Palästinensische Frauen müssen gehört werden

15.12.2020 - PAX

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Portugiesisch verfügbar.

Palästinensische Frauen müssen gehört werden
(Bild von Pax for Peace)

Auf welche Weise verschärft die Coronakrise die bereits schwierige Situation für Palästinenser*innen? Um dem auf den Grund zu gehen, hat Anna Timmerman, Generaldirektorin von PAX,  Lucy Nusseibeh interviewt, die Gründerin und Vorsitzende von Middle East Nonviolence and Democracy (MEND), eine von PAX´s Partnerorganisationen in Palästina. Sie sprachen über die Stärkung weiblicher Stimmen, gewaltfreien Widerstand und Hoffnung in beinahe hoffnungslosen Zeiten. Nusseibeh dazu: „Jede Form von Vertrauen und Unterstützung hilft Mädchen, mehr aus sich selbst zu machen.“

Eigentlich hatte ich mich auf eine Reise nach Israel und Palästina gefreut, aber Covid-19 hat meine Pläne durchkreuzt.

Lucy Nussibeh: „In den palästinensischen Gebieten und in Jerusalem, wo ich lebe, sind die Infektionszahlen sehr hoch. Zurzeit herrscht ein strenger Lockdown. Und doch scheint es so, als würden die Menschen es nicht wirklich ernstnehmen – nur wenige tragen Masken. Viele Leute halten das Ganze für eine Verschwörung, eine Lüge, für nicht real. Das ist zum Teil Verleugnung und zum Teil ein hoffnungsvoller Glaube an die eigene Immunität. Am Anfang gab es große Solidarität und der soziale Zusammenhalt wuchs. Sogar die Wertschätzung für die palästinensische Regierung ist gestiegen. Die Menschen waren zufrieden damit, wie mit der Krise umgegangen wurde. Aber die Situation hat sich verschlechtert.“

Ich war nicht mehr in Israel und Palästina seit 1997, als ich Geschichte im Westjordanland an der Bir Zeit Universität studiert habe. Meine Zeit dort inspirierte mich, Feministin zu werden und für Menschenrechte zu arbeiten. Palästina und Israel haben einen besonderen Platz in meinem Herzen. Wie ist die Situation dort momentan?

„1997 war es sehr anders – es gab einen tatsächlichen Friedensprozess. Das ist nicht mehr der Fall. Natürlich gab es damals auch einige Blockaden, die aber kamen und gingen. Die aktuelle Situation ist alarmierend. Ich dachte häufig, dass sie nicht schlimmer werden könnte. Aber ja, sie kann. Als das Oslo-Abkommen unterschrieben wurde, hatten die Menschen Hoffnung. Aber letztendlich wurde alles militarisiert. Damals im Jahr 1997 gab es weitaus weniger Waffen. Jetzt sind Waffen überall und die Menschen gehen nicht sehr klug damit um. Sie schießen in die Luft, schießen beim Feiern auf Hochzeiten – diese Schüsse verletzen manchmal versehentlich Menschen. Und die Leute benutzen Waffen bei Familienstreitigkeiten. Sie sind viel zu einfach zu erwerben und werden viel zu leicht benutzt.“

Welche Veränderungen hast du in jungen Menschen beobachtet, insbesondere hinsichtlich ihres politischen Bewusstseins?

„Früher haben sich alle mit Politik auseinandergesetzt. Die Bevölkerung war kleiner, die Menschen kannten sich untereinander viel besser. Es war unmöglich hier zu leben, und nicht Teil davon zu sein. Aber jetzt… die Menschen sind viel weniger davon berührt, sie werden sehr entmutigt davon, was sie um sich herum beobachten. Es gibt viel weniger, worauf man hoffen kann. Ich sehe keine Hoffnung für einen Staat, keine Hoffnung auf Frieden. In der Vergangenheit wollte jeder, dass Palästina ein Leuchtfeuer wird – aber keiner glaubt mehr daran. Menschen wissen nicht mehr so viel, sind weniger gebildet in ihrem Denken. Viele Menschen wissen nicht einmal, was während der Kriege in den Jahren 1948 oder 1967 passiert ist. Man würde denken, dass es Allgemeinwissen ist – aber das ist nicht der Fall. Es gibt ebenso mehr Individualismus – die Gesellschaft ist stärker fragmentiert. Das entwickelte sich so nach dem Oslo-Abkommen. Die Menschen sind verschuldet und stecken in Systemen fest, aus denen sie nicht herauskönnen. Die Lebenssituation hat sich genauso verschlechtert. Früher lebten die Menschen in Häusern mit Garten – jetzt leben sie ein großen Mehrfamilienhäusern, ein Stock auf dem anderen, mit wenig Platz zwischen den Gebäuden.“

Wie behältst du die Hoffnung?

„Ich schaffe es nicht immer. Aber glücklicherweise ist da die Arbeit, der ich nachgehe, gemeinsam mit anderen, gemeinsam mit PAX. Sie bewirkt etwas, zeigt Ergebnisse. Wir haben keine großen Ziele, dafür ist hier kein Platz. Was wir aber sehen, ist Wachstum. Es verändert nicht die gesamte Situation auf einmal, aber wir gehen kleine Schritte. Es gibt keine Hoffnung mehr auf nationalen Frieden, nein. Wir arbeiten auf kleiner Ebene und helfen dort, wo es möglich ist.“

Kannst du erklären, wie du trotz allem für den Frieden arbeitest?

„Training von gewaltfreiem Widerstand und Ermächtigung von Frauen sind der Hauptbestandteil unserer Arbeit. Wir führen Bildungsprojekte durch, darunter eines speziell für Mädchenschulen, um die Frauen der Zukunft selbstbewusster zu machen. Eines der von PAX geförderten Projekte ist es, Mädchen und Frauen dabei anzuleiten, Videos mit ihrer eigenen Geschichte aufzunehmen. Häufig kümmern sie sich nicht darum, dass ihre Stimmen gehört werden – wegen der patriarchalen Gesellschaft. Dies ist einzige Möglichkeit dafür, dass sie gehört werden können. Es hilft ihnen dabei, Selbstvertrauen aufzubauen und es zeigt anderen Frauen, dass sie berechtigt sind, zu existieren und dass sie laut werden müssen.“

Haben diese Videos eine breitere Wirkung?

„Es fängt im Kleinen an, wir arbeiten in Gruppen von acht Frauen. Sie filmen und werden gefilmt. Sie haben sich an ihren eigenen Klang, an ihre eigene Stimme gewöhnt. Es hat einen großen Effekt, obwohl die Filme technisch nicht sehr professionell sind – wir erwarten keine Oscars dafür. Aber die Menschen fühlen, dass die Filme das zeigen, was real ist. Die Filme werden einem größeren Publikum gezeigt, politischen Entscheidungsträgern. Dies hat das Ergebnis guter Diskussionen, es steigert das Bewusstsein. Wir haben das auch in einem Flüchtlingscamp gemacht. Eines der Videos handelte von einer geschiedenen Frau mit fünf Kindern. Scheidung ist etwas, das sehr verachtet wird. Es wurde so umgesetzt, dass du die Frau in dem Film nicht zu erkennen war – aber sie war bei einer Vorführung so stolz auf sich, dass sie aufstand und rief: „Das bin ich! Bitte begeht nicht die gleichen Fehler wie ich.“ 16- und 17-jährige Mädchen werden gezwungen, zu heiraten, aber diese frühen Ehen bringen viele Gefahren mit sich. Solche Frauen warnen davor. Nachdem sie das Video gesehen hatten, nahmen die Entscheidungsträger die Probleme in den Flüchtlingslagern sehr viel ernster.“

Und die Probleme sind selbstverständlich gewaltig…

„Ja, es gibt viel Wut und Frustration. Wir trainieren ihren Umgang damit und wie man diese Gefühle in gewaltfreien Widerstand verwandeln kann. Die Frauen, die an unseren Projekten teilnahmen, vollbringen wichtige Arbeit. Sie unterrichten an Schulen über Geschlecht, Medien und menschliche Sicherheit. Sie arbeiten als Aktivisten und wollen in den Stadtrat. Sie vertreten leidenschaftlich Frauenrechte – etwas, das wunderschön zu beobachten ist. Es hat einen großen Einfluss. Wir arbeiten auch mit Jungen und Mädchen. Wir arbeiten mit dem Bildungsministerium zusammen. Es gibt Kurzversionen der Videos für Smartphones. Wir zeigen, wie sich mediale Berichte verstehen und hinterfragen lassen. Wir zeigen, wie man Geschichten erzählt. Wir bringen Lehren bei, wie sie Trainer werden können. Es geht darum, eine Gemeinschaft aufzubauen – nicht um Protest, sondern sozialen Zusammenhalt. Das bildet die Grundlage für Gewaltfreiheit. Wenn du dich selbst präsentierst und deine Menschlichkeit zeigst, bist du sehr mächtig. Die Leute machen sich klein und lassen sich klein reden. Dem wollen wir entgegenwirken.“

Wie viel Einfluss hat die Besetzung auf diese Gefühle?

„Die Jahre der Unterdrückung haben großen Schaden angerichtet. Sie nähren das Gefühl, Opfer zu sein. Aber die Menschen müssen dem entkommen und die Komplexität der Besetzung begreifen. Und für Frauen ist es eine Art doppelte Besetzung. Es gibt großen Druck und Corona verschlimmert das Ganze noch. In den Flüchtlingslagern im Westjordanland werden alle beobachtet und verurteilt. Es ist schwierig, sich frei zu fühlen. Jede Form von Vertrauen und Unterstützung hilft Mädchen, mehr aus sich zu machen. Sich weniger darum zu sorgen, was Tradition und Gesellschaft von ihnen erwarten.“

Ich bin recht neu bei PAX – hast du irgendeinen Ratschlag für uns?

Mit PAX zu arbeiten, fühlt sich an wie eine Partnerschaft. Da ist Offenheit und Vertrauen. PAX schafft es, positiv zu bleiben. Das an sich ist eine ziemliche Errungenschaft. Ihr fokussiert euch auf die richtigen Dinge. Das Videoprojekt über Geschlechter war schwer auf die Beine zu stellen. Jetzt, dank eurer Hilfe, klappt es. Tatsächlich werden wir bei dieser Methode auch von Institutionen wie die EU und die UN gefördert. Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung und die Art, wie sie geleistet wird. Bleibt offen dem gegenüber, was andere sagen und geht Risiken ein – so wie ihr es bisher getan habt.

Vielen Dank. Das ist gut zu hören. Lass es uns wissen, wenn wir etwas verbessern können. Ich freue mich darauf, Dich persönlich kennenzulernen.

Danke Dir, und danke euch, für die Unterstützung. Und ich wünsche Dir alles Gute während der Pandemie.

Übersetzung aus dem Englischen von Chiara Pohl vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Wir suchen Freiwillige! 

Kategorien: Gender und Feminismen, Interviews, Menschenrechte, Mittlerer Osten
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