Mit 1.000 Euro kann man zu allem Nein sagen

09.02.2018 - Pressenza Muenchen

Mit 1.000 Euro kann man zu allem Nein sagen
(Bild von Stephanie Neumann)

Michael Bohmeyer ist Gründer des Vereins „Mein Grundeinkommen“. Per Crowdfunding werden dort Gelder gesammelt, um Menschen, die sich dafür beworben haben, ein Jahr lang ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1.000 Euro auszuzahlen. Immer wenn 12.000 Euro zusammenkommen, werden neue Empfänger ausgelost. Sie berichten dann auf der Webseite des Vereins von ihren Erfahrungen. 

Wir freuen uns sehr, den folgenden Artikel von Michael Bohmeyer publizieren zu dürfen, der erstmals auf Zeit Online erschien und der dort über 1.700 Kommentare erhielt. Das zeugt vom großen Interesse, das am Thema Grundeinkommen besteht.

 

Mit 1.000 Euro kann man zu allem Nein sagen

Bisher haben 124 Menschen durch unseren Verein ein jährliches Grundeinkommen erhalten. Was lernen wir aus ihren Erfahrungen?

Von Michael Bohmeyer

Wir haben in den vergangenen Jahren den rasanten Aufstieg einer politischen Idee beobachten können: der des bedingungslosen Grundeinkommens. Zwei von drei Menschen in Deutschland befürworteten es 2016, ebenso machen sich einzelne Konzernchefs, Philosophen und Parteivorsitzende für die Idee stark.

Warum hat das Grundeinkommen so viele Fans? Ich glaube, weil es eben nicht einfach eine weitere sozialpolitische Maßnahme ist, sondern Ausdruck eines fundamental neuen Paradigmas. In unserer arbeitsteiligen Gesellschaft brauchen Menschen Geld zum Überleben. Und die Grundeinkommensgesellschaft gibt es ihnen einfach, ohne Rückfragen, bedingungslos. Einfach so, weil sie Menschen sind. Das Grundeinkommen sagt ihnen jeden Monat: Du bist okay, du darfst sein, wir glauben an dich, wir vertrauen dir. Das ist etwas ganz Neues und verändert uns – von innen.

Mein eigenes Grundeinkommen

Ich habe das am eigenen Leib erfahren. Vor elf Jahren habe ich eine Internetfirma mitgegründet, Ende 2013 bin ich dort ausgestiegen. Die Firma zahlt mir seither jeden Monat eine „bedingungslose Gewinnausschüttung“ von 1.000 Euro aus. Vor meinem Ausstieg hatte ich 3.000 Euro netto. Dann hatte ich plötzlich eine Art Grundeinkommen und viel Zeit. Nach zwei Tagen waren meine Bauchschmerzen weg, unter denen ich seit Jahren litt und von denen ich mittlerweile dachte, sie würden einfach zum Leben dazugehören.

Ich brauchte einige Monate, um zu realisieren, dass mich wirklich niemand aus der Arbeit anrufen würde und ich trotzdem jeden Monat Geld bekomme. Erst dann fand ich tatsächlich zur Ruhe – und veränderte mich: Ich habe öfter gelacht, wurde mutiger und empathischer. Die Beziehung zu meinem Kind verbesserte sich. Ich hatte zwar nur noch ein Drittel des Geldes zur Verfügung, aber es mangelte an nichts. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, mich durch Konsum für die anstrengende Arbeit entschädigen zu müssen. Stattdessen wuchs in mir eine Neugier auf die Welt: auf Seminare, Bücher, Reisen. Nach einem halben Jahr mit Grundeinkommen schwirrte mein Kopf vor lauter Geschäftsideen und der Lust, etwas zu gründen.

Mein Grundeinkommen hat mich innerhalb weniger Monate zu einem neuen Menschen gemacht. Diese Erfahrung wollte ich teilen und startete die Initiative „Mein Grundeinkommen“. Ich fragte nach Spenden mit dem Versprechen: Falls ich es schaffen würde, 12.000 Euro zu sammeln, würde ich diese als 1.000 Euro monatliches Grundeinkommen an eine zufällig ausgewählte Person verschenken. Innerhalb weniger Wochen hatte ich das Geld zusammen. Heute, drei Jahre später, ist aus dieser verrückten Idee ein Verein mit 23 Mitarbeitern und 2,5 Millionen Euro jährlichem Spendenvolumen geworden.

Wir haben bisher an 124 Menschen ein Jahresgrundeinkommen vergeben. Jeden Monat kommen sieben neue dazu. Vor Kurzem haben wir alle bisherigen Gewinner nach Hamburg eingeladen, um mit ihnen darüber zu sprechen, was sich für sie durch das Grundeinkommen verändert hat. Dabei haben wir bestimmte Muster entdeckt: Wer es bekommt, durchläuft nach seinem Gewinn meist die gleichen drei Phasen. Egal, ob jemand verbeamtet oder obdachlos, Student oder Rentnerin ist.

Die erste Phase: Abhängigkeit spüren

„Von wegen Freiheit!“ sagen viele Gewinner am Anfang ihres Jahres. „Nun bin ich ja den Spendern verpflichtet, also auch wieder abhängig von anderen.“ „Ja“, rufe ich ihnen zu. Wir sind alle abhängig. Heute schon und mit Grundeinkommen genauso. Jeder Mensch braucht die Gesellschaft. Ohne die anderen könnten wir kaum ein paar Tage überleben. Und dennoch reden wir uns allzu gern ein, dass wir uns unsere Freiheit selbst erarbeiten könnten. Dieser Freiheitsbegriff ist es, der den Kapitalismus so stark macht: die Vorstellung, wir könnten uns von den anderen erst freiarbeiten und dann freikaufen. Das Grundeinkommen macht sichtbar, dass das nicht stimmt.

Leistungslos wertvoll sein

Deshalb macht vielen die Idee auch Angst. Sie spüren, dass dieses kapitalistische Freiheitsversprechen überholt ist. Denn plötzlich fließt das Einkommen, das ich vorher moralisch so überhöht habe, jeden Monat leistungslos auf mein Konto. Das stellt möglicherweise die eigene Lebensleistung, den bisherigen Sinn im Leben und unser ganzes Wertesystem in Frage. Bevor wir einen solch schmerzhaften Gedanken zulassen, rationalisieren wir ihn lieber zu einem scheinbaren Argument gegen das Grundeinkommen, zeigen mit dem Finger auf die anderen und behaupten: „Die gehen dann nicht mehr arbeiten.“

Die zweite Phase: Freiheit aushalten lernen

Erst nach drei bis vier Monaten entspannen sich die meisten Grundeinkommensempfänger, häufig nachdem ihnen Freunde gesagt haben: Hey, gönn dir doch erst mal was! Es ist gar nicht so leicht, sich selbst zu gönnen. Natürlich können wir uns alle etwas kaufen, damit es uns kurzfristig besser geht. Aber sich Ruhe zu gönnen, durchzuatmen und freundlich mit sich selbst umzugehen, das fällt den meisten von uns schwer. Das liegt daran, dass fast alle Menschen den starken Glauben besitzen, dass sie sich ihren Wert als Mensch erst verdienen müssten. Wenn das Grundeinkommen ihnen plötzlich vermittelt, dass sie auch leistungslos wertvoll sind, dann macht das die Leute skeptisch.

In Hamburg fragte ich einen Gewinner, was ihm direkt nach dem Gewinn durch den Kopf ging. Er antwortete: „Jetzt kann ich mir endlich in Ruhe überlegen, was ich noch alles Schönes im Leben machen will.“ Was so luxuriös klingt, muss aber nicht unbedingt leicht sein. Mit dem Grundeinkommen entsteht die Möglichkeit, dass man ja auch etwas anderes arbeiten könnte und die eigene Identität sogar viel mehr sein könnte als nur die Jobbezeichnung. Die Fragen kommen unausweichlich: Passt meine Tätigkeit noch zu mir? Will ich wirklich so leben? Was verpasse ich gerade?

Mit Grundeinkommen muss nichts mehr so bleiben wie es ist. Gleichzeitig kann ich natürlich nicht alles ändern. Diese neue Freiheit gilt es aushalten zu lernen. Wenn das gelingt, dann tritt die dritte Phase ein, die die Kraft hat, die Welt zu verändern.

Die dritte Phase: Eigenverantwortung entdecken

Heute können sich die Menschen zwar entscheiden, wie sie sich zu Markte tragen, aber nicht, ob. Das ist keine Freiheit. Das ist totalitär. Neoliberale Politiker und Shareholder verlangen häufig „Eigenverantwortung“ von Arbeitnehmern. Aber echte Eigenverantwortung kann man nicht einfordern, sondern nur selbst entwickeln.

Grundeinkommen ist keine Revolution

Ein Grundeinkommen hingegen gibt mir Sicherheit – und damit die Freiheit, zu allem „Nein“ sagen zu können: zum Job, zur Ehe mit dem Alleinverdiener, zum Notendruck in der Schule. Wenn ich aber „Nein“ sagen kann, dann bekommt das „Ja“ eine ganz neue Qualität.

So berichten viele Gewinner unseres Projekts, dass sie ihren Job durch das Grundeinkommen neu lieben gelernt haben, produktiver geworden sind und dabei weniger Stress hatten. Wenn ich nicht mehr muss, dann kann sich die intrinsische Motivation plötzlich entfalten.

Nach ihrem Jahr mit Grundeinkommen stehen selbstbewusste, reflektierte und gesunde Menschen vor mir, die umsichtig mit anderen umgehen und Kraft und Lust haben, etwas Sinnvolles auf die Beine zu stellen. Die Gemeinschaft hat ihnen einen Vertrauensvorschuss ausgezahlt und sie haben ihn in Selbstvertrauen umgewandelt.

Ein Paradigmenwechsel: Vertrauen statt Angst

Diese Erfahrungen machen das Grundeinkommen für mich zu einem der wenigen Hoffnungsschimmer. Wir leben in einer hyperkomplexen Welt mit gigantischen Herausforderungen wie dem drohenden Klimakollaps, der sozialen Spaltung und der Digitalisierung, die unser Menschsein an sich in Frage stellen könnte. Gleichzeitig werden  die Institutionen schwächer, die sich bisher immer um solche großen Fragen gekümmert haben: Nationalstaaten, Parteien, Sozialbehörden, Gewerkschaften.

Das Grundeinkommen setzt deshalb den Hebel zur Weltveränderung an einer neuen Stelle an: im Innern, beim Gefühl jedes Einzelnen. Es entfesselt damit unsere Kräfte und Fähigkeiten, die wir brauchen, um mit der neuen Welt umzugehen. Arbeit, Bildung, Konsum, Gesundheit, Familie, Staat, Liebe, Erziehung – eigentlich alles wird sich mit einem Grundeinkommen automatisch verändern.

Doch obwohl dieses Instrument so mächtig ist, kommt es ganz charmant daher. Das Grundeinkommen ist keine Revolution, denn die sind immer blutig und am Ende regiert nur eine andere Elite. Trotzdem ist es revolutionär, weil es am Wesenskern unseres Gesellschaftssystems ansetzt und die Angst durch Vertrauen ersetzt.

Ich will in dieser Gesellschaft leben! Mir macht es Spaß, zu vertrauen und zu sehen, dass es funktioniert. Wenn Sie das auch wollen, dann lade ich Sie ein, sich selbst die Frage zu stellen: Was würde passieren, wenn ich plötzlich ein Grundeinkommen hätte?

 

Mehr zum Thema „Grundeinkommen“ gibt es hier.

 

Kategorien: Europa, Meinungen, Politik, Unkategorisiert
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