Einer der dümmsten Sprüche der Nachkriegszeit ist der von der „Gnade der späten Geburt“, den der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl geprägt hatte. Er legt nahe, dass man, weil spät geboren, in der Nazizeit keine Schuld mehr auf sich habe laden können.
von Barbara Volhard
Kohl war Jahrgang 1930 und war nur mit Glück der Rekrutierung in den „Volkssturm“ entgangen, in den 1945 alle Jungen ab 15 Jahren eingezogen wurden. Die meisten Jungen seines Alters hatten dieses Glück nicht. Wenn man den Film „Die Brücke“ gesehen hat, bekommt man eine Ahnung davon, was das damals bedeutete (der Film ist auf Youtube noch zu sehen). Es gibt schreckliche Geschichten von fanatischen Hitlerjungen, die als Volkssturmangehörige mit Waffen ausgestattet die wenigen Flüchtlinge, denen es gelang aus KZs oder von Todesmärschen zu fliehen, gnadenlos erschossen haben. Das ist ihnen kaum vorzuwerfen, denn selbst ich, vier Jahre jünger als Kohl, hatte schon 1944 als Zehnjährige die zweifelhafte Chance, schuldig zu werden, und es war mehr Glück als Verstand, dass ich es nicht wurde. Um das erzählen zu können, muss ich ausholen und die Indoktrination beschreiben, der ich als Kind schon in der Grundschule ausgesetzt war und die dazu führte, dass ich meinen Verstand fast nicht eingesetzt hätte.
Hintergrund
Dazu gehört auch, wo wir wohnten und warum. Mein Vater war Arzt und hatte seit 1935 eine Stelle als Oberarzt und Privatdozent an der Uniklinik in Danzig. Als die Nazis 1939 Polen besetzt und auch Danzig eingenommen hatten, machte er im Freundeskreis eine positive Bemerkung über Juden. Sofort wurde er von einem seiner „Freunde“ bei der GESTAPO angezeigt. Die Folge war: Ihm wurde seine Lehrerlaubnis an der Universität entzogen und er wurde strafversetzt an das Städtische Krankenhaus in Bromberg (heute Bydgoszcz), wo er immer wieder auf die Kommandantur zitiert wurde, um sich dort beschimpfen zu lassen, dass er sich nicht wie ein „richtiger Deutscher“ verhalte. Er hatte beispielsweise polnischen Patienten genauso wie deutschen Patienten bei der Visite die Hand gegeben: So etwas tut ein anständiger Deutscher nicht. Das alles erfuhr ich erst sehr viel später, aber es erklärt, warum meine Eltern sich hüteten, meiner schulischen Indoktrination etwas entgegenzusetzen.
Was ich in der Schule lernte
So wurde ich 1940 in Bromberg eingeschult. In der dritten und vierten Klasse hatten wir Frau Pich als Klassenlehrerin, und nun wurde es ernst. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte mir Papi die Welt erklärt, jetzt erklärte sie Frau Pich. Wir lernten nicht nur Lesen, Schreiben, Rechnen und Heimatkunde, sondern vor allem eine ganze Rangordnung von besseren und schlechteren Rassen, besseren und weniger guten Deutschen und besseren und schlechteren Feinden.
Die beste Rasse waren die Germanen, zu denen wir Deutschen auch gehörten, auch die Engländer, nur dass die leider unsere Feinde waren, aber immerhin als Germanen bessere Feinde. Eine schlechtere Rasse waren die Romanen, zu denen die Franzosen gehörten, die „natürlich“ unsere Feinde waren. Nur waren die Italiener auch Romanen, aber die waren mit uns verbündet und deshalb irgendwie besser. Das war verwirrend, aber jede Regel hat halt ihre Ausnahme, und dahin gehörte dies wohl auch.
Die schlechteste Rasse waren die Slawen, zu denen die Russen und die Polen gehörten. Die waren Untermenschen. Aber auch da gab es eine Ausnahme: von den Ukrainern nämlich waren ganze Regimenter zu uns übergelaufen und kämpften mit uns gegen die Russen, daher waren sie auch irgendwie besser. Und Klara, Adalbert und Frau Poszlednik, die bei uns im Hause wohnten, waren zwar Polen, aber von denen wusste ich nun genau, dass sie keine Untermenschen waren, daher mussten sie auch zu den Ausnahmen gehören.
Mensch oder Tier?
Dann gab es noch Wesen, die weit unter den Untermenschen standen, das waren die Juden. Frau Pich sprach von ihnen nur als Bestien, Schädlinge, die den Untergang Deutschlands wollten. Ich stellte sie mir als eine Mischung von Mensch und Tier vor. In der Fibel gab es eine abschreckende Karikatur dieser Wesen, und wir bekamen Angst vor ihnen. Aber da beruhigte uns Frau Pich: Wir brauchten keine Angst vor ihnen zu haben, denn der Führer habe sie bereits alle ausgerottet. Sie sagte wirklich „ausgerottet“, und das beruhigte mich wirklich. Denn Schädlinge mussten doch ausgerottet werden, nicht wahr?
Der Führer als Pop-Idol
Überhaupt: der Führer. Den hatte Gott gesandt, um Deutschland zu retten. Das konnte man schon daran erkennen, dass er während des 1. Weltkrieges, in dem er tapfer gekämpft hatte, so verletzt wurde, dass er erblindete. Aber Gott hatte ihm sein Augenlicht wieder gegeben, damit er Deutschland retten könne. Frau Pich schilderte uns den Führer als so wundervolle, heldenhafte Figur, dass ich – und ich vermute auch meine Klassenkamerad:innen – für ihn schwärmte wie heute viele Kinder oder Jugendlichen für ein Musik-Idol. Selbstverständlich hatte ich „Führer, Volk und Vaterland“ innerlich Treue geschworen, und hätte man mich aufgefordert, für diesen Führer und dieses Vaterland zu sterben, hätte ich auch das gerne und voller Überzeugung getan, so wie heutzutage in manchen Kulturen Kinder zu bewegen sind, sich für Bombenattentate zu opfern.
Kinder sind nicht ernst zu nehmen
Ich erinnere nochmal daran: Ich war acht, neun, zehn Jahre alt, als ich all dies lernte und glaubte. Ich vermute, dass meine Eltern über das Ausmaß von Indoktrination, dem ich da ausgesetzt war, wenig wussten. Unsere Tischgespräche hatten andere Themen. Die übliche Frage von Eltern: „Wie war’s in der Schule?“ wurde von mir vermutlich mit dem ebenso üblichen „Och, wie immer“ beantwortet (wie ich das jedenfalls aus späteren Zeiten erinnere).
Als ich am 20. Juli 1944 im Radio hell entsetzt von dem Attentat auf Hitler erfuhr, sagte ich zu meiner Mutter so etwas wie „Ist das nicht schrecklich?“ und erinnere von ihr ein sehr laues „Ja, ja.“ Dass ihre Reaktion so lau war, fiel mir nicht weiter auf, denn ich schob es auf meine Erfahrung, dass ich als Kind eben nicht ernst genommen wurde, solche Dinge mit mir nicht besprochen wurden. Daher erschien mir das „normal“. So normal, wie ich auch fand, was Frau Pich von uns forderte: „Wenn eure Eltern etwas gegen Hitler sagen, müsst ihr mir das sagen, dann muss ich mal mit ihnen reden!“ Selbstverständlich hätte ich das getan, denn meine Eltern, das wusste ich, hätten mir doch nicht geglaubt, wie großartig Hitler war. Nein, da hätte schon Frau Pich „mit ihnen reden“ müssen. Soviel zur „Gnade der späten Geburt“. Schon dadurch hätte ich mit acht oder neun Jahren schuldig werden können. Wurden andere Kinder vielleicht in ähnlicher Weise „schuldig“? Konnten sie danach damit weiterleben?
Hausaufgabe Zeitungslektüre
Übrigens gehörte zu unseren Hausaufgaben schon in der dritten Grundschulklasse die tägliche Zeitungslektüre, vor allem des Wehrmachtsberichts. Darüber wurden wir am nächsten Tag abgehört und mussten jeweils in der Lage sein, den Frontverlauf mit Fähnchen auf der großen in der Klasse hängenden Karte abzustecken. Dadurch blieb uns natürlich auch nicht verborgen, wie die Ostfront uns in Bromberg ständig näher kam. Aber auch da beruhigte uns Frau Pich: Der Führer ließ gerade an einer Wunderwaffe arbeiten. Die war fast fertig und so großartig, dass sie auf einen Schlag den Krieg beenden würde. Heute kennen wir diese „Wunderwaffe“ unter dem Namen Atombombe.
Noch einen Vater zu haben wird peinlich
Weniger großartig war, dass immer mehr Kinder aus meiner Klasse ihre Väter verloren, die – wie den Todesanzeigen zu entnehmen war – alle den Heldentod gestorben waren, selbstverständlich im Dienst von Führer, Volk und Vaterland. Keinen Vater mehr zu haben, wurde langsam „normal“, und mir wurde es fast peinlich, dass mein Vater nicht an der Front kämpfte, also kein Held war und deshalb noch lebte. Zwar war ich einerseits froh darüber, andererseits beantwortete ich die von vielen Erwachsenen immer üblicher werdende „taktvolle“ Frage nach meinem Vater trotzig mit dem Satz: „Er ist an der Heimatfront eingesetzt.“
„Heim“ ins Reich
Die Ostfront kam jedoch immer näher, und im Sommer 1944 schickten daher viele Männer ihre Frauen und Kinder „heim ins Reich“. Das wurde dann wegen Defätismus verboten („Defätist“ war, wer nicht an den Sieg glaubte) und führte in letzter Konsequenz dazu, dass am Schluss, als schon alle eingekesselt waren und die Flucht endlich erlaubt wurde, es kaum noch Fluchtmöglichkeiten gab.
Gleichzeitig aber wurde mein Vater von Bromberg nach Gotenhafen (heute Gdynia) versetzt, wir mussten also dort hin umziehen. Ich war damals zehn Jahre, meine jüngere Schwester sieben Jahre, meine jüngste Schwester zehn Monate alt. Es gelang meiner Mutter, die Erlaubnis zu bekommen, uns drei Kinder zu Verwandten im Reich zu bringen, angeblich nur für die Zeit des Umzugs, damit wir „aus dem Wege“ waren. Sie musste jedoch versprechen, uns gleich danach wieder zurück zu holen. Außerdem konnte sie uns dort nur „abliefern“ und musste noch mit dem gleichen Bus, mit dem wir in Masserberg/Thüringen ankamen, wieder zurück fahren.
In Masserberg hatte mein Großvater ein Ferienhaus, das – weil er zehn Kinder hatte – recht groß war. Nun allerdings waren mehrere Familien dieser Kinder, meist Mütter mit ihren Kindern, vor den Bomben in Frankfurt und Magdeburg dorthin geflohen, so dass in dem Haus damals 21 Menschen wohnten, darunter mit uns Dreien 13 Kinder im Alter von wenigen Monaten bis 14 Jahren. Im Februar des nächsten Jahres kamen meine Eltern noch dazu, und es wurde noch enger. Aber von September 1944 bis Februar 1945, also ein halbes Jahr lang war ich dort ohne meine Eltern.
Einsam unter lauter Kindern
Ich hatte mich sehr auf diese Reise gefreut: Endlich würde ich meine Kusinen und Vettern kennenlernen! Und ein Haus voller Kinder, das war sicher spannend! Ich hatte natürlich keine Ahnung, dass dies einen Abschied für immer bedeuten würde, Abschied von meiner Heimat, von meinen Freundinnen, vom Meer, nach dem ich mich so sehnte, denn natürlich glaubte ich die Mär von der baldigen Rückkunft. Und ich freute mich auf die Wohnung in Gotenhafen, die ganz nahe am Meer lag, wie mein Vater in Briefen beschrieb.
Es wurde ein halbes Jahr großer Einsamkeit. Die jüngeren Kinder waren mir zu jung, den Älteren war ich zu jung. Ich ging zur Schule in ein nach Masserberg evakuiertes Düsseldorfer Gymnasium, für welches das Kurhaus in ein Internat umgewandelt worden war. In der Klasse fand ich als Auswärtige keinen Anschluss, vielleicht auch, weil es den Kindern in dieser Klasse auch nicht besser ging als mir: auch sie waren ja von ihren Eltern getrennt. Irgendwann fing ich an, wieder in die Hose zu machen, wofür ich mich halb zu Tode schämte: Mit zehn Jahren noch in die Hose machen, und das auch noch jeden Tag! Natürlich begriff ich nicht, dass das psychogen war, ich war nur voller Entsetzen und Scham. Eine Tante, der ich mich anvertrauen musste, denn ich brauchte ja täglich frische Wäsche, reagierte zum Glück sehr vernünftig darauf, so dass ich schließlich so viel Vertrauen zu ihr bekam, dass ich das „In-die-Hose-machen“ nach einer Weile wieder sein lassen konnte. Aber ich weiß nur zu gut, wie es den vielen Kindern ging, die in die „Kinderlandverschickung“ kamen, die manchmal in fremden Pflegefamilien landeten, oft aber in Heimen, in denen ihnen vermutlich kaum jemand half, wie auch die „verschickten“ Kinder in jenem Düsseldorfer Gymnasium.
Der neue Onkel
Im Herbst 1944 – ich vermute Oktober – klopfte ich eines Tages an die Tür jener Tante, wartete aber nicht auf ein „Herein“, sondern öffnete gleich die Tür. Zu meinem Schrecken lag da ein fremder Mann in ihrem Bett! Schnell wollte ich die Tür wieder zumachen, da winkte er mich heran, fragte mich, wer ich sei und erklärte mir dann: Er sei der Mann meiner Tante, der Bruder meines Vaters, und ich dürfe niemandem sagen, dass er hier sei. Ich nickte verwirrt, wusste immerhin, dass dieser Bruder meines Vaters Luftwaffenpilot war, sah im Hinausgehen seine Uniform über einen Stuhl hängen und blieb draußen entgeistert stehen. Denn ich dachte: Wenn ich niemandem sagen darf, dass dieser Onkel hier ist, dann heißt das doch, dass er nicht auf Urlaub hier ist. Das aber heißt doch, dass er desertiert ist. Und das heißt wiederum: Dann ist er doch ein Verräter an Führer, Volk und Vaterland! Ein Feigling! Also muss ich ihn doch melden!
Aber dann – das wusste ich sehr genau – wird er erschossen. Das fand ich auch richtig so: Wie sollten wir denn den Sieg erringen, wenn die Soldaten feige davon liefen? Andererseits war er mein Onkel, der Mann jener Tante, der Vater von drei Kusinen. Ich geriet in einen fürchterlichen Konflikt zwischen zwei für mich gleichwertige Loyalitäten: Der Loyalität zu „Führer, Volk und Vaterland“ und der Familien-Loyalität. Und ich war entsetzlich alleine damit, denn ich konnte ja niemanden fragen: In der Familie würden natürlich alle sagen, dass ich den Onkel nicht melden dürfte, hätte ich aber die Lehrerin gefragt, hätte ich ihn doch schon verraten.
Glück und Verstand
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich damit herumlief, ob Tage oder Wochen. Jedenfalls aber kam ich an einen Punkt, an dem ich es nicht mehr aushielt. Mir war klar, dass ich eine Entscheidung fällen musste und dass ich dafür nochmal sehr genau nachdenken musste. Denn das hatte ich durch eine frühere, ganz unpolitische, aber wichtige Erfahrung mit sieben Jahren schon gelernt: Wenn man genau nachdenkt (also seinen Verstand einschaltet), dann kann man sich aus schrecklichen, sogar lebensbedrohlichen Situationen selbst herausarbeiten. Dem Professor Schmidt, Ordinarius für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten an der Universität Danzig, der mir damals zu dieser Erkenntnis verhalf, bin ich bis heute dankbar.
Ich setzte mich also hin, dachte sorgfältig nach und kam zu folgender Überlegung: Wenn ich den Onkel melde, wird er erschossen. Das kann ich nicht mehr rückgängig machen. Wenn ich ihn aber nicht melde, kann ich das noch rückgängig machen. Ich beschloss also, ihn – vorläufig! – nicht zu melden und hoffte, dass von irgendwoher noch ein Zeichen kommen würde, das mir sagen würde, ob ich ihn doch – oder vielleicht auch nicht – melden müsse. Das mag wie ein ziemlich sophistisches Herumdrücken um eine Entscheidung aussehen. Aber diese jetzt bewusste Entscheidung entlastete mich dennoch, weil ich die eigentliche Entscheidung nun an ein kindlich-magisch erhofftes „Zeichen“ abgegeben hatte. Ich war immerhin erst zehn Jahre alt!
Das Wunder
Und dann geschah das Wunder: Das „Zeichen“ kam! Allerdings erst im Januar 1945. In den Monaten bis dahin war dieser Onkel weiterhin für mich nichts weiter als ein Feigling und ein Verräter, ich hatte nur Verachtung für ihn übrig. Im Januar 1945 aber war meine jüngste Schwester, die im September 1944, als wir nach Masserberg kamen, erst 10 Monate alt gewesen war, nun 14 Monate alt. Sie konnte stehen, aber noch nicht laufen. Eines Tages aber öffnete ich die Tür zu dem allgemeinen Aufenthalts- und Esszimmer und blieb stehen: Da saß der Onkel, hatte meine kleine Schwester vor sich hingestellt und sie torkelte jubelnd und juchzend auf ihn zu. Er fing sie auf, stellte sie wieder hin, ermunterte sie immer wieder zum Laufen und sie war sichtbar glücklich. Die ganze Szene hatte etwas so Liebevolles an sich, dass ich sofort wusste: Das war das „Zeichen“! Ich musste ihn nicht melden!
Ich war unendlich erleichtert. Zugleich aber hatte ich diesen Onkel zum ersten Mal als den liebevollen Menschen gesehen, der er wirklich war, nicht als das Zerrbild, als das ich ihn zu sehen gelehrt worden war. Als die Amerikaner im April 1945 Masserberg besetzten, zog er seine Uniform an und ergab sich. Als ich das sah, dachte ich entsetzt: Warum tut er das? Jetzt wird er doch erschossen! Ich hatte noch nicht gelernt, dass Kriegsgefangene keineswegs immer erschossen werden.
Erinnerung und spätes Begreifen
Ich nehme an, weil die Geschichte gut ausgegangen war, konnte ich sie vergessen. Als sie mir wieder einfiel, waren sowohl meine Eltern als auch jener Onkel und meine Tante verstorben, und ich hatte sie nie jemandem erzählt. Nun aber war ich etwa 60 Jahre alt und jetzt wurde mir heiß und kalt. Denn erst jetzt begriff ich, auf welch messerscharfem Grat ich damals herum balanciert war und wie leicht ich auf der falschen Seite hätte abrutschen können. Ich begriff, dass es eine Mischung aus Glück und Verstand war, die mich damals gerettet hatte. Das Glück bestand darin, dass es sich um einen Familienangehörigen handelte. Wäre es ein Fremder gewesen, ich hätte ihn sofort und bedenkenlos gemeldet. So aber hatte mich dieses Glück gezwungen, meinen Verstand einzusetzen. Und zugleich wusste ich: Hätte ich damals falsch entschieden, hätte ich nicht nur meinen Onkel in den Tod geschickt, sondern würde auch selbst nicht mehr leben. Denn ich bezweifle, dass ich mit dieser Schuld hätte leben können, ich glaube nicht, dass ich sie mir in Hinblick darauf, dass ich ja nur ein Kind war, hätte verzeihen können.
Zugleich fragte ich mich, wie viele Kinder meiner Alterskohorte es wohl gegeben haben mag, die ähnliche Entscheidungen haben treffen müssen, und wieviele davon wohl später nicht damit haben leben können oder wenn doch, wie. Vielleicht damit, dass sie jenen unsäglichen Spruch von der „Gnade der späten Geburt“ für sich als Entlastung in Anspruch nahmen?
Entsetzliche Frage – und keine Antwort
Ich konnte das nicht. Als ich 1969 in Ausschwitz das erste Mal ein KZ besuchte, war ich erschüttert. Allerdings nicht nur von dem Grauen, das mich schon 1945 als Elfjährige mit den Bildern in den Besatzungszeitungen schockiert und traumatisiert hatte, sondern auch von der Erkenntnis, dass ich mir eine entsetzliche Frage nicht wirklich beantworten konnte: Was wäre geschehen, wenn meine schulische Erziehung bruchlos so weitergegangen wäre, wäre ich dann mit 18 Jahren vielleicht eine ganz brauchbare KZ-Wärterin oder KZ-Sekretärin geworden? Ich war 35 Jahre alt und wusste nur zu gut, wie dumm und gedankenlos ich als 18-Jährige noch gewesen war.
Vor diesem Hintergrund sehe ich die Verurteilung damals 18-19-Jähriger mit gemischten Gefühlen, genauso wie die angeblich so großartige „Verarbeitung“ unserer Vergangenheit. Da ist nichts „verarbeitet“ worden, im Gegenteil. Die meisten derjenigen, die wussten, was sie taten, kamen auch nach der Hitlerzeit wieder in Amt und Würden oder konnten mit staatlicher oder kirchlicher Hilfe fliehen. Verurteilt wurden diejenigen, die vielleicht zu jung oder zu dumm waren, wirklich zu verstehen, was sie taten, wobei sie vermutlich tatsächlich nur gedankenlos Befehlen gefolgt waren. Das kann man von den Globkes, Kiesingers und Filbingers, um nur wenige Beispiele von vielen zu erwähnen, kaum sagen. (Wer darüber Genaueres wissen will, lese das Buch von Ralph Giordano: „Die zweite Schuld“).
Hilflosigkeit
Vor allem aber wurden wir, die Spätgeborenen und die noch Jüngeren alleine gelassen mit dieser sogenannten „Verarbeitung“. Das begann schon mit unserem Geschichtsunterricht, der zumindest teilweise noch von Nazilehrern erteilt wurde, die sich erfolgreich darum drückten, uns die Geschichte von 1933-1945, geschweige denn, wie es dazu kam zu lehren. Mein eigener Geschichtsunterricht (Abitur 1953) endete zum Beispiel im Jahr 1914. Später hörte ich von Jüngeren, dass das auch in den frühen 60er Jahren noch so war. Als ich in den 90er Jahren mit einem Bekannten, der ungefähr 10 Jahre jünger als ich gewesen sein mochte, über die Geschichte mit meinem Onkel sprach, erzählte er mir, dass sich ein Drittel (!) seiner Klassenkameraden umgebracht hätten, weil sie mit ihren Nazi-Vätern nicht mehr hätten leben können. Diese Suizide sind schrecklicher Ausdruck der Hilflosigkeit, der wir Jüngeren ausgeliefert blieben. Für diese Jungen war ihre späte Geburt zum tödlichen Fluch geworden.
Auch in meiner Ausbildung zur Lehrerin für Deutsch und Englisch in den 70er Jahren war nie die Rede von Geschichte oder Vergangenheitsbewältigung, geschweige denn davon, wie wir die unseren Schülern beibringen sollten. So dass auch ich nur hilflos war angesichts von Bemerkungen wie: „Meine Oma sagt, das war alles ganz anders“. Was sollte ich auch gegen eine Oma sagen, die nicht verkraften konnte, dass ihr Mann für ein Verbrecher-Regime gestorben war!
Unterschiedlich wertvolle Deutsche
Die „Gnade der späten Geburt“ ist also eine Fiktion. Es gab jedoch eine „Gnade“ der frühen (!) Geburt, von der allerdings kaum jemand etwas weiß, weshalb es notwendig ist, davon zu erzählen. Dafür muss ich nochmal zu Frau Pich zurückkehren.
In Frau Pichs Denkuniversum hatten nämlich auch Deutsche unterschiedliche Wertigkeiten. Am höchsten stehend waren die Reichsdeutschen, das waren die Deutschen, die nach der Besetzung in diesen jetzt „Westpreußen“ genannten Teil Polens gezogen waren. Zu denen gehörte auch meine Familie, und ich war stolz darauf, nicht nur Germanin, sondern auch Reichsdeutsche zu sein.
Dann gab es die Volksdeutschen, die einen geringeren „Wert“ hatten. Das waren Deutsche, die auch schon in Bromberg gewohnt hatten, als es noch polnisch war (und von denen manche viele Jahrzehnte später als „Aussiedler“ nach Westdeutschland kommen sollten). Zwar vermittelte uns Frau Pich diese Wertigkeit, wir jedoch machten innerhalb unserer Schulklasse keinen Unterschied zwischen Reichs- und Volksdeutschen.
Die drittbesten Deutschen waren die „Eingedeutschten“. Das waren diejenigen Polen oder sonstigen Ausländer, die Deutschland laut Frau Pich so wunderbar fanden, dass sie unbedingt Deutsche werden wollten und daher „eingedeutscht“ wurden. Solche „Eingedeutschten“ sollten wir kennenlernen und zugleich auch lernen, dass Frau Pich offensichtlich gar nichts von ihnen hielt.
„Eingedeutschte“
In unserem Klassenzimmer standen damals jene Schulbänke, die es heute vielleicht gar nicht mehr gibt: Je eine Bank, zusammengeschraubt mit einem Tisch für zwei Schüler:innen. Diese Schulbänke standen in drei Reihen von jeweils sechs oder sieben Bänken hintereinander. Wir saßen verteilt über diese drei Reihen, als uns Frau Pich eines Tages (ich glaube, in der vierten Klasse, da waren wir 9 Jahre alt) befahl, uns auf zwei Reihen zusammen zu setzen, so dass die dritte Reihe frei blieb. Schon das gefiel uns gar nicht, wir mussten uns ja ganz anders zusammensetzen als wir vorher gesessen hatten.
Dann ging die Tür auf, und herein kamen 12-14 Kinder unseres Alters, die sich auf die Plätze der freigemachten Schulbank-Reihe setzten. Darunter war ein Mädchen, das so wunderschön war mit ihren weißblonden Haaren, dass ich sofort dachte: Die möchte ich zur Freundin haben! Daraus wurde allerdings nichts. Denn nun erklärte uns Frau Pich, diese Kinder seien eingedeutschte Polen. Wir hätten die Aufgabe, sie zu bewachen und darauf zu achten, dass sie kein Polnisch sprechen. Zusätzlich ordnete sie den besseren Schüler:innen unter uns je eines dieser Kinder zu, auch mir. Wir hatten in den kleinen Pausen die Hausaufgaben dieser Kinder für die jeweils nächste Stunde zu überprüfen und Fehler mit Bleistift anzustreichen. Das wurde dann anschließend von Frau Pich kontrolliert.
Heimlicher Widerstand Neunjähriger
Das war das erste Mal, dass sich bei mir so etwas wie Widerspruchsgeist regte. Was sollte das? Diese Kinder waren jetzt doch Deutsche, also war doch alles in Ordnung? Sollten wir gar petzen? Also das ging gar nicht. Ich vermute mal, die anderen in der Klasse dachten ähnlich, nur sprachen wir leider nie darüber. Mir war ein Junge zugeteilt, der so schüchtern war, dass er kaum wagte, mit mir zu reden. Ich versuchte, ihm so freundlich wie möglich seine Fehler zu erklären, aber er nickte immer nur. Ansonsten waren diese nun für uns durch zusätzliche Arbeit gefüllten kleinen Pausen natürlich keine Pausen mehr, sondern eine Belastung.
Die einzige Pause, die wir alle wirklich hatten, war die große Pause. In ihr stürmten wir deutschen Kinder befreit hinaus auf den Schulhof – und, als ob wir das verabredet hätten, so weit wie möglich weg von dem Gebäude, wo wir dann spielten. Gelegentlich beobachtete ich aus der Ferne, wie unsere polnischen Klassenkamerad:innen in drei kleinen Grüppchen entlang der Mauer des Schulgebäudes standen und zornig (das konnte man ihren Gesichtern ablesen) miteinander sprachen. Niemand von uns wollte wissen, ob sie polnisch oder deutsch sprachen. Petzen ging nun mal gar nicht. Warum diese Kinder so zornig waren, wusste ich aber auch nicht.
Ich weiß nicht mehr, wie viele Wochen oder Monate dieser Zustand andauerte. Aber eines Tages waren die polnischen Kinder wieder weg. Einfach weg. Frau Pich hielt es nicht für nötig, uns irgend etwas zu erklären – und wir fragten nicht. Ich glaube, wir waren einfach nur erleichtert, jedenfalls war ich das. Da wir untereinander nie darüber gesprochen hatten und auch jetzt nicht darüber sprachen, kann ich nur vermuten, dass es uns allen so ging. Es war vor allem eine Belastung gewesen, die wir zwar nicht verstanden, aber dennoch gespürt hatten. Ich habe mich jahrelang gefragt, was aus diesen Kindern wohl geworden war.
Gnade oder Fluch?
Erst Jahrzehnte später (auch das gehört zu unserer so großartigen „Verarbeitung“) erfuhr ich von der „Aktion Lebensborn“, jener schrecklichen Institution, die polnischen Eltern ihre „arisch“ aussehenden (!) Kinder zu Tausenden einfach weggenommen, manchmal auf der Straße oder im Kindergarten abgegriffen hatte, um sie dann zwangsweise einzudeutschen und von SS- oder SA-Familien adoptieren zu lassen.
Hier kann man aber von einer „Gnade der FRÜHEN Geburt“ sprechen. Ich jedenfalls hoffte, dass meine polnischen Klassenkamerad:innen, die damals ja auch schon 9 Jahre alt waren, eine Chance hatten, ihre richtigen Eltern wiederzufinden, weil sie sich noch an sie und an ihren richtigen Namen erinnern konnten. Anders war das nämlich bei dem älteren Mann, den ich vor einigen Jahren anlässlich einer Ausstellung über die „Aktion Lebensborn“ in Freiburg kennenlernte. Er war seinen polnischen Eltern schon im Alter von zwei Jahren entrissen worden und hatte sein Leben damit verbracht, vergeblich nach seinen richtigen Eltern zu suchen. Auch bei ihm und vielen anderen war die späte Geburt nicht Gnade sondern Fluch geworden.
Fazit
Ich fand es notwendig, davon zu erzählen, weil heute, im Jahr 2025, die Medien sich nicht genug tun können, auf die „Bösartigkeit“ der Russen hinzuweisen, unter anderem mit der Begründung, sie würden ukrainische Kinder entführen, um sie zu „russifizieren“. Dass sie dergleichen von uns Deutschen gelernt haben könnten, wird nie dazugesagt, gehört jedoch dazu.
Aber mehr noch: Aus meiner eigenen Schulzeit heraus weiß ich ziemlich genau, was ukrainische und russische, israelische und palästinensische, sudanesische und myanmarische Kinder, jedenfalls alle Kinder, die im Krieg aufwachsen, in der Schule lernen: „Wir sind die Guten, die anderen sind die Bösen und müssen vernichtet werden.“ Vernichtet! Als Kind hält man das dann für normal. Deshalb gibt es weltweit Kindersoldaten, die ihr Soldatentum ebenfalls für normal halten, sich sogar für Bombenattentate opfern, weil sie ernstlich glauben, ihrem Gemeinwesen damit etwas Gutes zu tun.
Abgrenzung und Ausgrenzung
Was wir Deutschen aus unserer Geschichte hätten lernen müssen, was aber die Wenigsten von uns wirklich gelernt haben, ist der Unterschied zwischen Abgrenzung und Ausgrenzung. Mit der Ausgrenzung aus Lokalen, Straßenbahnen, Theatern, Schulen, Universitäten, Berufen usw. begann die Ausgrenzung der Juden, die schließlich in ihrer Ausgrenzung aus dem Leben endete. Diese furchtbare Konsequenz trägt „Ausgrenzung“ potentiell immer in sich, auch wenn man glaubt, so etwas doch gar nicht zu meinen.
Wenn Menschen „anders“ sind als wir selbst, also eine andere Meinung haben oder anders aussehen, anders sprechen, anders denken, eine andere Religion haben oder eine andere Kultur, so ist es verständlich, wenn uns das erst einmal abschreckt. Denn die Vorsicht vor dem, was uns unbekannt ist, ist uns angeboren und hat eine natürliche Schutzfunktion.
Ebenfalls angeboren ist uns jedoch die Neugier auf alles „Andere“, die wir übrigens mit vielen Tieren teilen. Sie kann uns helfen zu entdecken, dass solche „Anderen“ ja auch interessant und eine Bereicherung sein könnten. Schon deswegen dürfen wir sie niemals ausgrenzen, sondern sollten genau auf sie hinschauen und hinhören.
Wir dürfen und sollten uns jedoch abgrenzen von dem, was uns nicht richtig erscheint oder unbehaglich ist. Das ist allerdings erheblich anstrengender als das einfache In-eine-Schublade-stecken und basta. Denn dazu müssen wir mit den je „Anderen“ zunächst einmal sprechen, um sie vielleicht auch zu verstehen. Das setzt Denken und Handeln voraus, gar Argumente finden, was vielen von uns zu mühselig ist.
Eines ist jedoch sicher: Das Aushalten der „Anderen“ neben und mitten unter uns ist garantiert leichter als das Aushalten und Ertragen von Terror oder Bomben. Wenn die Menschheit überleben soll, müssen wir Menschen das schaffen. Und ich denke: Das können wir auch!
Es gibt auf Youtube einen wunderbaren dänischen Drei-Minuten-Film von vor sieben Jahren, auf Englisch, aber mit deutschen Untertiteln, der uns dabei helfen kann: „Was passiert, wenn wir aufhören Menschen in Schubladen zu packen?“ Der Film zeigt uns, dass wir – wie unterschiedlich wir auch sein mögen – mehr miteinander gemein haben als wir glauben.









