Abschiebungen in den USA, Militarisierung in Mexiko: Die Fußball-WM 2026 in Nordamerika findet inmitten einer akuten Menschenrechtskrise statt. Fans, Spieler*innen und lokale Gemeinschaften sind bei diesem Turnier enormen Risiken durch staatliche Repression, Überwachung und Diskriminierung ausgesetzt. Die FIFA und die beteiligten Regierungen müssen dringend verbindliche Schutzmaßnahmen durchsetzen, damit die Menschenrechte und nicht die Rekordgewinne im Mittelpunkt des Turniers stehen.
Die FIFA hat für die Weltmeisterschaft 2026 ein Turnier versprochen, bei dem sich alle „sicher, eingebunden und frei in der Ausübung der eigenen Rechte“ fühlen können. Doch wenige Monate vor dem Anpfiff am 11. Juni 2026 im Estadio Azteca in Mexiko-Stadt zeichnet sich ein anderes Bild ab.
Das größte Turnier der Fußballgeschichte, das voraussichtlich 6,5 Millionen Fans in die Stadien locken und der FIFA Rekordeinnahmen von 11 Milliarden US-Dollar bescheren soll, findet inmitten einer akuten Menschenrechtskrise statt.
Das Turnier wird mit insgesamt 104 Spielen in 16 Städten quer durch die USA, Mexiko und Kanada ausgetragen. Fans, Spieler*innen, Medienschaffende und lokale Gemeinschaften sind insbesondere in den USA und Mexiko massiven Risiken durch staatliche Repressionen, Abschiebungen, Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt.
Die Menschenrechtskrise zur WM 2026 in Zahlen
- 500.000 Abschiebungen: Allein im Jahr 2025 wurden eine halbe Million Menschen aus den USA abgeschoben.
- 133.500 Verschwundene: Die aktuelle Zahl der verschwundenen Personen in Mexiko.
- 100.000 Sicherheitskräfte: Beispiellose Militarisierung in Mexiko, darunter der Einsatz von 20.000 Soldat*innen zur WM.
- 43 Tote in US-Haft: Zahl der Menschen, die zwischen Januar 2025 und März 2026 in Gewahrsam der US-Einwanderungsbehörde ICE starben.
- 4 qualifizierte Nationen ausgeschlossen: US-Einreiseverbote blockieren Fans aus Senegal, Iran, Haiti und der Elfenbeinküste.
- 59 Transfeminizide: Morde an Transpersonen in Mexiko im Jahr 2024, was das Land zum zweitgefährlichsten weltweit für diese Gruppe macht.
USA im Fokus: Ein Menschenrechtsnotstand
Die USA, in denen drei Viertel aller WM-Spiele (insgesamt 78 Partien) stattfinden, befinden sich in einem regelrechten Menschenrechtsnotstand.
So wurden die US-Einwanderungsbehörden ICE (Immigration and Customs Enforcement) und CBP (Customs and Border Protection) zu paramilitärisch agierenden Einheiten umgebaut. Maskierte, bewaffnete Bundesagenten stürmen ohne Haftbefehl Wohnungen und verhaften willkürlich Menschen auf offener Straße – selbst in der Nähe von Schulen oder religiösen Einrichtungen.
Steve Cockburn, Leiter der Abteilung für wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit bei Amnesty International, sagt dazu:
„Die US-Regierung hat im Jahr 2025 mehr als 500.000 Menschen aus den USA abgeschoben – sechsmal so viele Menschen, wie das WM-Finale im MetLife Stadium verfolgen werden.
Trotz der hohen Zahl von Verhaftungen und Abschiebungen haben weder die FIFA noch die US-Behörden Garantien dafür gegeben, dass Fans und lokale Gemeinschaften vor Racial Profiling, wahllosen Razzien oder unrechtmäßigen Inhaftierungen und Abschiebungen sicher sind.“
Razzien im WM-Umfeld und fatale Kooperationen
Dass diese Gefahr für WM-Besucher*innen absolut real ist, bewies bereits die FIFA Klub-Weltmeisterschaft 2025 in den USA. Vor den Toren des MetLife Stadiums in New Jersey – dem Ort des kommenden WM-Finales – wurde ein registrierter Asylbewerber und Familienvater wegen eines geringfügigen zivilrechtlichen Vergehens von der lokalen Polizei angehalten. Er wurde anschließend direkt an die Einwanderungsbehörde ICE übergeben und für drei Monate inhaftiert, bevor er das Land verlassen musste.
Weitere besorgniserregende Entwicklungen:
- Anstatt die WM-Städte zu sicheren Zonen zu erklären, kündigte der amtierende Direktor der ICE an, dass seine Behörde „ein wichtiger Teil des gesamten Sicherheitsapparats für die Weltmeisterschaft“ sein wird.
- Nur 20 bis 50 Meilen vom FIFA-Hauptquartier in Miami entfernt, dokumentierte Amnesty International in den Inhaftierungszentren Krome und Everglades (auch bekannt als „Alligator Alcatraz“) zudem unmenschliche Bedingungen, die teilweise Folter darstellen.
- Gleichzeitig wird das Demonstrationsrecht beschnitten. Für die WM-Austragungsstadt Los Angeles wurden zeitweise 4.000 Soldat*innen der Nationalgarde mobilisiert, um Proteste gegen Einwanderungsrazzien zu unterdrücken.
- Student*innen und Aktivist*innen, wie der palästinensische Student Mahmoud Khalil oder Leqaa Kordia, wurden wegen friedlicher Proteste inhaftiert oder von Abschiebung bedroht. Die Behörden nutzen dabei KI-gestützte Überwachungsprogramme wie „Babel X„, um Visa systematisch zu widerrufen.
Repression, Militär und Verdrängung in Mexiko und Kanada
Das Vorzeigeprojekt der FIFA bringt nicht nur in den USA, sondern auch in den beiden anderen Gastgeberländern tiefgreifende menschenrechtliche Probleme mit sich.
Mexiko: Militarisierung und die Krise der Verschwundenen
Mexiko reagiert auf anhaltende Gewalt mit Härte und mobilisiert für das Turnier 100.000 Sicherheitskräfte, darunter 20.000 Soldat*innen. Der Einsatz des Militärs für zivile Polizeiaufgaben birgt Risiken, da die Streitkräfte in der Vergangenheit in außergerichtliche Hinrichtungen und weitere Menschenrechtsverletzungen verwickelt waren.
Hinzu kommen über 133.500 verschwundene Menschen in Mexiko. Befeuert wird dieses massenhafte Verschwindenlassen durch organisierte Kartelle, korrupte Behörden und die fortschreitende Militarisierung.
In einem Umkreis von nur 10 Meilen um das Estadio Akron (Guadalajara), in dem WM-Spiele stattfinden, wurden Massengräber mit mindestens 500 Leichen entdeckt. Frauen und Mütter der Verschwundenen planen bereits friedliche Proteste vor dem Eröffnungsspiel im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt. Darüber hinaus bleibt Mexiko für Journalist*innen eines der gefährlichsten Länder weltweit.
Kanada: Obdachlosigkeit und Verdrängung für ein schönes Stadtbild
In Kanada offenbart die WM die harte Realität der sozialen Verdrängung. Aus Angst vor sogenannten Street Sweeps, wie sie bereits bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver stattfanden, fürchten Obdachlose um ihre Existenz.
Als „Street Sweeps“ (Straßensäuberungen) bezeichnet man Maßnahmen, bei denen städtische Behörden die Zeltlager von Obdachlosen gewaltsam räumen und deren persönliche Gegenstände beschlagnahmen. Ein zynisches Beispiel liefert Toronto: Hier wurde eine Winterunterkunft für Obdachlose einen Monat zu früh geschlossen, weil die FIFA die Räumlichkeiten für sich gebucht hatte.
Visa-Sperren und Boykott: Wie inklusiv ist die Reise für Fans?
Die von der FIFA propagierte „Inklusion“ entpuppt sich für Tausende von Fans als leere Worthülse.
- LGBTI-Fans in Gefahr: Führende Fan-Organisationen wie die englische Gruppe „Three Lions Pride“ oder das europäische Netzwerk „Queer Football Fanclubs“ haben offiziell angekündigt, bei den Spielen in den USA nicht sichtbar aufzutreten. Der Grund sind Dekrete der US-Regierung gegen trans Personen. Zudem gilt Mexiko als das zweitgefährlichste Land der Welt für trans Personen. Allein 2024 wurden dort 59 Transfeminizide registriert.
- Diskriminierende Einreiseverbote: Fans aus vier qualifizierten Nationen – Senegal, Iran, Haiti und der Elfenbeinküste – können de facto nicht in die USA einreisen, sofern sie nicht bereits vor 2026 ein Visum besaßen. Einige Länder haben ihre Staatsangehörigen gewarnt, dass an der US-Grenze die Gefahr einer Einreiseverweigerung bestehen könnte, wenn die im Reisepass angegebene Geschlechtsidentität von ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht abweicht oder wenn dort der Buchstabe „X“ vermerkt ist.
- Gesinnungsprüfung an der Grenze: Reisende in die USA müssen sich auf invasive Kontrollen einstellen, bei denen Social-Media-Konten auf „antiamerikanische“ Äußerungen gescannt werden.
„Während die FIFA mit der WM 2026 Rekordeinnahmen erzielt, dürfen Fans, Gemeinden, Spieler, Journalist*innen und Arbeiter*innen nicht den Preis dafür zahlen“, sagt Steve Cockburn. „Der Fußball gehört diesen Menschen – nicht den Regierungen, Sponsoren oder der FIFA – und ihre Rechte müssen im Mittelpunkt des Turniers stehen.“










