Obamas Hiroshima Rede: ein Schritt in Richtung Versöhnung oder schamlose Scheinheiligkeit?

06.06.2016 - Quito, Ecuador - Tony Robinson

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Obamas Hiroshima Rede: ein Schritt in Richtung Versöhnung oder schamlose Scheinheiligkeit?
(Bild von whitehouse.gov)

Präsident Obama war vor zwei Wochen der erste US-amerikanische Präsident, der während seiner Amtszeit den Ort besuchte, an dem die erste Atombombe auf eine schutzlose Zivilbevölkerung abgeworfen wurde. Über 140.000 Menschen kamen damals am 6. Juni 1945 oder kurz danach durch Vergiftung und durch Verstrahlung bedingten Krebs ums Leben.

Der Besuch war symbolträchtig, mit Sicherheit wird Obama als erster US-Präsident in die Geschichtsbücher eingehen, der Hiroshima besucht hat, so wie auch zukünftigen Generationen gesagt werden wird, dass er der erste US-Präsident war, der Kuba besucht hat.

Diese Handlungen sind wichtig, doch sie können nicht hundertprozentig Beweis dafür sein, wie wir diesen Präsidenten beurteilen sollen. Wir müssen auch auf andere Handlungen schauen und nur wenn wir diese Handlungen auch mit den Worten vergleichen, finden wir tatsächlich die Beweise, mit denen wir dann ein echtes Urteil fällen können.

Schauen wir uns also die Rede Obamas in Hiroshima an und schlüsseln wir sie auf, vergleichen wir sie mit seinen Worten und denen seiner Administration und sehen wir uns dann an, was wir finden. Halten wir auch ein Auge offen für neue Interpretationen der Geschichte und vorteilhaft formulierte Aussagen, die versuchen, die Menschheit in einem Licht darzustellen, das Kriege und Gewalt rechtfertigt.

„Der Weltkrieg, der in Hiroshima und Nagasaki ein brutales Ende fand, wurde unter den reichsten und mächtigsten Nationen ausgefochten.“

Wir sind nicht einverstanden. Der Krieg endete nicht in Hiroshima und Nagasaki, trotz der Mythen, die sich in den darauffolgenden Jahrzehnten angenehmerweise entwickelten und in westlichen Schulen gelehrt wurden, um die militärische Doktrin der nuklearen Abschreckung zu rechtfertigen. Der Krieg mit Japan wurde tatsächlich beendet, als die Sowjetunion am 9. August ihre Invasion Japans erklärte; dies wird überzeugend vom amerikanischen Autor Ward Wilson in seinem Buch „Five Myths about Nuclear Weapons“ dargelegt. Die Atombomben waren nicht nötig, um den Krieg zu beenden, sondern um Japan Rache aufzuerlegen, um die immensen Ausgaben des Nuklearwaffenprogramms zu rechtfertigen und um die USA auf einer geopolitischen Nachkriegsbühne als mächtigste Nation der Erde zu etablieren.

Zweitens wurde der Krieg nicht unter Nationen ausgefochten, sondern unter Eliten, die mutwillig und grausam ihre eigenen Landsleute dazu benutzten, auf weit entfernten Inseln zu kämpfen und zu sterben und andere auf höchst grausame Weise umzubringen. Die große Mehrheit der Soldaten aus ärmlichen Arbeiterklasse-Verhältnissen wurde manipuliert und gezwungen, in einem Krieg zu kämpfen, den sie nicht verstanden und der erst gar nicht hätte stattfinden sollen, hätten nicht genau diese Eliten nach dem ersten Weltkrieg den Kriegsverlierer-Länder derart repressive wirtschaftliche Maßnahmen auferlegt.

„Und doch wuchs der Krieg aus demselben Urinstinkt nach Herrschaft und Eroberung heraus, der auch Konflikte zwischen den einfachsten Stämmen entfacht, ein altes Muster, das durch neue Fähigkeiten und dazu fehlende Begrenzungen um ein Vielfaches verstärkt wurde.“

Wir sind erneut nicht einverstanden. Es gibt keinen „Urinstinkt zur Herrschaft und Eroberung“ in der menschlichen Art. Das liegt nicht in unserer DNA. Gewalt ist etwas, das wir vom Moment unserer Geburt als Mensch an lernen. Sie ist im familiären Umfeld, in der Schule und in unseren nationalen Kulturen allgegenwärtig. Wenn physische Gewalt in einem Einzelnen oder in einer Gruppe ausbricht, dann geschieht das aufgrund von untragbarem wirtschaftlichem, psychologischem und/oder rassistisch bedingtem Leid, um nur einige der Gründe zu nennen. Die Tatsache, dass sich Gesetze nur mit physischem Leid befassen, zeigt, dass sie nicht ausreichend entwickelt wurden, um auch psychischen Schmerz und geistiges Leid zu verhindern.

Wir sind nicht mehr die primitiven Wesen aus uralten Zeiten, die Menschheit entwickelt sich, unser Bewusstsein entwickelt sich und unsere Fähigkeit zur Empathie und Solidarität entwickeln sich ebenfalls. Und doch hat der Großteil der Menschheit immer noch Schwierigkeiten, ihre Fähigkeiten voll auszuschöpfen, weil ihnen ihre Freiheit und die Möglichkeit, über ihre eigene Zukunft zu entscheiden, von einem System genommen wurden, das eine kleine Anzahl von immer reicher werdenden Individuen favorisiert, die kein Problem damit haben, die große Mehrheit der Weltbevölkerung unzähligen Formen von Gewalt zu unterwerfen.

Entgegen dem, was uns Glauben gemacht wird, ist Gewalt kein menschlicher Zug, Gewalt wird erlernt und ist ein angeeignetes Verhalten, genauso wie Gewaltfreiheit erlernt und sich angeeignet werden kann.

„Eine internationale Gemeinschaft hat Institutionen und Abkommen geschaffen, die daran arbeiten, Krieg zu verhindern und danach streben, die Existenz von Atomwaffen zu begrenzen, zurückzudrängen und letztlich abzuschaffen.“

Der zynischste aller Sätze in Obamas Rede. Abkommen sind kein Bestreben. Abkommen sind juristische Instrumente und die unterzeichnenden Länder sind juristische an die darin ausgelegten Bedingungen gebunden. Der Atomwaffensperrvertrag sagt:

„Jede der Vertragsparteien verpflichtet sich, Verhandlungen zu effektiven Maßnahmen im Bezug auf baldige Beendigung des Wettstreits um Nuklearwaffen sowie für nukleare Abrüstung und für einen Vertrag zu allgemeiner und umfassender Abrüstung unter strikter internationaler Kontrolle aufrichtig anzustreben.“

Der Atomwaffensperrvertrag gilt seit 1970. 46 Jahre später und 71 Jahre nach Hiroshima gibt es weder eine Beendigung des Wettstreits um Nuklearwaffen noch Verhandlungen zu einem Vertrag zur Abrüstung. Obamas Administration hat im Gegenteil mehr dazu getan, weltweit Spannungen zu verschärfen und hat weniger Schritte in Richtung nuklearer Abrüstung unternommen als jede andere Administration vor ihr.

Um einige Beispiel der Scheinheiligkeit dessen zu nennen, was Obama sagt und was er tut: die USA haben Pläne angekündigt, in den nächsten 30 Jahren 1 Milliarde US Dollar für ihr Nuklearwaffenprogramm ausgeben zu wollen, neue Militärstützpunkte wurden nahe der russischen Grenze installiert und – von höchster Bedeutung – die USA arbeiten aktiv daran, alle internationalen Versuche zu blockieren, die Maßnahmen zur Abrüstung vorantreiben.

Letzten Monat trafen sich einhundert Nationen in Genf, um solche Maßnahmen zu diskutieren, in Abwesenheit jeglicher Staaten mit Atomwaffen – im Bruch mit den Verpflichtungen des Atomwaffensperrvertrages.

„Wir werden vielleicht nicht dazu in der Lage dazu sein, die Fähigkeit des Menschen, Böses zu tun, zu eliminieren, deshalb müssen wir als Nationen und auch die Allianzen, die wir formen, die Mittel besitzen, uns zu verteidigen.“

Die Mittel um uns zu verteidigen? Lasst uns darüber nachdenken. Jüngste atmosphärische Berechnungen lassen vermuten, dass ein begrenzter Konflikt, bei dem nur 100 Atombomben auf Städte abgeworfen werden, die menschliche Zivilisation, wie wir sie kennen, vernichten würden: es gibt aber über 15.000 von ihnen. Eine weltweite Hungersnot würde entstehen, der globale Handel würde zusammenbrechen, lokale Konflikte würden stark ansteigen, Atomkraftwerke würden aller Voraussicht nach durchschmelzen und die Menschheit würde ins Steinzeitalter zurückfallen. Die, die überleben, würden wahrscheinlich lieber Selbstmord begehen, als in einer post-nuklearen Welt zu leben.

Bei welchem Szenario konnten sich die USA oder irgendein anderes Land jemals mit Atomwaffen verteidigen? Die Antwort lautet nie und es gibt kein Szenario, bei dem ein nuklearer Krieg mit nur einer Handvoll Atombomben geführt werden könnte. Alle Szenarien eines nuklearen Krieges würden unweigerlich zur Vernichtung der Menschheit führen. Wie kann das „uns verteidigen“ sein? Der Aberwitz der Doktrin der nuklearen Sicherheit ist der des „wenn ihr uns mit Atomwaffen bombardiert, zerstören wir dafür den gesamten Planeten.“

„Die, die gestorben sind, sind wie wir. Normale Leute verstehen das, glaube ich. Sie wollen keinen Krieg mehr. Sie möchten lieber, dass die sich Wissenschaft darauf konzentriert, das Leben zu verbessern und nicht darauf, es zu zerstören. Wenn sich diese einfache Wahrheit in den Entscheidungen von Nationen und ihren Führern wieder spiegelt, so haben wir aus Hiroshima gelernt.“

Endlich auch etwas, mit dem wir uns aus ganzen Herzen identifizieren können. Und als Obama diese Worte sprach, hätte er auch tiefgründig darüber nachdenken sollen.

Seine Administration hat unbarmherzige Kriege begonnen, die Millionen von unschuldigen Leben betreffen und die die größte Migrationskrise seit dem zweiten Weltkrieg ausgelöst haben. Seine Administration hat hunderttausende Menschenleben auf dem Gewissen. Wie kann er solche Worte in den Mund nehmen und nicht daran denken, was er getan hat?

Er hat jedoch Recht. Wir, die große Mehrheit der Weltbevölkerung, wollen keinen Krieg mehr. Und die Entscheidungen, die er getroffen hat, hätten diese einfache Weisheit und die Lektion von Hiroshima reflektieren sollen.

Ja, die Geschichtsbücher werden sagen, dass Obama Hiroshima besucht hat. Und doch bleibt die Geste, all ihrer schönen Worte zum Trotz, unserer Ansicht nach leer. Versöhnung hat noch nicht begonnen und die Welt ist ein viel gefährlicherer Ort zum Leben geworden als noch vor 8 Jahren, als er an die Macht kam.

Übersetzt aus dem Englischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: Asien, Frieden und Abrüstung, Meinungen
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