Die Corona-Pandemie hat Folgen für das Gesundheitssystem, die mit dem Virus nicht direkt zu tun haben. Wie können wir gegensteuern? Das fragt sich die Ärztin Natalie Grams in ihrer Kolumne.

Ein Jahr Pandemie. Und damit auch ein Jahr Corona-„Infodemie“: Sars-CoV-2 hier, Covid-19 da, mit ständig wechselnden Schwerpunkten und Themen, die dauernd auf uns einprasseln. Da ist es kaum ein Wunder, dass andere Themen im Medizinbetrieb ein wenig untergehen. Wer – außer den Insidern – hat noch den Überblick über das Große und Ganze der allgemeinen Gesundheitsversorgung?

Wichtig wäre es allerdings. Denn die Krise im Medizinbetrieb beschränkt sich ja nicht auf die akut problematische Situation der Kliniken und der Intensivstationen. Nehmen wir die Neigung vieler Patienten und Patientinnen, einen Arztbesuch zu verschieben oder ganz darauf zu verzichten, auch wenn er eigentlich aus guten Gründen fällig wäre. Sicher ist: Entlastet wird das Gesundheitssystem damit nicht.

Für die Zeit der „ersten Welle“ gibt es dazu Zahlen. Die klassischen Notfallaufnahmen wegen Schlaganfällen und Herzinfarkten gingen deutlich zurück, teils um mehr als 30 Prozent. Allerdings gewiss nicht, weil es weniger Schlaganfälle und Herzinfarkte gegeben hätte: Der Rückgang der klinischen Fallzahlen ging, wie die Daten belegen, mit einer gegenüber den Vorjahren insgesamt erhöhten Sterblichkeit bei den Patienten aus den einschlägigen Gruppen einher.

Den Arztbesuch besser nicht aufschieben

Es gab also Kollateralschäden, das steht außer Frage. Zu oft verzichten solche Patienten und Patientinnen auf die stationäre Behandlung, die leichte oder nicht lang anhaltende Beschwerden bemerken (wir Mediziner reden hier von einer „TIA“ – leichte, binnen 24 Stunden zurückgehende Schlaganfallsymptome). Sie übersehen dabei aber, dass solche Symptome oft Vorzeichen für eine bevorstehende ernsthafte Störung sind. Ein verschobener Besuch beim Arzt bedeutet jedoch, dass eine Erstdiagnose später gestellt wird – auch bei schweren Erkrankungen wie Krebs. Keine andere Krankheit ist weniger behandlungsbedürftig oder gar verschwunden, nur weil es Covid-19 gibt!

Dennoch, und damit zum Knackpunkt: Zu viele verzichten auf medizinische Hilfe – aus Furcht, sich im Krankenhaus oder in der Arztpraxis mit dem Virus Sars-CoV-2 anzustecken. Dabei sind Ärzte und Kliniken inzwischen mit ihren Schutzmaßnahmen und Hygienekonzepten schon viel, viel weiter als noch im Frühjahr. Tatsächlich gibt es, sagt zum Beispiel der Pressesprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft, „in der jetzigen Zeit kaum einen Ort, der so sicher ist wie eine Klinik für Neurologie“.

Also in aller Deutlichkeit: Niemand sollte auf Hilfe verzichten! Das gilt für akut Erkrankte, aber auch und vor allem für chronisch Kranke. Sie müssen gemeinsam mit ihren Ärzten dafür sorgen, dass ihre Versorgung so engmaschig wie nötig bleibt. Wir alle müssen weiter daran arbeiten, die Infektionszahlen zu drücken, bis uns hoffentlich in naher Zukunft die Impfung gegen Sars-CoV-2 dabei helfen wird. Unser aller Beitrag bleibt nötig: Mund-Nasen-Schutz, Abstandsregel und Kontaktbeschränkung sind die Basics, an denen noch kein Weg vorbeiführt.

Entlastung für Kliniken und Mediziner

Denn wir sollten immer daran denken, dass unsere Kliniken räumlich und personell ungemein beansprucht sind: Sie müssen stationäre Aufnahmen allgemein beschränken, und alle anstehenden Operationen stehen notgedrungen auf dem Prüfstand. Es muss in jedem Einzelfall verantwortlich beurteilt werden, ob der Eingriff dringend notwendig ist. Zwar kommt er weiter in Betracht, wenn es medizinisch vertretbar ist – dennoch stehen wir damit massiven Einschränkungen der uns gewohnten Bedingungen gegenüber.

In anderen Ländern geht es weit dramatischer zu. Dort mussten ganz real Ressourcen – meist personeller Art – so weit zu Gunsten der Versorgung Covid-19-Kranker umgeschichtet werden, dass es zu tiefgreifenden Versorgungsengpässen kam. Nach den Zahlen der WHO von Mitte des Jahres 2020 mussten schon damals 31 Prozent der Länder die Versorgung bei akuten Herz-Kreislauf-Problemen einschränken oder gar unterbrechen. 42 Prozent reduzierten die Versorgung bei Krebspatienten, 49 Prozent bei Diabetespatienten, und mehr als die Hälfte aller Länder waren nicht in der Lage, die Versorgung von Bluthochdruckpatienten durchgängig zu gewährleisten. Reha-Programme fielen in 63 Prozent der Länder den Zwängen der Corona-Pandemie zum Opfer, auch bei Vorsorgeprogrammen kam es zu starken Einschränkungen. Das betrifft die gesamte Gruppe der nicht übertragbaren Krankheiten, an der laut WHO jährlich rund 41 Millionen Menschen sterben, was mehr als 70 Prozent aller Todesfälle ausmacht.

Demgegenüber erscheint es vergleichsweise harmlos, wenn hier zu Lande – wie bei einem Freund von mir – eine lange geplante stationäre Chemotherapie nur teilstationär in einer Tagesklinik durchgeführt werden kann. Für ihn ist dieser Unterschied nicht egal, denn die Therapie fordert ihn im Alltag nun weit mehr! Notfälle wie Schlaganfall oder Herzinfarkt aber sind auch in Corona-Zeiten Notfälle. Und die hierauf spezialisierten Einrichtungen (wie die „Stroke Units“ für Schlaganfallpatienten) bleiben einsatzbereit. Jede Ärztin, jeder Arzt, jede Klinik wird alles daransetzen, im medizinischen Notfall jede mögliche Hilfe zu leisten, Corona hin oder her.

Übrigens: Wenig bis gar nicht bekannt ist, dass die Grippeimpfung nach zahlreichen Beobachtungsstudien auch das Schlaganfall- und das Herzinfarktrisiko signifikant senkt. Ihr Vorteil liegt deshalb gerade in Corona-Zeiten nicht nur in der Vermeidung mehrfacher Infektionen. Sie ist nach wie vor zu haben – und nach wie vor sehr sinnvoll.

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