Meine persönliche Erfahrung mit der Sinnhaftigkeit und Sinnlosigkeit des Lebens

15.09.2020 - Anne Farrell

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Französisch, Italienisch verfügbar.

Meine persönliche Erfahrung mit der Sinnhaftigkeit und Sinnlosigkeit des Lebens

„Heidegger hat den Nihilismus das Schicksal der westlichen Welt genannt; ich persönlich glaube, dass er Unrecht hat, denn wir sind immer in der Lage, unser kollektives Schicksal zu verändern, indem wir dies mit unserem persönlichen Schicksal tun.“

In diesem Artikel befasse ich mich mit einem Thema das im Verlaufe meines Lebens in den Mittelpunkt gerückt ist. Das Thema „des rettenden Sinnaktes“, also die gültige Handlung in Bezug auf den Sinn des Lebens.

Schon als Kind sah ich mich mit den fundamentalen Fragen und Problemen der menschlichen Existenz konfrontiert. Ich wuchs in den 70er und 80er Jahren im Norden von Ontario und von Québec auf. Zu dieser Zeit und obwohl Kanada ein Ort des Friedens war, wurde meine Familie mit voller Wucht von einem Krieg heimgesucht. Eine Art stiller Krieg, nicht wie die anderen. Ein Krieg der Vernichtung des Seins.

Die „Auslöschung“ des Seins, oder „Die Nichtung des Seins“ wie es Heidegger formulierte, die einen irreparablen Bruch, die Selbsttötung mit sich bringt. Wir haben zu verschiedenen Zeiten sechs Familienmitglieder mütterlicherseits verloren, die sich selbst getötet haben. Ich hatte große Schwierigkeiten zu begreifen, weshalb einige meiner Onkel und Cousins das getan haben. Sie schienen doch wie all meine anderen Onkel zu sein. Sie hatten eine Familie, Freunde, eine Arbeit. Warum also haben sie das Unwiederbringliche getan?

Damals hat uns Kindern niemand aus unserem Umfeld erklärt, weshalb unsere Familie so stark von Selbsttötungen betroffen ist. Wir haben keinerlei Hilfe erhalten, um Schäden in unserer psychischen und mentalen Entwicklung zu verhindern. Würde sich eine solche Situation heute ereignen, kann ich mir vorstellen, dass in Anbetracht der Entwicklungen in der Traumapsychologie die Dinge ziemlich anders lägen.

Später dann Ende der 80er Jahre bin ich als junge Erwachsene in Montréal einer Gruppe von Humanist*innen begegnet. Sie waren in sozialen und politischen Projekten engagiert. Darüber hinaus studierten sie die Werke von Silo. So habe auch ich mich ans Studium seiner Schriften gemacht. In diesem Abschnitt meines Lebens habe ich schließlich Wege gefunden um zu verstehen, was in mir während meiner Kindheit geschehen ist.

Durch das Erlebnis der zahlreichen Selbsttötungen mir nahestehender Menschen wurde ich als Kind und Jugendliche mit dem Nichts, dem Auslöschen und der dunklen Seite des Lebens konfrontiert. Ausgehend von dieser Erfahrung wollte ich wissen, was diesen Abgrund, dieses Nichts hervorgebracht hat. Anders gesagt wollte ich verstehen, was einerseits „das Erblühen des Lebens“ und andererseits „die Auslöschung des Lebens“ ausmacht.

Im Grunde genommen wurde mir damals im Verlauf meines kurzen Lebens bewusst, dass der Frust, die Wut und meine kleinen Racheakte, vor allem aber meine Fehlschläge in mir begraben blieben und in meiner Seele ein Netz des Leidens webten.

Eine Chance für mich war, dass die wichtigsten Themen, mit denen sich die Humanist*innen befassten, eben genau der Sinn, die Sinnlosigkeit und die Entwicklung des Bewusstseins und des Lebens an sich waren.

„Der Begriff »Abgrund« wurde wegen seiner psychologischen Auswirkungen gewählt, da er eine Art Schwindelgefühl erzeugt, verbunden mit einer widersprüchlichen Empfindung von Anziehung und Abstoßung. Nämlich diese Anziehungskraft des Nichts, die im Selbstmord oder im Rausch zerstörerischer Wut den Sieg davonträgt und die dem Nihilismus eines Individuums, einer Gruppe oder einer Zivilisation Antrieb gibt. Hier wird weder die Beklemmung wie im Falle von Kierkegaard – im Sinne einer passiven Auflösung des Sinnes – noch der Ekel wie bei Sartre – als Scheidepunkt einer Wahl – behandelt, sondern der Schwindel und die Anziehung des Nichts als eine zur Zerstörung führende Tätigkeit. Als eine Art Motor persönlicher und gesellschaftlicher Ereignisse, die mit dem Leben um die Überlegenheit und die Macht wettstreiten.“ (Silo Spricht, S. 81)

Ich habe entdeckt, dass das Leiden praktisch in der Seele eines jeden Menschen verankert ist. Das Überwinden dieses Leidens ist in dem Maße möglich, wie man sein Leben nach Handlungen ausrichtet, die sich nicht widersprechen. Folglich müssen diese Handlungen die persönliche Ebene überwinden, d.h. Handlungen, die man vorranging für sich selbst tut. Die sich nicht widersprechenden Handlungen müssen sich in positiver Weise auf andere beziehen. Silo beschreibt diese Handlungen als valide, als Handlungen, die das menschliche Leben und dessen Geist fördern, während die widersprüchlichen Handlungen Leben und Geist zersetzen.

Wie können wir nun unsere Handlungen in die richtige Richtung steuern? Silo schlägt hier Prinzipien vor, die in etwa einem Verhaltenscodex entsprechen. Handlungen also, die nicht als moralische Bedienungsanleitungen gesehen werden, sondern als Kraftfelder, die je nach Lage des Handelnden eine Aktion oder eine Reaktion hervorrufen.

Während ich diese Prinzipien studierte versuchte ich, sie in meinen Alltag zu integrieren. Jedoch traf ich auf erheblichen Widerstand. Ich erkannte, dass das Leben in einer Gesellschaft, die auf einen chronischen Individualismus setzt und somit den Egoismus fördert, sehr schwierig war. Ich bin eine Konsumentin – also muss ich Dinge und Beziehungen verschlingen.

Daher habe ich große Widerstände gespürt, die Prinzipien in mein Verhalten zu integrieren, denn seit meiner Kindheit habe ich mir vielmehr „die Handlung für mich“ angewöhnt, d.h. mit Blick auf eine mögliche Rückwirkung meiner Handlung agiert. Diese Art jedoch, unser Leben zu gestalten, führt uns in eine kollektive Neurose und der Nihilismus nimmt viel zu oft unser Herz ein.

Im Grunde genommen agieren heute nur sehr wenige Menschen jenseits der Erwartung einer sofortigen Gegenleistung auf ihre Handlungen. Dementsprechend setzt genau hier die gültige Handlung an. Eine Handlung jenseits des Individuums und der Erwartung einer Gegenleistung.

Vielleicht bringt uns die COVID-19 Pandemie dazu, unsere Handlungen zu überdenken. Menschen schaffen Inhalte, die nicht ichbezogen sind, sondern sich auf die hin Welt orientieren, ohne Reaktion auf herkömmliche Stimuli.

Persönlich habe ich entdeckt, dass es einen großen Unterschied zwischen den Handlungen gab, die ich gegen Bezahlung tun musste und den anderen, die meine innere Welt verlassen haben, um sich der äußeren Welt zuzuwenden.

Ich glaube, dass ich in meinem Leben einige Handlungen unternommen habe, die gültigen Handlungen nahegekommen sind. Denn in diesen Momenten spürte ich in meinem Inneren eine plötzliche Schwingung verbunden mit Freude und einer starken geistigen Ruhe. Und ich begriff, dass es genau diese Art von Handlungen ist, die mich von Gefühlen wie der Sinnlosigkeit und des in der Gesellschaft allgemein existierenden Nihilismus entfernen. Ich begriff auch, dass die Umsetzung „rettender Handlungen“ für mich und die meinen ein Weg aus dem seelischen Leid und hin zum Glauben an den Menschen darstellt.

Zum Abschluss dieses Artikels möchte ich einen Ausschnitt aus dem Buch „(Die Erde menschlich machen“ vorstellen. In diesem Abschnitt erklärt Silo bildhaft die Erfahrung der Sinnlosigkeit und der Sinnhaftigkeit sowie die Mission, die Erde menschlich zu machen.

Schmerz, Leiden und Sinn des Lebens

Hunger, Durst, Krankheit und jede Art von körperlicher Verletzung, das alles ist Schmerz. Angst, Enttäuschung, Verzweiflung und jede Art geistiger Verletzung ist Leiden. Der körperliche Schmerz wird sich in dem Maße verringern, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft weiterentwickeln. Geistiges Leiden wird sich in dem Maße verringern, wie der Glaube an das Leben wächst, das heißt: in dem Maße, wie das Leben einen Sinn gewinnt.

Falls du dich selbst als einen flüchtigen Meteoriten siehst, der seinen Glanz verlor, als er die Erde berührte, dann wirst du Schmerz und Leiden als eigentliche Natur der Dinge hinnehmen. Wenn du jedoch daran glaubst, dass du in die Welt geworfen wurdest mit der Aufgabe, sie menschlich zu machen, dann wirst du all denen dankbar sein, die dir auf diesem Wege vorangeschritten sind und dir mühsam die Stufe gebaut haben, von der aus du den Aufstieg fortsetzen kannst.

Benenner von tausend Namen, Schöpfer von Sinn, Wandler der Welt… deine Eltern und die Eltern deiner Eltern dauern in dir fort. Du bist kein herunterfallender Meteorit, sondern ein leuchtender Pfeil, der zum Himmel emporfliegt. Du bist der Sinn der Welt und wenn du deinen Sinn erhellst, erleuchtest du die Erde. Wenn du deinen Sinn verlierst, verfinstert sich die Erde und der Abgrund öffnet sich.

Ich werde dir sagen, was der Sinn deines Lebens hier ist: die Erde menschlich machen! Was bedeutet die Erde menschlich machen? Es bedeutet Schmerz und Leiden zu überwinden, immer weiter zu lernen und die Wirklichkeit, die du aufbaust, zu lieben.

Ich kann von dir nicht verlangen, noch weiter zu gehen; aber es wird dich wohl auch nicht beleidigen, wenn ich bekräftige: „Liebe die Wirklichkeit, die du aufbaust, dann kann selbst der Tod deinen Flug nicht aufhalten!“

Du wirst deine Aufgabe nicht erfüllen, wenn du nicht deine Kräfte dafür einsetzt, Schmerz und Leiden in den Menschen, die dich umgeben, zu besiegen. Und wenn es dir gelingt, dass sie ihrerseits die Aufgabe übernehmen, die Welt menschlich zu machen, dann wirst du ihre Bestimmung zu einem neuen Leben hin öffnen.

Silo, Die Erde menschlich machen, S. 26

Die Übersetzung aus dem Französischen wurde von Silvia Sander vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, International, Meinungen, Nordamerika
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