Der Ausgangspunkt von Lordes Überlegungen zur Poesie und zu ihrer Bedeutung für den Kampf für die soziale Gerechtigkeit und die Behauptung der weiblichen Urkraft ist das Licht, dessen Qualität bei der Hinterfragung des Lebens eine so wichtige Rolle spielt. Der Ausgangspunkt jeglicher Poesie ist somit die Beschäftigung mit der eigenen Biografie, mit dem eigenen Schicksal, mit dem, was uns als Frauen zugestoßen ist und somit mit unserem Selbst.
Die Tatsache, dass Poesie keinesfalls ein Luxus oder eine elitäre Beschäftigung ist, hat gerade damit zu tun, dass diese Selbstreflexion einen direkten Einfluss auf unser Leben und somit auch auf sein Veränderungspotenzial nimmt. Lorde formuliert diesen Standpunkt zu Beginn ihres Essays wie folgt:
„Die Qualität des Lichts, mit dem wir unser Leben hinterfragen, hat direkten Einfluss auf das Produkt, das wir leben, und auf die Veränderungen, die wir durch jene Leben herbeiführen wollen.“
Die poetische Gestaltung von Ideen durch das Licht der Selbstreflexion ermöglicht es der Frau, ihre magische Beschaffenheit zu verfolgen und diesen Zauber auch in die Tat umzusetzen. Poesie ist somit einerseits fast etwas Mystisches, eine Erleuchtung, aber andererseits bleibt es nicht dabei, denn die Poesie wird zur Handlung. Das Gedicht erhält seinen Namen. Das Gedicht erhält seine Form. Das Gefühl antizipiert die Geburt dieser Ideen, die sich in Poesie verwandeln und einen Namen erhalten und gleichzeitig Gestalt annehmen. Somit verwandelt sich das Wort in seine ästhetische Form.
„In diesem Licht formen wir jene Ideen, mit denen wir unseren Zauber verfolgen und ihn verwirklichen. Es handelt sich um Poesie als Erleuchtung, denn durch Poesie geben wir jenen Ideen einen Namen, die bis zur Entstehung des Gedichts namenlos und formlos sind und im Begriff sind, geboren zu werden, aber bereits gefühlt werden.“
Poesie kann ohne Erfahrung nicht existieren. Poesie ist das Ergebnis der weiblichen Erfahrungswelt. Denn die Erfahrungen bringen Gedanken hervor. Wenn wir das Ganze auf die Ebene des Traums versetzen, bringen die Träume der Frau parallel die Konzepte hervor, während die Ideen hingegen das Ergebnis von Gefühlen sind und das Verständnis das Ergebnis von Wissen ist.
„Diese Destillation von Erfahrungen, aus der wahre Poesie entspringt, bringt Gedanken hervor, so wie Träume Konzepte hervorbringen, wie Gefühle Ideen hervorbringen und wie Wissen Verständnis hervorbringt (und diesem vorausgeht).“
Die Selbsterkenntnis der Frau, die dann zur Anerkennung ihrer weiblichen Urkraft führt, ist ein pädagogischer Prozess. In diesem Zusammenhang spricht die Autorin von der „Intimität der Prüfung“, die eine starke Frau „ertragen“ muss. Sobald die Prüfung belegt ist, verfügt die Frau über eine Macht, die sie sich in ihrem Leben zunutze machen muss, um zwei Feinde aus ihrem Leben zu verbannen. Der erste Feind ist ihre Angst, die sie wie gefangen hält und ihr die Möglichkeit raubt, sich zu entfalten und ihr Selbst aufzubauen. Der zweite Feind ist das Schweigen, das zu Kontrollverlust führt. Die Tatsache, dass sich die Frau poetisch offenbart und ausdrückt, verbindet sie mit dem, was Lorde als den „dunklen Ort“ beschreibt. Hier findet sich die seelische Urkraft der Weiblichkeit, die jegliche Schwäche und jegliches Gefühl, dem Leben nicht gewachsen zu sein, überwindet. Durch diesen pädagogischen Prozess des gemeinsamen Lernens der Frauen (Lorde spricht in der „Wir“-Form, weil Poesie kein Luxus für einige Frauen ist, sondern das Wesen des Mutes für alle Frauen) sind Angst und Impotenz in der kollektiven Biografie der Frauen nur noch Geschichte.
Die Frauen aktivieren uralte Kräfte, d.h. Potenziale, die in ihnen verborgen liegen. Diese Potenziale haben überlebt. Aber sie haben nicht durch das Licht überlebt, sondern durch die Dunkelheit. Diese manichäische Dialektik ist in diesem Essay von Lorde radikal und weist eine ursprüngliche, wesentliche Stärke auf. Zu Beginn spricht die Autorin vom externen Licht, das unser Leben hinterfragt, dann aber von einer internen Dunkelheit, in der sich unsere kreative Kraft verbirgt. Nun kommt die Farbe ins Spiel. Es handelt sich um die Farbe der schwarzen, marginalisierten und kämpfenden Frau. Die Autorin bestätigt mit harten Worten, wie diese Frau weder „weiß noch oberflächlich“ ist. Somit wird die schwarze Farbe mit dieser uralten, tiefen Dunkelheit in Verbindung gebracht, die für die Urkraft der Frau steht, die in ihrem Inneren schlummert. Die Selbstbestätigung der schwarzen Frau gedeiht in dieser radikalen Dialektik. Es geht um die Ablehnung dessen, was die Autorin den „europäischen Modus“ nennt. Diesem europäischen Modus setzt sie ganz im Sinne von Edward Saids Standpunkt im wegweisenden Werk mit dem Titel „Orientalism“ die außereuropäische Sichtweise des Lebens gegenüber. Die weißen Männer lassen den schwarzen Frauen den Platz. Diese starken Frauen schätzen ihre Gefühle und verspüren einen tiefen und authentischen Respekt vor den Quellen ihrer verborgenen Macht. Aber was noch wichtiger ist: Es handelt sich nicht um einen psychologischen und kognitiven Prozess, sondern um Macht und Wissen, die zu einem dauerhaften Handeln im Sinne der Veränderung der kollektiven Biografie führen.
Die Poesie wird im Gedankengang von Lorde zu einer authentischen und ernsthaften Angelegenheit. Die Poesie wird in diesem Zusammenhang definiert als „Offenbarung oder Destillation der Erfahrung“. Gegenübergesetzt wird diese schwarze und weibliche Poesie der Urkraft der weißen Poesie, dessen, was Lorde als ein „steriles Wortspiel“ bezeichnet. Die weiße Geschichte der Poesie ist somit eine Verzerrung dessen, was authentische Poesie bedeutet, in der Phantasie und Einsicht eine Einheit bilden, die hingegen in der weißen Poesie vollkommen abhandengekommen ist. Es geht aber hier nicht nur um das dialektische Spannungsfeld zwischen Weiß und Schwarz, sondern auch zwischen Mann und Frau.
Der nächste Gedankengang von Lorde führt uns zur Poesie als Aufgabe, als Berufung, als existentielle Notwendigkeit. Poesie ist, wie der Titel ihres Essays so schön sagt, kein Luxus. Denn die Poesie ist lebensnotwendig für die Existenz der Frauen. Nun erklärt uns die Autorin, woher das Licht kommt, von dem sie zu Beginn spricht. Dieses Licht ist das Produkt der Poesie. In diesem Licht verankern wir Frauen unsere Hoffnungen und unsere Träume. Und diese Hoffnungen und Träume sind auch kein Luxus, denn die Qualität des Lichts, in dem wir unsere Hoffnungen und Träume fürs Überleben und für die Veränderung verankern, wird „zuerst in Sprache, dann in Ideen und schließlich in konkretere Taten umgesetzt werden“. Die Poesie ist Tat. Die Poesie ist die radikale Umwälzung unserer Biografie, unserer Existenz und unserer Welt als Frauen, die sich nicht mehr als Opfer, sondern als starke Kämpferinnen wahrnehmen und auch in diesem Sinne handeln. Ich erkenne in diesem Zusammenhang in diesem pädagogischen Ansatz von Lorde eine tiefe und widerstandsfähige Verbindung zwischen der weiblichen Pädagogik der Urkraft und der Poesietherapie. Sie gehen vom selben Ausgangspunkt des Lichts der Selbstreflexion aus und münden dann in die Selbsterkenntnis und Selbstbehauptung der Urkraft der Frau, die sich in eine Handlung und in eine Kraft der Umwälzung gesellschaftlicher Verhältnisse der Marginalisierung, Unterdrückung und Diskriminierung verwandeln. Schwarz steht für marginalisiert, diskriminiert, ausgegrenzt, vergewaltigt, geschlagen und für all das, was Frauen zu Opfern macht.
In der nächsten Passage beschreibt die Autorin diese Umwälzung plastisch mit den folgenden Worten:
„Die äußersten Horizonte unserer Hoffnungen und Ängste werden durch unsere Gedichte gepflastert, die aus den Felsenerfahrungen unseres täglichen Lebens geschnitzt sind.“
Oben waren die Hoffnungen mit den Träumen gepaart. Nun befinden wir uns aber auf der inhaltlichen Ebene der Poesie. Und hier werden Hoffnungen und Ängste gemeinsam zu den Themen der weiblichen Lyrik. Diese Hoffnungen und Ängste sind nicht weich, sondern hart wie Felsen. Denn die weiblichen Erfahrungen sind Felsenerfahrungen. Und die weibliche Poesie ist in der Lage, Felsen zu schnitzen. Normalerweise schnitzt man ja nur Holz. Aber starke Frauen schnitzen Felsen, die Felsen ihrer eigenen Erfahrungen.
Nun kommt ein weiterer Begriff hinzu: die Annahme, gepaart mit der Kenntnis. Ich würde hier eher auf Carl Gustav Jung zurückgreifen und von Wiedererkennung anstatt von Kenntnis bzw. Erkennung sprechen. Denn jede einzelne Frau trägt die Archetypen der ursprünglichen Weiblichkeit in sich. Jede Frau ist Teil einer Geschichte der Weiblichkeit und gleichzeitig der Unterdrückung und Marginalisierung der Urkraft des Weiblichen. Nach der Annahme und der Erkennung folgen die radikalsten Ideen der Umwälzung und der Veränderung durch eine Handlung, die Sinn macht. Die Sinnesdimension, die wir auch in der Logotherapie von Viktor Frankl wiederfinden, ist hier meiner Meinung zentral für die Handlung an sich. Aber die Sinnesdimension ist keine automatische Dimension. Sie ist kein Geschenk, sondern das Ergebnis eines Sinngebungsprozesses. Ich verleihe durch meine Poesie Dingen einen Sinn, die vorher keinen zu haben schienen, weil sie Angst machten und unverständlich waren.
Hierzu schreibt Lorde:
„Im Moment könnte ich mindestens zehn Ideen nennen, die ich einmal unerträglich oder unverständlich und beängstigend angesehen hätte, wenn sie nicht nach Träumen und Gedichten kämen.“
Die Poesie bleibt nicht in der Welt der Fantasie gefangen. Die Poesie ist auch nicht nur eine reine Ausdrucksform von Gefühlen. Denn die Poesie ist Handlung, biografische Gestaltung und, um es mit den Worten von Lorde auszudrücken, die „Skelettarchitektur unseres Lebens.“ Die Poesie wird physisch. Die Poesie ist unser Skelett und wenn wir es radikaler formulieren möchten, so ist sie unser weibliches Rückgrat.
Das Potenzial, von dem die Autorin am Anfang ihres Essays spricht, wird an dieser Stelle erneut aufgegriffen. Es gilt ein Gebot: Wir dürfen nie daran zweifeln, dass diese Möglichkeit wirksam ist. Dies bedeutet, dass wir an diese Wirksamkeit der Möglichkeit „glauben“ müssen. Poesie bedeutet leben. Wir widersetzen uns dem Tod im Plural, d.h. den „Toden“ der Frauen, die wir als eine kollektive Einheit erfahren. Frauen werden oft verschiedener Dinge beschuldigt, aber vor allem als minderwertig und schwach angesehen. Frauen wird oft vorgeworfen, sie seien kindlich und zu sehr auf ihr „Ich“ fokussiert. Es fehle den Frauen an Universalität und an Sinnlichkeit, so Lorde. Nun kommt die Autorin zur Beschreibung des Wesens des Handelns, eines Begriffs, der sich durch ihr gesamtes Essay zieht. Handeln ist weder „temporär“ noch „reaktiv“. Ich reagiere nicht, sondern ich agiere. Ich agiere aber nicht nur zeitweilig, sondern mein aktives Handeln aus meiner Initiative und weiblichen Urkraft heraus ist mein radikales und konstantes Handeln, das Veränderung hervorruft.
Einer der weisen Väter, auf die sich Lorde daraufhin bezieht, ist zweifelsohne der französische Philosoph Descartes mit seinem Grundsatz „Cogito, ergo sum“. Dem setzt die Autorin das Motto der schwarzen Mütter gegenüber, die alle Dichterinnen sind und behaupten: „Ich fühle, daher kann ich frei sein“. Es handelt sich somit in diesem Zusammenhang um die radikale Umkehrung des abendländlichen Kognitivismus in eine Kultur der weiblichen Freiheit, die auf dem Gefühl basiert und in der Poesie ihren ursprünglichen und endgültigen Ausdruck findet. Nun definiert die Autorin die Umwälzung näher und spricht von Revolution und von revolutionärem Bewusstsein, die in der Poesie ihre weibliche Heimat finden. Diese Freiheit, die das Ergebnis der revolutionären Bewegung der Frauen ist, findet nicht nur in der poetischen Sprache ihren Ausdruck, sondern wird regelrecht darin verankert. Die Bezugnahme auf die schwarzen Mütter führt uns nun in die Zukunftsutopie der Autorin. Wenn ich als Mutter lebe, dann lebt mein Kind. Wenn ich als Mutter träume, dann träumt mein Kind, weil es authentisch ernährt wird. Der Traum steht symbolisch für die Nahrung der neuen Generation.
Die Rettung kommt nie vom Verstand und von der Rationalität, sondern von der Anerkennung, die aus uns selbst stammt und vom Mut, kreativ zu handeln und mutig etwas zu wagen. Nun kommt die Autorin zurück auf die Frauen als Kollektiv. „Ketzerisches“ Handeln, mutiges Handeln und die Umsetzung von Träumen ist das, was unsere weibliche Generation braucht. Und dieser Wandel erfolgt über die Poesie, welche die Ängste überbrückt und die Hoffnungen umsetzt.
Nun geht die Autorin auf eine radikale Infragestellung des Kapitalismus, der durch „lineare“ Macht und „institutionelle Entmenschlichung“ die Gefühlswelt ausschaltet, über. Das Denken verdrängt die Gefühle. Die Urkraft der Frau hat es aber möglich gemacht, dass die Frau diese Situation überlebt, weil sie eine Dichterin ist. Aber auch hier spricht die Autorin von den Frauen im Plural als kollektive Welt der Frauen/Dichterinnen. Darauf weist Lorde erneut darauf hin, wie Träume und Freiheit eng miteinander verbunden sind. Und diese Träume und diese Freiheit finden sich in den Gedichten, „die uns die Kraft und den Mut geben, zu sehen, zu fühlen, zu sprechen und zu wagen“.
Der Kreis schließt sich dann mit der Endüberlegung über die Unmöglichkeit einer Vision der Poesie als Luxus. „Wenn das, was wir träumen müssen, um unseren Geist am tiefsten und direktesten in Richtung und durch Verheißung zu bewegen, ein Luxus ist, dann haben wir den Kern – den Brunnen – unserer Kraft, unserer Weiblichkeit, ja die Zukunft unserer Welten aufgegeben.“ Wenn Poesie Luxus wäre, dann wäre selbst die Weiblichkeit mit ihrer Urkraft nichts anderes als Luxus.
Die Frauen sind stark, widerstandsfähig, widersetzen sich ihren Ängsten und erleben in ihren neuen Möglichkeiten ihre kreative Kraft, die im Mut der Dichtkunst ihren Ausdruck findet.









