Landkauf durch reiche Länder entzieht senegalesischen Bauern die Lebensgrundlage

31.01.2017 - Johanna Heuveling

Landkauf durch reiche Länder entzieht senegalesischen Bauern die Lebensgrundlage
Im fruchtbaren Tal des Senegal-Flusses stoßen Welten aufeinander - traditionelle neben industrieller Landwirtschaft. (Bild von Weltfriedensdienst)

„Sie haben uns genommen, was unter der Erde war, sie haben uns genommen, was auf der Erde war, jetzt nehmen sie uns die Erde.“

El Hadji Faye aus Senegal bereiste im Dezember 2016 Deutschland auf der Suche nach Unterstützern im Kampf gegen den immer zerstörerischen Landraub in seiner Heimat. Er ist Soziologe und engagiert sich bei Enda/ProNat, einem Projekt zur Umstellung der Bodenbebauung auf ökologische Landwirtschaft. Nach Deutschland wurde er vom Weltfriedensdienst eingeladen. In einem Berliner Café, in dem wir ihn zum Interview treffen, erklärt er uns, was in seinem Land passiert und was die Politik der G8 damit zu tun hat.

Besonders dramatisch sei die Situation seit der Finanzkrise 2008 geworden, sagt El Hadji Faye. Multinationale und private Investoren aus Australien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, China und Europa seien auf die Suche nach neuen Investitionen gegangen: „Sie wollten nicht mehr in den Immobilienbereich investieren, sondern in das, was immer rentabel ist: den Boden.“ Vor allem China und die Arabischen Emirate hätten dabei in erster Linie an die Gewährleistung der Ernährungssicherheit für ihre eigene Bevölkerung gedacht, während Europa Alternativen zum Erdöl in Form von Bioenergie, also Pflanzen, suche. Für alle sei Land aber grundsätzlich als Geldanlage interessant geworden. „Afrika hat die größten Landreserven und geriet damit in den Fokus der Investoren.“

Das Bodenrecht wird im Sinne der Investoren verändert

Das eigentliche Problem aber sei, dass die Regierungen im Norden den afrikanischen Ländern ein bestimmtes Modell von Landwirtschaft aufzwängen, das nur ihnen zugute käme und nicht den Ländern im Süden. Im Jahr 2009 starteten die G8 auf Betreiben der US Regierung NASAN (Neue Allianz für Ernährungssicherheit und Nahrung). Angeblich ein Programm zur Verbesserung der Ernährungssituation in Afrika, wird NASAN von vielen Organisationen als eine neue Form von Kolonialismus kritisiert, denn es sei in erster Linie dazu da, Land- und Steuerrecht sowie Exportkontrollen im Sinne der ausländischen Investoren verändern zu können. Afrikanische Bauern und die Zivilbevölkerung hätten keine Stimme dabei.

El Hadji Faye erklärt uns beispielhaft: „Im Senegal gibt es eine Besonderheit im Landrecht: Neben staatseigenem Land und Privateigentum gibt es eine dritte Kategorie, die sogar 95% der Fläche Senegals umfasst: sogenannte nationale Domänen.“ Diese seien weder im Besitz des Staates, noch in Privatbesitz. Es sei ein Gut, das dem ganzen Volk gehöre. „Man kann es nicht verkaufen, verpachten oder an Ausländer abgeben. Diese Flächen werden Personen zeitlich begrenzt zur Nutzung überlassen.“ Aus NASAN, so El Hadji Faye, entspränge nun die Initiative, das Bodenrecht so zu ändern, dass Privatleute diese nationalen Domänen kaufen können. Es ginge darum, das Recht so zu verändern, dass dieses Land von der Hand des Volkes in die Hand des Staates übergeht und dieser dann damit verfahren könne, wie es ihm beliebe, zum Beispiel es verkaufen.

Wir reden nicht nur von der heutigen Generation, sondern auch von den zukünftigen Generationen, die darauf warten, das Land nutzen zu können.

Seit 2007 ist Enda/ProNat im Senegal mit der Zunahme des Landkaufes durch Investoren konfrontiert, aufgrund dessen viele Bauern, mit denen sie arbeiten, ihr Land verlassen müssen. Enda/ProNat ist seit 1982 aktiv. Damals suchte die Organisation nach Alternativen zu dem exzessiven Gebrauch von Pestiziden, der die Landarbeiter krank machte. Im Berliner Weltfriedensdienst fanden sie einen Partner, der sie personell und finanziell unterstützte. Gemeinsam entwickelten sie nachhaltige Konzepte für die Landwirtschaft und beschäftigten sich auch bald mit dem Erhalt des Saatgutes, dem Bodenrecht und vielen anderen Themen. Bis in dieses Jahrtausend waren sie zunehmend erfolgreicher, mit den Bauern eine Form der Landwirtschaft zu entwickeln, die den Familien Ernährung und Einkommen sicherten. „Als wir die Entwicklung des Landkaufes erkannten“, so El Hadji Faye, „haben wir gesagt: Das ist der Kampf, den wir führen müssen. Wir müssen den Bauern die Erde erhalten, mit der sie produzieren. Wir reden nicht nur von der heutigen Generation, sondern auch von den zukünftigen Generationen, die darauf warten, das Land nutzen zu können.“

Wie kann ein Staat so etwas seiner Bevölkerung antun?

Eine von Enda/ProNat durchgeführte landesweite Studie hatte das Ergebnis, dass bis 2009 bereits 850 000 Hektar in den Besitz des Staates oder anderer Parteien übergegangen seien. Der Landverkauf werde auch von religiösen Führern und lokalen Verwaltern betrieben. „Der schwerste Kampf aber ist der gegen die Multinationalen“, so El Hadji Faye, „da diese große Flächen kaufen, enorme finanzielle Ressourcen für Anwälte haben und sich die Rechte auf das Land durch Titel absichern, denen man nicht mehr widersprechen kann.“

Zusammen mit anderen Organisationen wurde diese Studie in der Hauptstadt Dakar vorgestellt, wo sie daraufhin CRAFS (Rahmen für die Reflexion und Aktion auf dem Land in Senegal), eine Art Volksfront zur Erhaltung des Landrechtes, gründeten. „Wir gehen in die Dörfer, um den Bauern ein Bewusstsein darüber zu vermitteln, was passiert. Es gibt Kurse über Landrecht und wir fordern die Landbevölkerung dazu auf, lokale Kommissionen zu gründen.“ Sobald jemand auftauche, der Land kaufen möchte, würden sie von den Bauern informiert und vor Ort organisierten die Leute Protestmärsche. Ausserdem tragen sie die Meinungen der Landbevölkerung zu dem Thema zusammen und haben diese in einer Art Beschwerdebuch der Regierung überbracht. „Wir arbeiten mit der Bevölkerung, aber haben auch Gesprächsrunden mit der Regierung.“

Und was macht die Regierung? „Wir haben uns lange gefragt, wie kann ein Staat so etwas seiner Bevölkerung antun? Darauf haben wir keine befriedigende Antwort, aber wir haben den Eindruck, dass unsere Regierung unter extremem Druck der Regierungen des Nordens steht.“ 2011 habe es einen Fall von Landraub gegeben, der einen nationalen Proteststurm hervorgerufen habe. Es sollten einige tausend Hektar Land an eine italienische Firma für die Gewinnung von Biokraftstoff verkauft werden. Bei den Demonstrationen habe es Zusammenstöße mit Toten und Verletzten gegeben und die Regierung habe das Projekt aufgehoben. Der aktuelle Präsident Macky Sall, der damals in der Opposition war, habe sich auf die Seite des Protestes gestellt. Jetzt habe er dasselbe Projekt in einer anderen Region mit dem Verkauf von 20 000 Hektar Weideland gebilligt. Keine Erklärung habe er zu seiner Meinungsänderung abgegeben. „Die einzige Erklärung, die wir haben, ist, dass der Staat Verpflichtungen gegenüber den Staaten des Nordens hat, die nicht öffentlich bekannt sind.“

Landraub ist Ursache für Migration und Terrorismus

Was erhofft sich El Hadji Faye in Deutschland? Sie träfen sich hier mit Nichtregierungsorganisationen und Politikern, z.B. Abgeordnete der Grünen, und erklärten, welchen Umfang das Problem habe und welche desaströsen Folgen die verschiedenen Freihandelabkommen hätten. „Wir hoffen, dass auch in Deutschland die Zivilgesellschaft Druck auf ihre Regierung ausübt. Wir arbeiten daran, eine Einheitlichkeit im Kampf der Menschen im Norden und im Süden zu erreichen. Wir möchten, dass die deutsche Öffentlichkeit und die Politik begreift, dass die Folgen dieser Entwicklung sind, dass die Menschen vom Land in die Städte migrieren und sich schliesslich in Piroggen setzen, um nach Europa zu kommen. Dass dies der Nährboden für Terrorismus ist, denn junge Menschen, die ihr Land bebauen sollten, sitzen stattdessen arbeitslos auf der Strasse und wenden sich dem Extremismus zu.“ Das sei ein Problem von ganz Afrika: „Ganz Afrika hatte eigentlich nie eine Chance. Wir konnten nie profitieren von unseren Ressourcen. Sie haben uns genommen, was unter der Erde war, sie haben uns genommen was auf der Erde war, jetzt nehmen sie uns die Erde.“

Seit 2012 läuft im Senegal eine Bodenrechtsreform, für die die Regierung eine Kommission gegründet hat, die Vorschläge erarbeiten soll. Ein großer Erfolg sei gewesen, dass in das Rahmendokument der Erhalt der nationalen Domänen für das Volk geschrieben wurde. Allerdings hat dieses Papier nur empfehlenden Charakter, der Präsident wird die finalen Entscheidungen treffen. „Das Dokument liegt jetzt in seiner Hand und er muss entscheiden. Wir sind bereit.“ sagt El Hadji Faye zum Schluss kämpferisch.

„Hände weg von unserer Erde“ - der Widerstand gegen Landraub, hier im senegalischen Dakar, wird vor allem von Frauen getragen. Bild: Weltfriedensdienst

„Hände weg von unserer Erde“ – der Widerstand gegen Landraub, hier im senegalischen Dakar, wird vor allem von Frauen getragen. Bild: Weltfriedensdienst

Kategorien: Afrika, Menschenrechte, Ökologie und Umwelt, Politik
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