Der Neoliberalismus setzt sich fest in unserem Denken und Sein. Eine Auseinandersetzung damit, wie er es da rein schafft.

Unbestreitbar schreibt sich neoliberales Denken in sämtliche Facetten unseres Lebens ein, gleichgültig, ob wir uns dessen bewusst sind oder es ablehnen. Patrick Schreiner untersucht in seinem aufschlussreichen Buch „Unterwerfung als Freiheit. Leben im Neoliberalismus“ nicht den Neoliberalismus als wirtschafts- und gesellschaftspolitische Strömung, sondern seine alltäglichen Mechanismen, „durch die die Menschen diese Ansätze und Ideen als gut, als angemessen und als alternativlos kennenlernen“ (S. 8). Die verheerenden sozialen und materiellen Folgen des Neoliberalismus für die arbeitende Bevölkerung sind dem Autor bewusst. Das Buch verfolgt hingegen das Ziel, neoliberale Ideologie und Herrschaft zu analysieren, indem die Untersuchung den Schwerpunkt auf die Entstehung neoliberaler Subjekte legt.

Von der Entwicklung zur Durchsetzung

Der Begriff Neoliberalismus ist vielen vertraut, dennoch bleibt häufig unklar, welche Bedeutung sich dahinter genau verbirgt. Der Autor bietet einen grundlegenden Einstieg, indem er den Neoliberalismus allgemein betrachtet und definiert sowie seine historische Entwicklung darstellt. Dabei wird einerseits die Ideengeschichte mit zentralen Vordenkern und zum anderen die Um- und Durchsetzung mit ihren zentralen Entwicklungsschritten beschrieben.

Nach der Betrachtung der Pinochet-Diktatur in Chile zwischen 1973 und 1988, die zentral für die Durchsetzung des Neoliberalismus insgesamt war, räumt Schreiner mit einigen Mythen auf. Von einem schwachen Staat und gesellschaftlicher Freiheit, die oft mit dem Neoliberalismus in Verbindung gebracht werden, könne in der Militärdiktatur keine Rede sein. Der Neoliberalismus ist autoritär und repressiv in der Aufrechterhaltung und Durchsetzung der Marktordnung, was nicht zuletzt in linken und gewerkschaftlichen Kämpfen zu spüren ist.

Ein weiterer historischer Meilenstein des Neoliberalismus ist zugleich ein trauriger Tiefpunkt der Sozialdemokratie. Seit den 1990er und 2000er Jahren sind sozialdemokratische Parteien in den westlichen Industriestaaten federführend bei der Umsetzung neoliberaler Reformen. „Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen abfordern müssen“ (S. 16), sagte beispielsweise nicht der Posterboy der neoliberalen Vorzeigepartei, sondern der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder im Bundestag 2003. Die SPD verabschiedet sich abschliessend von den letzten Resten ihrer linken Vergangenheit und verbleibt so bis heute.

Entgrenzter Markt und seine Logiken

Als Kern neoliberalen Denkens arbeitet der Autor idealisierte Vorstellungen von freien Märkten heraus, die nicht nur in Wirtschaft und Politik Einzug finden, sondern auch auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen werden. Unser gesellschaftliches Zusammenleben wird dadurch vielfach nach diesen Prinzipien strukturiert. Marktkonformes Verhalten zeige sich hierbei in der Konkurrenzfähigkeit gegenüber anderen, der Unterwerfung unter die Regeln des Marktes, dem aktiven Streben nach Erfolg und der Anpassungswilligkeit an immer neue Bedingungen. Für die einzelnen Subjekte ergibt sich dabei ein Dreischritt aus Selbstanalyse, Selbstoptimierung und Selbstdarstellung. Dass man bei diesen Schlagworten unweigerlich an Instagram und McFit denkt, verwundert nicht, denn Schreiner sieht darin Vehikel neoliberalen Denkens.

Der Hauptteil des Buches beschäftigt sich mit solchen gesellschaftlichen Orten, an denen neoliberale Moral vermittelt und eingeübt wird. Einer der untersuchten Bereiche ist der Sport. Mit Blick auf die lange Tradition von Arbeiter*innensportvereinen wird deutlich, dass nicht alle Lebensbereiche per se neoliberal sind. Vorstellungen von Wettbewerb, individueller Leistung und attraktiven Körpern machen den Sport aber wie auch andere Bereiche oft anschlussfähig an neoliberales Denken. Gleiches gilt auch für verschiedene TV-Formate, in denen die Teilnehmer*innen um das Wohlwollen der Jury oder des Publikums ringen. Ziel ist die Selbstoptimierung und Unterwerfung unter die vorgegebenen Regeln, die oft proaktiv und reibungslos internalisiert werden. Kritisches Denken hat dabei weder im noch vor dem Fernseher Platz.

Der Blick auf Ratgeberliteratur und Esoterik macht deutlich, wie gesellschaftliche Fehlentwicklungen als individuelle Probleme dargestellt werden, die durch eine „positive Einstellung zu sich selbst“ oder den Kauf der „richtigen“ Produkte gelöst werden können. Dabei entstehen oft ganze Wirtschaftszweige, in denen viel Geld steckt. Eine wirkliche und ehrliche Auseinandersetzung mit den Problemen der Menschen sucht man hier jedoch vergeblich.

Der asketische Lebensstil einer „protestantischen Ethik“, den Max Weber noch als zentrale Entstehungsbedingung des Kapitalismus beschrieb, hat sich spätestens in der Nachkriegszeit grundlegend gewandelt. Seither ist der Konsum zentraler Bestandteil und Motor des Kapitalismus, insbesondere in seiner neoliberalen Ausprägung. Auch Schreiner geht auf diesen zentralen Bestandteil des heutigen Lebens ein. Konsum dient dabei oft nicht der Befriedigung von Grundbedürfnissen. Vielmehr wird ein bestimmter „Lifestyle“ angestrebt und inszeniert. Die Abgrenzung von den unteren Klassen durch Konsum war schon vor dem Neoliberalismus üblich, nun geht es auch um scheinbaren Individualismus, indem man sich innerhalb der eigenen Gruppe versucht, von den anderen abzuheben.

Ausblick aus der Misere

Insgesamt überzeugt die Argumentation des Autors, wobei die zahlreichen Praxisbeispiele einen anschaulichen Zugang bieten. Hierbei zeigt sich allerdings auch, dass das Buch schon einige Jahre alt ist und die jüngsten Entwicklungen der Pop-Kultur nicht berücksichtigt. Inzwischen ist nicht mehr der Fernseher das hiesige Leitmedium, sondern Netflix und TikTok. Die beschriebenen Mechanismen bleiben nichtsdestotrotz wirkmächtig.

Das Ausgreifen der Marktlogik auf neue Bereiche, wie den Gesundheits- und Bildungssektor, spüren wir bereits deutlich. Demgegenüber ist in den letzten Jahren auch eine Zunahme des Widerstands zu beobachten. Neben Streiks in Krankenhäusern und gewerkschaftlicher Organisierung an Universitäten gibt es starke und breite Initiativen gegen den privatisierten und enthemmten Wohnungsmarkt. Eine schlagkräftige Gegenstrategie gegen die Einübung neoliberalen Denkens ist hingegen bisher nicht zu beobachten.

Während Teile der Linken versuchen, sich in Landkommunen den Marktlogiken zu entziehen, geben sich andere den neoliberalen Angeboten hemmungslos hin. Neoliberale Herrschaft stellt uns vor ein Dilemma: Sie funktioniert oft nicht durch Zwang, sondern durch die Zustimmung des Einzelnen. Sie schafft Angebote, die viele Menschen mit relativer Zufriedenheit annehmen. „Freiheit“ im Neoliberalismus bleibt ambivalent. Als negative Freiheit gedacht beschreibt sie die Freiheit vor staatlichen Eingriffen. Unterschlagen wird bei dieser Vorstellung die stetige abverlangte Unterwerfung unter die neoliberalen Marktmechanismen und entsprechenden Vorstellungen von Gesellschaft.

Wirkliche Freiheit ist das nicht, aber auch keine direkt erfahrbare Unfreiheit. Hier liegt die Schwierigkeit eines linken Auswegs, den auch der Autor nicht anbieten kann. Auch wenn die linke Strategieentwicklung noch einiges an Wegstrecke vor sich hat, ist mit den Einsichten durch Schreiners Band zumindest ein erster Schritt getan.

Jonas Baake
kritisch-lesen.de

Patrick Schreiner: Unterwerfung als Freiheit. Leben im Neoliberalismus. PapyRossa Verlag, Köln 2020. 133 Seiten. ca. SFr. 16.00. ISBN: 978-3-89438-573-6.

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