Filmkritik Blade Runner 2049

25.10.2017 - London, Großbritannien - Silvia Swinden

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Filmkritik Blade Runner 2049
(Bild von Alice Kus | Wikimedia Commons)

Der Nachfolger des 1982 von Ridley Scott inszenierten Science-Fiction-Films Blade Runner, der 2019 in Los Angeles spielt (schon fast Gegenwart), hat in den Kinos zu viel kritischem Beifall geführt. Der Film knüpft 30 Jahre nach der ersten Folge an und wer ihn in 3D sieht, kann den virtuellen dystopischen Schrecken fast als Teil seines eigenen Lebens erleben. Lustig, denn eines der Themen ist die Technologie, die implantierte Erinnerungen schaffen kann.

In Anbetracht des Hypes, der um seinen Start entstand, könnte er zu einem jener Filme werden, die von einem großen Teil der Menschen gesehen werden; das heißt, es könnte ein kulturelles Objekt werden. Daher ist es interessant, seinen möglichen Einfluss mit einem kritischen Auge zu betrachten.

Wie bei seinem Vorgänger sind die Themen Umweltzerstörung, Umweltverschmutzung, Exodus aller Menschen zu anderen Planeten, mit Ausnahme der am wenigsten wohlhabenden, Übernahme der Welt durch große Unternehmen (diese neueste Verfilmung beginnt mit Sony im Vorspann; die Ironie schien den Produzenten entgangen zu sein) und Androiden oder Replikanten, die im alten Film für ihre eigenen Gedanken gejagt und getötet wurden, im neuen weil sie veraltete Modelle sind.

Wie so viele dystopische Science-Fiction-Filme diskutiert er nicht wirklich die Zukunft, sondern ist als Kritik an der Gegenwart gedacht. Der nukleare Holocaust ist, wenn auch gedämpft, angedeutet. Wir sind in einer postapokalyptischen Situation, aber die Menschheit überlebte.

Unternehmensübernahmen, automatisierte Arbeitslosigkeit, KI-Killer-Roboter, die allzu real zu werden scheinen und ein paranoides Gefühl bei den Menschen hervorrufen, das der Film bis zur Perfektion in Szene setzt (oder instrumentalisiert).

Der neue Film wurde von Denis Villeneuve gedreht, der uns auch ‚Arrival‘ bescherte (der Typ mag seinen Nebel). In beiden Blade-Runner-Filmen wird die Fähigkeit der Replikanten, wirklich menschlich zu werden (Pinocchio ist subtil präsent, wenn dem Replikanten gesagt wird, dass er „ein richtiger Junge“ werden könnte), und der Rückgriff der Filme auf die Frage, was es bedeutet wirklich menschlich zu sein, ist der zentrale philosophische Punkt von Phillip K. Dicks Roman „Träumen Roboter von elektrischen Schafen?“, auf dem beide Filme lose basieren.

In der Version von 1982 wird Replikant kurz vor seinem Tode menschlich, indem er Mitgefühl entwickelt. Er weigert sich, seinen jetzt hilflosen Feind zu töten, während eine weiße Taube wie eine Art Seele davonfliegt, die sich in die Höhe erhebt. Vielleicht war das der Punkt, der langsam in das Bewusstsein der Öffentlichkeit eindrang, als sich der Film an der Kinokasse allmählich vom finanziellen Flop zum Kultfilm entwickelte.

Die Version 2017 postuliert, dass das, was uns menschlich macht, Aufopferung ist. Dies entspricht eher den traditionellen Hollywood-Kriegsheldenfilmen, die junge Menschen davon überzeugen sollen, dass ferne psychopathische Politiker das Recht haben, sie in unnötige und unethische Kriege zu schicken, weil das Sterben für Ihr Land eine große Ehre ist. Es ist auch ein Teil der Gehirnwäsche an Terroristen. Aufopferung unterstellt, dass es Dinge gibt, die wertvoller sind als das menschliche Leben. Und wenn einige Menschen bereit sind, dafür zu sterben, werden sie sicherlich auch bereit sein, dafür zu töten; es sei denn, dies geschieht im Kontext einer starken gewaltfreien moralischen Position wie Gandhis: „Es gibt viele Gründe, für die ich sterben würde. Es gibt keine einzigen Grund, für den ich töten würde.“ Nichts davon ist unser Replikanten-Held, er teilt so gut aus, wie er einsteckt und keine weiße Tauben für ihn.

Die Weisheit humanistischer Vorschläge, wie „nichts über dem Menschen und kein Mensch über den anderen“ und die Goldene Regel, „andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte“1) besteht darin, dass sie nicht auf Aufopferung, sondern auf Solidarität basieren und die Fähigkeit besitzt, eine bessere Realität zu schaffen. Denn was uns wirklich menschlich macht, ist die ‚Absicht‘; unser Bewusstsein schafft unsere Realität und gibt ihr eine Richtung. Erinnerungen an die Zärtlichkeit von Müttern und Vätern, Verständnis von den Lehrern, positive Vorbilder, unerwartete Hilfe von Fremden, sympathisches Lächeln, die Wärme im Blick von Liebenden, tragen alle dazu bei, das Wohlbefinden jedes Menschen zu verbessern. Schlechte Erfahrungen machen das Gegenteil, und doch haben wir die Fähigkeit uns gegen mechanische Rachegelüste zur Wehr zu setzen.

Wenn wir die Botschaft des Films bloß unkritisch in unseren Erinnerungsarchiven speichern, dann ist es nur eine weitere Nacht in der wir unterhalten wurden. Aber wenn der Film den Wunsch erweckt, mit anderen über den Sinn zu sprechen, wirklich menschlich zu sein und wie dies in einem entmenschlichendem System erreicht werden kann, dann kann es dazu beitragen, dass die Winde der Veränderung beginnen, mit mehr Kraft zu blasen.

Übersetzung aus dem Englischen von Valentin Grünn


1) Kapitel XIII. Die Grundsätze im Buch ‚Der Innere Blick‘ von Silo

Kategorien: Gewaltfreiheit, Humanismus und Spiritualität, International, Kultur und Medien
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