„Uns reicht es jetzt endlich!“ Pflegende erstatten bundesweite Gefährdungsanzeige

24.04.2017 - Johanna Heuveling

„Uns reicht es jetzt endlich!“ Pflegende erstatten bundesweite Gefährdungsanzeige
Roger Konrad und Marcus Jogerst-Ratzka von Pflege in Bewegung e.V.

Während Politik und Pflegewirtschaft offensichtlich der Meinung sind, dass mit der Pflege in Deutschland alles in ordentlichen Bahnen verläuft, vor allem seit der neuen Pflegereform, senden Menschen, die selbst in der Pflege tätig sind, ganz andere Signale. Sie erstatten eine bundesweite Gefährdungsanzeige und machen damit deutlich, dass sie nicht länger gewillt sind, unter den gegebenen Bedingungen die Verantwortung für ihre Patienten zu tragen. Roger Konrad, Sprecher der Initiative: „Es ist an der Zeit, dass wir deutlich machen, dass wir Pflegenden nicht mehr bereit sind, die Verantwortung zu übernehmen. Daher die bundesweite Gefährdungsanzeige. Die Politik ist gefordert, aktiv zu werden.“

Weiter erklärt Konrad, der sich im Verein Pflege in Bewegung engagiert: „Auf Grund des demographischen Wandels und des sich verschärfenden Pflegenotstandes ist es an der Zeit, die Politik zum sofortigen Handeln zu bewegen“. Die bisherige Umgangsweise mit innerbetrieblichen Überlastungsanzeigen, die Pflegekräfte aus Selbstschutz vor rechtlichen Konsequenzen schreiben müssen, wenn sie gefährliche Situationen in der Pflegepraxis erleben, sei unbefriedigend. Aufsehen erregte zum Beispiel der Fall, in dem eine Pflegehelferin die Feuerwehr rief, weil sie allein die Verantwortung für ihre Patienten nicht mehr übernehmen konnte. „Doch diese in den Medien bekannt gemachten Skandale sind letztlich nur die Spitze des Eisberges“, sagt Konrad. Belastungsanzeigen Einzelner führten oftmals nur dazu, dass der Druck auf die Pflegenden erhöht würde, während die Situation auf offizieller Seite verharmlost würde.

Laut statistischem Bundesamt lag die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland Ende 2015 bei ca. 2,86 Millionen, was seit dem Jahr 2013 einen Anstieg um fast 9% bedeutet. Innerhalb der letzten 20 Jahre haben sich bei Vergleich der Patienten- und Pflegendenzahlen die Belastungen des Pflegepersonals fast verdoppelt. Bei einem Schlüssel von einer Pflegekraft auf durchschnittlich zehn Patienten steht Deutschland im Europäischen Vergleich weit hinten. Selbst im viel kritisierten England kommen acht Patienten auf eine Fachkraft. In skandinavischen Ländern, den Niederlanden und der Schweiz gar nur vier bis sechs. Diese Zahlen bedeuteten eine direkte Korrelation zu Todesfällen in der Pflege, so die Initiative in ihrer Pressemitteilung: „Fachkräftemangel tötet.“

Es geht nicht einfach ums Geld, um eine bessere Bezahlung, sondern um eine grundsätzliche Kritik an der Struktur der Pflege, die massgeblich von Pflegekonzernen organisiert wird, und dem daraus folgenden Trend zur Profitmaximierung im Gesundheitssektor, Fallpauschalen, dem Abbau von Fachpersonal beziehungsweise deren Ersatz durch billige Hilfskräfte.

Darüber hinaus werden zwei Drittel der Patienten in und von der Familie gepflegt, was unter Bedingungen geschieht, die für die pflegenden Angehörigen nicht selten in Überforderung, Krankheit und Altersarmut enden. Die bundesweite Gefährdungsanzeige findet daher im Schulterschluss  von beruflich und familiär Pflegenden statt. In ihrer gemeinsamen Pressemitteilung fordern sie: „Entlastung durch mehr Personal und finanzielle Aufwertung von Angehörigen und beruflich Pflegenden müssen die nächsten Schritte zu einem fairen und zeitgemäßen Pflegesystem in Deutschland sein!“ Das sieht auch Brigitte Bührlen als Vorsitzende von Wir! Vereinigung pflegender Angehöriger in Deutschland e.V. so. Sie macht sich in der Politik und den Verbänden für die Betroffenen stark, die zu Hause einen Angehörigen pflegen. „Wir sind der größte Pflegedienst Deutschlands“, so Bührlen. „An verantwortlicher Stelle spielt man pflegende Angehörige und professionell Pflegende gerne gegeneinander aus, anstatt sich um die Lösung berechtigter Probleme sowohl der Angehörigen als auch der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Pflegeberufen zu kümmern.“

„Wir geben die Verantwortung an die Politik zurück, denn wir können sie nicht mehr übernehmen“, so Konrad. Die bundesweite Gefährdungsanzeige wird unterstützt von einigen Städten des bundesweiten Pflegebündnisses Pflege am Boden und der Siegener Initiative Wa(h)re Gesundheit – da hilft nur noch beten? und begleitet von der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz. Deren Präsident Dr. Markus Mai sagte: „Wir sind stolz, Unterstützer und Wegbegleiter dieser jungen Bewegung von professionell Pflegenden und pflegenden Angehörigen zu sein. Deshalb unterstützen wir auch die Kampagne zur bundesweiten Gefährdungsanzeige, welche in weiten Teilen zu unseren kammereigenen Forderungen passt.“

Am 12. Mai, rechtzeitig vor der Bundestagswahl, ruft die Initiative zu einem Aktionstag in Berlin auf. Bis dahin werden Unterschriften gesammelt, zum Beispiel in Form einer online Petition an die Adresse des Bundesgesundheitsministers Hermann Gröhe. Diese sollen am Aktionstag in Berlin überreicht werden. Zusätzlich findet abends ein CareSlam statt.

Kategorien: Europa, Gesundheit, Politik
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