Indigene Frauen installieren Solaranlagen in ihren Dörfern

03.07.2020 - Lateinamerika Nachrichten

Indigene Frauen installieren Solaranlagen in ihren Dörfern
(Bild von Nachrichtenpool Lateinamerika)

In Jahr 2016 reiste eine Gruppe von Frauen aus der Wüste Soronas nach Indien, um in einer anderen, weit entfernten Wüste zu studieren und sich im Bereich Solarenergie ausbilden zu lassen. Gemeinsam verließen sie ihre Heimatdörfer El Desemboque de los Seris und Punta Chueca in der Provinz Comcáac im Nordwesten Mexikos, verabschiedeten sich für ein halbes Jahr von ihren Familien und befassten sich mit der Entwicklung eines Projekts, das der gesamten Gemeinde zugutekommen sollte. Nach weiteren vier Jahren Arbeit ist es ihnen nun gelungen, ihren gemeinsamen Traum zu verwirklichen: endlich Wasser und Licht in ihren Dörfern.

Im Juni 2020 installierten Verónica Molina, Cecilia Moreno und die Schwestern Francisca und Guillermina mit Unterstützung zahlreicher Helfer*innen 46 Solarpanels mit einer Leistung von jeweils 375 Watt, um die Trinkwasserversorgung von El Desemboque durch Solarenergie zu betreiben – ein historischer Erfolg für die mexikanische Gemeinde.

Die „Solar Mamas“

Zuvor wurde das Trinkwassersystem ausschließlich durch das nationale Stromnetz versorgt, doch die Preise waren nahezu unbezahlbar für die Gemeinde: Die Stromrechnungen häuften sich, und die Einwohner*innen hatten oft für lange Zeit kein Wasser in ihren Häusern. „Mit der Wasserversorgung hatten wir am meisten zu kämpfen, wegen den hohen Energiekosten“, berichtet die 46-jährige Verónica über WhatsApp. „Selbst während den Regenzeiten hatten wir kein Wasser, weil der Strom abgestellt wurde. Manchmal war die Wasserversorgung im Dorf ein halbes Jahr lang unterbrochen.“

Ihre Verbindung zum „Barfoot College“ in Rajastán in Indien entstand, nachdem die Frauen an einer Workshopreihe zum Thema Klimawandel teilgenommen hatten, die von der Nationalen Kommission für Naturschutzgebiete (Conanp) in der Region Comcáac zwischen 2015 und 2016 angeboten wurde. Anschließend wurden die Frauen von anderen Mitgliedern ihres Stammes vorgeschlagen, um im Auftrag der Gemeinde in Ausland zu reisen. So fuhren die vier, unterstützt durch Vollstipendien, im September 2016 nach Indien und kehrten im März des folgenden Jahres zurück – als „Solar Mamas“, wie die Absolventinnen des Programms genannt werden, das Frauen aus gefährdeten Gemeinden auf der ganzen Welt ausbildet.

„Cecy und ich haben uns aus El Desemboque auf den Weg gemacht mit der Idee, ein Projekt für den Brunnen unsere Gemeinde zu entwickeln“, erklärt Vero, „Und jetzt installieren wir die Solarplatten. Unterstützt wurden wir von einer großartigen Freundin aus Nordamerika, Laura Monti. Sie hat für uns die finanziellen Mitteln organisiert.“ Laura Monti, Leiterin der NGO „Borderlands Restoration Networks“, arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Menschen aus der Region Comcáac zusammen. Der Kontakt zur Honnold-Stiftung, einer Organisation, die sich ebenfalls für Umweltschutz einsetzt und einen Großteil der Gelder für die Solarpanels bereitstellte, erfolgte durch ihre Vermittlung. Zuvor hatte bereits das Nationale Institut für Indigene Völker (INPI) Kontakt zu der Gemeinde aufgenommen und mit rund 253.000 Pesos etwa 30% der Finanzierung für das Projekt übernommen.

„Uns war bewusst, dass die mangelnde Wasserversorgung im Dorf die Ursache vieler weiterer Probleme und Krankheiten war“, erläutert Laura am Telefon. „Die vier Frauen haben eine Führungsrolle in ihrer Gemeinde übernommen. Sie sind sehr engagiert und motiviert. Sie sind bis nach Indien gereist und haben viel Arbeit in ihre Ausbildung gesteckt. Zurückgekehrt sind sie mit dem Plan, Solarplatten auf den Häusern anzubringen und Lampen zu installieren. Als klar war, dass die Finanzierung für das Projekt steht, haben sie sich riesig gefreut, weil dies für die gesamte Gemeinde von Nutzen sein würde.“

Solarenergie für alle

Doch das Projekt ist noch nicht beendet. Die Installierung der Solarplatten für den Brunnen in El Desemboque war nur der erste Schritt. In der zweiten Phase, die in etwa in zwei Wochen beginnt, werden 30 Häuser der Gemeinde mit Strom versorgt und Gärten zur Selbstversorgung angelegt. Für die dritte Phase ist geplant, auch die Häuser des Dorfs Punta Chueca mit Energie zu versorgen. So können die hohen Stromkosten, die der staatliche Stromanbieter (CFE) monatlich in Rechnung stellt, in Zukunft reduziert werden.

„Auch wenn die 30 Häuser hier im Ort an das Stromnetz von CFE angeschlossen bleiben, reduzieren sich die hohen Stromkosten durch die Solarplatten  in jedem Fall“, erklärt Vero Molina. „Einige Familien können die Stromrechnungen nicht bezahlen, da sie kein regelmäßiges Einkommen haben, und in manchen Familien hat niemand Arbeit. Gerade die Witwen und alleinstehenden Frauen erhalten überhaupt keine Unterstützung- für sie ist es besonders schwierig.“ Gerade alleinstehenden Frauen sollten daher als erste Solarpanele bekommen und dadurch Unterstützung für ihre Familien erhalten. „Sie sind verantwortungsbewusst und gehen gut mit dem Solarsystem um, das wir ihnen zur Verfügung stellen. Sie haben die Hilfe am dringendsten nötig, daher haben wir so entschieden“, erläutert Vero.

Die Schwestern Barnett

Die Idee des Projekts stammt von Guillermina und Francisca Barnett Díaz aus Punta Chueca. Sie wollten ihre Gemeinde mit Solarenergie versorgen und so die Probleme der Familien verringern. Bevor sie ihren Traum verwirklicht sehen konnte, starb Francisca am 3. Juni im Alter von 49 Jahren an den Folgen ihrer Krebserkrankung, kurz bevor die Installation der Solarplatten für den Brunnen der Gemeinde fertiggestellt wurde. Der Dokumentarfilm „Flip the switch“ des Barefoot College zeigt die Erfahrungen der Frauen während ihrer Ausbildung in Indien und begleitet sie bei ihrer Rückkehr in ihren Heimatort ‑ mit reichlich Wissen im Gepäck. „Wir hatten keine Ahnung, wie man eine Lampe anschließt, aber Stück für Stück haben wir es gelernt“, erklärt Francisca in der Dokumentation, während sie am Esszimmertisch ihres Hauses sitzt und die Solarlampe zeigt, die sie während der Ausbildung zusammengebaut hat. „Wir verstanden ja nicht mal die Sprache, das hat die Ausbildung sehr erschwert. Am anstrengendsten war es für mich, so weit weg von meiner Familie zu sein. Aber jetzt bin ich sehr stolz, eine „Solar Mama“ zu sein.“ Für Guillermina war der Verlust ihrer Schwester sehr schmerzhaft. Deshalb war es ihr lieber, ihre 51-jährige Freundin Cecy über Francisca erzählen zu lassen: „Der Tod von Francisca hat uns alle schwer getroffen. Sie hat sich so sehr gewünscht, dass sich endlich etwas in Punta Chueca verbessert. Es macht mich traurig, dass sie nicht mehr erleben konnte, wie sich durch die Solaranlage ihr Traum erfüllt.“

Cecy und Vero arbeiten sich gerade in die Fernüberwachung des Solarsystems für die Trinkwasserversorgung in El Desemboque ein. Gemeinsam mit den Ingenieuren Santiago Aguirre und seinem Sohn Santiago Aguirre Jr. vom Unternehmens Solarex haben sie die Solarplatten sieben Kilometer von dem Dorf entfernt errichtet und können nun mithilfe ihrer Handys den Betrieb aus der Ferne kontrollieren. „Zusammen mit dem Ingenieur und seinen Assistenten haben wir überprüft, ob alle Solarplatten miteinander verbunden sind. Dieses System ist komplexer als das, was wir in unserer Gemeinde haben“, erklärte die Solaringenieurin. „Es war sehr heiß. Wir haben zwei Tage lang gecheckt, ob alles läuft, und am dritten Tag sind wir dann zur Beerdigung unserer Freundin Francisca in Punta Chueca gegangen. Es macht mich glücklich und traurig zugleich, das Solarsystem für den Brunnen zu sehen, weil es mich an unsere Freundin erinnert. Ich wünschte, sie wäre mit uns und könnte sehen, dass es sich gelohnt hat, so weit weg von zuhause in einem fernen Land zu studieren. Francisca war immer fröhlich und positiv, sie brachte uns mit ihren Witzen zum Lachen und war als Mutter immer für ihre Kinder da. Sie war so gespannt auf die Fortschritte des Projekts.“

Die beiden Frauen aus El Desemboque sahen sich auch mit Diskriminierung und negativen Kommentaren konfrontiert, weil sie Frauen sind und sich für einen positiven Wandel einsetzen. Nicht alle glaubten an das Projekt, bis sie sahen, wie es Realität wurde. „Manche Leute haben uns unterschätzt“, berichtet Vero, „aber uns ist wichtig, dass wir anderen Frauen, die ebenfalls Interesse an dem Projekt haben, etwas beibringen können. Wir wollen unser Wissen mit anderen Frauen teilen!“ Ihr großer Traum sei, eines Tages eine eigene Werkstatt für Solaranlagen mit integrierter Schule zu haben.

Wie funktioniert der Brunnen?

Wie Ingenieur Santiago Aguirre erklärt, ist die Wasserversorgung trotzdem weiter auch an das Stromnetz von CFE angeschlossen, um sicherzustellen, dass die Pumpe kontinuierlich arbeitet, auch an bewölkten Tagen. Tatsächlich wäre es viel komplizierter, stattdessen eine Batterie von häufig kurzer Lebensdauer zu installieren. „Die Energie, die die Pumpe nachts und in den frühen Morgenstunden verbraucht, wird durch die am Tag generierte Energie gedeckt, sodass die Rechnung am Ende null ist“, erläutert der Experte. Insgesamt wurden etwa 18.000 Dollar in das System investiert, das die Pumpe mit einer Leistung von 17,25 Kilowattstunden für 18 Stunden am Tag betreibt. Allerdings fehlten weitere 70.000 Dollar, um alle Häuser und Gärten anzuschließen. „Wir befinden uns in einer Weltregion mit hoher Sonneneinstrahlung. Der Brunnen ist sieben Kilometer vom Dorf entfernt, und aufgrund der Sicherheitsmaßnahmen gegen COVID-19 haben wir die Gemeinde nicht betreten. Dies ist ein wichtiges Anliegen der Organisation und der Stiftung: die Menschen nicht in Gefahr zu bringen. Daher haben wir den Sicherheitsabstand zu dem Volk der Seris respektiert, und die Seris haben das gegenüber uns auch getan. Der Gouverneur Saúl Molina hat uns ausschließlich eine Genehmigung für die Arbeit im Bereich des Brunnens erteilt.“

Nach Einschätzung des  Gouverneurs bedeutet das Projekt eine Erleichterung bezüglich der hohen Energiekosten und entlastet die Wirtschaft der Gemeinde, die während der Schonzeit für die Fischbestände ohne Arbeit zurechtkommen muss. Während dieser Zeit haben die Fischer keinerlei Einkommen, während gerade im Hochsommer dringend Wasser und Energie benötigt werden. „Jeden Monat zahlten wir für den Strom zwischen 7.000 und 8.000 Pesos. Das summierte sich bis zu 100.000 Pesos im Jahr“, rechnet Saúl Molina vor. „Die Solarpanels sind ein gutes Projekt, da wir immer noch hohe Schulden beim staatlichen Stromversorger haben. Allerdings werden wir uns um einen Schuldenerlass bemühen, denn auf unserem Gebiet stehen etwa 19 oder 20 Strommaste von CFE. Daher finden wir, dass sie eher uns etwas schulden.“

Cecy und Vero stehen unter dem Solarpanel-System und wischen sich den Schweiß von der Stirn, während sie die Kabel kontrollieren und anschließend das Überwachungssystem auf ihren Handys überprüfen. „

„Gott sei Dank haben wir nun Wasser im ganzen Dorf“, sagt Cecy. Gemeinsam mit den Ingenieuren und den Organisationen, die das Projekt unterstützen, haben sie entschieden: Die Solaranlage bekommt den Namen „Solarprojekt Francisca Barnett Díaz“.

Übersetzung: Claudia Bothe

Kategorien: Indigene Völker, Menschenrechte, Ökologie und Umwelt, Wirtschaft
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