Sie wurde als träge, individualistische Generation beschrieben. Auf ihre eigenen Interessen konzentriert, in sozialen Netzwerken eingeschlossen und unfähig, für große Ideale zu kämpfen. Aber was wir in den letzten Monaten auf den Plätzen Afrikas – und auf der halben Welt, durchzogen von Jugendmobilisierungen gegen Kriege und für Gaza – gesehen haben, vermittelt uns ein anderes, kraftvolles und edles Bild. Von Nairobi bis Antananarivo sind Millionen junger Menschen wie eine bewusste, entschlossene Flut auf die Straße gegangen, vereint durch eine einfache und revolutionäre Idee: Man kann sich nicht alleine retten. Die Probleme sind gemeinsame Probleme, die Kämpfe sind gemeinsame Kämpfe, das Schicksal ist ein gemeinsames Schicksal. In Madagaskar haben Studenten und Arbeiter die Behörden herausgefordert und gegen Arbeitslosigkeit und wachsende Ungleichheiten protestiert. In Kenia hat die Generation Z die Regierung gezwungen, das Finanzgesetz zurückzuziehen, das die Ärmsten getroffen hätte. In Tansania und Mosambik haben Demonstranten sich den Kugeln gestellt, um die Korruption der Regierenden anzuprangern. Ähnliche Szenen haben wir in Nigeria, im Sudan, im Kongo, in Uganda, im Senegal, in Südafrika gesehen… Junge Menschen, die Würde, Rechte und Gerechtigkeit einfordern. Die es nicht länger hinnehmen, von den Entscheidungen, die ihre Zukunft prägen, ausgeschlossen zu sein.

Sicherlich gibt es nicht mehr die ideologischen Bezugspunkte ihrer Väter. Die Slogans des Nationalismus nach der Unabhängigkeit, die Mythen der Parteien, die Berufung auf Ethnie oder Clan sind längst passé. Es hat sich ein tiefer Generationsbruch vollzogen, den der Afrika-Experte Mario Giro als „anthropologischen und kulturellen Bruch” bezeichnet hat. Aber ich glaube nicht, dass Individualismus der Motor dieser Kämpfe ist. Im Gegenteil, was diese Jugend antreibt, ist ein neues kollektives Bewusstsein. Die Mobilisierungen gehen nicht mehr von Parteien, Gewerkschaften oder organisierten Oppositionsgruppen aus, sondern von Bloggern, Künstlern, Aktivisten und YouTubern. Es ist eine horizontale Revolution ohne anerkannte Anführer – und gerade deshalb stark und zerbrechlich zugleich. Die Schlagworte sind jedoch klar: Transparenz, Gerechtigkeit, Teilhabe, Freiheit. Themen, die alle betreffen, nicht nur diejenigen, die protestieren. Die sozialen Medien, denen oft vorgeworfen wird, Oberflächlichkeit und Narzissmus zu fördern, sind zu Orten der politischen Auseinandersetzung, zu Instrumenten der Mobilisierung und zu Netzwerken der gegenseitigen Hilfe geworden. Sie dienen dazu, Missbrauch und Korruption anzuprangern, Demonstrationen zu koordinieren und sich gegenseitig zu schützen. Es handelt sich um eine authentisch „soziale” Nutzung des Netzes, bei der die individuelle Identität im Gemeinwohl aufgeht.

In diesen kollektiven Erfahrungen lässt sich eine neue Art der Politik erkennen, die fließender, aber nicht weniger radikal ist und die Dringlichkeit der Gegenwart mit einer tiefen Frage nach der Zukunft verbindet. Eine Politik, die sich nicht in den Palästen, sondern auf den Straßen, an den Universitäten, in den digitalen Gemeinschaften und in den kleinen Gesten der täglichen Solidarität ausdrückt. In dieser solidarischen und zirkulären Logik findet das Ich nur innerhalb eines größeren Wir seinen Sinn. Wie nie zuvor haben junge Afrikaner ein altes Prinzip wieder in den Mittelpunkt gerückt, das wir unter dem Gewicht der Globalisierung und des Konsumismus verloren geglaubt hatten: Ubuntu, ein Begriff aus der Bantusprache, der wörtlich „Ich bin, weil wir sind“ bedeutet.

Es ist die Philosophie der gegenseitigen Abhängigkeit und Solidarität, die Überzeugung, dass die Menschlichkeit jedes Einzelnen nur in Beziehung zu der anderer existiert. Dieser Geist – einst Grundlage traditioneller afrikanischer Gesellschaften – erlebt heute eine Renaissance auf den Plätzen, in digitalen Kollektiven und in Bewegungen, die Freiheit und soziale Gerechtigkeit fordern. Er zeigt sich in den Jugendlichen, die nicht nur für sich selbst kämpfen, sondern auch für die Befreiung ihrer verhafteten Kameraden, für die Würde der Arbeiter, für das Recht auf Bildung, für eine gemeinsame Zukunft. Die Jugend Afrikas entdeckt die Kraft eines Wir wieder, das keine Nostalgie, sondern ein Projekt ist. Keine Ideologie, sondern tägliche Praxis. In einer zunehmend fragmentierten Welt erinnern uns diese jungen Menschen daran, dass Freiheit niemals individuell ist: Entweder gehört sie allen oder niemandem.

Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!