Der Anfang vom Ende der Urgeschichte

10.12.2017 - London, Vereinigtes Königreich - Silvia Swinden

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch, Französisch, Griechisch verfügbar.

Der Anfang vom Ende der Urgeschichte
(Bild von Tomas Hirsch facebook: Tomas Hirsch während der Wahlkampagne)

Es gibt nur wenige Momente inmitten einer hoffnungslos erscheinenden politischen Situation einer enthumanisierten Gesellschaft, in denen etwas Unerwartetes passiert – Etwas, das beweist, dass zumindest einige es geschafft haben, aus dem hypnotischen Tram aufzuwachen, in den uns das aktuelle System einlullt.

Es geschah in Bolivien, als Evo Morales gegen alle Widerstände ein Mandat bekam, das das wirtschaftlich ärmste Land in Lateinamerika in einen Ort der Hoffnung verwandelte; was im übrigen sogar von neoliberalen Analysten anerkannt wurde.

Es geschah in Vereinigten Königreich, als Jeremy Corbyn und sein Team allen Schwarzrednern zum Trotz es schaffte, sich und seine Partei als ernst zunehmende politische Kraft zu etablieren, mit kohärenten Vorschlägen, die jetzt weltweit als gangbarer Weg aus der Krise, in die uns Jahre des Dogmas „freier Mark“ und der Austeritätspolitik geführt haben, studiert werden.

Und es ist soeben in Chile geschehen, wo Frente Amplio („Breite Front“; Bündnis mehrerer progressiver Parteien, Anm.d.Ü.), denen in den Umfragen nicht mehr als 8% vorhergesagt wurden, es hingegen schaffte, 20% der Wähler auf sich zu vereinen und somit zur drittstärksten politischen Kraft mit Sitzen im Nationalen Kongress und in regionalen Regierungen zu werden. Ihre Präsidentschaftskandidatin Beatriz Sanchez klagte die Negativkampagne der Medien an, da sie nur 2% hinter dem Kandidaten lag, der in der zweiten Runde antreten wird. Sie hätte es in die zweite Runde schaffen können, wäre da nicht die von Medien und Umfragen verbreitete Meinung gewesen, Frente Amplio läge so weit hinten, dass man mit ihrer Wahl seine Stimme „verschenken“ würde.

Beatriz Sanchez (Dritte von rechts) mit einem internationalen Pressenza Team.

Einer der neu gewählten Abgeordneten im Nationale Kongress von Chile ist Tomas Hirsch von der Humanistischen Partei, eine der Kräfte, die Frente Amplio geformt haben, Ex-Präsidentschaftskandidat und Autor des Buches „Das Ende der Urgeschichte“. Sein Buch ist Vorhersage der Zukunft und Erklärung aktueller Phänomene zugleich. Daraus zitiert:

„Der Wandel wird stattfinden, wenn die Intentionalität von Individuen und Völkern in Gang gesetzt wird und aktiv den Kurs der Dinge korrigiert. Aber die Machbarkeit einer solchen Mobilisierung ist notwendigerweise mit einer gleichzeitigen inneren Transformation verbunden – der Modifizierung des Glaubenssystems. Solange jeder von uns sich selber weiterhin als passives Objekt sieht, das von Kräften hin- und hergezogen wird, die wir nicht kontrollieren können (was dem entspricht, was sie uns sagen, dass wir sind), wird keine Intentionalität in Gang kommen oder irgendein Wandel geschaffen werden. Kurz, der Wandel findet statt, wenn die menschliche Kondition neu bewertet wird, und zwar als aktives Bewusstsein, dessen Eigenschaft es stets ist, sich und die Umstände in denen es lebt, zu transformieren.“

Die Bewusstwerdung, dass uns hypnotische Träume von Ruhm und Reichtum als Sinn und Ziel unseres Lebens gefüttert werden, führt zu diesem aktiven Erwachen. Doch bis dorthin sind wir durch den mechanischen Input gefesselt, der uns formt und der in diesem Simpsons‘ Witz verbildlicht ist:

„Vorsicht, Gefahr kommt aus Richtung 10 Uhr“. – „Ich weiß nicht, was das heißt. Ich habe eine digitale Uhr“.

Im Gegensatz zur Behauptung von Fukuyama, die Menschheit habe mit dem liberaldemokratischen Modell das Ende der Geschichte erreicht, argumentiert Silo, dass ein aktives Bewusstsein benötigt wird, um aus der Urgeschichte, der Prähistorie, aufzutauchen und Gewalt, Diskriminierung, die Leere provisorischer Wahrheiten und die Vereinnahmung des sozialen Ganzen durch eine skrupellose Minderheit hinter sich zu lassen. Das ist der Grundtenor des Buches von Hirsch und seiner politischen Kampagne, die für viele politischen Analysten als Überraschung kam.

Vielleicht ist dies der Punkt, dem man Aufmerksamkeit schenken sollte. Wenn das „Unerwartete“ passiert, so ist es entweder, weil das Volk den Analysten bereits Meilen voraus ist, oder weil die „Experten“ radikalem Wandel voreingenommen gegenüberstehen und dementsprechend manipulieren, um ihn zu stoppen. Oder beides. Im Fall von Jeremy Corbyn wurde dies sogar von den „zur Neutralität verpflichteten“ BBC-Angestellten angeklagt. Chile wird also diese Möglichkeit gründlich prüfen müssen. In der Zwischenzeit steht Frente Amplio vor der pikanten Wahl, entweder das neoliberale Zentrum zu unterstützen, um zu vermeiden, dass einmal mehr Pinochets Erben von rechts in der zweiten Runde erstarken, oder dann dafür verantwortlich gemacht zu werden, es nicht getan zu haben.

Sie scheinen sich jedoch einig zu sein, dass die wichtigste Aufgabe darin besteht, dem Land in vier Jahren eine noch größere „Überraschung“ zu bescheren.

Übersetzung aus dem Englischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, International, Meinungen, Politik, Südamerika
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