Erinnerungen an den Aufstand der «Kulturleichen» Züri brännt!

14.08.2020 - Untergrund-Blättle

Erinnerungen an den Aufstand der «Kulturleichen» Züri brännt!
(Bild von Screenshot aus dem Video Opernhaus-Krawall./ AV-Productions NIGG (CC BY-SA 4.0 cropped))

Mai 1980: Der Kampf um ein autonomes Jugendzentrum in Zürich wird zum Ausgangspunkt für eine Jugendbewegung, die bald auf andere Städte Europas übergreift.

Zürich, das war der Beginn eines Jahres der „Jugendunruhen“. Getragen von dem Wunsch, gegen den Beton und die Sterilität der herrschenden Verhältnisse aufzubegehren, solten eigene Lebensformen und -räume erkämpft werden.

„Die Schlaffis kommen“ titelte der Stern vor vierzig Jahren, und meinte: „Diese Jugend geht nicht auf die Barrikaden“. Eine Zeile, die kurz darauf von den realen Ereignissen ad absurdum geführt wurde. Ein Teil der vermeintlichen Schlaffi-Generation ging für billigen Wohnraum und autonome Jugendzentren auf die Strasse – und auch auf die Barrikade. Eine rasch steigende Zahl von Hausbesetzungen in vielen europäischen Städten beunruhigte die damalige aktive Politikergeneration.

Und was wurde bereits vor vierzig Jahren empfohlen? Der Dialog mit der Jugend! Der wurde dann in eher unruhigen Zeiten nicht nur im persönlichen Gespräch, sondern – zeitgemäss? – mal auf Distanz, mal hautnah geführt: mit Wasserwerfern und Polizei-Schlagstöcken auf der einen, mit Steinen und verbarrikadierten Häusern auf der anderen Seite.

Selbst in der „ruhigen Schweiz“ nahmen sich Jugendliche den von konservativen Politikern und „Geschäftsleuten“ auf ganz eigene Art praktizierten Ex-Sponti-Satz „legal, illegal, scheissegal“ zu Herzen und wollten „ein Stück vom Kuchen“, sprich vom „gesellschaftlichen Reichtum“. Das war dann allerdings ein Wunsch, der, so wie er vorgetragen und mit welchen Zielen er versehen wurde, auf wenig Gegenliebe stiess.Das Beispiel des Autonomen Jugend-Zentrums (AJZ) in Zürich verdeutlicht dies und soll hier stellvertretend für eine Geschichte stehen, die zwar Schweizer Besonderheiten, aber durchaus zahlreiche verallgemeinerbare Merkmale aufweist – beim „Dialog mit der Jugend“ in Hamburg, Berlin, Göttingen, Frankfurt a.M., Freiburg und anderen Städten; zu Zeiten, als in bürgerlichen Medien Schlagzeilen wie „Unruhen erschüttern Berlin“, die Funktionäre der „grossen Politik“ aufschreckten.Zürich war bis Anfang 1980 ein scheinbar ruhiges Pflaster: Wirtschaftsmetropole der Schweiz, Bankenstadt. Im Mai 1980 demonstrierten Jugendliche dagegen, dass 60 Millionen Franken für die Renovierung des traditionellen Züricher Opernhauses ausgegeben werden sollten. Eine Gruppe „Kulturleichen“ zeigten den smoking- und pelzmantelgeschmückten Opernhausbesuchern, was sie davon hielten, dass die sogenannte Hochkultur mit Millionen subventioniert wird, während sie mit ihrer eigenen Kultur sprichwörtlich nur auf der Strasse standen. Die Polizei trat auf den Plan und es gab die grössten Krawallen, die Zürich je gesehen hatte. Auch in den folgenden Nächten kam es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei.

(Be-)Mühungen im Dialog

Der offiziellen Sicht der Dinge – Jugendliche randalierten und warfen Schaufensterscheiben ein – hielt damals der Videoladen Zürich mit dem Film „Züri brännt“ durch eigene Betrachtungen zu den Ereignissen etwas entgegen: „Modern, viereckig, grau und in Ordnung sind die von plastifizierten Hollywoodmonstern belebten Kinderspielplätze. In Ordnung ist überhaupt alles, was glatt, kahl und sauber ist. (…) Andächtige Monotonie von Beamtenschritten in den öden Gängen der Registraturbehörden, riesige planierte Flächen vor den Einkaufszentren, so leer und wunschlos wie die Köpfe der Familienväter am Sonntag.

Doch unten, wo der Verputz zu bröckeln beginnt, wo verschämte Rinnsale Kleenex-sauberer Menschenärsche zu stinkenden Kloaken zusammenfliessen, da leben sie (…), wild wuchernd und fröhlich, schon lange. Sie sprechen eine neue Sprache, und wenn diese Sprache durchbricht, ans Tageslicht stösst, wird Gesagt nicht mehr Getan sein, schwarz auf weiss wird nicht mehr klipp und klar sein. Alt und Neu wird ein Ding sein. Krüppel, Schwule, Säufer, Junkies, Spaghettifresser, Vagabunden, Knackies, Frauen und alle Traumtänzer werden zusammenströmen zur Verbrennung der Väter.“

Zur „neuen“ Sprache gesellten sich schnell einige politische Forderungen. Denn kurz darauf, am 21. Juni 1980, kam es in Zürich zwar nicht „zur Verbrennung der Väter“, aber trotz Demonstrationsverbots gingen rund 6.000 Jugendliche auf die Strasse und verlangten die Freilassung der in den Wochen zuvor Inhaftierten. Ausserdem forderten sie ein Autonomes Jugendzentrum. Die Polizei zog sich zurück und der populäre Slogan „Ohne Polizei kein Krawall“ wurde zumindest an diesem Tag Wirklichkeit. Ebenso die Forderung nach einem selbstverwalteten Zentrum. Am 28. Juni wurde in einem leer stehenden Haus das Autonome Jugendzentrum eröffnet.

Langsam und für Aussenstehende kaum spürbar gelang es, die hoffnungsvolle Selbsteinschätzung von damals, politische Strukturen im AJZ aufzubauen und den Begriff „Autonomie“ behutsam, aber mühselig aus seiner abstrakten Hülle zu schälen. Die Reaktionen von Presse und etablierten Parteien liessen nicht lange auf sich warten – der Spott auch nicht.

„Kulturleichen“ feiern Opernball

„Es ist ein erhebendes Gefühl, für den Staat, diese verrostete, prähistorische Additionsmaschine, eine Gefahr zu sein. Die wildesten, die romantischsten Träume sind plötzlich gar nicht mehr so irreal. Das AJZ als Insel der Gesetzlosen inmitten einer langsam verrottenden Grossstadtleiche. Wir, eine Horde verwegener Wegelagerer. (…) Und über unseren Köpfen baumelt bedrohlich der Stadtrat an einem immer dünner werdenden Faden. Irgendwann werden diese Herren einen Grund finden müssen, um das AJZ zu schliessen …“

Eine erstaunlich präzise Beschreibung der weiteren Entwicklung: Im Juli 1980 fanden zwei Live-Sendungen im Schweizer Fernsehen zum Thema AJZ und „Jugendunruhen“ statt: Bei der ersten Sendung bliesen die eingeladenen Jugendlichen den Politikern Seifenblasen entgegen. Als die mit Seifenblasendöschen bewaffneten, maskierten und bemalten Jugendlichen nicht zur Räson gebracht werden konnten, brach der genervte Diskussionsleiter die Sendung vorzeitig ab.

Bei einer zweiten Sendung zogen zwei Jugendliche, Deckname „Müller“, in der Diskussion konsequent einen satirischen Ansatz durch, indem sie die Gesinnung vieler AJZ-Gegner selbst auf die Spitze trieben: Sie forderten in ernstem Ton, man müsse die Bewegung viel härter anpacken: Nicht nur der Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen sei geboten – deren Verwendung einige Züricher Jugendliche später das Augenlicht kostete – sondern es müsse „scharf“ geschossen werden.

Die Jugendlichen müssten an die Wand gestellt werden, so Herr Müller mit verzerrter Miene (einigen Fernsehzuschauern einen Spiegel vorhaltend). Lange nahmen die anderen Eingeladenen – Stadträte, Parteienvertreter und hochrangige Polizeibeamte – sichtlich irritiert das Gesagte ernst. Erst am Ende der Sendung ging einigen auf, dass sie Statisten eines ,unsichtbaren Theaters` geworden waren. Im Tumult und im „Alle ab nach Moskau“ bzw. „Ich sage nur: Moskau“ von Herrn und Frau Müller ging auch diese Sendung vorzeitig zu Ende.

Die Presse schäumte, der richtige Name von „Frau Müller“ wurde veröffentlicht und in der Folge erhielt sie wüste Beschimpfungen und Todesdrohungen. Nach der Sendung mit den „Müllers“ gab es dann keine Schweizer Live-Sendungen mit VertreterInnen der Jugendbewegung mehr. Der Versuch, „ins Gespräch“ zu kommen, verlief – nach Ansicht der offiziellen Stellen – zu unerfreulich: Der Dialog mit der Jugend wurde fortan lieber mit Wasserwerfern, Tränengas und Gummigeschossen geführt. So endete z.B. eine in den Tagen darauf stattfindende Demonstration mit einem brachialen Einsatz der Polizei. Was folgte, war eine zehn Stunden (!) dauernde Strassenschlacht – das Vorspiel zum Ende des AJZ.

Am 4. September war es dann so weit: Das AJZ wurde geschlossen. Am Ende blieb nur noch – „Züri brännt“ – zu resümieren: „Was alle bereits mit Schrecken erwartet haben, ist eingetroffen: Ein paar windige Vorwände genügen, um die Schliessung des AJZ zu rechtfertigen. Niemand wundert sich. Noch einmal flackern die letzten Restchen Energie auf, die Bahnhofstrasse liegt in Scherben, und die Bewegung liegt in den letzten Zügen. Ein langer, arschkalter Winter steht vor der Tür.

Bruch und Neuanfang

Doch es geht weiter. Zwar wird der grosse Ausverkauf einer Idee beginnen, keine Buchmesse, kein Filmfestival wird an der Bewegung 80 vorbeikommen, die Medien werden alles unternehmen, unsere Unzufriedenheit zu erklären, zu schlucken und zu neutralisieren. Doch draussen, in den nasskalten Strassen, werden immer wieder kleinere und grössere Gruppen Zeichen ihrer Existenz setzen, Zeichen, die unmissverständlich an die Sprache eines heissen Sommers erinnern.“

Die „Verbrennung der Väter“ endete den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen entsprechend: Am 12. Dezember 1980 verbrannte sich an der Züricher Prachtstrasse Bellevue die ehemalige AJZ-Bewohnerin Silvia Zimmermann. Nach ihr versuchten noch zwei Jugendliche sich auf offener Strasse umzubringen, sie konnten aber gerettet werden. Die AJZ-Schliessung wurde später von Stadträten als „Fehler“ bezeichnet.

Noch über ein Jahr gab es in Zürich heftige Krawalle. Auch in anderen europäischen Städten war lange von den „Jugendunruhen“ die Rede, was in „Züri brännt“ auf der „Habenseite“ verbucht wurde. Zwar würde von staatlichen Stellen alles versucht, die Rebellierenden hinter Gitter verschwinden zu lassen, doch eines sei nicht mehr zu verhindern: Die Stadt sei mit „zähen Fäden“ durchzogen, „Wir haben gelernt, wir haben uns kennen gelernt: Zürich, Lausanne, Basel, Bern, Amsterdam, Bremen, Hamburg, Stuttgart, Freiburg im Breisgau, Berlin …“ ein im doppelten Wortsinn neuer Tanz hatte sich Bahn gebrochen: „Der wühlende Stachel des Punk, Wände erzittern, Nachbarn werden aus den Betten vibriert, wilde Feste werden gefeiert und dem durchschnittlichen Strassenbahnbenutzer zieht es das Arschloch zusammen und sein Gesicht erstarrt zur säuerlichen Grimasse, wenn der erste gemeine Gitarrenriff dröhnt. Das ist sie, die Ouvertüre zu einer neuen Oper. Der Tanz der Kulturleichen“.

Tatsächlich war der „Ausbruch“ dieses Teils der „Schlaffi-Generation“ nicht nur auf einzelne Städte beschränkt und er hatte gesellschaftliche Auswirkungen. Es entstand eine unübersichtliche Sub-Kultur. Ein kollektives Lebensgefühl machte sich breit. Als Bruch mit den herrschenden Verhältnissen und mit der „68er Kultur“: weniger ein Tanz um die Macht, (Ton Steine Scherben lieferten das passende Lied dazu: Keine Macht für niemand), eher einer um konkrete (Lebens-)Räume. Und um neue Ausdrucksformen.

Tatsächlich stand danach für einen nicht unerheblichen Teil der Jugendlichen, der sich hier im Tanz der Kulturleichen wiederfinden konnten, nicht nur in Zürich für viele Jahre stets aufs Neue nur der beschriebene „arschkalter Winter“ bevor. Der Welle an Hausbesetzungen und Demonstrationen folgten brutale Räumungen, Zerschlagungen von Demos – ein generell etwas auf Distanz geführter Dialog mit der Jugend. Mit durchaus ungewollten Kuriositäten: Bei einem Einsatz der Züricher Polizei im Dezember 1980 wurden nicht nur viele Jugendliche durch Gummigeschosse verletzt. Der Einsatz von Wasserwerfern führte auch zu vereisten Strassen, die Verkehrsunfälle und zahlreiche Stürze ,Unbeteiligter` zur Folge hatten. Wahrhaft „eisige Verhältnisse“.

Immerhin: Einen Sommer lang hatte sogar die „saubere Schweiz“ ihren Rajz.

Ein anderer, grösserer Teil einer ehemals rebellischen Jugend ist inzwischen allerdings „angekommen“ – bildlich gesprochen: in Vorstandsetagen und auf gut gepolsterten Sesseln.

Wie hiess es dazu so schön in den Analysen der 68er: Die normative Kraft des Faktischen. Und die, so sagt es die Theorie und so zeigt es die Praxis, ist nun mal prägend, solange emanzipatorische Politik, solange Visionen, Utopien, Wünsche nach grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen im öffentlichen (herrschenden) Diskurs nur als Traumtänzerei abgehandelt werden können – und z.B. der Blick auf Aktienkurse vermeintlich das Glück verheissen kann.

Thomas Klein
analyse & kritik nr. 437

Kategorien: Jugend, Kultur und Medien, Politik
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