„High-value targeting“ – eine Strategie, die schon einmal grandios daneben ging

14.06.2015 - Henriette J.

„High-value targeting“ – eine Strategie, die schon einmal grandios daneben ging
MQ-9A „Reaper“ der U.S. Air Force (Bild von Wikipedia)

Die Zeitung für internationale Politik „Le Monde Diplomatique“ befasst sich in ihrer Ausgabe vom Juni 2015 im Artikel mit dem Titel „Gezieltes Töten“ näher mit der US Strategie des „High-value targeting“, also dem gezielten Töten von Führungspersönlichkeiten. Diese Jagd und meistens anschließende Ermordung von mutmaßlichen Terrorbossen im Nahen und Mittleren Osten werde oft gerechtfertigt mit der „Operation Phoenix“, die im Vietnamkrieg bis zu 20.000 Kader der Front zur Befreiung Südvietnams ausgelöscht habe.

Für dieses „Mordprogramm“, so der Autor des Artikels Andrew Cockburn, gebe es allerdings „eine jüngere und viel näher liegende Inspirationsquelle, von der nicht so oft die Rede“ sei, die so genannte „Kingpin Strategy“. Diese Strategie wurde auch von einem ausgewiesenen Sicherheitsexperte des Weissen Hausses vor wenigen Jahren bestätigt, wonach sie ihre Nützlichkeit schon mal im Antidrogenkrieg der 90ger Jahre bewiesen habe und deshalb auch im Anti-Terrorkampf das Mittel der Wahl sei. Hierzu Cockburn: „Genau dieselbe Strategie, die schon damals grandios gescheitert war, da am Ende genau das Gegenteil des angestrebten Ziels erreicht wurde, fand anschließend im Antiterrorkrieg erneut Anwendung – mit exakt demselben Ergebnis.“

Die Kingpin-Strategie stamme ursprünglich aus dem Bereich der Drogenbekämpfung. In den frühen 90ger Jahren war die US Drogenbehörde DEA sowas wie die „arme kleine Schwester“ der anderen Exekutivbehörden wie FBI und CIA. Als der ältere Georg Bush dann den internationalen Drogenhandel stärker ins Visier nahm rückte auch die DEA stärker in den Fokus der Budgetverteilung und öffentlichen Wahrnehmung. Mittlerweile konnte man „dem Feind jetzt auch ein Gesicht“ geben, die kolumbianischen, brutalen und effizienten Drogenkartelle wurden in den USA medial breit erörtert.

Während unter Nixon die Idee heranreifte, Drogenhändler – auch mit Hilfe von Exilkubanern, zu ermorden, ging der ehemalige Staatsanwalt und Bundesrichter Robert C. Bonner „systematischer“ an die Sache ran, wonach nur die Spitzen, also die Drahtzieher und Führer der Drogenkartelle, getötet oder gefangen genommen werden sollten. Ein Konzept das darauf beruhte, dass „man es mit einer hierarchisch strukturierten Bedrohung zu tun habe“. Sobald diese Knotenpunkte zerstört seien, würde alles zusammenbrechen – so die wundersame Vorstellung der Experten.

Im Laufe der Operationen wurde die zuvor quasi kaum vorhandene Zusammenarbeit mit den anderen Bundesbehörden wie CIA, FBI und NSA gestärkt und die jeweiligen Organe begannen ihre Kompetenzen zu bündeln. So konnte zum Beispiel das CIA bei ihren US Operationen auf die rechtlichen Befugnisse der DEA zurückgreifen und die DEA konnte sich der Lauschangriffe der NSA bedienen.

Da der Kalte Krieg vorbei war, Saddam Hussein besiegt und sonst keine Bedrohung von irgendeinem Land für die USA ausging, war es „kein Wunder, dass das Pentagon und die Geheimdienste akute Ausgabenkürzungen fürchteten. In dieser Situation beschlossen Sie, die ganze Palette an Lausch- und Überwachungstechniken, die sie ursprünglich für den Kampf gegen das sowjetische Lager entwickelt hatten, gegen eine einzige Zielperson einzusetzen.“ Diese Zielperson war Pablo Escobar, der Kopf des kolumbianischen Medellín-Kartells. Die Jagd auf Escobar wurde mit massiven militärischen Mitteln durchgeführt, wobei allerdings weder die Blackbird Aufklärungsflugzeuge noch die US Spionageflugzeuge oder die Helikopter-Drohnen eine Hilfe waren. Die entscheidende Rolle zur Tötung Escobars habe eher sein Rivale, das Cali-Kartell, gespielt. Eine US Spezialeinheit tötete Escobar im Dezember 1993. Danach wurde alle Energie in die Jagd des Cali-Kartells gesteckt und zwei Jahre später sechs von sieben Spitzen festgenommen. Im Laufe weitere Jahre führte die Menschenjagd der USA dazu, dass „immer wieder Drogenbosse im Gefängniss oder im Sarg landeten“. Die Kingpin Strategy wurde der Öffentlichkeit als Erfolg verkauft. Sie war jedoch genau das Gegenteil.

„Der Beweis für das Scheitern sind die Kokainpreise, die beim Straßenverkauf erzielt wurden“, so Cockburn. Die DEA setzte zwar verdeckte Ermittler ein, die alles penibel notierten, nur nicht den Reinheitsgehalt des Kokains, weswegen die Statistiken keine Auskunft darüber lieferten ob ein bestimmtes Ereignis Auswirkungen auf den Kokainhandel hatte. Das änderte sich als ein „Zahlenfanatiker“ am Institute for Defense Analysis (IDA), Rex Rivolo, die Zahlen der DEA genauer betrachtete. Er entwickelte eine Methode, die die Schwankungen im Reinheitsgrad der von den verdeckten Agenten gekauften Proben rausrechnen konnte. Das Ergebnis war, dass „die Jagd auf die Drogen-‚Kingpins’ […] sehr wohl Einfluss auf das Angebot und damit den Preis ihrer Ware“ hatte. Die DEA beweihräucherte sich mit einem angeblich Erfolg dieser Kingpin-Strategie, doch stattdessen wurde „die Versorgung der Straße und der Nasen mit Kokain […] nicht etwa gebremst, sondern vielmehr beschleunigt. In Wirklichkeit hatte die Ausschaltung der Kingpins das Angebot erhöht.“

Denn wenn der Plan tatsächlich aufgegangen wäre, hätte die Zerschlagung der größten Drogenkartelle in Kolumbien das Kokainangebot mangels Nachschub reduzieren müssen. Doch neue Lieferanten sorgten für eine Überflutung des US-Drogenmarktes und für niedrigere Kokainpreise. In der Volkswirtschaft gibt es hierfür den Begriff der „monopolistischen Konkurrenz“. Diese besagt, dass „sich ein bestimmter Preis bildet, wenn zwei Produzenten als Anbieter auftreten. Verdoppelt sich die Zahl der Produzenten, halbiert sich der Preis, weil sich die Anbieter den Markt teilen.“ Statt die wenigen Monopole zu zerschlagen und für viele kleinere Anbieter zu sorgen, hätte man ein großes Kartell kontrollieren sollen, zog Rivolo das Fazit aus diesen Operationen.

Von nun an teilten sich kleinere und noch brutalere Händlergruppen das Geschäft unter sich auf, „dank enger Beziehungen zur pseudomarxistischen Farc-Guerilla oder zu den faschistischen Paramilitärs, den mit der kolumbianischen Regierung verbündeten Antiguerilla-Einheiten, die insgesamt von den USA unterstützt wurden“.

Viele von Rivolos Forschungsergebnissen zu diesem Thema seien bis heute geheim, so Cockburn, was auch nicht überraschen könne, da diese Erkenntnisse nicht nur die offizielle Begründung für die Kingpin-Strategie in den Drogenkriegen der 90ger Jahre begraben würden, sondern auch ein „Schlag gegen die Doktrin des ‚high-value targeting’“ der Obama Regierung wären.

Rex Rivolo wurde 2007 einer US Geheimdiensteinheit im Irak zugeordnet, wo er die Tötungen von „high-value individuals“ (HVI) analysieren konnte. Wenig überraschend war, dass die Tötung von 200 HVIs, im Sommer/Herbst 2007, nicht zum gewünschten Effekt führte. Weder die Angriffe der Rebellen noch die Tötung von US Soldaten seien dadurch gemindert worden: „Im Gegenteil: Auf jeden Tötungsakt der USA folgte sofort ein blutiges Chaos. Innerhalb von 30 Tagen nahmen die Angriffe der Aufständischen in einem 3-Kilometer-Radius um die Operationsbasis […] um 40 Prozent zu.“ Auch wenn es der „militärischen Intuition“ zuwiderliefe, erklärt Cockburn, sei es „ziemlich einleuchtend“. Denn die getöteten Aufstandsführer würden sofort ersetzt werden, und die Nachfolger wären fast immer jünger und aggressiver. Beide Strategien hätten versagt, die Kingpin Strategie gegen die Drogenkartelle und die HVI Strategie im Nahen und Mittleren Osten: „Statt ihre erklärten Ziele zu erreichen bewirkte sie lediglich, dass terroristische Gruppen immer mehr neue Leute rekrutieren und im Schatten der Drohnen bestens gedeihen konnten.“

Die jüngste Operation, die Ausschaltung von Abu Bakr al-Baghdadi, so Cockburn, hätte die militärischen Operationen des IS offensichtlich nicht beeinträchtigt. Für eine „ganze Meute von Interessenten“, erweise sich die HVI Strategie dennoch „tagtäglich als unendlich wertvoll“. Von den Drohnenherstellern (wie Boeing und Lookheed) bis hin zur Antiterrorabteilung der CIA, die „bei der Abwehr der Anschläge vom 11. September 2001 so jämmerlich versagt hat – und die nun als Antwort darauf die Durchführung von Mordanschlägen wieder mal als neuen Daseinszweck entdeckt.“

Quelle: Artikel „Gezieltes Töten“ erschienen in der „Le Monde Diplomatique“, deutsche Ausgabe Juni 2015, 06/21. Jahrgang, Autor Andrew Cockburn

Kategorien: International, Nordamerika, Politik
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