Was der Sparkurs mit der griechischen Gesundheitsversorgung gemacht hat

31.01.2015 - Pressenza London

Dieser Artikel ist auch auf Englisch verfügbar.

Übersetzung aus dem Englischen: Johanna Heuveling

Diese Woche haben die größten Krankenhäuser in Großbritannien sich geweigert, den Haushalt dieses Jahres zu unterzeichnen, den die Regierung ihnen vorlegte, aus dem Grunde, weil die drakonischen Kürzungen effektiv das Leben der Patienten in Gefahr bringen. Nichts ist daher passender als dieses warnende Beispiel aus Griechenland über die Konsequenzen eines blinden Verlangens zu sparen.

von LOUISE IRVINE 26. Januar 2015,  für Open Democracy, Our NHS
Die schockierende, durch den Sparkurs aufgezwungene Zerstörung des einst stolzen griechischen Gesundheitssystems ist ein Hauptgrund, warum die Griechen sich Syriza zugewandt haben, sagt die Londoner Allgemeinmedizinerin Louise Irvine in einem Augenzeugenbericht.

Im Oktober besuchte ich Griechenland, um die Auswirkungen des Sparkurses auf die griechische Bevölkerung und insbesondere auf die Gesundheit und Gesundheitsversorgung zu untersuchen.

Ich besuchte zusammen mit Gesundheitsbeschäftigten und der griechischen Solidaritätskampagne Krankenhäuser, Freiwillige, Politiker und kommunale Regierungsrepräsentanten.

Was ich sah, empörte mich – und brachte mich zum Weinen.

In Griechenlands größtem Krankenhaus, dem Evangelismos Krankenhaus in Athen, waren die Bedingungen schlimmer als ich sie von Entwicklungsländern kannte.

In dem Augenblick, wenn sich an sogenannten „Notfalltagen“ die Krankenhaustüren öffnen, strömen die Menschen herein. Der Zusammenbruch der offiziellen primären und kommunalen Gesundheitsversorgung bedeutet, dass jeder, der eine Behandlung braucht, zu der Notfallaufnahme kommt – ob nun wegen eines Unfalles, der Behandlung einer chronischen Erkrankung oder um sein Kind impfen zu lassen. Das Personal erzählte mir, dass Menschen mit schweren Verletzungen wegen Unterbesetzung oft Stunden auf Röntgenaufnahmen und Behandlung warten müssten, und dass, wenn zu viele Fälle gleichzeitig reinkämen, Menschen stürben, bevor sie behandelt werden können.

Die Sparkonditionen, die Griechenland von der Troika (Europäische Komission, Europäische Zentralbank und IWF) aufgezwungen worden waren als Preis für das Schuldenrettungspaket, haben zum Schliessen vieler Krankenhäuser (inklusive drei psychiatrische Kliniken) und primärer Gesundheitsversorgungseinrichtungen geführt. Die, die übrig geblieben sind, wurden mit drastischen Personalreduzierungen konfrontiert. Tausende von Gesundheitsarbeitern wurden entlassen.

30% der Griechen leben in Armut, mit keinem Zugang zu bezahlbarer Gesundheitsversorgung. Die Gesundheitsversorgung wird finanziert durch Versicherungen, die der Arbeitgeber zahlt, und sobald die Menschen ihre Jobs verlieren, verlieren sie auch ihre Krankenversicherung. Die Regierung behauptete, sie habe für die Bedürftigsten die Gesundheitsversorgung wieder gewährleistet, aber Ärzte und Pflegepersonal sagten mir, das sei Augenwischerei. Die versprochenen Stellen, die die Ansprüche derer, die sich keine Versorgung leisten können, bewerten und testen sollen, müssen noch aufgebaut werden.

Im Evangelismos sah ich 50 psychiatrische Patienten, die in einem 25 Bettensaal zusammengepfercht waren, sich zwei Toiletten teilten und nur eine psychiatrische Krankenschwester. Patienten aller Altersklassen und beider Geschlechter lagen apathisch auf Krankenhausliegen auf beiden Seiten entlang des langen Ganges. Ich bog ab und sah einen anderen Korridor, ähnlich aufgereiht. Diese engen, ungemütlichen Betten, zusammengeschoben, waren all der persönliche Raum, den die Patienten hatten. Pfleger und Ärzte sagten mir, es sei unmöglich, irgendeine therapeutische Arbeit zu leisten.

Trotz der Überfüllung war die Abteilung schaurig leise. Ich hatte den Eindruck, dass die meisten Patienten sediert waren oder vielleicht einfach aus Verzweiflung aufgegeben hatten.

„Sparkurs“ und Kürzungen haben zu einer gewaltigen Zunahme an Depressionen geführt. Suizide sind um 45 % angestiegen. Die Patienten im Evangelismos sind noch die glücklichen – viele andere, die Betten bräuchten, wurden auf den Strassen zurückgelassen, ohne kommunale Hilfe.

Als wir gingen, bat mich ein Arzt, in Großbritannien zu erzählen, was ich gesehen und gehört habe. Er sagte, was sie wollten, sei “Solidarität, nicht Wohltätigkeit”.

Die Menschen organisieren sich, um sich gegen die schlimmsten Auswirkungen des Sparkurses auf ihre Gemeinden zu wehren und Widerstand zu leisten. Ein Ausdruck davon ist das Aufblühen von Gemeinde-basierten Solidaritätsstrukturen, um Menschen zu helfen, denen Nahrung und Gesundheitsversorgung fehlen.

Soziale Solidaritätskliniken sind überall in Griechenland entstanden, geführt von Freiwilligen, die versuchen für diejenigen, die keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung haben, eine Grundversorgung zu gewährleisten. Ärzte, Pflegepersonal und Pharmazeuten leisten freiwilligen Dienst in diesen Kliniken, aber nicht annähernd genug, um den Bedarf zu decken.

Ich besuchte eine solche Solidaritätsklinik in Peristeri, einem Bezirk in Athen mit einer Bevölkerung von über 400 000 Menschen. Die freiwillige Mannschaft, Ärzte und Pfleger, die dort arbeiteten, sagten mir, dass die meisten lokalen staatlich finanzierten Gesundheitseinrichtungen geschlossen worden seien. Die Regierung habe fast alle Polykliniken geschlossen, dann kürzlich einige wieder eröffnet, aber nur mit 30 % der benötigten Ärzteschaft. Da wo vorher 150 Ärzte die Versorgung eines Bezirkes übernahmen, sind nun nur noch 50 tätig. Die Polyklinik für eine Bevölkerung von 400 000 Menschen habe keinen Gynäkologen, keinen Dermatologen und nur zwei Kardiologen.

“Wir wollen unsere Ärzte zurück” – sagte einer der Freiwilligen, mit denen ich sprach. Tausende Ärzte haben das Land verlassen. Diejenigen, die bleiben – einschließlich leitender Krankenhausärzte – verdienen 12 000 Euro im Jahr.

Die Solidaritätsklinik in Peristeri besteht seit 1,5 Jahren und hat 60 Volontäre, einschließlich ungefähr 25 Ärzte, die ihre Dienste umsonst anbieten. Es gibt ein einfaches Untersuchungszimmer und eine kleine Apotheke mit gespendeten Medikamenten.

Klinikvolontäre erzählten, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs, besondere Probleme haben, die Behandlung zu bekommen, die sie bräuchten. Unversicherte Krebspatienten können sich keine Chemotherapie leisten. Die Solidaritätsorganisation bittet Menschen, die Chemotherapie bekommen, den Wert einer Tagesbehandlung Patienten zu spenden, die sich die Medikamente selbst nicht leisten können.

Die griechische Regierung hat im Januar ein Gesetz verabschiedet, dass, wenn Menschen Schulden haben, ihr Besitz konfisziert werden darf. Einige Menschen lehnen daher eher eine weitere Behandlung ab als wegen der Behandlungskosten in Schulden zu geraten, welche dazu führen könnten, dass ihre Familie ihr Haus verliert.

Griechische Mütter müssen jetzt 600 Euro zahlen für eine Geburt oder 1200 Euro für einen Kaiserschnitt oder andere Komplikationen. Das ist doppelt so viel wie für ausländische Einwohner, die in Griechenland leben. Die Mutter muss die Gebühr bei Verlassen des Krankenhauses zahlen. Anfangs als diese Gebühren eingeführt wurden, behielt das Krankenhaus das Baby, wenn die Mutter nicht zahlen konnte, bis die Zahlung eingegangen war. Internationale Verurteilung dieser Praxis führte dazu, dass sie eingestellt wurde und die Gebühr nun über eine Extrasteuer abgerechnet wird – aber wenn die Familie sich das nicht leisten kann, dann kann ihr Haus oder Besitz konfisziert werden. Und wenn sie immernoch nicht zahlen kann, dann kann sie ins Gefängnis kommen. Eine wachsende Anzahl von neugeborenen Babys werden in den Krankenhäusern ausgesetzt. Ein Geburtshelfer, mit dem ich sprach, nannte es die „Kriminalisierung der Geburt“.

Verhütung ist für viele nicht erschwinglich – auch die Krankenversicherung bezahlt sie nicht. Es gibt viel mehr Schwangerschaftsabbrüche – 300 000 im Jahr – und zum ersten Mal übersteigt die Todesrate die Geburtenrate. Die Menschen können es sich nicht leisten, Kinder zu haben. Es ist schwer genug, die existierenden Kinder zu ernähren und zu versorgen.

Ein aktueller Bericht von Unicef und der Athener Universität schätzt, dass 34 % der griechischen Kinder von Armut bedroht sind. Ein Artikel im Lancet (Greece’s Health Crisis: from Austerity to Denialism vom 22. Februar 2014) berichtete, dass die Rate der Totgeburten um 21 % gestiegen ist und die Kindersterblichkeit um 40 % zwischen 2008 und 2011. Viele Familien leben von dem mageren Einkommen eines Großelternteiles – typischerweise ungefähr 500 Euro im Monat. Der Zusammenbruch der primären Gesundheitsversorgung bedeutet auch, dass Tausende Kinder nicht geimpft werden. Eine Kinderimpfspritze kostet ungefähr 80 Euro und viele Familien können sich das nicht leisten.

Der Zusammenbruch des öffentlichen Gesundheitsystems hat zu einer Verdopplung der Tuberkuloserate geführt, das Wiederauftauchen der Malaria nach 40 Jahren und einen Anstieg der HIV Infektionen.

Mangelernährung verschlimmert die Gesundheit der Menschen ebenfalls. 1,7 Millionen Griechen, ungefähr ein Fünftel der Bevölkerung, haben, nach der OECD, nicht genug zu essen. Wir suchten einen Lebensmittelmarkt in Athen auf, der von der sozialen Solidaritätsbewegung organisiert worden war, welche die Verteilung von Lebensmitteln organisiert, direkt von den Bauern zu den Menschen. Die sozialen Solidaritätsmärkte übergehen die Mittelsmänner, so dass die Lebensmittel billiger als in den Supermärkten werden, während die Bauern einen guten Preis bekommen. Im Gegenzug spenden die Bauern einen Anteil ihrer Produkte, welche umsonst an bedürftige lokale Familien verteilt werden.

Über dem Markt hängt ein Banner, auf dem steht „Hoffnung in die Praxis umsetzen“. Das versinnbildlicht für mich den Geist, den ich überall angetroffen habe – Hoffnung auf Wandel kombiniert mit einer sehr pragmatischen Herangehensweise, um Unterstützungsstrukturen aufzubauen. Die Menschen, mit denen ich sprach, drückten aber sehr deutlich aus, dass sie nicht beabsichtigten einen Ersatz für die staatlichen Leistungen zu schaffen – sie könnten das nicht – sondern ein Mittel, um das Leben zu erhalten und die Ausdauer, um zu verhindern, dass Menschen in Armut und Verzweiflung absinken. Sie sagten, dass das, was gebraucht werde, Aktionen auf Regierungsebene seien.

Der Erfolg der Syriza Partei ist keine Überraschung. Wir trafen Alexis Tsipras, den Vorsitzenden von Syriza, der sagte, dass der Wiederaufbau des Gesundheitssystems eine Priorität seiner Regierung sein werde, wenn er gewählt würde.

Die griechische Solidaritätskampagne hat einen Aufruf zur medizinischen Hilfe für Griechenland gestartet, dabei Impfungen von Kindern priorisierend.

Über die Autorin:

Dr. Louise Irvine ist eine Allgemeinmedizinerin der Save Lewisham Krankenhauskampagne und Parlaments-Kandidatin für die Nationale Gesundheitsaktion Partei.

Kategorien: Europa, Gesundheit, Wirtschaft
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