Kunst und Empathie als Basis für interreligiöses Verstehen

18.04.2017 - Milena Rampoldi

Kunst und Empathie als Basis für interreligiöses Verstehen

In Kürze erscheint die zweite Ausgabe des Poesieprojektes CARA in Zusammenarbeit mit der Künstlerin LaBGC auch in türkischer und arabischer Übersetzung. Pfr. Dr. Stephan Johanus hat das Vorwort zu CARA ausgehend von der Perspektive der interkulturellen Theologie verfasst. Vor der Buchpräsentation, die im Mai in Zürich stattfinden wird, fand Dr. Johanus Zeit einige Fragen zu beantworten.

Warum ist die interkulturelle Theologie von so großer Bedeutung für uns heute?

Nun, ich sehe hier drei Gründe. Zwei davon sind für mich sachlicher Art, der dritte betrifft meine persönliche Erfahrung. Zum einen leben wir in einem neuen Zeitalter der Geschichte des Christentums. Was ich meine ist, dass sich heute die Mehrzahl der Christen in den nicht-westlichen Ländern, den ehemaligen Entwicklungsländern oder Schwellenländern, aufhalten. Die Christen aus dem Abendland und den westlichen Kulturen sind inzwischen in der Minderheit weltweit.

Die Interkulturelle Theologie beschäftigt sich mit den Theologien aus Asien, Afrika, Lateinamerika, also aus Nicht-westlichen Ländern, um sie zu verstehen. Lange Zeit haben die Christen aus diesen Kulturen die Europäische Theologie studiert. Jetzt ist es Zeit, dass wir nachziehen und auch die Theologien diesen jungen Kirchen wahrnehmen.

Religiöse Erfahrungen, auch christlich-religiöse Identitäten, machen sich immer mehr in einem interkulturellen Zwischenraum fest. Viele Menschen sind durch die Globalisierung Träger von mehreren Kulturen geworden. Die interkulturelle Theologie ist eine Disziplin innerhalb des Fächerkanons der Theologie, die für das kulturelle Umfeld von Glaube und Religion sensibel macht. Wir brauchen heute diese Sensibilität und auch das Verstehen anderer Kulturen, verschiedener Spiritualitäten und religiöser Ausdruckformen. Obwohl die interkulturelle Theologie an verschiedenen Theologischen Fakultäten ein neues Fach geworden ist, repräsentiert dieses Fach meiner Meinung nach eher eine neue

Perspektive, die in fast alle theologischen Disziplinen eine wichtige Rolle spielen sollte.

Zum anderen ist mir das Christentum selbst erst durch eine Begegnung sehr früh in meiner Biografie mit einer Kirche in Afrika plausibel geworden. Damals war ich eher gelangweilt von der Kirche in Deutschland und lutherische Christen in Tansania haben sozusagen meinen Glauben wieder gerettet durch ihre Vitalität, ihre Freude an Christus, ihre Begeisterung und ihre Gastfreundschaft, auch ihre Musik, afrikanische Musik natürlich! Das war von Anfang an für mich eine sehr positive Erfahrung.

Wie können wir heute die interkulturelle Theologie in den interreligiösen Dialog einbringen?

Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, dass wir unsere Erfahrungen des „Fremden“ aus der interkulturellen Theologie mit in die Begegnung in den interreligiösen Dialog sozusagen mitnehmen können. Erst einmal geht es da auch um ein Verstehen, auch wenn wir meinen, dass uns dieses Andere schon immer irgendwie bekannt sein müsste. Aber das ist es nicht immer. Trotzdem müssen Fremdheitserfahrungen nicht unbedingt negative Erfahrungen sein. Es kann auch einfach bedeuten, dass ich meinen Horizont erweitere und lerne Dinge anders zu sehen. Das können wir schon vorab üben. Obwohl mir manchmal auch bestimmte Formen der christlichen Religion z.B. inzwischen fremder sind, als die Ansicht von Buddhismus.

Vielleicht kann man sagen, dass sich die interkulturelle Theologie und der interreligiöse Dialog gegenseitig ergänzen. Sicherlich spielt der interreligiöse Dialog in den interkulturellen Theologien eine größere Rolle bislang als bei uns, weil die nicht-westlichen Theologien meist aus einer Minderheitenkirche stammen, also von Christen die ganz natürlich in einer Situation eines ganz alltäglichen interreligiösen Dialogs, oder besser noch einer interreligiösen Konvivenz leben.

Wie können Kunstformen wie die Poesie den interkulturellen Dialog fördern?

Es gibt das seltsame Phänomen, dass mich Kunstformen aus anderen Kulturen eher ansprechen, mich direkter betreffen, als Kunstformen aus meinem eigenen Kulturkreis. Ich weiß nicht, ob Ihnen das auch schon einmal so gegangen ist. Das bedeutet für mich einfach, dass es da Menschen gibt in einem anderen Land, die genau über die gleichen Erfahrungen, Wünsche und Träume sprechen, die ich auch bei mir verborgen wiederfinde. Durch die größere Distanz kommt mir etwas näher. Das ist eine widersprüchliche, aber reale Erfahrung, die ich nicht einfach erklären kann. Manchmal sind es die kleinen Freiheiten, die es in anderen Kulturen gibt, die mich faszinieren und die ein gewisses Charisma freilegen, das es so bei uns nicht gibt.

Ich habe z.B. einmal einen Afrikaner trommeln gehört in einer charismatischen Kirche. Es war ein ziemlich extatisches Trommelfeuer, irgendwie verrückt. Und seine einzige Botschaft war: „God loves you!“ Aber weil es irgendwie so exzessiv und extatisch daherkam, hab ich das wirklich verstanden. Der Mann hatte sich total verausgabt auf seiner Trommel. Das war Kunst für mich! Es war genial.

Warum haben Sie entschieden, sich dem CARA-Projekt anzuschließen?

Ich würde sagen, entschuldigen Sie den religiösen Ausdruck, ich wurde „berufen“ dazu. Also, es war ein Anruf und ich wusste erst einmal nicht so richtig worum es geht. Dann haben mich die Gedicht doch angesprochen. Sie hatten etwas von den Haikus, die ich aus Japan kenne. Wenig Worte. Tiefe Bedeutung. Stille dazwischen. Das mag ich. Und die Bilder von LaBGC erinnerten mich an Illustrationen zu den Gedichtbänden des Mönchen Ryokan. Die liebe ich. Sie sind ganz verspielt und naiv. Sie zeigen oft das Verliebtsein von Ryokan in die Natur.

Wie viel schwieriger oder wie viel einfacher ist der innermonotheistische Dialog, wenn man vorher die fernöstlichen Religionen studiert hat wie Sie?

Das ist eine gute Frage. Der Dialog mit jemand, der ganz anders ist als wir, ist manchmal einfacher, als mit jemandem, von dem man meint, er sei eigentlich recht ähnlich, oder müsste doch eigentlich doch die gleichen Ansichten haben wie man selbst. Dort wo die Unterschiede manchmal nicht so groß sind, ist das Bedürfnis sich abzusetzen, umso grösser. Ich habe das gehört, dass es so z.B. zwischen der Christkatholischen Kirche in der Schweiz und den Lutheranern gehen soll, wenn die sich um die Liturgie streiten. Sie sind sich sehr ähnlich, aber im Detail haben sie dann doch andere Vorstellungen. Und an diesen kleinen Unterschieden hängen dann auch die Identitäten. Das ist manchmal sehr schwierig. Das ist es einfacher festzustellen, naja, du bist halt ganz anders. Mhm. Interessant, wie du das siehst.

Im Übrigen komme ich mit Menschen aus buddhistisch geprägten Kulturen, wie z.B. Japanern, oftmals fast besser klar als mit Christen. Sie sind sehr offen und flexibel im Denken. Vielleicht ist das auch ein positives Vorurteil oder einfach eine Erfahrung, die ich bisher noch nicht anders gemacht habe. Aber das „undogmatische“ Denken in den asiatischen Religionen ist mir sehr angenehm. Es kommt meiner methodistischen Interpretation des christlichen Glaubens sehr nahe, in der es auch weniger um Dogmen als mehr um Erfahrungen geht.

Welche sind Ihrer Meinung nach die größten Hindernisse und Herausforderungen für eine interkulturelle Gestaltung von Religionsgemeinschaften, im Besonderen in den kulturell so vielfältigen Religionen wie Christentum und Islam?

Sie sprechen von kulturell verschieden geprägten Formen des Christentums? Oder des Islam? Nun, mit dem Islam habe ich mich bisher noch nicht sehr intensiv beschäftigt. Grundsätzlich denke ich da aber ein wenig wie Paulus, der den Ausspruch geprägt hat, zu suchen, was dem anderen dient. Es gibt in der interkulturellen Begegnung zwei Dimensionen. Die eine ist, dass ich auf mein Eigenes einmal verzichte und einfach einmal in die Form einsteige, in der andere kommunizieren können. Das betrifft nicht nur verschiedene Religionen und Kulturen, sondern auch innerhalb einer Gesellschaft verschiedene Milieus.

Und dann gibt es auch Momente, wo ich einfach einmal von mir erzähle, Formen gebrauche, die mir wichtig sind und die ich benutze, um mich auszudrücken. Auch wenn diese Formen für andere fremd sind, werden sie sie annehmen, oder zumindest „aushalten“, wenn sie die Erfahrung gemacht haben, das ich auch versuche mich in ihre Welt zu begeben. So spreche ich z.B. auch in der Schweiz ganz bewusst manchmal etwas Berliner Dialekt. Die Leute verstehen das ja und dann merken sie, er spricht jetzt die Sprache seiner Heimat, seines Herzens. Es klingt halt etwas schräg in ihren Ohren, aber das bin ja ICH! Ein nicht-Schweizer, und das ist dann auch o.k.

Das ist dann sogar etwas kostbares. Und dann schalte ich auch wieder etwas auf Schwietzerdütsch um. Interkulturelle Begegnungen und interreligiöser Dialog bedeuten für mich nicht, dass ich nicht auch von meinen Wünschen, Hoffnungen und Glaubenswegen erzähle. Nur dass dies alles in einem Raum der Freiheit geschieht, in dem auch der andere so sein kann, „wie ihm der Schnabel gewachsen ist“ und wie er sich „von Herzen“ ausdrücken kann. Nur so funktioniert die Brücke zwischen den Kulturen, wenn wir uns als Menschen begegnen und auch „von Herz zu Herz“ kommunizieren. Dann verlieren die Kulturen ihren unüberwindbaren Graben.

Nur haben wir Europäer oftmals Schwierigkeiten „religiös“ zu sein. Das haben wir nicht geübt. Wo auch? In der staatlich verordneten Kirche, wo immer nur der Pfarrer sagt, wie alles richtig geht? Ich bin jetzt etwas polemisch, zugegeben. Aber da können wir sehr viel von Hindus, Muslimen, Buddhistischen und Schintoisten lernen.

Das Video von Aygun Uzunlar zur Ausgabe 1 von CARA

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, Interviews
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