Genitalverstümmelung macht die ganze Gesellschaft krank

25.04.2016 - Leverkusen - Milena Rampoldi

Genitalverstümmelung macht die ganze Gesellschaft krank
Hannah Wettig, Stop FGM Middle East

Hannah Wettig, Projektleiterin bei Stop FGM Middle East gibt uns ein eindrückliches Interview. Es ist wichtig hervorzuheben, wie FGM (female genital mutilation – Weibliche Genitalverstümmelung) ein schwerer Verstoß gegen die Kinder- und Frauenrechte ist und dass FGM uns alle als Gesellschaft weltweit betrifft. Wir müssen aufdecken, wie FGM gerechtfertigt und sogar mit Religion gedeckt wird. Aber FGM bleibt eine brutale Tradition, die Frauen ihr Leben kaputtmacht. Deshalb müssen wir das Tabu brechen und darüber sprechen, dass es eine FGM-freie Welt braucht.  

Milena Rampoldi: Warum ist der Kampf gegen FGM so wesentlich für die gesamten Regionen, in denen diese brutale Tradition noch nicht abgeschafft ist?

Hannah Wettig: Erstmal ist die Praxis noch fast nirgendwo wirklich abgeschafft. Es gibt zwar laut der letzten Unicef-Statistik in vielen Ländern Afrikas einen starken Rückgang in der Altersgruppe der 0-14-Jährigen. Aber wirklich verlässlich sind diese Zahlen noch nicht. Ein Problem der Datenerhebung ist, dass in den meisten dieser Länder, weibliche Genitalverstümmelung inzwischen strafbar ist. Es werden aber für diese Erhebungen die Eltern befragt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Regierung diese großangelegten Studien durchführen lässt. Man muss damit rechnen, dass strafbare Handlungen nicht zugegeben werden.

Wesentlich ist die Abschaffung nicht nur, weil es sich um Kindesmisshandlung und eine grobe Menschenrechtsverletzung handelt, sondern auch wegen der Folgen für die ganze Gesellschaft. Zum einen geht FGM mit erheblichen gesundheitlichen Risiken einher. In Afrika wo Typ III, also die komplette Amputation der sichtbaren Klitoris und der äußeren Schamlippen, praktiziert wird, führt die Operation nicht selten zum Tod des Kindes. Mütter leiden schreckliche Schmerzen bei der Geburt, einige sterben auch infolge von FGM bei der Geburt. Aber auch in der Region wo wir tätig sind: Im Irak und im Iran hat der etwas mildere Typ II erhebliche Folgen wie Inkontinenz, häufige Infektionen und Einschränkung der Sexualität.

Wo Sexualbeziehungen aber unbefriedigt sind, entstehen Aggressionen und Neurosen. Das hat uns Wilhelm Reich gelehrt – ohne dabei FGM im Kopf zu haben. Einer unserer Partner, Osman Mahmoudi, hat das im Iran untersucht: Er hat nicht nur Frauen zu ihrem sexuellen und psychischen Wohlbefinden gefragt, sondern auch ihre Ehemänner. Er konnte zeigen, dass Ehemänner von Frauen, die FGM erlitten haben, nicht nur ein deutlich schlechteres Sexualleben haben und selber unter Störungen wie Impotenz leiden, sondern dass sie auch psychisch leiden, z.B. häufiger Depressionen haben als Männer von Frauen, die nicht beschnitten sind. Für die Frauen mit FGM gilt das natürlich auch, aber darüber gab es schon Studien zuvor. Osman Mahmoudi zeigt erstmals, dass FGM Frauen und Männer krank macht.

fgm middle east

Wie wichtig ist die Information zum Thema in Europa und warum?

Zum einen sind Migrantinnen, die aus Ländern kommen, in denen FGM praktiziert wird, Bürgerinnen unserer Gesellschaft, die wir schützen müssen. Und gerade gegenüber Kindern tragen wir eine Schutzverantwortung. Das Problem in Europa muss aber auch deshalb konsequent angegangen werden, weil es mittlerweile Rückschläge durch Remigration aus Europa oder Heiratsnachzug gibt. Konkret: In Irakisch-Kurdistan konnten wir die Praxis stark zurückdrängen. Kaum jemand unterstützt die Praxis noch öffentlich, junge Männer oder ihre Mütter verlangen nicht mehr, dass die Braut FGM unterzogen wurde. Jetzt suchen aber irakisch-kurdische Männer, die in Europa leben nach einer Frau in ihrer Heimat und verlangen, dass sie beschnitten ist. Dann sagen sich die Mütter von Mädchen: Es ist zwar nicht so, dass meine Tochter gar nicht heiraten kann, aber sie macht nicht so eine gute Partie, wenn sie nicht beschnitten ist.

Von Organisationen, die in Afrika tätig sind, habe ich ähnliche Geschichten gehört. Eine Kollegin erzählte mir sogar von einem Dorf, wo Verwandte, die in Großbritannien lebten, eine Schule bauen wollten, nur unter der Bedingung, dass die Mädchen wieder verstümmelt werden.

Was bedeutet FGM für Sie persönlich, als Frau und als Menschenrechtlerin?

Ich habe mich seit 20 Jahren mit der Nahostregion beschäftigt und viele Jahre dort gelebt. Darum ist es mir ein Anliegen, die Verhältnisse dort, die immer wieder zu Krisen und Kriegen führen, zu ändern und Menschen zu unterstützen, die versuchen ihre miserablen Lebensumstände zu ändern. Damit meine ich nicht so sehr die ökonomischen Bedingungen, sondern vielmehr die Unterdrückung, Enge und totale Kontrolle des Individuums. Frauen leider unter drei-, vier und fünffacher Unterdrückung – und FGM ist ein entscheidender Teil davon. Aber nicht der einzige Punkt. FGM ist aber ein Thema, über das man sehr viele Probleme in der Gesellschaft thematisieren kann: Sexualität, Liebe, Respekt in der Familie, das Recht auf den eigenen Körper.

Welche sind die Hauptziele von Stop FGM Mideast?

Das langfristige Ziel ist die Abschaffung von FGM in Asien.

Aber als wir mit unserer Kampagne begonnen haben, ging es erstmal darum überhaupt bekannt zu machen, dass es FGM außerhalb Afrikas gibt. Das hat zu dem Zeitpunkt kaum jemand gewusst oder die Informationen wurden ignoriert. Wir haben also erstmal alles gesammelt, was wir finden konnten, und das publik gemacht: Auf unserer Website archiviert, Journalisten angesprochen, Unicef regelmäßig informiert.

Oft fanden wir nur einzelne Beiträge von Bloggern, die FGM in ihrem Land beshrieben. Im Oman haben wir drei Leute ausfindig gemacht, die darüber geschrieben hatten. Studien gab es nicht. Also sind wir dorthin gefahren, haben mit Leuten geredet. Dann haben wir Unicef Bescheid gesagt, was wir gefunden haben: Nämlich dass uns Frauen mit größter Selbstverständlichkeit erzählt haben, dass dort alle beschnitten sind, dass uns auch eine Beschneiderin erzählt hat, was sie tut. Jetzt hat Unicef Oman auf der Liste der Länder, wo FGM praktiziert wird und wird dort eine Erhebung durchführen lassen.

Wir haben Infos zu anderen Golfländern gesammelt, zum Iran und zu Pakistan – und dann haben wir gemerkt, dass wir uns falsch benannt hatten. Wir hätten uns Stop FGM in Asia nennen sollen. Denn wir fanden Informationen über FGM auch in Indien, Sri Lanka, auf den Malediven, in Malaysia, Brunei, Thailand, Singapore, Indonesien, auf den Philippinen – und erst vor wenigen Monaten auch in Kambodscha und der russischen Republik Dagestan. Insofern läuft unsere Suche nach Informationen noch.

Allerdings haben wir inzwischen erreicht, dass in allen interessierten Kreisen, niemand mehr FGM als ein rein afrikanisches Problem bezeichnet. Wir haben regionale Treffen mit vielen AktivistInnen veranstaltet und heute werden diese AktivistInnen auch auf internationale Konferenzen zu FGM eingeladen. Das ist ein erster großer Schritt.

Unsere weiteren Schritte hängen von den Ideen und Aktivitäten unsere PartnerInnen ab. Wir sind überzeugt, dass Veränderung lokal entstehen muss, damit sie wirksam ist. Wir arbeiten mit vielen tollen Frauen und Männern im Oman, Irak, Iran, Sinagapore, Malaysia, Indien und Indonesien zusammen, die sehr gute Projektideen haben, um FGM etwas entgegenzusetzen. Meist fehlt es nur am Geld.

Welche sind die Haupthindernisse vor Ort, um FGM ein Ende zu setzen?

Erstmal muss man das Tabu brechen. Meist wird anfangs die Existenz schlicht abgestritten – von Politikern, aber auch von offiziellen Frauenorganisationen. Daher braucht man Belege. Wir haben einen Leitfaden für simple Umfragen entwickelt, damit Aktivistinnen vor Ort kleine Befragungen durchführen können und so diesen Beleg liefern können.

In allen Ländern Asiens sind außerdem religiöse Autoritäten ein entscheidender Faktor. Mit Ausnahme Kambodschas wird FGM überall in Asien – nicht unbedingt in Afrika! – als islamische Praxis oder sogar als religiöse Pflicht gesehen. Wo Geistliche diese Sicht unterstützen, gibt es praktisch keine Chance FGM abzuschaffen. Aber fast überall gibt es auch einige, die herausstellen, dass FGM unislamisch ist. Die religiösen Schriften, also hier nicht der Koran – der erwähnt weibliche Beschneidung nicht – sondern die Hadithen, sind nicht eindeutig. Aber es gibt auch sehr gute Gründe aus islamsicher Sicht, FGM als verboten zu sehen.

Später in Kampagnen müssen Geistliche keine große Rolle spielen – und sollten es auch nicht, schließlich geht es um Menschenrechte, nicht um Religion. Aber als anfangs zu überwindendes Hindernis ist es essentiell mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Welche sind die positiven Anzeichen vor Ort, dass sich endlich was ändern wird?

Nach der jüngsten Unicef-Umfrage lehnen im Nordirak 80% aller Befragten FGM ab. Als wir 2006 mit unserer Kampagne begonnen haben, waren 78% der Mädchen verstümmelt, in den Gebieten wo FGM praktiziert wurde. Wo es nicht praktiziert wurde, in der Region Dohuk, gab es aber auch keine „Ablehnung“, sondern Unkenntnis, dass es überhaupt irgendwo in Kurdistan gemacht wird. Wir erreichen praktisch die gesamte Bevölkerung mit unseren Fernsehclips und in vielen Dörfern wo wir vor 10 Jahren angefangen haben, wird FGM gar nicht mehr praktiziert. Seit es ein Verbot gibt, können wir zudem auch die Geistlichen angehen, die bisher FGM propagiert haben.

Kategorien: International, Interviews, Menschenrechte, Nichtdiskriminierung
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