Die Nutzung einer gendergerechten Sprache fällt vielen Menschen auch heute noch schwer. Dabei ist ein Umstieg denkbar einfach und birgt das Potenzial, einen Beitrag zur Schaffung von gleichen Verhältnissen für Männer und Frauen zu leisten. Der Macht von Sprache sowie der Tatsache, dass es möglich ist, durch eine zeitgemäße Sprache bereits im Kleinen Verantwortung zu übernehmen, sollten sich mehr Menschen bewusst werden. Ein Kommentar von Constantin Huber.

Alles, was neu ist, was ungewohnt ist, was uns aus unserer liebgewordenen Komfortzone potenziell herauszuholen vermag, betrachten wir Menschen nur zu gerne mit Argwohn. Das betrifft bereits Bereiche, mit denen wir nur peripher etwas zu tun haben, ganz besonders aber alles, was wir tagtäglich nutzen. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Veränderung der Sprache immer wieder zum umstrittenen Thema wird. Da keine Sprache auf diesem Globus statisch ist, sondern stets einer gewissen Dynamik unterliegt, können wir sogar davon ausgehen, dass Menschen über sinnvolle Veränderungen und Erweiterungen der Sprache debattierten, seitdem sie miteinander kommunizierten – oder kurz: schon immer.

Gendern – was ist das?

Wenn gezielt geschlechtergerechte Formulierungen gewählt werden, wird gemeinhin vom „Gendern“ gesprochen. Geschlechtergerecht ist eine Formulierung genau dann, wenn keine angesprochene oder (vermeintlich) mitgemeinte Gruppierung außen vor bleibt. Das Ziel einer jeden geschlechtergerechten Sprache ist folglich, dass sprachlich ausgeklammerte Personen explizit mitgedacht respektive mitgeschrieben und mitgesprochen werden. Da im Deutschen das generische Maskulinum über Jahrhunderte gang und gäbe war und auch hierzulande die Existenz von biologischen Geschlechtern abseits von männlich und weiblich lange Zeit bestritten wurde, sind es fast ausschließlich Frauen sowie Trans– und Inter-Menschen, die häufig sprachbezogen unsichtbar bleiben. Ein kreativerer und bewussterer Umgang mit Sprache, sofern die Bereitschaft dafür vorhanden ist, kann jedoch dazu beitragen, dass stereotype Rollenbilder abgeschafft werden.

Gendern – mehr Vor- als Nachteile?

Die Sprache beeinflusst unser Denken: Wenn der Begriff „Professor“ hauptsächlich mit männlichen Akademiker*innen assoziiert wird und nicht mit Professor*innen, ist die Gefahr groß, dass bei dessen kontinuierlicher Nutzung im kollektiven Gedächtnis noch zu häufig verankert bleibt, dass hauptsächlich Männer Professor*innen werden und dies nicht etwa gleichberechtigt für alle Geschlechter möglich ist. Das schafft vor allem für jüngere Menschen die falschen Anreize und gilt, wie Studien zeigen, für eine ganze Reihe von Berufen. Ein großer Nutzen einer gendergerechten Sprache liegt demnach im Aufbrechen überholter Rollenbilder und der damit einhergehenden, zwar langsamen, aber stetigen Generierung von gleichen Chancen für alle Menschen.

Es gehört zur Demokratie und unserer Verfassung, alle Menschen gleich zu behandeln. Einzig die gendergerechte Sprache drückt diese Wertschätzung aus. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass viele der Agitator*innen gegen das Gendern maßgeblich aus der rechten und antidemokratischen Ecke stammen. Diese – und sei es auch ungewollt – ohne gute Argumente in ihren Anliegen zu unterstützen, ist ein gefährliches Unterfangen. Dabei dürfte es schwer sein, gegen die erdrückende Beweislast von Studien zu argumentieren, die aufzeigen, dass eine gegenderte Sprache unter anderem zu einer veränderten Wahrnehmung führt: dass zum Beispiel häufiger Frauen auch tatsächlich mitgedacht werden.

Machtverhältnisse, die es in unserer Gesellschaft gibt, spiegeln sich auch in unserer Sprache wider. Das generische Maskulinum, welches übrigens auch eine Form des Genderns ist, nur eben jene, die die meisten von uns von klein auf kennen, wird uns gerne als neutral verkauft, obwohl dadurch unsere Sprache eindeutig männlich geprägt wird. Nicht nur die Realität schafft Sprache, sondern Sprache schafft mitunter auch Realität. Mit ihr kommunizieren, manipulieren, verletzten, propagieren und unterdrücken wir. Eine diskriminierende Sprache trägt zur Schaffung und Festigung von Strukturen bei, in denen es benachteiligte Gruppen schwerer haben als unbedingt notwendig. Eine diskriminierungsfreie Sprache muss daher stets als Ideal angestrebt und immer wieder neu reflektiert werden, um sich veränderten Realitäten, zum Beispiel durch den gesellschaftlichen Wandel, anzupassen.

Die gerne angeführten Nachteile, wonach der Lesefluss für eine*n ungeübte*n Leser*in verloren gehe, eine optisch weniger ansprechende Stilistik verwendet werde oder eine kontraproduktive Betonung des Geschlechts stattfinde, überwiegen gegenüber den Vorteilen nicht. Wer häufiger gegenderte Texte liest oder damit gar aufwächst, ist darin genauso schnell wie beim Lesen ungegenderter Texte. Und Ästhetik ist immer höchst subjektiv und kann auch stets gegen andere Aspekte abgewogen werden. Dass die Relevanz der Geschlechter durch eine gedankliche und sprachliche Anpassung explizit hervorgehoben wird, ist das erklärte Ziel der gendergerechten Sprache und kann daher kaum als Argument dagegen geltend gemacht werden. Erst, wenn Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern erreicht ist, kann dies als ein valides Argument für eine sodann auftretende Überflüssigkeit herhalten.

Zumal: Beinahe jeder Mensch kann die folgenden beiden Abschnitte lesen, eine Abgewöhnung der geschlechterungerechten Sprache soll aber zu viel verlangt sein? Eine solche Haltung kann nicht ernst genommen werden.

Ehct ksras! Gmäeß eneir Sutide eneir Uvinisterät, ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wort snid, das ezniige, was wcthiig ist, ist, dsas der estre und der leztte Bstabchue an der ritihcegn Pstoiin snid. Der Rset knan ein ttoaelr Bsinöldn sein, tedztorm knan man ihn onhe Pemoblre lseen. Das ist so, wiel wir nicht jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snderon das Wort als Gzeans enkreenn. Ehct ksras! Das ghet wicklirh!

D1353 M1TT31LUNG Z31GT D1R, ZU W3LCH3N GRO554RT1G3N L315TUNG3N UN53R G3H1RN F43H1G 15T! 4M 4NF4NG W4R 35 51CH3R NOCH 5CHW3R, D45 ZU L353N, 483R M1TTL3W31L3 K4NN5T DU D45 W4HR5CH31NL1ICH 5CHON G4NZ GUT L353N, OHN3 D455 35 D1CH W1RKL1CH 4N5TR3NGT. D45 L315T3T D31N G3H1RN M1T 531N3R 3NORM3N L3RNF43HIGKEIT. 8331NDRUCK3ND, OD3R?

Gendern – ein Ausblick

Nein, das Gendern wird sicherlich nicht alle gravierenden Probleme lösen, die etwa aus der noch nicht erreichten Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie Trans*- und Inter*-Menschen resultieren, aber es vermag zumindest einen kleinen Teil dazu beizutragen. Egal, ob nun Binnen-I, Genderstern, Geschlechtsneutralisierung, Unterstrich, Doppelpunkt oder Schrägstrich: wer eine Form der geschlechtergerechten Sprache nutzt, zeigt, dass er*sie sich Gedanken darüber gemacht hat, wie auch im Alltag allen unnötigen Formen der Diskriminierung Paroli geboten werden kann, damit sich weniger häufig patriarchale Strukturen weiter verfestigen und die bestehenden weiter aufgebrochen werden können. Diese Form der Sensibilisierung ist avantgardistisch und progressiv. Sich dieser in den Weg zu stellen, unterstützt im Endeffekt nur alle Träger*innen reaktionärer Weltbilder.

 

Der Originalartikel kann hier besucht werden