Dem Spiegel Magazin den Spiegel vorgehalten

16.10.2015 - München - Henriette J.

Dem Spiegel Magazin den Spiegel vorgehalten

Kommentar zur Kolumne „Der dunkle Deutsche“ von Jakob Augstein, erschienen am 12.10.2015 auf Spiegel online

„Ich weiss gar nicht was der Spiegel hat..“, geht es mir durch den Kopf, wenn ich die derzeitigen online Kolumnen von Deutschlands führendem Nachrichtenmagazin lese. Da wundern sich einige Kolumnisten, Jakob Augstein an ihrer Spitze, dass sich „die Islamverachtung der Gebildeten [längst] mit dem Rassismus der Unterschicht vereint [hat]“.

Man möchte fast sagen, endlich! Endlich hast du es geschafft, lieber Spiegel! Deine giftige Saat entfaltet ihre verdorbenen Früchte nun in den Köpfen deiner treuen Leserschaft. Denn das Nachrichtenmagazin, dass jede Woche mit einer Auflage von durchschnittlich einer Million verkauften Exemplaren genau jene gebildete Schicht mit Informationen und Kommentaren versorgt, von der es jetzt besorgt eine nicht mehr klein zu redende Islamfeindlichkeit registriert, diente über Jahre hinaus als ihr Bezugsquell, Stimmungsmacher und Meinungsgeber! Da war es dann auch nur noch eine Frage der Zeit, bis die erste türkische SPD Generalsekretärin in Deutschland die tendenziöse Islamberichterstattung des Magazins als „geistige Brandstiftung“ bezeichnete.[1]

Auch wenn die Inhalte im Magazin um Differenzierung und Wahrheit bemüht sein mögen, so zeugen die Titelblätter nicht selten von einem islamischen Bedrohungsszenario: apokalyptisch, düster, befremdlich und manchmal einfach nur populistisch und lächerlich. In der Konsequenz wird der Qualitätsjournalismus, der sich im Innern des Magazins tatsächlich an manchen Stellen zu diesem Thema findet, nebensächlich. Das Cover allein genügt um ein einseitiges Verständnis vom Islam zu prägen, den man quasi im Vorbeigehen aufgesetzt bekommt.

Hier eine kleine Auswahl kontroverser Titelbilder:

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Abbildung 1: Spiegel Special aus dem Jahre 1998

Im Spiegel Special aus dem Jahre 1998 wird eine verschleierte Frau mit einem Krummsäbel als Augenbraue präsentiert (ein Emblem der Saudi-Arabischen Nationalflagge).

Wozu diese kriegerisch anmutende Installation? Warum immer die geheimnisvolle, tendenziell stets verdächtige Burka-Frau? Und warum „Rätsel“ Islam? Der Islam ist eine Religion, kein Rätsel. Das Wort Rätsel impliziert etwas, was kein vernünftiger Mensch versteht oder bis dato verstanden hat. Und als ob der Islam kometengleich über Nacht auf das Abendland gefallen und nicht etwa in den letzten 1.400 Jahren durch wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Austausch eng mit dem Okzident verflochten wäre. Nein, es ist plötzlich da, wir müssen uns mit ihm auseinandersetzen, können es aber nicht. Es bleibt – ein Rätsel.

Das im Magazin enthaltene Lexikon des Islam „von A bis Z“ schafft es zudem, unter dem Buchstaben A ohne das Wort „Allah“ und unter M ohne das Wort „Mohammed“ auszukommen. Versuchen Sie mal das Münchner Oktoberfest ohne die Worte „Maß“ und „Brezn“ zu erklären.

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Abbildung 2 Allahs rechtlose Töchter – Muslimische Frauen in Deutschland

Dass Allahs rechtlose Töchter in Deutschland die mit allen (göttlichen) Rechten ausgestatteten Söhne in den Schulen und Karrieren schon längst überholen, hat der Spiegel diesem Cover nach, anscheinend verschlafen.

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Abbildung 3 Der heilige Hass- Zwölf Mohammed Karikaturen erschüttern die Welt

Alle für die Beschreibung des Islam notwendigen Codes in Schrift (arabisch) und Symbolik (Farbe Grün, Koran) finden sich hier in liebevoller Eintracht wieder. Den Konflikt, den die etwas grobmotorischen Karikaturisten aus Dänemark bei ideologisch verblendeten Hardlinern in rückständischen arabischen Gegenden (unter Anfeuerung durch die jeweiligen Stammesführer) provoziert haben, kann, mit der richtigen Übersetzungshilfe, schnell in einen „heiligen Hass“ umgeleitet werden. Vielleicht eine Anlehnung an den „Heiligen Krieg“? Einer Wortschöpfung aus der Zeit der christlichen Kreuzzüge? Egal, darum geht es hier nicht. Der heilige Hass entspringt dem heiligen Koran. Punkt. Dass auch aufgeklärte, säkulare und moderne Moslems sowie Nichtmuslime über dieses Thema debattiert haben, diesen Eindruck kann dieses Titelbild leider nicht erwecken.

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Abbildung 4: Diverse Cover. Düster, blutig und Angst einflößend.

Alles was so präsentiert wird wie auf dem ersten Cover von links – ein Kochrezept von Jamie Oliver, die Gebrauchsanweisung für den Nassrasierer oder eben der Koran – würde mir Angst machen. Das Cover daneben macht es leider auch nicht besser.

Und dass Udo Ulfkotte, der nicht gerade als großer Islam-Freund glänzt, den Titel für sein aktuell in den Bestsellerlisten ganz oben rangierendes Buch „Mekka Deutschland – die stille Islamisierung“ vom Spiegel Cover aus dem Jahre 2007 abgeschaut hat, sollte mal jemand dem Spiegel zwitschern. Vielleicht lässt sich dadurch die Redaktionskasse schnell füllen.

Dieses letzte Titelbild verdient aber noch weitere Beachtung: und zwar für die Furore, die es in Fachkreisen von Sozial- und Sprachwissenschaftlern sowie der bundesdeutschen Presse ausgelöst hat. Die Tageszeitung sprach die Problematik der „festen Spiegel-Rezeptur“ direkt an und demontierte die Seriosität dieses Aufmachers: „Auf dem Spiegel-Titel sind Halbmond und Stern über dem Brandenburger Tor aufgezogen. Die Republik schläft – nur die Spiegel-Redaktion wacht und eilt zur Alarmglocke, um die schlafmützigen Liberalen aufzuwecken, ehe die Muslime vollends die Macht im Staate ergreifen.“[2]

Ferner hat es die Universität Hagen für erforderlich gehalten, ein knapp neun seitiges Diskussionspapier zu diesem Titelblatt, im Hintergrund anschwellender rassistischer und islamfeindlicher Einstellungen innerhalb der deutschen Medienlandschaft, herauszugeben. Im Ergebnis weist der Autor des kritischen Aufsatzes mit dem Titel „Mekka Deutschland – Islamophobie als Effekt der Spiegel-Berichterstattung – eine Diskursfragmentanalyse“ dem Spiegel durch seine „eindimensionale Berichterstattung“ eine Mitschuld an der zunehmenden Fremden- und Islamfeindlichkeit in Deutschland zu und warnt vor deren Folgen: […] die Form der Berichterstattung [kann] Ängste und Feindbilder schüren und damit menschenverachtende Haltungen und gewalttätige Handlungen provozieren.“ [3]

Kritik von Islamverbänden, Kommunikations- und Medienwissenschaftlern und aus den Reihen der Leserschaft hat den Spiegel in seinem unermüdlichen Kampf um Aufklärung noch nie gestört. In regelmäßigen Abständen wird wohl also auch noch in Zukunft ein Islam abgebildet werden, der mit den Lebensrealitäten der 1,2 Milliarden Muslime auf diesem Planeten eher weniger bis nichts zu tun hat. Eine Trennung vom politischem und somit oftmals konfliktbeladenem Islam und der tagtäglich mal strengeren, mal laxeren Glaubenspraktizierung der Muslime, existiert in der wundersamen Welt der Spiegel Titelblätter bis heute nicht. Umso erfrischender die Ideen zu alternativen Titelbildern von derjenigen Bevölkerungsgruppe um die es hier geht:

SpieelDE

Abbildung 5: Hell statt düster, Recht statt rechtlos. Schöne Alternativen zu negativen Titelbildern Abrufbar unter http://www.islamfeindlichkeit.de/initiativen/

Bleibt das Fazit: wenn Herr Jakob Augstein in seiner Kolumne schreibt, dass die Islamophobie das Gerücht über die Muslime sei, dann ist Selbstreflexion das Gerücht über den Spiegel.

Jakob Augstein, “Der dunkle Deutsche“, 12. Oktober 2015

Weiterführende Literatur (Empfehlung):

  • Carola Richter, Dr. Kai Hafez: „Das Islambild von ARD und ZDF“, 2007
  • Dr. Sabine Schiffer: „Islam in den Medien“, 2004


[1] Die SPD Generalsekretärin Yasmin Fahimi über den Spiegel in der Zeitung Die Welt: „Die Journalisten dort betätigen sich als geistige Brandstifter“.

[2] Vgl. Dr. Martin Spetsman-Kunkel: „Mekka Deutschland – Islamophobie als Effekt der Spiegel-Berichterstattung – Eine Diskursfragmentanalyse“, Fernuniversität Hagen, Juli 2007, S. 1

[3] Vgl. Dr. Martin Spetsman-Kunkel: „Mekka Deutschland – Islamophobie als Effekt der Spiegel-Berichterstattung – Eine Diskursfragmentanalyse“, Fernuniversität Hagen, Juli 2007, S. 8

Kategorien: Europa, Kultur und Medien, Meinungen
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