(Bogotá, 8. März 2026, Colombia informa). – Internationaler Frauentag 2026. Das globale Panorama zeigt wichtige bedeutende Fortschritte, aber auch schwerwiegende Rückschritte, die in der internationalen Gemeinschaft Alarm auslösen. In Kolumbien offenbaren die Zahlen zu Frauenmorden eine stille Krise, auf die es keine Antworten gibt.
Der Kampf um Gleichberechtigung könnte noch 286 Jahre dauern
Laut UN Women genießen Frauen* weltweit derzeit nur 64 Prozent der Rechtsansprüche, die für Männer gelten. Die rechtliche Ungleichheit bedeutet Diskriminierung, Gewalt und Ausgrenzung in jeder Lebensphase. Schreite die rechtliche Gleichstellung in diesem Tempo voran, könne es noch 286 Jahre dauern, diese Kluft zu schließen, warnt die internationale Organisation. „Wenn das Justizsystem nicht auch für Frauen* funktioniert, werden Rechte zu einem Versprechen, das niemals eingelöst wird“, erklärte UN Women.
- In 54 Prozent der Länder weltweit wird Vergewaltigung rechtlich noch immer nicht anhand der Zustimmung des Opfers definiert.
- Drei von vier Ländern erlauben gesetzlich die Zwangsheirat von Kindern.
- 44 Prozent der Länder haben keine Gesetze, die gleichem Lohn für gleichwertige Arbeit vorschreiben. Frauen für die gleiche Arbeit weniger zu bezahlen, stellt somit keinen Rechtsbruch dar.
Gewalt und Straflosigkeit
Im Kontext bewaffneter Konflikte verschärft sich die Situation dramatisch. Im Jahr 2024 lebten 676 Millionen Frauen und Mädchen weniger als 50 Kilometer von einem tödlichen Konflikt entfernt – die höchste Zahl seit den 1990er Jahren.
Die Fälle von konfliktbezogener sexueller Gewalt stiegen in nur zwei Jahren um 87 Prozent an. In einigen Regionen der Welt schreiben Regierungen Gesetze um, um die Freiheiten von Frauen zu beschränken und sie zum Schweigen zu bringen.
Der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Volker Türk, bezeichnete Femizide als „globalen Notstand”. Die Zahlen untermauern seine Aussage: Im Jahr 2024 wurden weltweit etwa 50.000 Frauen und Mädchen ermordet. Andere Berichte der Vereinten Nationen sprechen von 51.000 Frauen, die durch Partner oder Familienangehörige ermordet werden, das macht 140 Frauen pro Tag oder alle zehn Minuten eine.
Reem Alsalem, Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für Gewalt gegen Frauen, stellte fest, dass 60 Prozent der Taten von Partnern oder Familienangehörigen begangen werden. Außerdem würden etliche Taten gar nicht erst erfasst, so dass es eigentlich unmöglich sei, das tatsächliche Ausmaß des Problems zu kennen. In Lateinamerika wurde ein besorgniserregender Anstieg der Feminizidrate verzeichnet, wobei die Straflosigkeit nach wie vor ein Riesenproblem darstellt. „Die Straflosigkeit ist nach wie vor das größte Hindernis für die Verringerung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, und zwar überall auf der Welt”, so Alsalem.
UN-Expert*innen warnen, dass die Täter „oft straffrei bleiben, weil nicht gründlich genug ermittelt wird“. Trotz über 1.700 weltweit verabschiedeter Gesetzesreformen zugunsten der Gleichstellung der Geschlechter werde das Problem seitens der Institutionen nur unzureichend aufgegriffen.
Neben Korruption und Sparpolitik verschiedener Regierungen, die die Mittel für Frauenhäuser und Rechtsbeistand gekürzt haben, fehlt es an geschlechtsspezifischen rechtlichen Maßnahmen. Alles zusammen führt dazu, dass die Gewalt sich fortsetzt- „Männer können Frauen so schlecht behandeln, wie sie wollen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Das macht alle Bemühungen zunichte, eine Welt zu schaffen, die für Frauen und Mädchen sicher ist“, erklärte UN Women. Die Organisation forderte die Staaten dringend auf, alle Straftaten genau zu untersuchen, die Opfer zu schützen und Gerechtigkeit zu garantieren.
Wie UN Women berichtet, wurden in Kolumbien im Jahr 2023 täglich drei Frauen* einfach aufgrund ihres Geschlechts ermordet. Die Vertreterin von UN Women in Kolumbien, Bibiana Aído, warnte außerdem vor der besorgniserregenden Zunahme der Rekrutierung von Mädchen in Konfliktgebieten. Offensichtlich arbeiten die bewaffneten Gruppen mit neuen Methoden wie sozialen Netzwerken, um die Mädchen zu täuschen.
Sie sprechen von „Ermittlungsphase“, wir nennen es Straflosigkeit
Zwischen 2021 und 2023 wurden 2.306 Frauen oder Personen mit weiblicher Geschlechtsidentität Opfer von Femiziden. In den meisten dieser Fälle gab es bereits zuvor Anzeigen, Drohungen und Schutzmaßnahmen, die jedoch nie umgesetzt wurden. Im Jahr 2025 registrierten die Gesundheitsbehörden 131.208 Frauen als Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt, was 15 Frauen pro Stunde entspricht. Von den insgesamt 38.298 Opfern sexueller Gewalt waren 75 Prozent unter 18 Jahre alt. Ein Bericht des Nationalen Frauennetzwerks ergab, dass 78 Prozent der zwischen 2021 und 2023 begangenen Femizide weiterhin ungestraft bleiben. Von 23.666 Fällen sexueller Belästigung, in denen das Opfer eine Frau war, gab es nur 296 Verurteilungen, das bedeutet Straffreiheit in 99 Prozent der Fälle. Die Staatsanwaltschaft spricht jedoch beharrlich von „Ermittlungsphase“.
Organisationen wie Sisma Mujer weisen darauf hin, dass 86 Prozent der Anzeigen wegen häuslicher Gewalt und versuchten Feminizids straffrei bleiben, obwohl das Gesetz 1761 von 2015 (Ley Rosa Elvira Cely) Feminizid als eigenständiges Verbrechen definiert und Strafen zwischen 20 und 41 Jahren Gefängnis vorsieht.
Einige kolumbianische Kongressabgeordnete kritisieren, dass „die staatliche Nachlässigkeit ebenfalls tötet“, und fordern ein Ende der Straffreiheit für Frauen*mörder. Trotzdem wiederholt sich das Muster eines Staats, der immer zu spät kommt, um Frauen zu retten: Vorherige Strafanzeigen werden nicht ernstgenommen, Schutzmaßnahmen nicht umgesetzt, identifizierte Täter nicht verhaftet.
In seiner Bilanz vom Januar 2026 hob Präsident Gustavo Petro einen Rückgang der Frauen*morde um 52 Prozent hervor: Die Zahl der tödlichen Straftaten war von 21 Fällen im Januar 2025 auf zehn im gleichen Zeitraum 2026 zurückgegangen. In Bogotá wurden im Januar 2026 kein einziger Feminizid registriert.
Das Bezirkssekretariat für Frauen führte 13.869 Einsätze durch, von denen 10.609 mit Gewaltsituationen in Zusammenhang standen. Diese Zahlen zeigen, dass Prävention und rechtzeitige Hilfe einen Unterschied machen können. Trotzdem betonen Aktivist*innen und Organisationen, dass solche Fortschritte zwar sehr wichtig sind, aber nicht über die strukturellen Mängel des Justizsystems hinwegtäuschen dürfen, die die Straffreiheit der meisten Täter begünstigen.
Abweichungen im Lohnniveau
Auch im wirtschaftlichen Bereich bestehen weiterhin Ungleichheiten. In Ländern wie Argentinien beträgt das Lohngefälle 27,6 Prozent: Frauen verdienen für gleichwertige Arbeit deutlich weniger als Männer. Darüber hinaus liegt die Arbeitslosenquote von Frauen mit 7,4 Prozent höher als bei Männern (5,9 Prozent); vier von zehn Arbeitnehmerinnen sind im informellen Sektor beschäftigt.
In der Unternehmensführung sind 82,8 Prozent der Spitzenpositionen mit Männern besetzt. In größeren Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten sind es über 90 Prozent. Hinzu kommt die unverhältnismäßige Belastung durch unbezahlte Haus- und Pflegearbeit: 92 von 100 Frauen übernehmen diese Aufgaben, gegenüber 75 von 100 Männern. Führungskräfte, Aktivist*innen und Regierungen werden sich vom 9. bis 19. März 2026 in New York zur 70. Sitzung der Kommission für die Rechtsstellung der Frau (CSW70) treffen. Dieses Forum ist das weltweit größte Treffen zum Thema Geschlechtergleichstellung. Es arbeitet daran, Versprechen in konkrete Maßnahmen umzusetzen.
Maßnahmen für eine gerechtere Welt
UN-Generalsekretär António Guterres hat acht Maßnahmen vorgeschlagen, um eine gleichberechtigtere Welt zu schaffen:
- Die Kluft im Energiebereich und das Machtgefälle überwinden.
- In Frauen investieren und enorme Rendite abschöpfen.
- Frauen die Teilnahme an Friedensverhandlungen ermöglichen.
- Diskriminierung in Gesetzen beseitigen.
- Nulltoleranz gegenüber Gendergewalt.
- Voreingenommenheit in Technologie und digitalen Räumen beseitigen.
- Geschlechterfragen in die Klimapolitik einbeziehen.
Der Internationale Frauentag ist ein Gedenktag, der die politischen und sozialen Kämpfe der Frauen im Laufe der Geschichte würdigt. Er erinnert an erkämpfte Rechte, an diejenigen, die auf diesem Weg ihr Leben verloren, und vor allem an die Kämpfe, die uns noch bevorstehen. „Frauen und Mädchen waren noch nie so nah an der Gleichberechtigung und noch nie so nah daran, sie zu verlieren“, warnt UN Women. Der Kampf geht weiter.









