Salaam-Schalom Initiative: friedliches Zusammenleben in Berlin-Neukölln und darüber hinaus

18.03.2015 - Milena Rampoldi

Salaam-Schalom Initiative: friedliches Zusammenleben in Berlin-Neukölln und darüber hinaus

Salaam-Schalom ist eine interkulturelle Initiative, die im Dezember 2013 von Neuköllnern gegründet wurde – seitdem sind viele neue Mitglieder aus der ganzen Stadt hinzugekommen. Sie steht für ein friedliches Zusammenleben und Solidarität in Neukölln, Berlin und darüber hinaus, und fördert das mit unterschiedlichen Aktionen und Projekten, die auf gesellschaftliche und juristische Ausgrenzungen in der Gesellschaft aufmerksam machen.

Salaam-Schalom wurde von Neuköllnern, Muslimen, Juden und anderen errichtet als Reaktion auf die öffentliche Statements von einem Rabbiner, die Neukölln als „No-go-Area“ für Juden bezeichnet haben, wegen der hohen Anzahl von Muslimen. Stigmatisierungen, die zu Misstrauen und Spannungen führen möchte SaSha auflösen. Berlin und Neukölln sind eine No-Go-Area für Rassismus und Xenophobie. Sie ist gesellschaftspolitisch engagiert, aber parteiunabhängig.

Dr. Milena Rampoldi von ProMosaik e.V. interviewt Iddo Bet-Hallahmi von der Initiative Salaam-Schalom:

Wie können Juden und Muslime gemeinsam in Deutschland der Diskriminierung religiöser Minderheiten entgegenwirken?

Die erste Frage und schon eine sehr wichtige. Gemeinsam weiß ich nicht, wie diese zwei Gruppen dagegen kooperieren sollten, aber lassen Sie mich mal vorab einen kleinen, aber prinzipiellen Schritt vorschlagen. Ein gemeinsames Ziel, das man sich mit Sicherheit setzen kann, besteht in der Erweiterung dieser Erkenntnis, dass jede Diskriminierung, die sich gegen eine bestimmte Gruppe richtet, in der Zukunft auch gegen die andere gerichtet werden könnte. Ich finde es auch künstlich, die Frage nur auf die Diskriminierung religiöser Minderheiten zu beschränken. Meiner Meinung nach soll diese Verantwortlichkeit weiter ausgedehnt werden. Wenn jemand aus den genannten Gruppen die Diskriminierung der LGBT erträgt, so rechtfertigt er auch seine eigene.

Wie kann man im interreligiösen Dialog die Gemeinsamkeiten betonen, um das Zusammenleben der Religionen zu fördern?

Bei einem interreligiösen Dialog werden normalerweise die Gemeinsamkeiten allen sehr deutlich, und das gilt auch für den interreligiösen Dialog mit den Christen. Das kann man sich auch leicht vorstellen, da diese drei Religionen alle zu einem Stamm gehören und dieselbe monotheistische Wurzel aufweisen. Daraus folgen für mich zwei weitere Fragen. Die erste lautet: wie kommt man dazu, dass ein solcher Dialog überhaupt existiert? Für mich ist es schwer, diese Frage zu beantworten, da es wahrscheinlich um einen Zusammenhang mehrerer Elemente geht. Eines sind kleine interreligiöse Veranstaltungen in der Gemeinschaft, so wie sie, die „Salaam Schalom“ Initiative ab und zu organisiert. Aber die Medien, die eigentlich dazu aufgerufen wären, einen positiven Beitrag zu leisten, entscheiden sich regelmäßig dafür, ein einseitiges Bild jeder Gruppe zu zeigen und entfremden somit die jeweilige Gruppe. Dann kommt die zweite Frage: was machen wir mit den Unterschieden? Denn Zusammenleben muss man letztendlich auch mit dem Unterschiedlichen.

Viele Rabbiner äußern sich zu den großen Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und Islam. Welche Gemeinsamkeiten zwischen den beiden monotheistischen Religionen sehen Sie?

Da wird die Frage schon etwas problematisch. Wenn man den Islam mit dem Judentum vergleichen möchte, muss man sich zunächst fragen „Was ist Islam?“ sowie „Was ist Judentum?“. Es gibt natürlich viele begriffliche und konzeptuelle Gemeinsamkeiten, die ich sofort nennen kann und die wahrscheinlich auch richtig sein können, zum Beispiel der Glaube an einen einzigen, unfassbaren und transzendentalen Gott, der die Welt im Ganzen schuf. Die arabische und hebräische Sprache sind verwandt. Es gibt auch ähnlich klingende religiöse Begriffe. Ich sehe doch keinen Sinn darin, dass man diese Gemeinsamkeiten aufzählt. Das ist offensichtlich sehr schön zu beobachten, aber mehr ist das nicht. Denn es gab schon immer und es gibt immer noch ungeheuerlich blutige Kämpfe zwischen Gruppen, die einem externen Beobachter fast ähnlich aussehen, und zwar auch innerhalb einer selben Religion. Auch die Christen würden das Christentum nicht als eine Wesenseinheit ansehen. Genau diesbezüglich spricht man in der jüdischen Tradition von den „siebzig Gesichtern der Tora“.

Welche Strategien finden sich, um den Menschen den Unterschied zwischen Judentum und Zionismus zu erklären?

Herr Iddo Bet-Hallahmi: Das Judentum ist eine Religion, die in ihrer heutigen Form schon seit fast 2000 Jahren existiert. Den Zionismus gibt es hingegen seit knapp mehr als einem Jahrhundert. Es stimmt schon, dass die jüdische Tradition und Geschichte mit dem Land Israel verbunden sind, aber zur Zeit der Tempelzerstörung hatten die Juden eine urwichtige Entscheidung getroffen, und zwar die, sich aus der ortsabhängigen Praktik zu scheiden. Das ist auch der Hauptgrund, wofür das Judentum immer noch existiert, und zwar unabhängig davon, ob es ein Tempel gibt oder nicht und ob man im Land Israel lebt oder nicht. Und denjenigen, die diesen Unterschied nicht erfassen, hilft keine mir bekannte Strategie. Wir stehen vor der Herausforderung zweier Aspekte, die diese Verwirrung nur noch intensivieren möchten: einerseits der Antisemitismus, der die Juden als eine gefährlich bis tödliche Weltmacht ansieht. Und nun, wo die Juden einen Staat haben, möchten die Antisemiten, dass Juden und Staat EINES werden. Und auf diese Weise sieht es so aus, als hätten die Antisemiten ihren Beweis, immer schon im Recht gewesen zu sein. Aber ein Staat ist letztendlich nichts anderes als ein Machtapparat per Definition. Das zweite Problem ist die zionistische Bewegung an sich. Seit der Gründung des Staates hat sich ihr Ziel verändert: anstatt ein nationales Heim für das jüdische Volk im Lande Israel zu sein, strebt sie nur mehr an, den Staat zu unterstützen. Der Zionismus ist daran interessiert, so viele Juden wie möglich an diese Ideologie zu binden. Der Zionismus wird als eine EINHEIT, als ein WESEN genutzt: so behauptet z.B. Netanjahu, er würde als der Beschützer aller Juden sprechen. Und dann ist es egal, ob er eine Seite des Zionismus repräsentiert oder eine andere. Erst nachdem man die Gründe dieser Verwirrung verstanden hat, kann man sich auf die Suche nach Lösungsstrategien machen.

Wie können sich beide Religionen gemeinsam von der Gewalt distanzieren und für den Frieden im Nahen Osten arbeiten?

Der Konflikt im Nahen Osten ist gar kein religiöser Konflikt, sondern ein nationaler mit religiösen Elementen. Und die Religionen haben deswegen keine Macht, um ihn zu lösen. Nicht unter dem Mantel der Religion. Des Weiteren muss sich nicht die Religion von der Gewalt distanzieren. Die Menschen müssen dies tun. Juden und Muslime haben Jahrhunderte lang zusammengelebt, und in der Regel auch in Frieden. Die goldene Zeit des Judentums war die unter der islamischen Herrschaft. Und keine der beiden Religionen sieht die Gewalt als Pflicht oder als Ehre an.

Welche Strategien eignen sich am besten, um in Deutschland zu zeigen, dass Judentum und Islam zu Deutschland gehören?  

Ich entschuldige mich dafür, dass ich so pedantisch bin, aber als Jude, der in Deutschland lebt, besteht mein Ziel nicht darin, irgendjemanden davon zu überzeugen, dass das Judentum zu Deutschland gehört. Ich meine auch, dass es nicht dazu gehört. Aber das Judentum existiert in Deutschland, und das ist eine Tatsache. Die Juden, die hier leben, tun dies weder um die deutsche Gesellschaft noch die deutsche Kultur zu bereichern. Dieses Land ist der jüdischen Religion egal. Damit möchte ich sagen, dass das Judentum nicht dazugehört. Die einzige Entscheidung, die man in diesem Rahmen treffen kann, besteht darin, sich zu fragen, ob man selbst als Person zu Deutschland gehört oder nicht, und dies geschieht unabhängig von der Religion. Und womit hängt das Zugehörigkeitsgefühlt eines Menschen zu Deutschland zusammen? Es hängt von der allgemeinen gesellschaftlichen Atmosphäre ab, vom subjektiven Gefühl, das diese Zugehörigkeit definiert. Und wir arbeiten daran, um dieses Zugehörigkeitsgefühl zu stärken.

Kategorien: Europa, Frieden und Abrüstung, Interviews, Vielfalt
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