Moewes: Es gibt notwendige, vermeidbare und schädliche Arbeit

17.09.2020 - INFOsperber

Dieser Artikel ist auch auf Italienisch verfügbar.

Moewes: Es gibt notwendige, vermeidbare und schädliche Arbeit
(Bild von © nomen Günther Moewes: «Warum wir eine andere Wirtschaft brauchen»)

Wir dürfen dem Mantra nicht mehr glauben, dass alle Arbeit gut sei und den Wohlstand erhöhe.

Günther Moewes für die Online-Zeitung INFOsperber

Red. Günther Moewes war Professor für die Industrialisierung des Bauens in Dortmund. Er veröffentlichte mehrere kritische Bücher zum Wirtschaftswachstum und zur ungleichen Verteilung des Wohlstands. Infosperber veröffentlicht in unregelmässigen Abständen einige seiner Kolumnen, die im Buch «Arbeit ruiniert die Welt» erschienen sind. Heute übernehmen wir das Vorwort.

«Am Hafen sitzen und in der Sonne dösen»

Ein Unterschied zwischen notwendiger und vermeidbarer oder gar schädlicher Arbeit wird in der heutigen Ökonomie nicht ernsthaft gemacht. Es gibt dazu auch keine nennenswerte Forschung. Es herrscht das Mantra vor, dass alle Arbeit gut sei und den Wohlstand erhöhe. Die Physik ist da schon weiter. Seit 155 Jahren unterscheidet sie zwischen Arbeit, die Material bewegt, und solcher, die keins bewegt. Und ob sie sich fossiler oder solarer Energie bedient. Lediglich die letzte Unterscheidung haben fortschrittliche Teile der Ökonomie bisher zu übernehmen versucht.

Schon 1963 hat Heinrich Böll die Haltung der Wirtschafts- und Wachstumsgesellschaft in einer wunderbaren kleinen Novelle treffend beschrieben (Lit. Kap. 4):

    Ein westlicher Tourist trifft ganz früh am Morgen in einem Hafen «an einer westlichen Küste Europas» auf einen dösenden Fischer. Auf die Frage, warum er bei dem herrlichen Wetter nicht zum Fischen ausgelaufen sei, antwortet der Fischer, er sei bereits einmal ausgelaufen. Der Fang «war so gut, dass ich nicht noch einmal auszulaufen brauche … Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug».
    Das regt den Touristen furchtbar auf:
    «… stellen Sie sich vor, … Sie würden … nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren … Sie würden sich spätestens in einem Jahr einen Motor kaufen können, in drei oder vier Jahren vielleicht einen kleinen Kutter haben … eines Tages würden Sie zwei Kutter haben … Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisungen geben. Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren und dann ….»
    «Was dann?», fragt der Fischer leise.
    «Dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.»
    «Aber das tu’ ich doch schon jetzt», sagt der Fischer.

Besser konnte man 1963 nicht beschreiben, warum die Wirtschaft bis heute unseren Planeten derart ruiniert hat. Dieser Zustand unseres Planeten und seine Ursachen sind durch die Corona-Krise plötzlich noch deutlicher geworden.

Corona-Krise legt Schwachstellen offen

Von einem Tag auf den anderen wird die bisherige Austeritätspolitik über Bord geworfen. Billionen werden lockergemacht. Das legt den Verdacht nahe, dass vieles, was bisher als «nicht finanzierbar» galt, vielleicht doch finanzierbar gewesen wäre. Zum Beispiel ein Grundeinkommen. Und dass das bisherige Mantra einer beschäftigungsbasierten Wirtschaft vielleicht doch falsch ist, wonach Wohlstand nur durch menschliche Arbeit entstehen kann, auch dann, wenn diese überflüssig, sinnlos oder gar schädlich ist. Es waren ja die Auswüchse dieser falschen Wirtschafts- und Arbeitsideologie, die die Ausbreitung der Pandemie zumindest befördert haben:

  • die Sprengung der planetaren Grenzen durch Übervölkerung infolge Armut;
  • der globale Mobilitätswahn durch vermeidbaren Handel und Tourismus;
  • die Störanfälligkeit der Produktionen durch künstlich verkomplizierte Lieferketten;
  • die globale Entsolidarisierung durch nationalen Egoismus und Wettbewerb.

Die Welt wird zum zivilisatorischen Einheitsbrei

Ungehemmter Nationalismus – wenn er in der Bevölkerung auftritt, mit Recht kritisiert – wird in der Wirtschaft beharrlich als Tugend und Wettbewerbsvorteil dargestellt. Jeder Globalisierungskritik wird die wenig überzeugende Belehrung entgegengestellt, dass jede globale Vermischung regionaler Kulturen, Lebensgewohnheiten, Architekturen, Stadt- und Landschaftscharaktere zu Bereicherung und grösserer Vielfalt führe. Das Gegenteil ist der Fall. Die Welt wird zum zivilisatorischen Einheitsbrei. Ihre Vielfalt wird abgebaut. Die verhängnisvolle, antievolutionäre und unumkehrbare Vermischung – in der Physik seit 150 Jahren als «Entropie» kritisiert – wird von Wirtschaft und Politik beharrlich als Fortschrittsmotor dargestellt.

Milliardäre leben in einer eigenen Welt

Wir erleben, wie von niemandem gewählte Milliardäre immer grössere Milliardenbeträge der demokratischen Verfügung durch die gewählten Parlamente entziehen. Kann man das noch «Demokratie» nennen? Die Milliardäre haben eine Welt der zwei Realitäten geschaffen: Auf der einen Seite die offizielle Welt der Sozialprodukte, der Staatshaushalte, der Löhne und Gehälter, der normalen Privatvermögen und der Inflation. In dieser Welt lagen die jährlichen Zuwachsraten vor der Corona-Krise bei ein bis zwei Prozent, in einigen Aufbruchsländern wie China vorübergehend etwas höher.

Auf der anderen Seite die Welt der privaten Milliardärsvermögen. In ihr lagen und liegen die jährlichen Zuwachsraten bei sechs Prozent. Die Staaten wirken dieser Umverteilungsautomatik von unten nach oben nicht durch angemessene Rückverteilung entgegen. Im Gegenteil: Sie verstärken sie noch, etwa indem sie

  • in Europa ärmeren Staaten die Möglichkeit entziehen, ihre Währungen abzuwerten;
  • mit ihrer Exportwut Wirtschaften weniger entwickelter Länder zerstören;
  • oder einfach alle staatliche Rückverteilung als «Umverteilung» denunzieren.

Wenn über die Zerschlagung der deutschen Traditionsfirma WMF Group und die Entlassung tausender Arbeiter nicht mehr vom gewählten Parlament in Baden-Württemberg entschieden wird, sondern vom ungewählten US-Anlageriesen BlackRock in New York – kann man das dann noch «Demokratie» nennen?

Sozial Abgehängte

Die immer monströsere Ungleichverteilung beschränkt sich aber nicht nur auf Kapital und Vermögen. Sie dehnt sich auf alle Lebensbereiche aus. Etwa auf die organisierte Nichtbeachtung des Einzelnen: In Promi-Medien und «sozialen» Netzwerken geniessen aufgeblasene Scheinpromis eine Überbeachtung, deren gesellschaftlichen Sinn oder Vorbildcharakter man vergeblich sucht. Auf der anderen Seite wird den sozial Abgehängten so lange das letzte Selbstwertgefühl geraubt, bis sie in ihrer sozialen Vereinsamung Amok, Terrorismus und Herostratentum anheimfallen und sich die verweigerte Beachtung gewaltsam verschaffen.

Selbst berechtigte Bevölkerungsproteste verlieren sich im Irrationalen. Deutsche Bauern protestieren – im Gegensatz zu britischen – nicht etwa gegen fortschreitende Agrar-Industrialisierung und Flächenkonzentration, gegen Fastfood und Insektensterben, sondern für das «Recht» auf Einbringen von Gülle. Und das mit Treckern und Diesel.

Regierungen vernachlässigen die nötige Vorsorge

Regierungen werden bei der Nachsorge manchmal besser, bei der Vorsorge aber immer schlechter. Der Klimawandel ist ja längst unaufhaltsam da. Es wird in Deutschland nicht immer mehr Dürrejahre geben, sondern unter anderem infolge fehlender Gletscher und Höhenwinde fast nur noch Dürre. Anstatt endlich damit zu beginnen, Stauseen, Rückhaltebecken, Moorvernässungen, Flussauen, Bewässerungskanäle und Berieselungsanlagen anzulegen, lässt man Brüssel und die Agrarminister über nachträgliche finanzielle Dürrehilfen für Grossflächen nachdenken.

Nicht alle Arbeit ruiniert also die Welt. Präventionsarbeit kann sie retten. Doch je unregierbarer die Staaten werden, desto mehr werden sich die Dinge «natürlich» regeln. Etwa indem die Natur gegen Kriege, Klimazerstörungen und Flüchtlingswellen, die von einer falschen Ökonomie und Politik ausgelöst werden, mit immer neuen Pandemien reagiert.

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Obiger Text ist dem Buch von Günther Moewes entnommen (Zwischentitel von der Redaktion): «Arbeit ruiniert die Welt – Warum wir eine andere Wirtschaft brauchen», Nomen-Verlag, Frankfurt a.M.
In Deutschland bestellen für 12.00 Euro; in der Schweiz bestellen für 19.90 CHF. Das Buch enthält Kolumnen, die Günther Moewes in der «Frankfurter Rundschau» publizierte.
Aus dem Verlagsprospekt: «Wie viele Viren, Dürren, Hassmails, Fluten und Orkane muss es noch geben, bis die Unverantwortlichen begreifen, dass ihre Wirtschafts- und Arbeitsideologie die Ursache ist? Das Mantra grosser Teile von Politik und Wirtschaft sind Wachstum und Arbeitsplätze, egal ob nützlich oder schädlich. Und die «Thinktanks» der neuen reichen «Superklasse» wollen uns durch allerlei Theorien weismachen, dass ohne eine ungleiche Vermögensverteilung nicht das Überleben der Menschheit gesichert werden kann.»

Kategorien: Gesundheit, Politik, Wirtschaft
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