Seit dem Sommer 2013 sind Hunderte ägyptischer Männer und Frauen verschwunden. Sie sind Opfer von Entführungen von Seiten der Sicherheitskräfte. Ihre Familien wissen nicht, wo sie sich befinden und ob sie noch am Leben sind. Anlässlich dieses Welttages der Frau sind am 08. März 2016 verschiedene Initiativen geplant.

Aus den letzten Ecken ihrer Zellen bekennen die „Mädchen von Dumyat“ ihre Unschuld. Am 5. Mai 2015 hatten sie nur demonstriert, um die Freilassung ihrer Väter und Brüder zu fordern, die wegen ihrer politischen Meinung unter grausamen Bedingungen gefoltert und eingesperrt worden waren. Heute werden sie angeklagt, mit Feuerwaffen Polizisten getötet zu haben, nachdem sie brutal zusammengeschlagen auf die überfüllten Gefängnisse aufgeteilt wurden. Seit ihrer Festnahme, wird das Datum ihrer Gerichtsverhandlung dauernd aufgeschoben, als wollte man ihr Leid und das Leid ihrer Mütter, deren Besuchsanträge dem Ermessen der Gefängnisverwaltung überlassen werden, noch in die Länge ziehen.

Aber im Lande der Sissikratie kümmert man sich nach dem Blutbad im Sommer 2013 infolge der Absetzung von Präsident Morsi gar nicht mehr, die demokratische Fassade zu wahren. Die Menschenrechte werden ausgeschaltet, und jegliche Opposition wird zum Schweigen gebracht… sogar auf einer Facebookseite!

Erinnern Sie sich: Die Evakuierung durch Armee und Polizei der Sit-Ins der Plätze Rabia Al-Adaweya und Al-Nahda in Kairo, am 14. August 2013 und in den darauffolgenden Tagen hatte den Tod von mehr als 1500 Demonstranten verursacht. Seitdem befinden sich mehr als 40.000 politische Häftlinge in den überfüllten Gefängnissen, wobei ein großer Teil ohne Urteil. Die Festnahmen wurden fortgesetzt und betrafen Ärzte, Journalisten, Militanten, Gewerkschafter und sogar Minderjährige. Der fünfzehnjährige Tel Asser Mohamed Zaher-Eddine wurde am vergangenen 12. Januar aus dem Hause seiner Familie entführt in ein geheimes Gefängnis gesetzt wurde, tauchte dann Mitte Februar wieder in Haft auf. Während seines ersten Besuches bei der Familie, am 23. Februar 2016, hat Asser seiner Familie mitgeteilt, man hätte ihn mehrfach gefoltert.

Alle unter denselben Bedingungen festgenommenen Personen haben erklärt, während ihres Zeitraums des „Verschwindens“ Folterungen ausgesetzt worden zu sein. Diese Folterungen fanden oft in den Räumlichkeiten der Polizei statt. Der Großteil von ihnen wurde dann einem Strafgericht vorgeführt. Ihre Fälle waren vollkommen manipuliert. Abou Obeyda Al-Amoury, der am 5. Februar 2016 an einem Polizeikontrollpunkt auf der El Behery Straße entführt wurde, war gerade auf dem Heimweg vom Arbeitsplatz. Dieser junge Landwirtschaftsingenieur ist am 28. Februar auf einem Foto erneut aufgetaucht, das die Zeitung Yom Sabaa (Youm7.com) veröffentlicht hat. Man klagt ihn an, Teil eines Terrornetzwerkes zu sein, zu dem auch Islam Ibrahim Al-Tohamy gehört… dieser wurde auf seinem Arbeitsplatz in Kafr Cheikh verhaftet. Eine krasse Inszenierung: alle Personen, die auf diesem Foto abgebildet sind, sind von der Polizei entführt und gefoltert worden. Bis heute haben die Familien von Abou Obeyda und Islam nicht von ihren Familienmitgliedern gehört…

Und kein gesellschaftlicher Bereich bleibt verschont! Die Unterdrückungsmaschinerie hat sich eingewickelt und verfolgt ohne Unterschied alle Personen, die auf einer Liste mit dehnbaren Kriterien stehen oder die Jugendlichen, die auf der Straße weggeschnappt werden. Kurzum: Die ägyptische Gesellschaft leidet seit mehr als zwei Jahren unter einem Polizeiterrorismus, der an die düstersten Zeiten der Unterdrückung seit Gamal Abdel-Nasser erinnert. Eine kollektive Strafe, die, nachdem sie die Muslimbrüder getroffen hatte, sich dann ohne Unterscheidung auf die gesamte wahre oder mutmaßliche Opposition ausgeweitet hat! Und es ist kein Ende in Sicht. Unterstützt wird das Ganze vom ohrenbetäubenden Schweigen der internationalen Gemeinschaft, die zu sehr mit der „Krise der syrischen Flüchtlinge“ oder mit der Verbreitung des Islamischen Staates bis in die Maghrebländer beschäftigt ist.

Die Mädchen von Damiette

13 junge Frauen wurden am 5. Mai anlässlich einer friedlichen Demo in Dumyat (Damiette) verhaftet. Sie forderten die Freilassung ihrer Verwandten. Sie wurden hart zusammengeschlagen und vor einen Richter gezerrt. Sie sind fälschlicherweise angeklagt, den Tod von Polizisten verursacht zu haben. Zehn von ihnen sind noch ohne Urteil im Gefängnis, da ihr Prozess erneut aufgeschoben wurde. Die nächste Verhandlung wurde am 24. April angesetzt. Sie befinden sich unter grausamen Bedingungen in Haft, zusammen mit üblichen Kriminellen.

Ihre Namen:

  1. Isra Abdou Farhat
  2. Aya Hossam Al-Shehata Omar
  3. Habiba Sheta
  4. Khouloud El Falahgy
  5. Rawda Samir Khater
  6. Sara Hamdy
  7. Sara Mohamed Ramadan
  8. Fatma Emad Tork
  9. Mariam Emad Tork
  10. Fatima Mohamed Mohamed Ayad

Ihre FB-Seite: FreedomForGirlsDomiat

Gewalt der Staatsgewalt gegen Frauen vom 3. Juli 2013 – 29. Februar 2016
Direkt von Kugeln oder Kartuschen erschossene Fragen = 123
Infolge von Fahrlässigkeit oder medizinischen Unfällen verstorbene Frauen = 165
Fälle von Vergewaltigung und sexueller Belästigung = 72
Anzahl Frauen, die Opfer von Gewalt in Haft oder während eines Besuchs im Gefängnis wurden = 304
Anzahl Frauen, die vor die Militärgerichte gezerrt wurden = 24
Anzahl Frauen, die von der Universität ausgeschlossen wurden = 526
Anzahl Frauen in Polizeigewahrsam = 56
Anzahl Frauen auf Bewährung, in Erwartung des endgültigen Urteils = 1933
Bis heute verschwundene Frauen = 11
Anzahl Frauen, die Opfer eine Entführung waren und wieder aufgetaucht sind = 111
Gesamtanzahl der in ihrer Anwesenheit und infolge eines Säumnisurteils verurteilte Frauen = 248
Gesamtzeitraum der Urteile = 1009 Jahre und 3 Monate
Gesamtbetrag der Kautionen und Geldstrafen = 250 000 €

Übersetzung aus dem Französischen von Milena Rampoldi, ProMosaik e.V.

Der Originalartikel kann hier besucht werden