Mexiko-Stadt, 2. März 2026, Debates Indígenas).- Gefängnisse und Kriminalisierung der indigenen Bevölkerung zeugen von einer kolonialen Kontinuität, die weiterhin die Erstbewohnenden ihrer Territorien beraubt und die verletzlichsten Teile dieser Gruppe vertreibt und einsperrt. Die Erfahrung indigener Frauen in einem nationalen Hochsicherheitsgefängnis in Mexiko zeigt das Kontinuum der Gewalt, das ihr Verhältnis zum Staat und seinem rassistischen und patriarchalen Justizsystem prägt. In einem Raum, der Konkurrenz und Misstrauen unter den Inhaftierten fördert, haben Frauen durch den Aufbau einer inneren Gemeinschaft Widerstandsstrategien entwickelt.

In Lateinamerika hat der Mythos der Mestizaje den Rassismus in den Gefängnissen unsichtbar gemacht. Einschlägige Analysen beschränkten sich auf die Kriminalisierung von Armut und die Korruption in der Justiz. Die Überrepräsentation rassifizierter Menschen in Institutionen des Freiheitsentzugs wurde ignoriert. Dennoch wissen wir: Das Gefängnis trägt Farbe; es ist Teil eines rassistischen Systems. Laut Gefangenenstatistik waren im Jahr 2022 von insgesamt 247.000 Inhaftierten 8.142 indigen. Die tatsächliche Zahl ist vermutlich höher, da für die Zuordnung sprachliche Identifizierungskriterien angelegt werden. Wer die eigene Sprache durch Zwangsintegration und castellanización (Hispanisierung) verloren hat, wird nicht mitgezählt.

Der Krieg gegen den Drogenhandel

Der sogenannte „Krieg gegen den Drogenhandel“ ist eine 2006 vom damaligen Präsidenten Felipe Calderón Hinojosa ausgegebene Sicherheitsstrategie, die darauf abzielt, durch den Einsatz der Armee im Innern Drogenkartelle anzugreifen und zu schwächen. Bewirkt hat sie jedoch nicht mehr als eine Zunahme der Kriminalisierung und Einsperrung indigener Personen. Es ist die Kontinuität des kolonialen Projekts mit Landraub, Zerstörung gemeinschaftlicher Verbindungen und systematischer Gewalt gegen die betroffene Bevölkerung. Indigene Personen wurden gewaltsam aus ihren Gemeinschaften vertrieben und in weit entfernte Gefängnisse verlegt, wo sie Isolation sowie körperliche und symbolische Gewalt erleiden.

Indigene Frauen in Haft erfahren spezifische Formen intersektionaler Gewalt, und zwar vor, während und nach ihrer Verhaftung. Zwar werden nur fünf Prozent der 13.985 in bundesstaatlichen und nationalen Gefängnissen inhaftierten Frauen als indigen identifiziert. Doch wissen wir, dass es sich dabei um eine statistische Untererfassung handelt, da viele Indigene nicht als solche anerkannt werden, wenn sie keine indigene Sprache sprechen. Laut Mexikos Nationaler Menschenrechtskommission Comisión Nacional de los Derechos Humanos sind 43 Prozent der Frauen, bei denen diese ethnische Zuschreibung anerkannt wurde, wegen Delikten in Verbindung mit Drogenhandel verhaftet worden, rechtlich unter „Straftaten gegen die Gesundheit“ eingeordnet. Ihre Inhaftierung ermöglicht dem mexikanischen Staat, mittels Statistiken zu zeigen, dass er „etwas tut“ gegen den Drogenhandel, ohne dass davon die Interessen der Netzwerke organisierter Kriminalität betroffen sind. Paradoxerweise hat die Einsperrung indigener Frauen, die mit Drogenkleinhandel oder dem Anbau natürlicher Rauschmittel in Verbindung gebracht werden, den Einfluss der Drogenhandelsnetzwerke nicht verringert. Im Gegenteil, diese Entwicklung hat ihre Söhne und Töchter anfällig gemacht und dazu beigetragen, Kreisläufe kultureller Entwurzelung und der Anwerbung Jugendlicher für den Drogenhandel aufrechtzuerhalten.

Die Auferlegung kolonialen Rechts

Seit 17 Jahren arbeiten wir im Umfeld von Haftanstalten und begleiten inhaftierte Frauen, die ihre Lebensgeschichten aufschreiben. Immer wieder zeigte sich, dass indigene Frauen vor, während und nach ihrer Inhaftierung rassistische Gewalt erleiden: von Belästigung und Diskriminierung bis zur Trennung von ihren Kindern, Folter und sexueller Gewalt. Die Besetzung ihrer Territorien durch Gefängniskomplexe ging einher mit der Besetzung ihrer Körper durch Polizeigewalt.

Der Rassismus des Justizsystems operiert nach außen, indem er Strategien der Militarisierung und Sicherheitspolitik auf armutsbetroffene und rassifizierte Regionen konzentriert, die von Indigenen bewohnt werden. Gleichzeitig reproduziert das Justizsystem in seinem Inneren rassistische und patriarchale Vorurteile im Umgang mit indigenen Frauen, die oft nicht auf Übersetzer*innen zurückgreifen können und ihr Recht auf Pflichtverteidigung nicht kennen. Menschen, die im Hochsicherheitsgefängnis für Frauen Centro Federal de Readaptación Social (Cefereso 16) („Bundeszentrum für Resozialisierung“) inhaftiert sind, wurden von ihren Territorien vertrieben und durch eine koloniale Justiz verurteilt, die systematisch ihre Rechte verletzt. Indem die Strafgerichte in indigenen Territorien Geltung beanspruchen, stellen sie koloniales Recht über die Indigene Gerichtsbarkeit und verstoßen so gegen das mexikanische Gesetz über Rechte und Indigene Kultur (Übereinkommen über Indigene Völker der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO-Konvention 169) und die UN-Erklärung über die Rechte der Indigenen Völker). Historisch betrachtet stellt das Einsperren indigener Frauen und Männer eine Kontinuität kolonialer Praktiken dar. Die Überrepräsentierung Armutsbetroffener und Rassifizierter in den Gefängnissen ist das eine Problem. Das andere ist die Auferlegung eines Strafsystems, das nicht zu den traditionellen Formen der Konfliktlösung passt, die historisch von den indigenen Völkern Mexikos entwickelt wurden.

Michapa: Resozialisierungszentrum oder koloniale Enklave?

Im indigenen und kleinbäuerlichen Gebiet von Michapa ragt das Centro de Readaptación Social Nr. 16 auf: das erste und einzige Hochsicherheitsgefängnis für Frauen in Mexiko. Gebaut vom Unternehmen Grupo Inbursa, das dem Magnaten Carlos Slim gehört, wurde es im Rahmen eines Public Private Partnership errichtet, wie viele Gefängnisse Mexikos auf dem Land indigener Völker. Heutzutage sind die Nachfahren des Volks der Tlahuica Bäuer*innen, die auf Ländereien in gemeinschaftlichem und kommunalem Eigentum Produkte für den Eigenbedarf und tropische Früchte anbauen. Ein großer, mehr als einen Kilometer breiter Gefängniskomplex durchbricht die Landschaft um die einsame Straße von Amacuzac nach Michapa. Ursprüngliche Vegetation wurde durch den Bau zerstört.

Die Ökonomie des Strafens macht Einsperren zur Ware: Private Akteure kümmern sich um den Entwurf, den Bau, die Ausstattung und die Wartung der Räume. Der Staat als Kunde dieser Dienstleistung bezahlt wiederum für die gesamten vorgehaltenen Kapazitäten: 2.528 Zellen, egal ob sie belegt sind oder nicht. Zugleich hat sich eine Gefängnisindustrie mit Textilmanufakturen etabliert, die von billiger Arbeitskraft abhängt, ohne Sozialversicherungsleistungen und mit einer vom Staat subventionierten Infrastruktur. Die Bezahlung von 250 Pesos pro Woche (14,57 Dollar) erinnert an die Zeit der„tiendas de raya“ während der Diktatur Porfirio Díaz‘ (1876–1911). Di Bezahlung erfolgt durch ein internes System von Punkten, die in den Läden des Gefängnissystems eingelöst werden können; die Rolle der Großgrundbesitzer von damals übernimmt heute die Gefängnisverwaltung.

Nach Michapa zu kommen bedeutet, ein Terrain der Unterdrückung zu betreten. Vor der Ankunft verliert sich das Telefonsignal, und die 40 Grad Außentemperatur machen die Anreise zu einer Übung in Widerstandsfähigkeit. Über 20 aufeinanderfolgende Einlasskontrollen sind Teil eines strengen bürokratisch-strafrechtlichen Labyrinths, in dem extreme Überwachung als Bestrafung derer wirkt, die Zugang suchen. Symbolische Gewalt manifestiert sich in der monochromen, mechanischen und nüchternen Architektur. Eine sorgfältig kontrollierte Bepflanzung heißt Besucher*innen von außen willkommen, während es innen nur Kunstrasen gibt, der Leben simuliert, als wäre die Negation des Lebendigen Teil der Strafe.

Das Modul 6.1

Die Bedingungen von Folter, Isolation und mangelnder medizinischer Versorgung, unter denen die Inhaftierten leben, werden unter den Hauptursachen für die Verschlechterung ihrer psychischen Gesundheit genannt. Diese Bedingungen haben einen unhaltbaren Grad erreicht, einen Kipppunkt für das seelische Gleichgewicht der Inhaftierten, was in einer alarmierenden und schmerzhaften Zahl an Suiziden mit 20 erfassten Fällen bis zum Januar 2026 gipfelte. Insbesondere die Verlegung von Gefangenen aus anderen Haftanstalten seit 2022 wird als wichtige Ursache dieser Welle von Suiziden genannt, worauf auch die Nationale Menschenrechtskommission Comisión Nacional de Derechos Humanos und das Instituto Federal de Defensoría Pública hingewiesen haben.

Unter den hierher verlegten Bewohnerinnen sind indigene Frauen aus verschiedenen Regionen: Maya aus Quintana Roo, Otomí aus den Bundesstaaten México und Hidalgo, Nahua aus Guerrero, Morelos und Puebla, Mixteken und Chatino aus Oaxaca, Yaqui aus Sonora, Wixárika aus Zacatecas und eine Frau afrikanischer Abstammung aus dem Bundesstaat Guerrero. Anlässlich der Verhaftung der afro-indigenen, zum Volk der Amuzgo gehörenden Menschenrechtsaktivistin Kenia Hernández und angespornt durch ihre führende Rolle, forderten die indigenen Frauen in Michapa ein spezielles Modul, in dem sie gemeinsam leben und ihre kulturellen Praktiken pflegen können. Daraus entstand im Modul 6.1 eine multiethnische Gemeinschaft aus 18 indigenen Frauen, die wegen bundesrechtlicher Delikte wie Raub oder organisierter Kriminalität, aber auch wegen kleineren Vergehen wie Betrug oder Urkundenfälschung inhaftiert sind.

„Das Kontinuum der Gewalt hat ihre Leben von Kindheit an geprägt, einschließlich der legitimierten Gewalt eines kolonialen Staates, der Gefängnisse als Mittel von Kontrolle, Enteignung und Entmenschlichung benutzt.“

Da die Mehrheit von ihnen gewohnt war, im Kontakt mit der Natur zu leben, stellt die Inhaftierung in einem grauen Betonblock an sich schon eine Form von Gewalt dar. In der kreisförmigen Anlage, in der die Zellen um einen zentralen Raum angeordnet sind, entfalten sich alle Aktivitäten von Essen und Bildung bis zur persönlichen Körperpflege in den Duschen. Das ganze Modul ist komplett mit Beton bedeckt. Die Frauen sehnen sich nach so etwas Elementarem wie die Erde unter den Füßen zu spüren. Sie träumen und schreiben von der Erde, den Flüssen, den Bäumen und der gesamten Natur, die ihre Herkunfts-Gemeinschaften umgibt. Parallel zur Isolierung ihrer Gemeinschaften werden Strafmaßnahmen wie vollständige Isolation zur Kontrolle der Gefängnisinsassinnen eingesetzt. Während der drei Jahre, in denen wir in dieser Haftanstalt arbeiteten, waren wir Zeuginnen eines Falls, in dem eine der Bewohnerinnen des Moduls 6.1 als Strafe für „schlechtes Verhalten“ geschlagen, an Händen und Füßen gefesselt und in Isolationshaft gehalten wurde. Das Kontinuum der Gewalt, das ihre Leben von Kindheit an geprägt hat, vervollständigt nun die legitimierte Gewalt eines kolonialen Staats, der Gefängnisse als Mittel von Kontrolle, Enteignung und Entmenschlichung benutzt.

Schreiben als Widerstand: Totoltin und die dissidenten Stimmen

Angesichts der kolonialen Kontrollstruktur hat die dortige multiethnische Gemeinschaft ihre eigene Widerstandsstrategien entwickelt und Care-Netzwerke gebildet. Angestoßen durch den Workshop Renacer en la escritura (etwa: durch Schreiben wieder ins Leben treten), begannen die Frauen aus Modul 6.1, ihre Geschichten zu teilen, einander kennenzulernen und zu spiegeln sowie individuelle und kollektive Heilungsprozesse zu durchlaufen, ausgehend vom Schreiben und der Wiedererlangung der Würde ihrer Erinnerungen.

Das Herausgeberinnenkollektiv Hermanas en la Sombra (Schwestern im Schatten) kam 2023 nach Michapa, um eine Workshopreihe durchzuführen, die auf der Methode Identitätskonstituierendes Schreiben (Escritura Identitaria) basiert, die wir während unserer 17 Jahre langen Knastarbeit entwickelt haben. Näheres findet man in dem Handbuch „Renacer en la escritura. Manual para la intervención feminista en espacios donde se viven violencia.“ (Durch Schreiben wieder ins Leben treten. Handbuch für feministische Interventionen in Räumen erlebter Gewalt.). Die Methode ist eine Übung in Rekonstruktion von Subjektivität. Sie erlaubt es, die eigene Stimme wiederzuerlangen, strukturelle Unterdrückung anzuklagen und zu bezeugen und sich als Betroffene mit Geschichte, Gedächtnis und Handlungsmacht zu stärken. Sich im Schreiben sicher zu fühlen, kann auch als politisches Werkzeug dienen, um offiziellen Narrativen zu widersprechen, die indigene Frauen auf Zahlen und Delikte reduzieren.

„Nach und nach wurden Erinnerungen durch das Schreiben freigesetzt, viele von ihnen getrieben durch Gewalt und Unterdrückung, sowohl in ihren Lebensgeschichten als auch im historischen Gedächtnis ihrer Ahnen und Gemeinschaften.“

Mittels des geschriebenen Worts gingen die Frauen des Moduls 6.1 Woche für Woche durch die Themen des Handbuchs: Rassismus, Klassismus, Androzentrismus, Schwesternschaft und Misogynie, Mythen der romantischen Liebe, Geschichten des Lebens und der Körper, Selbstbestimmung sowie transformatives und heilendes Schreiben. Diese Prozesse des Dialogs und des Schreibens wurden begleitet durch Gesänge, Rituale, Lektüren und Übungen der Introspektion und der Verbindung mit sich selbst. In jeder Sitzung reflektierten wir gemeinsam über Lebenserfahrungen, hörten einander zu und erkannten uns wieder. Nach und nach wurden die Erinnerungen durch das Schreiben freigesetzt, viele von ihnen getrieben durch Gewalt und Unterdrückung, sowohl in ihren Lebensgeschichten als auch im historischen Gedächtnis ihrer Ahnen und Gemeinschaften.

Im Buch: Totoltin: Palomas. Escritos de mujeres de pueblos originarios internas en Michapa (2025) erinnert sich Nido an ihre Kindheit in der Sierra de Sonora und erlebt erneut die zwangsweise Umsiedlung, die sie mit ihrer Familie des Yaqui-Volkes durchlebt hat, um Zugang zum staatlichen Bildungssystem zu erlangen: „Es kam der Zeitpunkt, wo ich in die Grundschule gehen sollte, ich erinnere mich gut an diesen ersten Tag, ich brauchte nur da stehen mit meiner handbestickten Tracht, die meine Mama mir gemacht hatte, und schon lachten alle über mich und sagten, die Mädchen aus der Stadt verstünden meine indigene Sprache nicht. Stück für Stück hat der Hass Besitz von mir ergriffen, und bis heute schleppe ich diese Erinnerung wie eine Kette mit mir herum. Viele Male haben sie mich hässlich beschimpft und mich dumm und unwissend genannt.

Autorinnen, die ihre Geschichten und ihren Schmerz zur Welt bringen

Zum Abschluss der Schreib-Workshops wurden die geschriebenen Texte digitalisiert und eine zweite Etappe begonnen mit dem Ziel, die Geschichten in Buchform zu bringen. Die Texte des Buchs Totoltin: Palomas. Escritos de mujeres de pueblos originarios internas en Michapa wurden von den Autorinnen selbst ausgewählt und lektoriert. Außerdem stellten sie die Buchumschläge in Handarbeit her, erlernten Buchbindungstechniken und waren bei jedem Schritt mit ganzem Herzen dabei. Da viele der 18 Teilnehmenden ihre Muttersprache sprechen (hauptsächlich Nahuatl, Chatino, Maya und Zapotekisch), aber nicht schreiben konnten, wurden die meisten Texte auf Spanisch geschrieben. Einige erklärten, ihre Sprachen nicht zu sprechen, weil Rassismus und Diskriminierung sie dazu gezwungen hatten, diese zu vergessen. In ihrem Text „Aufgewachsen bin ich“, erzählt Lucía Ramírez, Nahua aus Tatahuicapan de Juárez, von den Schwierigkeiten und Entbehrungen ihrer Kindheit:

Nej ni guella ken inon pelotzit cuak illek qui mel cajtek

 noselti, nictemo ken nia ni isatotik.

 Ne niteki pano nochipa aun quej poins ni ciahuia pues alla ni llole catca.

 Aufgewachsen bin ich wie die Hündchen, die von ihrer Mama verlassen wurden,

allein habe ich versucht zu überleben.

Ich arbeitete und war immer so müde, denn ich war ja noch klein.

In den letzten Sitzungen reflektierten die Frauen ihren Transformationsprozess während der Workshop-Reihe und seine Wirkung. „Mama Lety“, Leticia Pérez, Nahua aus Puebla, drückte es so aus: „Ich sehe das Buch als etwas, das wir alle zusammen zur Welt gebracht haben, gemeinsam, woran wir über Monate gearbeitet haben, und jetzt wird es erscheinen. Es wird veröffentlicht, compañeras! Es vergegenwärtigt unsere Geschichten, aber auch das, was wir erlitten haben. Ich weiß nicht, wie ihr das seht, für mich haben wir das alle gemeinsam auf die Welt gebracht.“ Die Metapher des gemeinsamen zur-Welt-Bringens zeigt, wie das Schreiben den Sinn für Gemeinschaftlichkeit und emotionale Verbindungen stärkt. Indem sie sich als Autorinnen/Gebärende anerkennen, die ihre Geschichten und ihren Schmerz offen machen und mit neuen Bedeutungen versehen, im Kollektiv verfasst und materialisiert in Form eines Buch-Objekts, konstruieren sie Erinnerungen, in ihren eigenen Worten erzählt und voller poetischer, politischer und emotionaler Kraft.

Im Gefängnis, einem feindlichen Raum, entworfen, um zu kontrollieren, erscheint das Schreiben als symbolischer Uterus, der Widerstand und Gemeinschaft erzeugt und zur Welt bringt. Schreiben ermöglicht das Denken von Subjektivitäten, die nicht durch die Straflogik des Staats definiert werden, sondern durch die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, zu erzählen, zu widerstehen und sich zu bestärken als Subjekte mit Geschichte, Gedächtnis und Handlungsmacht. Dadurch teilen die Autorinnen von Totoltin kollektive Erinnerungen und bilden die Rahmenbedingungen von Gewalt, Exklusion, Unterdrückung und Beraubung, mit denen sich indigene Frauen im Mexiko des 21. Jahrhunderts konfrontiert sehen.

Abschließende Betrachtungen

Gefängnisse sind auf dem gesamten amerikanischen Kontinent immer noch Dispositive des Strafens, der Kontrolle und des Landraubs an indigenen Völkern. In diesem Sinne kann Totoltin: Palomas. Escritos de mujeres de pueblos originarios internas en Michapa als Teil der Archive des Widerstands der Pueblos Originarios, der Völker der Erstbewohnenden des Kontinents, betrachtet werden, besonders der indigenen Frauen. Die Kontinuität des kolonialen Projekts in den Amerikas ist mit verschiedenen literarischen Strategien angeklagt worden, die von politischen Manifesten bis zu Liedern, erzählenden Essays und Dichtung reichen. Das Schweigen der Komplizenschaft ist gebrochen, und nichts kann diese Stimmen mehr zum Verstummen bringen. Zu diesen Anklagen gehören auch Zeugnisse verschiedener Formen des Widerstands, die die Frauen entwickelt haben, um Leben zu schützen und Gemeinschaft aufzubauen. Dies sogar unter Rahmenbedingungen, unter denen die kolonialen Staaten sie gewaltsam isolieren, mit Hilfe von Gesetzen, die Verschleppungen, Vertreibungen und Landraub rechtfertigen. Wir hoffen, dass mit diesem Text ihr Aufruf Anklang findet, die Mauern dieser kolonialen Enklaven niederzureißen, die sich als Resozialisierungszentren ausgeben. So beschreibt es Yanetzin Marcelo im titelgebenden Gedicht des Buchs, das dazu aufruft, Widerstand im Kollektiv aufrechtzuerhalten:

Totometzini

 Xmotlahpialikan

 Xmonapalokan

 Nehuame maka xmikan

 Xkelnamikan nimochikawalis

 Xpatlanikan, xmititikan, xmotlasohtlakan

 Nochipa xnemika

Geliebte Tauben

Baut euer Nest und putzt euch heraus

Beschützt euch allein und im Schwarm

Seid Stärke, Wille, Mut und Leben

Widersteht dem Sterben zwischen diesen Zellen

Schreibt, liebt, singt und tanzt

Und haltet euch immer in der Luft

(Yanetzin Marcelo, Gedicht Palomares–Totohmetsinti [Taubenschläge])


Aída Hernández-Castillo ist Mexikanerin, Doktorin in Anthropologie (Universität Stanford) und hat eine Forschungsprofessur am Centro de Investigaciones y Estudios Superiores en Anthropología Social (CIESAS) in Mexiko-Stadt inne. Außerdem ist sie Gründungsmitglied der Red Feminista Anticarcelaria de América Latina (Feministisches Netzwerk gegen Gefängnisse in Lateinamerika).

Marcia Daniela Trejo Bizarro kommt aus dem Indigenen Volk der Ocotepec und ist Sozialanthropologin, ausgebildet am Centro de Investigación en Ciencias Sociales y Estudios Regionales (CICSER) der Universidad Autónoma del Estado de Morelos. Seit 2020 ist sie Teil des Kollektivs Colectiva Editorial Hermanas en la Sombra, das sie zurzeit koordiniert.

Übersetzung: Constanze Schwärzer

Der Originalartikel kann hier besucht werden