Die Entmenschlichung in unseren Bildern

01.12.2015 - München - Henriette J.

Die Entmenschlichung in unseren Bildern
Entschuldigen die Umstände derartige Bilder? Das Ende der Großrazzia in St. Denis. Süddeutsche Zeitung vom 17.11.2015

Am 17.11.2015 war als Aufmacher der Süddeutsche Zeitung (SZ) ein Photo abgebildet, welches das Ende der Großrazzia im französischen St. Denis zeigt. Darauf abgebildet: Spezialeinsatzkräfte, ein mit Handschellen abgeführter Mann, nach vorne gebeugt, sein blutverschmiertes weißes Hemd und – sein entblößter Hintern. Ist das nicht ein Detail zuviel, liebe SZ?

Der Pressekodex spricht in zwei Ziffern, Ziffer 1 und Ziffer 9, von der Würde und der Ehre des Menschen, die von den Presseorganen in keinem Fall verletzt werden darf. Gewählte Bilder und Worte haben sich an diese hohen Leitsätze des Journalismus zu halten. Es kann zwar nun darüber gestritten werden, ob das obige Photo gegen den Pressekodex verstößt, denn der Kopf des Mannes ist nicht zu sehen – aber denken wir doch mal ein paar Schritte weiter: irgendwann wird diese Person vor ein ordentliches Gericht gestellt werden. Spätestens dann kennt die Weltöffentlichkeit das Gesicht zu diesem entblößten Körperteil.

Die Würde des Menschen, der Stolz unserer jungen Zivilisation, gilt für jeden. Für einen Serienkiller, für einen Amokläufer und erst Recht für einen Verdächtigen. Egal wie der Prozess für diesen Menschen ausgeht, seine Ehre und Würde hat dieser, meines Erachtens, mit diesem Photo schon verloren.

Dieses Photo ist auch deswegen so interessant, weil es eine sehr starke emotionale Wirkung auf den Betrachter entfaltet. Obgleich diese Frage hier erst einmal nicht wirklich reinzupassen scheint: ganz intuitiv und ohne grosses Nachdenken – auf welcher Seite sind Sie? Auf der mit Schnellfeuerwaffen bis an die Zähne bewaffneten, anonymen Polizisten in ihren schusssicheren Kampfanzügen oder auf der Seite des entblößten, in Handschellen abgeführten Mannes, der offensichtlich noch dazu verletzt ist?

Nackt und wehrlos, das kennen wir von uns, das kennen wir von unseren Kindern, von unseren Alten, das kennen wir auch von unseren Empfindungen. Aus diesen Gründen könnte diese Aufnahme die von den Medienagenturen beabsichtige Wirkung sogar verkehren. Statt eines skrupellosen Terroristen, der unsere friedliche Gesellschaft auf dem Gewissen hat, sehen wir einen in eine Grenzsituation geratenen, wehrlosen Mitmenschen, dem wir zur Hilfe eilen aber zumindest wieder seine Hose anziehen wollen. Die Erinnerung daran, dass es in Europa eine Zeit gab, wo der Staat wegen geringerer Verbrechen die Menschen aus ihren Häusern verschleppte, ist nicht lange her und es gibt keine Garantie, dass sich das nicht wiederholt.

Aber wir brauchen gar nicht so weit in der Geschichte zurückgehen. Seit den Bombardierungen des Irak und Afghanistan vor ca. 14 Jahren, haben wir viele solcher Bilder gesehen. Bilder aus den staatlichen Spielplätzen für Sadisten und Psychopathen Guantanamo Bay und Abu Ghraib. Bilder von Gefangenen, gefesselt, gekettet, in orangen Overalls, ihre Sinne abgestumpft, kniend in Stresspositionen auf dem Boden oder stehend auf einer Holzkiste mit einer Elektroschock Installation um den Penis und den restlichen Körper gewickelt, auf ihrem Haupt ein Stück Stoff, um sie zu anonymisieren, um sie zu entmenschlichen. Sie wurden bloßgestellt, ihnen wurden jegliche menschliche Regungen und Eigenschaften und somit die Menschenwürde abgesprochen.

Denn das ist die Botschaft, die diese Bilder transportieren. Sie lautet: seht her, wir, die Guten aus dem Westen, behandeln die Terroristen, die Typen mit dem Wuselbart, die „Sand Nigger“[1], so wie sie es verdienen, wie Masttiere, wie Dreck, wie etwas, das des Lebens nicht würdig ist. Sie sind keine Menschen, keine Individuen, keine Väter und keine Söhne und keine Ehemänner. Wozu also Gefühle? Wozu also Menschenrechte?

Diese Bilder waren ein Plädoyer für die Verrohung der Menschheit und der Moment, in dem unsere westliche Wertegemeinschaft ihre Ehre und Würde verloren hat. Ein Moment, in dem uns die vielen tausend Opfer der westlichen Kriegsverbrechen klar gemacht haben, dass unsere Erklärung zu den Menschenrechten und viele internationale Schutzvorschriften in einem orangen Overall gefesselt, völlig wehrlos der Willkür von Sadisten ausgeliefert sind. Die Verantwortlichen der Bush-Regierung sind bis heute nicht für diese Verbrechen belangt worden.

Ein Teil der Menschheit ist damit leider einverstanden. Vielleicht kann man es ihnen gar nicht übel nehmen, vielleicht sind sie wirklich nur Opfer der medialen Instrumente der Kriegspropaganda. Denn wenn immer nur islamistische Terroristen oder Verdächtige (was viele mit dem Islam in seiner Gesamtheit verwechseln) beschuldigt, bloßgestellt und entwürdigt werden, wieso sollte das nicht in den Köpfen der Durchschnittsmedienkonsumenten passieren? Die Ergebnisse können wir seit den Kriegseinsätzen im Nahen und Mittleren Osten sehr gut beobachten: ungestrafte Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Geiselhaft einer ganzen Religionsgemeinschaft, zunehmender Islamhass, Rassismus, ein brauner Mob, der bereits selbst zur Tat schreitet und eine Polarisierung unserer Gesellschaften wie sie viele für nicht mehr möglich gehalten haben.

Falls Sie bei der vorigen Frage übrigens auf der Seite der Spezialeinsatzkräfte waren, sollten Sie sich Gedanken machen, ob diese Einstellung nicht vielleicht schon ein Schritt in Richtung Verrohung und somit Teil des Problems ist. „Nach dem gleichen Maß, mit dem wir die Angeklagten messen, werden wir morgen von der Geschichte gemessen werden“, sagte der Chefankläger der Nürnberger Prozesse, Robert Jackson, und meinte damit das verhältnismäßig „richtige“ Strafmaß für Kriegsverbrecher des Nationalsozialismus zu exekutieren. Die selbe Logik lässt sich auf den Umgang mit unseren Gefangenen und Verdächtigen anwenden. Man wird uns morgen daran messen, wie wir heute unsere „Feinde“ behandeln und ob unsere erklärten, zivilisatorischen Ziele in Kriegszeiten nicht zu einem reinen Lippenbekenntnis verkommen.


[1] Zitiert nach Dr. Daniele Ganser, www.siper.ch. Der Begriff „Sand Nigger“ (Sand-Neger), wird von US Soldaten gegenüber Kämpfern in Afghanistan, Irak etc. aber auch Zivilisten benutzt.

Kategorien: International, Kultur und Medien, Meinungen, Menschenrechte
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