einigungsvertrag vom 31. August 1990 zwischen der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) über die Auflösung der DDR, ihren Beitritt zur BRD und die deutsche Einheit, wurde 1990 zwischen beiden deutschen Staaten ausgehandelt und bildet die Rechtsgrundlage. Verhandlungsführer für die Bundesrepublik war Wolfgang Schäuble, Günther Krause verhandelte für die Deutsche Demokratische Republik. Der Vertrag wurde am 20. September 1990 von der Volkskammer der DDR angenommen, am gleichen Tag stimmte der Bundestag dem Vertrag zu. Mehr Informationen zum Themenkomplex u.a. in „Die Wiedervereinigung der Deutschen in der Literatur“ (Magisterarbeit von Jasmin Schemann) auf Mythos Magazin: http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/js_wiedervereinigung.pdf  [abgerufen: 01.05.2018]


Über den Autor: Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure. Sein Beitrag erschien erstmals auf seinem Blog.

Kategorien: Asien, Europa, Frieden und Abrüstung, Internationale Angelegenheiten
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