Palästina: Flüchtlingslager ohne Recht auf medizinische Versorgung

09.10.2016 - Antonietta Chiodo

Dieser Artikel ist auch auf Italienisch verfügbar.

Palästina: Flüchtlingslager ohne Recht auf medizinische Versorgung
(Bild von Mohammed Abbas: Eingang zum Al Amari Camp)

Die aktuellen Lebensbedingungen in den palästinensischen Flüchtlingslagern

Ich befinden mich in einem Flüchtlingslager, das 1948 erbaut wurde, dem Al Amari Camp in Palästina, vor den Toren der Stadt Ramallah. Ich teile meinen Alltag mit den Flüchtlingen und wie sie wache auch ich jeden Morgen mit dem Geruch des überall in den Straßen umher liegenden Abfalls in der Nase auf. Der wird täglich von Kindern „benutzt“, um damit zu spielen, bevor sie mit Besen versuchen, ihn soweit wie möglich vom Camp wegzufegen. Aber der Geruch bleibt, säuerlich und Übel erregend, zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Die Straßen sind eng und verbinden weite Ansammlungen von Häusern, zwischen Gassen die so klein sind, dass in den Regenperioden das Wasser bis zu den Knien reicht, was ein nicht unerhebliches Problem vor allem für die Kleinsten darstellt. Die Bevölkerung ist komplett auf sich alleine gestellt und nichts ist umsonst, noch nicht einmal Strom oder medizinische Versorgung. Es drängt sich die Frage auf, warum die von Vereinigungen gesammelten Gelder und die Mittel der Europäischen Gemeinschaft für Flüchtlinge, bereit gestellt auch für das Internationale Rote Kreuz, nie im Inneren dieser Flüchtlingslager ankommen.

Allein in der Zone von Ramallah gibt es 4 Flüchtlingslager mit einem Durchschnitt von mindestens 300 Familien pro Camp. Von den jungen Studenten dort schaffen es nur wenige, ihr Studium abzuschließen. Es gibt keinen Zugang zu öffentlichen Schulen: die durchschnittlichen Ausgaben, die von einer Familie zu bestreiten wären, belaufen sich auf 2.000 Dollar pro Jahr, um die einzige Universität zu besuchen, die es gibt: eine private.

Die Männer engagieren sich innerhalb der Camps im Bereich der Organisation von sozialen und kulturellen Aktivitäten, hauptsächlich zu Gunsten von Behinderten und jungen Menschen, die Frauen kümmern sich um die Familie und haben Arbeitsgruppen gegründet, um eine bessere wirtschaftliche Zukunft zu ermöglichen.

Alle haben Tote zu beklagen, die sie zurücklassen mussten, Söhne und Töchter, Ehepartner und Verlobten, nicht nur einfach durch Bomben getötet, sondern oft auf unbegreiflich grausame Art gestorben. Besonders betroffen macht der Tod eines Familienvaters, der vor einigen Jahren von einem Militärjeep im Camp erdrückt wurde. Die Angelegenheit hätte auch anders laufen können, hätten die Militärs sich nicht dazu entschlossen, im Rückwärtsgang mindestens noch ein Dutzend Mal über seinen Körper zu fahren. Die Bewohner erzählen mir von ihrer Einsamkeit, sie möchten, dass die Menschen von ihrer Existenz erfahren, dass die Welt sich ihrer Schwierigkeiten bewusst wird und ihnen gegenüber nicht gleichgültig bleibt.

Ich nähere mich mit meinen Führer dem Sitz des Red Cross Crescent, einen erschreckend großen Gebäudekomplex, der ans Lager Al Amari grenzt. Die Angestellten brauchen sich bloß zu einem der vielen Fenster zu wenden, um in die Häuser und Straßen der Menschen blicken zu können.

Palästinensische Flüchtlinge: alles zu teuren Preisen, sogar das Recht auf medizinische Versorgung

Die Bewohner und die Verantwortlichen des Zentrums bestätigen mir, dass ihnen das Recht auf Gesundheitsversorgung gänzlich versagt bleibt: das Krankenhaus erlaubt keine Untersuchungen und Operationen ohne Bezahlung, ihre Rechte als Flüchtlinge sind praktisch nicht existent. Anders ist es mit Hilfen, die von europäischen Touristen und wohlhabenden Familien gespendet werden, weil sie auf einfache Art per Ticket erfolgen. Ein Mann im Lager erzählt, er habe 4 Kinder, für die erste Geburt habe er dem Krankenhaus 200 Schekel bezahlt, dann stieg die Summe kontinuierlich bei jeder weiteren Geburt und belief sich am Ende auf 500 Schekel, um den Kleinsten zur Welt bringen zu können. Hier gibt es keine von der internationalen Gemeinschaft geschützten Rechte, hier herrscht der Geist von Anpassung und Überleben. Zwar existiert im Camp ein medizinisches Zentrum der berühmten Unrwa, einer Vereinigung der UNO, die sich um Gesundheitsversorgung kümmert, aber die Bevölkerung beklagt die Tatsache, dass der Arzt in Wirklichkeit nur durch vorherige Terminvereinbarung zu erreichen ist und für Notfälle nicht zur Verfügung steht.

Frei erhältliche Medikamente gibt es lediglich zwei, Paracetamol und ein Antiallergikum namens Cetralon. Dieses Antihistaminikum wird für alles benutzt, von Zahnweh über Schmerzen, die von jeglicher innerer Infektion herrühren bis zum einzigen Medikament zur Behandlung von Krebs, der in Palästina, laut kürzlichen Studien, im stetigem Anstieg zu sein scheint.

Cetralon 2

Konfektionierung von Cetralon, wie sie im Lager verteilt werden

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Arbeit und Leistungen, die von NGOs gespendet werden, praktisch null sind. Es scheint, das einzige Bedürfnis der Ärzte sei es, die Flüchtlingen ruhig zu halten, weil dieses „wundersame“ Medikament, Cetralon, Männern, Frauen und Kindern als Notbehelf für jegliches gesundheitliches Problem gegeben wird, was ihrer täglichen Aktivitäten stark beeinflusst. Nachdem was uns die Flüchtlinge im Lager erzählen, verursacht dieses Medikament tatsächlich Zustände starker Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Übelkeit und oft auch Durchfall. Mütter beklagen sich, dass die Jüngeren, und nicht nur sie, nach Gabe von Cetralon für einige Tage ans Bett gefesselt sind. Bis heute gibt es also keine konstante Präsenz von tatsächlicher Hilfe innerhalb des Lagers. Wirksame Medikamente sind fast nie auffindbar und das zwingt die Bevölkerung, sich selber zu helfen oder beim nächstgelegenen Krankenhaus um Hilfe zu bitten, die aber dann nur gegen Bezahlung erfolgt.

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: Internationale Angelegenheiten, Menschenrechte, Mittlerer Osten
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