Immer mehr Deutsche wollen immer weniger über die deutsche Nazi-Vergangenheit wissen: über Kriegsverbrechen, Massenmord, Denunziation – über Täter, Zuschauer und Opfer.

Ist die heutige, schuldlose Generation also endgültig entlassen aus der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit? Oder hat sie die Verpflichtung, sich zu erinnern? Unbedingt, sagt Helmut Ortner in seinem neuen Buch »Gnadenlos Deutsch« – denn die nationalsozialistische Vergangenheit verjährt nicht.

Im Oktober 1944 bekommt Saul K. Padover, ein junger amerikanischer Offizier, der zur Abteilung für psychologische Kriegsführung gehört, von seinen Vorgesetzen den Auftrag, im besetzten Aachen die Einstellungen und Erwartungen der Deutschen zu erkunden. Dabei soll er Menschen aus allen Schichten und Berufsgruppen befragen, um Erkenntnisse über deren »Mentalität« zu bekommen. Das Ergebnis ist ernüchternd.

„Seit zwei Monaten sind wir hier zugange” notiert er, „wir haben mit vielen Menschen gesprochen, wir haben jede Menge Fragen gestellt – und wir haben keinen einzigen Nazis gefunden. Jeder ist ein Nazi-Gegner. Alle Leute sind gegen Hitler. Sie sind schon immer gegen Hitler gewesen. Was aber heißt das? Es heißt, dass Hitler die Sache ganz allein, ohne Hilfe und Unterstützung irgendeines Deutschen durchgezogen hat…”.

Einen Monat später übergibt Padover seinen Bericht der Militärverwaltung. Sein Fazit: „Psychologisch gesehen wollen sich die Deutschen Strafe und moralischer Verantwortung entziehen, indem sie der Welt einen Schuldigen präsentieren, den sie noch vor kurzer Zeit als Halbgott angehimmelt haben… In dieser Neigung, sich vom auserwählten Führer abzuwenden, entdeckt man nicht den Schimmer eigenen Schuldbewusstseins …”. Antworten, wie sie Saul Padover in seiner Aachener Mikroanalyse zusammenfasst, hätte er im besiegten »Tausendjährigen Reich« auch in anderen Städten auf seine Fragen bekommen.

Im Nachkriegs-Deutschland wollten die Deutschen nicht mehr über die noch allerorten gegenwärtige Vergangenheit sprechen. Sie wollten nicht an die deutschen Großverbrechen erinnert werden. Daran, wie es möglich war, dass ein moderner, fortschrittlicher und kultivierter Staat in kürzester Zeit in Barbarei sinken konnte, die in kaum vorstellbarer Brutalität und einem beispiellosen Völkermord gipfelte. Sie wollten nicht darüber reden, wieso so viele Adolf Hitler gegenüber loyal waren, der aus seinem Judenhass und seinen Kriegsplänen nie einen Hehl gemacht hatte. Warum sie dem Naziregime treu dienten und so seine Verbrechen ermöglichten. Warum sie ihrem »Führer« schließlich bis in den Untergang folgten?

Ein Volk auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit

Deutschland in den Nachkriegsjahren: ein Volk mühte sich, das zu vergessen, was es verschwieg: seine Bereitschaft zur Teilnahme an einem System der Barbarei. Geschichts-Verleugnung und Geschichts-Umdeutung hatten Hochkonjunktur. So verlor sich der Schrecken und die Einzigartigkeit, den der Zivilisationsbruch des Holocaust und die Vernichtungskriege bedeuteten, im kollektiven Verdrängen und Vergessen. Der nationalsozialistische Wahn wurde zur austauschbaren Metapher des Bösen, persönliche Schuld relativiert. Hitler allein sollte es gewesen sein, verantwortlich für das Verderben der Deutschen und ihre millionenfachen Verbrechen. Wenn nicht allein, dann allenfalls eine kleine verbrecherische Nazi-Elite und ihre fanatischen Getreuen. Zur Bereinigung des kollektiven Scham- und Schuldenkontos, passte dieses Bild: »der Führer« in der Rolle als solitärer Verführer, Verursacher und Verbrecher. Ein Volk auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit – unter der Sündenbock-Schirmherrschaft Hitlers.

„Mitte der Fünfziger”, resümiert der Historiker Norbert Frei, „hatte sich ein öffentliches Bewusstsein durchgesetzt, das die Verantwortung für die Schandtaten während des Dritten Reichs allein Hitler und einer kleinen Clique von Hauptkriegsverbrechern zuschrieb, während es den Deutschen in ihrer Gesamtheit den Status von politisch Verführten zubilligte, die der Krieg und seine Folgen schließlich selber zu Opfern gemacht hatten.“ Waren die Deutschen bis auf eine fanatische, verbrecherische Verbrecher-Clique überwiegend ein anständiges friedfertiges Volk?

Wie begann alles Übel, das Grauen, der Wahn? »Wie konnte das geschehen? Wie konnte sich das einmal herbeigewählte und konstituierte Hitler-Deutschland mit atemberaubendem Tempo zu einer menschlichen Maschinerie des Zerstörens, Eroberns und Mordens entwickeln? Wie wurden aus so vielen Deutsche fanatische, aktive, gefügige Mitmacher, Helfer und Zuschauer, Vollstrecker des Massenmordens?  Götz Aly, der über Hitlers Deutsche zahlreiche wichtige, wegweisende Publikationen veröffentlicht hat, die häufig Teile der Historiker-Zunft zum Widerspruch herausforderten, erinnert daran: nicht alle waren NSDAP-Mitglieder, sie kamen „aus der Mitte der Gesellschaft“.

Es waren ja nicht nur Fanatiker, die das System stützten, sondern beinahe alle gesellschaftlichen Organisationen, die sich angepasst hatten. Es waren Hunderttausende Deutsche, die sich aktiv an Menschheitsverbrechen ungeheuren Ausmaßes beteiligten, die diese billigten oder geschehen ließen: die Verfolgung und Ermordung von Juden, von Menschen mit Behinderung, von »Gemeinschaftsfremden«, (»A-Soziale«, wie Obdachlose u.a.), die Verhaftungen und Hinrichtungen von »Volksverrätern«, «Volksschädlingen«.  Eine übergreifende Schweige-Gemeinschaft von Volk und Führung, die das Weitermachen bis zum Schluss ermöglichte. Es brauchte dazu nicht die hundertprozentigen Parteigenossen, die Vordenker und Förderer und Unterstützer, es brauchte genauso die Hundertausenden Folgsamen, die „Stillen, die Harmlosen” – all die loyalen und diensteifriger Helfer, die das verbrecherische Terror-System am Leben hielten. Sicher: Am Tag Null nach Hitler gab es auch hierzulande Menschen, die Scham und Trauer empfanden über das, was in den Jahren zuvor geschehen war. Doch Tatsache ist, dass es schon damals weit mehr Menschen gab, die, gerade der Katastrophe entkommen, das Erlebte und Geschehene verdrängten, statt es im Bewusstsein der Verantwortung als eigene Geschichte anzunehmen.

Kann persönliche Schuld verjähren? Nein, sagt Alfred Grosser, denn das vergangene Geschehen ist keineswegs abwesend in der Gegenwart, nur weil es vergangen ist. Der Respekt vor den Hinterbliebenen verpflichtet uns, die Schuld und die Schuldigen zu benennen, solange es noch möglich ist. Die Verbrechen von damals sind zu gewaltig, um heute zu sagen: Jetzt soll endlich einmal Schluss sein. Wann aber ist die Vergangenheit wirklich vergangen? Will die Nachkriegsgeneration, der ich angehöre, jene Generation also, die, um den ehemalige deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl zu zitieren, mit »der Gnade der späten Geburt« gesegnet ist, nun endlich einen Schlussstrich unter eine belastete Vergangenheit ziehen? Ist sie, die politisch und moralisch schuldlose Generation, nun endgültig entlassen aus der Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur und seinem Erbe? Oder: beginnt nicht die Verantwortung nachfolgernder Generationen bei der Frage, ob sie sich erinnern will?

Reinwäscher und Reingewaschene

Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit gehört zur Gründungsgeschichte der Bundesrepublik, sie begleitet die Anfangsjahre der Nachkriegszeit.  Erst die politische Zäsur der sechziger Jahre sorgte für einen Paradigmenwechsel: die Zeit war reif für neue Fragen auf alte Wirklichkeiten. Ob die Deutschen anerkennen, was sie zwischen 1933 und 1945 angerichtet hatten? Genauer: um die genaue Verortung und das klare Bewusstsein dessen, was da geschehen war und wem das Geschehen zuzurechnen war. War es nur eine verbrecherische Führungselite (in einer im Ganzen doch anständig gebliebenen Nation) oder war es gar nur Hitler, der große, »dämonische« Verführer? Dieser Mythologie wollten gerne viele glauben: den Legenden von der sauberen Wehrmacht, vom »Nichtwissen« und »Nichtdabeigewesen-Sein«.

Geschichts-Verleugnung und Geschichts-Umdeutung hatte Hochkonjunktur – und alle beteiligten sich daran. So verlor sich der Schrecken und die Einzigartigkeit, den der Zivilisationsbruch des Holocaust und der Vernichtungskriege bedeutet, im kollektiven Verdrängen und Vergessen. Der nationalsozialistische Wahn wurde zur austauscharen Metapher des Bösen, persönliche Schuld relativiert. Wenige Jahre nach Kriegsende war aus einem Volk von Jublern und Mitläufern ein Volk von Reinwäschern und Reingewaschenen geworden. Die Täter, sie fühlten sich nicht schuldig, sie sahen sich eher vom Schicksal entschuldigt – und die Mehrzahl der Deutschen tat es ihnen gleich. Ein Volk mühte sich, das zu vergessen, was es verschwieg: ihre Bereitschaft der Teilnahme. Empfanden sie, die Opfer und Täter zugleich waren und so viel Leid über andere Völker gebracht hatten, so etwas wie Scham? Oder fühlten sie sich nur auf der Verliererseite? Konnten sie begreifen, was geschehen war, was sie mitgemacht und zugelassen hatten? Der kollektive Tenor: wir wussten von Nichts. Ein »ent-nazifiziertes« Volk mühte sich, das zu vergessen, was es verschwieg: seine Bereitschaft zur Teilnahme an einem System der Barbarei.

Aufbauen und nach vorne schauen“ lautete jetzt die Losung. Im Jahr 1948 wirbt das Waschmittel Persil mit einer Zeichentrick-Reklame, in der ein Marine-Matrose verdreckten Pinguinen die Bäuche wieder strahlend reinwäscht. Immer mehr Pinguine springen daraufhin an Bord und rufen im Chor ”PERSIL – PERSIL- PERSIL! “… Dabei recken sie die Flügel wie weit ausgestreckte Arme. Mit stolzgeschwellter Brust defilieren sie schließlich in Reih und Glied an Land, zu Marschmusik singend:”Ja, unsere weiße Weste verdanken wir PERSIL!” Die Deutschen haben ihren Humor also noch nicht verloren, oder schon wiedergefunden. In Fridolin Schleys Roman Die Verteidigung, in dem er die Ereignisse um den Nürnberger Wilhelmstraßen-Prozess in ein fesselndes Drama über Moral und Verantwortung verwandelt, taucht die Reklame für blütenweiße Wäsche kurz auf – als filmische Metapher, die veranschaulicht, wie die »Entnazifizierung« schon frühzeitig funktionierte. Dominiert wurde die Nachkriegszeit von einem »kommunikativen Beschweigen« (Hermann Lübbe) der Schuldgefühle. Zu fest – und zu bequem – war die Sichtweise von einer skrupellosen Machtelite und einem angeblich verführten Volk etabliert. Hitlers Deutsche exkulpierten sich selbst. Das Geflecht der Lebenslüge vieler Deutschen in der Adenauer-Republik: Verdrängen, Vergessen, Verleugnen.

„Vom Vogelschiss und moralisierender Geschichtserzählung… “

Bis heute wirkt es fort. Es gibt immer mehr Deutsche, die immer weniger über die eigene Vergangenheit reden möchten. Die sogenannte Neue Rechte, darunter Teile der AfD, will die Erinnerungskultur in Deutschland grundsätzlich verändern. Ein wichtiger Hebel dafür ist die Relativierung des Holocaust und der Kriegsschuld der Deutschen. „Die Vergiftung der Vergangenheit durch moralisierende Geschichtserzählung zählt zu den Grundsteinen unserer Republik“, sagt der rechte Vordenker Götz Kubitschek, das soll endlich ein Ende haben.

In die gleiche Richtung der Verharmlosung und Normalisierung weisen Äußerungen von AfD-Politikern wie Alexander Gauland, der in einer Rede die Zeit von „Hitler und den Nazis“ als „Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ bezeichnete.  Björn Höcke, einer der radikalen Wortführer der Partei, nennt den Umgang mit der NS-Zeit eine „dämliche Bewältigungspolitik“ und fordert „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad” – er fordert also eine in welcher Form auch immer positive Darstellung des Nationalsozialismus. Der AfD-Landesverband in Thüringen unter seiner Führung wird vom Verfassungsschutz des Bundeslandes als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft. In Meinungsumfragen ist sie trotzdem zur stärksten politischen Partei aufgestiegen. Björn Höcke könnte bei der nächster Landtagswahl Ministerpräsident in Thüringen werden.

Diese schleichende Normalisierung im Umgang mit der AfD steht im umgekehrten Verhältnis zur Radikalisierung, die die Partei Jahr für Jahr stärker prägt. Sie zielt auf die Demontage, der von ihr so genannten »Alt- und Kartellparteien«. Höcke ist das abschreckende Gesicht für ein Symptom einer tieferliegenden Krise unserer Demokratie – und zugleich einer seiner gefährlichsten Beschleuniger. Können wir das zulassen? Wissen wir um die Gefahr, die der Demokratie gerade droht? Die rechtsextreme Partei höhlt gezielt die Demokratie mit ihren eigenen Mittel aus.

Ein Vergleich mit der Weimarer Republik oder dem Aufstieg der der NSDAP gilt zu Recht als gefährlich, weil er die Schreckensherrschaft der Nazis verharmlost. Auch täte man vielen Wählern der AfD Unrecht, die keine Nazis sind. Dennoch erinnern die Gleichgültigkeit und der Verdruss der Bevölkerung in manchen Punkten an die späten 1920er Jahr. Der Autor Jens Bisky hat das in einem lesenswerten Buch eindrucksvoll beschrieben, in dem er die Jahre von 1929 bis 1934 analysiert. Die »lange schwelenden Probleme jener Zeit hätten jedes „wohl für sich gelöst werden können, ihr zusammentreffen aber verstärkte bei einer wachsenden Zahl von Menschen den Eindruck, dass es so nicht mehr weitergehen könne …”. Mag sein, dass viele Bürgerinnen und Bürger starke Veränderungen fürchten und paradoxerweise jene Parteien abstrafen, die sie betreiben. Aber mangelnder Mut, fehlende Tatkraft und Ignoranz demgegenüber, führen nicht zu Zustimmung und Belohnung, sondern direkt zur »Alternative für Deutschland«. Ein bedrückender Zustand.

Tatsache ist: Im deutschen Bundestag stellt diese Partei die zweitstärkste Fraktion mit 151 Sitzen, AfD-Abgeordnete sitzen in allen Landtagen. Die Vernetzung zu »Vorfeld“-Aktionsgruppen wird zielgerichtet vorangetrieben. Im Umfeld und Dunstkreis hat sich eine vielfältige und gut organisierte rechtsextremistische. Szene etabliert: von Reichsbürgern über Neonazis, von modischen Identitären bis zu rechts-esoterischen Influencern, von gewaltbereiten Hooligans bis zu Hardcore-Evangelikalen. Ihre Vielfalt ist gebündelt in ihrer ideologischen Einfalt. Sie alle wollen ein anderes Land. Das, was sie bekämpfen, müssen wir verteidigen – unsere Demokratie.

Die Frage, die bleibt: Ist die heutige, die politisch und moralisch schuldlose Generation, nun endgültig entlassen aus der Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur und seinem Erbe? Oder: Beginnt nicht die Verantwortung nachfolgender Generationen bei der Frage, ob sie sich erinnern will?  Es geht um die Gegenwart der Vergangenheit – denn die nationalsozialistische Vergangenheit verjährt nicht.


DAS BUCH

Helmut Ortner

GNADENLOS DEUTSCH

Täter. Helfer. Zuschauer.

Aktuelle Reportagen aus der Vergangenheit

Alibri Verlag, 320 Seiten, 24 Euro

Eine Sammlung eindringlicher Reportagen und Essays gegen jede Verharmlosung und Relativierung der Nazi-Vergangenheit – und gegen alle Versuche, die NS-Geschichte zu entsorgen.