Warum es unsere eigene Schuld ist, wenn wir uns langfristig mit Glyphosat vergiften

15.05.2016 - Evelyn Rottengatter

Warum es unsere eigene Schuld ist, wenn wir uns langfristig mit Glyphosat vergiften

Am 18. und 19. Mai ist es soweit: Die Mitgliedsstaaten stimmen über die Verlängerung der abgelaufenen Zulassung von Glyphosat für weitere 10 Jahre in der EU ab. Die EU-Kommission stützt sich dabei auf die Empfehlung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA (European Food Safety Authority) in Parma. Diese wiederum hat eine deutsche Behörde mit der Untersuchung beauftragt, ob Glyphosat krebserregend oder in irgendeiner anderen Weise schädlich ist, nämlich das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin.

Glyphosat wird von Monsanto seit 1974 unter den Markennamen Roundup vertrieben und wird inzwischen aber auch von allen anderen großen Chemiekonzernen wie BASF, Bayer, Syngenta etc. hergestellt. Es ist höchst umstritten und wurde entgegen der Empfehlung des Bundesinstituts für Risikobewertung und den gleichlautenden Aussagen der Industrie, es sei ungefährlich, von der IACR (International Agency for Cancer Research), einem Arm der Weltgesundheitsorganisation WHO, 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft.

Laut Berichten der Süddeutschen Zeitung wertete das Bundesinstitut für Risikobewertung für seinen Bericht, der Glyphosat als harmlos einstuft, unter anderem Leserbriefe an Fachzeitschriften von industrienahen Wissenschaftlern, die direkt oder indirekt für Monsanto arbeiteten, aus und ließ zudem Ergebnisse von Versuchen außer Acht, bei denen es Hinweise zu erhöhten Krebsrisiken gab. Dazu gab es auf Ersuchen der Partei Bündnis90/Die Grünen auch eine Anhörung im Bundestag, die aber bis jetzt keine weiteren Konsequenzen hatte.

In diesem Zusammenhang ist es auch interessant, zu sehen, dass in der Kommission für Pflanzenschutzmittel und ihre Rückstände des BfR zumindest im Zeitraum 2008 bis 2010 Mitarbeiter von BASF und Bayer saßen. Die Studien der Industrie hingegen wurden lange Zeit unter Verschluss gehalten und sind erst jetzt in einem Raum begrenzt einsehbar, wie der Focus berichtete.

Glyphosat ist das mit Abstand am meisten benutzte Herbizid weltweit, laut dem Ökonomen Charles Benbrook wurden allein 2014 davon 826.000 Tonnen auf unserem Planeten versprüht. Früher wurde das Mittel nur vor der Aussaat benutzt, um den Acker von Unkraut zu befreien. Inzwischen werden die durch Genmanipulation resistent gemachten Getreidesorten nun auch während des Wachstums und zum Teil sogar kurz vor der Ernte besprüht (zum Zwecke des Absterbens von bei der Ernte störenden Blättern; genannt „Sikkation“). Dadurch hat sich der Einsatz von Glyphosat seit 1996 um das mindestens zwölffache erhöht, Tendenz weiter steigend.

Nach Forschungen und Studien verschiedener Umweltschutzorganisationen wie Friends of the Earth und dem Umweltinstitut München e.V. wurden nun Rückstände von Glyphosat im Urin von Großstädtern gefunden, die nie in direkten Kontakt mit Glyphosat kommen konnten. Andere Studien fanden auch Rückstände in Lebensmitteln wie Backwaren und sogar in Bier.

Laut der vom Westdeutschen Rundfunk produzierten Fernsehdokumentation „Gift im Acker – Glyphosat, die unterschätzte Gefahr?“ beobachteten dänische Bauern eine stark steigende Rate an Miss- und Fehlgeburten bei Kühen, die mit Glyphosat besprühten Futterpflanzen gefüttert wurden. Nach Absetzen dieses Futters gingen die Raten zurück, bei erneutem Einsetzten wieder nach oben. Was das für Insekten, Bienen, Regenwürmer, Vögel, Wildtiere und das gesamte biologische Gleichgewicht bedeutet, kann man sich vorstellen.

Zusammen mit dem Pesticide Action Network und dem österreichischen Umweltverband Global 2000 hat das Umweltinstitut München e.V. nun Klage in Berlin und Wien gegen Monsanto, die EFSA und das BfR eingereicht. Bis jetzt ist man nur in Wien aktiv geworden und hat von Monsanto eine Stellungnahme ohne Frist gefordert.

Frankreich hat vor kurzem angekündigt, bei der Abstimmung am 18. / 19. Mai mit Nein stimmen zu wollen. Fraglich ist, wie die anderen Staaten abstimmen werden, doch der Widerstand wächst. Holland, Dänemark und Schweden haben schon Schritte unternommen, Glyphosat einzuschränken oder zumindest den Einsatz in Städten zu verbieten. Seit Donnerstag ist bekannt, dass sich nunmehr auch das SPD-geführte Umweltministerium aufgrund des öffentlichen Drucks gegen Glyphosat aussprechen will, wobei das CSU-geführte Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft weiterhin daran festhält.

Tatsache ist, dass sich die EU-Kommission mit ihrer Forderung für weitere 10 Jahre anscheinend und abgesehen von den Industrie-eigenen Studien alleine auf die Empfehlung der deutschen Behörde beruft. Dort kürzlich nachgefragt, heißt es, man sehe sich selber nun nicht mehr in der Verantwortung für den Abschlussbericht, der Glyphosat als unbedenklich einstuft. Der sei nun Sache der europäischen Mitgliedsstaaten, deren Experten ihn übernommen und bestätigt hätten.

Fazit: Wenn sich im Nachhinein herausstellen sollte, dass Glyphosat doch schädlich oder krebserregend ist, haben alle Mitgliedsstaaten der EU selber Schuld, weil sie sich auf die EU-Kommission verlassen haben, die sich auf die EFSA verlassen hat, die sich auf das BfR verlassen hat, das sich wiederum auf durch Aussagen von Industrievertretern gestützte Studien verlassen hat.

Wer sich darauf wiederum nicht verlassen will, hat noch 3 Tage Zeit, eine der zahlreichen Petitionen in seinem Land an die jeweilige Regierung zu unterzeichnen und so mitzuhelfen, Druck zu machen. Denn am 18. / 19. Mai geht es um mehr. Es geht um das ganze System der „konventionellen“ Landwirtschaft, das zu einem riesigen globalen Agrarbusiness geworden ist, und das auf die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt keine Rücksicht mehr nimmt.

Die Petition ist auf deutsch, englisch, französisch, italienisch und kastilisch hier verfügbar.

Kategorien: Europa, Gesundheit, International, Ökologie und Umwelt, Wirtschaft
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