Kalabrien: Solidarität mit den Flüchtlingen

13.12.2015 - Crotone - Antonietta Chiodo

Kalabrien: Solidarität mit den Flüchtlingen
(Bild von Antonietta Chiodo)

Ich befinde mich in Crotone, Kalabrien, in einer süditalienischen Stadt, die am meisten von den Flüchtlingsbooten betroffen ist. Es ist eine Gegend, in der die Bewohner gelernt haben, dass es jeden Tag zu einem Notfall kommen könnte, der die Bürger in den Hafen ruft.

Ich bin im Wissen hierhergekommen, dass die Würde des Menschen und die Bemühungen der letzten Zeit ein fruchtbarer Boden für die Politik und auch die Missverständnisse sind. Für mich war es wichtig zu verstehen, was nach der Ankunft eines Bootes geschieht. Das italienische Rote Kreuz, Provinzkomitee von Crotone, hat mich in seiner Struktur aufgenommen, in der ich mich wie eine Schwester 48 Stunden aufhielt. Sie haben mir alles anvertraut und mich dabei unterstützt, alle Fragen zu beantworten, auf die die Menschen, die nicht in diesen Orten leben, keine Antwort finden können.

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Die Bevölkerung von Kalabrien fragt sich oft, warum man, wenn man sich auf diese Region bezieht, nicht die Liebe bemerkt, die am Hafen zwischen den Olivenbäumen und dem Schiffsfriedhof entsteht.

Unweit von meiner Unterkunft befindet sich der Straße entlang ein Flüchtlingslager, das von Privatpersonen geleitet wird und mehr als 1.200 Flüchtlinge unterbringt. Die Bewohner von Crotone und Umgebung wissen sehr wohl, was das Wort sbarco (zu Deutsch Landung) bedeutet. Für sie ist die Solidarität ein allgemeines Gefühl, das mit Toleranz und Notfall zu tun hat. Und genau diesen Notfall müssen die Mitarbeiter des Roten Kreuzes managen. Und ihr Engagement ist geradezu zur Gewohnheit geworden. Die Flüchtlingslager befinden sich in verschiedenen Stadtvierteln. Sie sind weit voneinander entfernt. Alle haben verschiedene Notfälle und unterschiedlichen Situationen, worunter vor allem die unbegleiteten Minderjährigen, die auf bürokratischer und auch menschlicher Ebene am schwierigsten zu managen sind und somit am meisten Aufmerksamkeit brauchen.

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Der technische Verantwortliche der Landungen, Sergio Monteleone, weist darauf hin, dass es zwei Kategorien von Landungen gibt: die „geplanten“ und die „nicht geplanten“. Sie unterscheiden sich auf der Grundlage von zwei Hauptfaktoren: die geplanten werden aufgefangen und manchmal von Militärschiffen oder in manchen Fällen von den Booten von Ärzte ohne Grenzen in den Hafen geführt. So wird dem Team die Gelegenheit geboten, sich innerhalb von 24-36 Stunden zu organisieren. Die nicht geplante Landung, die oft nachts bewältig werden muss, geht immer ein Anruf voraus, der meistens gegen 4 Uhr morgens mit dem „epischen“ Sätzchen „Sorry, wenn ich dich störe“, einhergeht und auf einen direkten Notfall hinweist. Wir vom Team müssen somit schnell aus dem Bett steigen und uns mitten in der Nacht von unseren Familien verabschieden, um uns zum Hafen zu begeben. Wir wissen in dem Moment rein gar nicht was uns erwartet.

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Das Gefühl von Machtlosigkeit und die körperliche Erschöpfung übermannen uns manchmal, vor allem, wenn wir uns in Grenzfällen vor einem Schiff befinden, auf dem sich sogar tausend Leute befinden. Bisher hat das Italienische Rote Kreuz (CRI) die Ankunft von 7.000 Flüchtlingen gemanagt. Sie hat es mit Malaria, Räude, Tote und einsamen Kindern zu tun, die alleine die verzweifelte Reise in die Erlösung antreten und dann mit warmen Decken von den Helfern aufgenommen werden. In ihren Geschichten berichten die CRI-Mitarbeiter von Operationen, die im Regen und bei sengender Sonne bis zu 12 Stunden dauern. Die Mitarbeiter der Ersten Hilfe geben den Flüchtlingen Notfallpakete mit thermischen Decken, Wasser, Hausschuhen, einem Snack und bieten ihnen natürlich medizinische Versorgung an. Natürlich geht nicht immer alles gut aus. Denn es gibt Tote, die in den Gewässern geborgen werden müssen, wenn die Hoffnungsboote beispielsweise gegen die Klippen prallen.

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Fabio, der kulturelle Vermittlers des Zentrums Farina für Minderjährige ohne Begleitung von Crotone erzählt mit einem Lächeln: „Einmal war ich vor Ort und hatte nicht einmal die Zeit zu überlegen, womit ich anfangen sollte. Meine Kollegen packten mich in einen Krankenwagen und gaben mir ein phantastisches Bündel in die Hand. Neben mir befand sich eine schwangere Frau. Ich war total verwirrt. Alles geschah so schnell. Ich hielt das Baby in meinen Armen und wartete, bis sein Brüderchen auf die Welt kam. Das war ein unglaubliches Erlebnis.“

Nach einigen Stunden wiegte Fabio ein anderes Bündel in seinen Armen. Er erzählt seine Erfahrung so voller Emotionen, dass einem so viele Gefühle in den Sinn kommen und gleichzeitig auch ein komischer und undefinierbarer Schmerz im Magen hochkommt.

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Die Organisation während der Landung des Schiffes ist extrem komplex. Es werden alle vor Ort verfügbaren Ressourcen aktiviert, inklusive des Deutschen Roten Kreuzes, der Gemeinde, des Hafenamtes, der Feuerwehr und der Finanzwache. Nicht immer kann alles gemanagt werden. Denn es gibt oft makabre Überraschungen, wie beispielsweise bei der Landung, bei der 150 Leute an Bord erwartet wurden. Das Team hörte aber während der Operationen, wie unter seinen Füßen Menschen von unten auf den Boden schlugen. Zu Beginn verstand man nicht, worum es sich dabei handelte. Die Mitarbeiter des Roten Kreuzes baten ihre Kollegen von der Feuerwehr, das Deck des Bootes mit Schneidbrennern zu öffnen. So befreiten sie 400 Migranten, die von Hunger, Durst und Sauerstoffmangel gezeichnet waren. Sie befanden sich in einem äußerst schmutzigen Stauraum, der jeden Traum mit Füßen tritt und alles, was die Menschheit bis zu dem Zeitpunkt je geschaffen haben, zerstört. Nach einigen Minuten sahen sie den Transport des Leichnams einer schwangeren Frau namens Malli Gullu. Der Journalist Bruno Palermo, der sich bei jeder Landung unter den ersten befindet, die zur Stelle sind, erzählt voller Emotionen diese Geschichte, die ihn seit langer Zeit prägt. Diese Frau ist für die Bewohner von Crotone zum Symbol des Traums und der Freiheit geworden. Diesen Traum erkämpfte sich diese äußerst mutige Mutter, die alle ihre Ängste hinter sich ließ, aber leider am Ende den Tod fand.

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Das Rote Kreuz von Crotone hat es in diesen Jahren möglich gemacht, den Menschen nicht nur zum Zeitpunkt ihrer Ankunft ihre Würde zurückzugeben, sondern auch ihre Persönlichkeit zu schützen und wieder aufzubauen. Die Zentren für Minderjährige und auch die für Erwachsene bieten die Möglichkeit, zu bestimmten Zeiten auszugehen, um dann zum Abendessen ins Zentrum zurückzukehren. Die Minderjährigen, die in diesen Zentren untergebracht sind, erhalten auch schulische Bildung. Es handelt sich um unbegleitete Minderjährige, die somit während der Reise der Hoffnung ganz alleine auf den Booten gelassen wurden. Sie hoffen auf die Rettung vom Krieg und Elend und ein besseres Leben. Die Minderjährigen, die aus verschiedenen Regionen stammen, stellen somit auch eine Herausforderung für das Zusammenleben zwischen verschiedenen Religionen und Sitten und Bräuchen dar. Die Kinder erhalten Telefonkarten. Auf diese Weise wird versucht, sie mit ihren Familien in Verbindung zu bringen. Manchmal läuft aber nicht alles nach Plan. Einige Minderjährige klettern über die Zäune der Zentren und verschwinden ins Nichts. Wie der Rechtsanwalt für den Schutz der Minderjährigen erklärt, setzt ihr Verschwinden in einer Kleinstadt wie Crotone voraus, dass sie auf Fahrzeuge geladen werden, um dann eine weite Reise anzutreten. Um das von den Minderjährigen erklärte Alter zu überprüfen, führt man oft eine Röntgenaufnahme am Handgelenk aus, um ihr biologisches Alter zu bestimmen, da sie ohne Dokumente an Bord der Boote kommen.

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Kalabrien ist eine große Stütze für die Europäische Gemeinschaft. Bisher wurde Crotone immer schon vergessen und vollkommen ausgeblendet. Allein in Crotone wurden 7.000 Flüchtlinge aufgenommen. In Reggio Calabria waren es 12.000 und in Vibo 8.000.

Der Staat hat diese Region vollkommen vergessen. Die Mitarbeiter des Roten Kreuzes erhalten seit April 2015 nicht mal ihren Lohn, aber sie setzen sich weiterhin unermüdlich in ihren Rettungsaktionen ein.

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Die Zentren für Erwachsene erlauben den Gästen, die einen Asylantrag gestellt haben, zwischen 8 und 23 Uhr auszugehen. Sie müssen nur pünktlich zu den drei Mahlzeiten des Tages eintreffen. Sie dürfen den internen Waschsalon nutzen und haben immer ein sauberes Zimmer zur Verfügung, das sie mit anderen Gästen teilen.

Der Kommissar des Italienischen Roten Kreuzes, Dottor Francesco Parisi, vertraut sich mir an: „Italien ist kein rassistisches Land. Wir sind ein gastfreundliches Volk. Die Kultur des Verdachtes der ersten Republik überzeugt aber bis heute den Bürger, der von Brot und Fernsehen lebt, dass es in der Migration immer etwas Kriminelles geben muss. Er leitet somit davon ab, dass die Migration nur ein Geschäft ist.“

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Auf den Friedhöfen finden sich so viele Kreuze. Nicht alle Gräber sind mit Blumen geschmückt. Denn einige Tote wurden vergessen. Niemand kommt vorbei, um sie zu grüßen. Hier über dem Kai liegt eine meditative Stille. Der kalte Wind streichelt diesen November 2015. Seit einigen Tagen sind die Wellen ruhig. In der Nacht spiegelt sich der Mond ruhig im Meer. Alles schweigt in Erwartung anderer Gesichter und andere Blicke voller gestohlener Schönheit und voller Hoffnung und bedingungsloser Liebe. Andere wiederum wissen, dass mitten in der Nacht ein Anruf kommen und sich jemand für die Störung entschuldigen wird.

Übersetzung aus dem Italienischen von Milena Rampoldi

Kategorien: Europa, Fotoreportagen, Menschenrechte, Vielfalt
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